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Kai Pohl: Manifest des Gerätekommunismus

Zeitzünder



Manifest des Gerätekommunismus


nach einem Versprecher von Hartmut Rübner

Ich sah den Götterboten auf der schiefen Bahn
den Stecker ziehen am Wasserfall;
passierte, wohl oder übel gekreidet,
die ausgehfein geleckten Tonnen vor dem Tann.



Die Automaten brabbeln,
Volkswagenkäfer krabbeln,
die Kolbenfresser übernehmen.

Das Paßwort wuchtet
den Tag auf Anfang.

Rücksichtslose Vorsichtsmaßnahme
wird zwangsumbenannt in Gerechtigkeitslücke.

Der Raum ist leer und riecht nach kaltem Arsch.

Die Hightech für Denktank und Werkbank
gerät außer Kontrolle. Außer Kontrolle
steht für Außer Kontrolle (Chain Reaction),
             Außer Kontrolle
(2004),
             Außer Kontrolle
(2006),
             Außer Kontrolle
(Fernsehserie),
             Außer Kontrolle (Eagle Eye),
             Außer Kontrolle (Unstoppable).

Panik plätschert aus den geöffneten
Klappen der Rotlichtschalter
(Zombie-Revival der Stand-by-Entscheider
im Elend der Peripherie), verbunden
mit einer vorauseilenden Entschuldigung
wg. evtl. Unverständlichkeit.

Korrupte Worte markieren eine Form der Dichtung,
die den Werbeeffekt zur Versorgungsbasis
ihrer labilen Einseiftruppe erklärt.

Korrupte Subjekte und Prädikate
befeuern die Objekte einer thesenhaften
Gesinnungsliteratur als Nachschublogistik
im transhumanen Klassenkrieg.

Der Eindruck weitet sich
von Eyeshadow Mono zu Eyeshadow Duo,
von First Touch Glue Stick zu Magic Volume;
Zwerge werden zu Riesen-
projektionen im Deep Space.

Für jede Lösung ein Problem.

Persönliche Narration und gewollt-
literarische Kreativität fließen zusammen
zu einer selbstverliebt-versoffenen
Ästhetik im regressiven Mittachtziger-Stil.

Irrlichternde Gedankenstürme
tragen den Elektrosmog, organisch
gezähmt, weiter als die prächtig
illuminierten Dampfzüge der Lüfte.

Im Halbrund des Kosmos
bricht sich der Schwall (metallisch
glänzende Schwüre, gekappt).

Windräder aus Rindsleder,
die an Zähne erinnern, an Natodrahtzäune,
hausgeschlachtet, frisch ausgeblutet
und handgesalzen, besonders
spießig und mager, mit einer dünnen
Eigenhaut, latexfrei, Navy oder Bordeaux,
wie ihn der Franzose trinkt.

Kaffeeträume aus Alpenmilch,
Bauchmassagen
durch individuell plazierbare
Klebeelektroden
zu After Work am Welttag der Poesie.

Es gibt kein Entrinnen vor dem
Unsichtbaren, das uns verfolgt

auf die Merkliste – und dafür gesorgt,
daß keine News mehr verpaßt werden!

Eskimo Nuggets serbische Art für kosmischen Halt.

Müllermilch vom dt. Jungbullen,
Bratwurstkranz mit Kartoffelfrau,
Fleischtomaten aus dem Schinken,
angereichert mit unwirksamen Mineralien,
Würfel mit Stauraum für den Flugzeugsitz,
tolle Effekte im Dunkeln mit 10.000 Perlen,
Teleskopantenne, Spielmatte, Weckalarm,
Einhorn mit Flügeln und Flüsterton,
mit 3 austauschbaren Hologrammkulissen,
3 AA-Batterien (nicht enthalten),
mit ABS-Sohle, Schlumpfspielset,
Kinderputzset, Kinderbastelset, Kinderstoppersocken,
Kinder-Mini-Mix, Kinder-Maxi-Mix mit 2 Schenkeln,
extra Höhenlachs, mittelscharf im Eimer,
Steckrübe Deutschland
oder Überrübe XXL
oder Großknäuel New York
oder »Lerne Sara (32) kennen!«
oder »Tauche ein in die Wanne der Astronomie!«
oder »Erkunde die Stadt mit einem digitalen Stift!«
oder »Schließe dich 200 Followern an!«
oder »Jetzt schnell zu Gulag-Reisen und Frühwucherbonus sichern!«

Sofortrabattaktionen der weltweiten Nr. 1!
Die emotionalen Highlights des Jahres:
Energiesparender wassergekühlter Schlauchsalat
als Kundenstopper, Lauflänge 950 Meter,
Füllung Polyesterfleece, inkl. Adapter original mild Filetierkoffer –
Sieger im Kampf gegen die Ungerechtigkeit und den Krebs!

Sind es Müllsäcke, über den Kopf gestülpt,
die zum Ersticken führen,
oder ist es die Enge der Vorstädte?


Normal verdrahtete Schneeschleicher,
ausgerechnete Zeitdiebe,
Objekte, die sich widmen;
es dräut aus ihnen heraus,
es drückt und klopft
und kühlt und hitzt,
und manchmal kitzelt es auch.

Hingucker auf dem Schreibtisch,
Bausteine zur Menschenformung,
Gewinnprognosen für Scharfmacher,
Traumformationen, Abrißbilder,
Dada-Wissenschaft und Welteislehre,
historische Keller- und Tunnelblicke,
Bildungsreisen zum nördlichsten Punkt,
an Bord das stärkste Atomeis brechen.

Die paar Runzeln glättet Rapunzel.

Alles, was technisch möglich ist,
züchtigen oder züchten.

Abhängigkeit tritt ein, täglich
vierzehntausend Jahre im Netz,
sechsunddreißigtausend Jahre fernsehen,
zweihunderttausend Jahre mobil erreichbar sein.

Man sollte den fragilen
Lebensexzessen der Gegenwart
nicht weniger Aufmerksamkeit
schenken; man darf sie
genauso herausfordern,
wie man es ansonsten
von der Poesie verlangt
und von den Dichtern erwartet.

Und es sollte eine Form
für historische Reize und
Flops geben; in welchem
Verhältnis die Lebenszeit
wofür eingesetzt wird;
also wieviel davon in
regulierende Ideen fließt
und was in der blassen
Oktobersonne verdunstet,
wenn der Ozonfilter wegfällt.

Die Lage könnte besser sein,
und sie muß sich bessern,

im Rahmen nachvollziehbarer
Schwingungen beim Zupfen
an der E-Gitarre, beim Saugen
an der E-Zigarre, am Technikmüll
auf dem Wohnzimmertisch,
ohne (sich) einzugestehen,
daß ein Großteil der Nischen
für mikroprozeßhafte Generationen
sowie – so das nicht doch etwas naiv ist –
die üblichen Oligarchien
insoweit zu vermeiden sind,
daß nicht ausschließlich die peinlichen
Begriffsverelendungen der Gedichtchirurgen
in Kompetenzzentren zusammenfließen.

Alles einmal durch den Wolf
drehen, dann nach Hause gehen.


Politisches Denken ist Pop,
gedopter Idealismus, flott
wie eine Rolf-Dieter-Brinkmann-Fassung
auf Speed und Agitprop.

Der forcierte Blick und dessen
Infragestellung,
eine angeblich gerechte
Vergeltung der Vortäuschung richtiger Tatsachen
macht es schwer zu durchschauen,
was Realität ist,
was Medienrealität ist,
was Gewalt ist,
was auslösende Gewalt,
Wirklichkeit oder Fiktion,
wahr oder falsch,
was als bloße Abbildung vermittelt existiert.

Radikale Skepsis wäre Schweigen
statt Schreiben in Widersprüchen,
eine aus der Erkenntnisnot
geborene Indifferenz
gegenüber dem Welt- und Wortmaterial,
das nur die Montage als Mittel der Aneignung zuläßt.

Schlange stehen im Licht der Kernsonne
nach waffelfähigem Erdbeereis.

Vor den Augen des Atomhirnvaters
implodiert das Avantgardekonzept.

Herrenprosa,
die um das Thema kreist,
schwallt aus den Schrottfressen
von Meinungsschmieden,
konkretisiert durch Modulationen,
Endlosschleifen der Selbstreferenz,
planvoll und konsequent
durchgeschrieben,
aber satt macht es nicht.

Der Mensch ist –
mehr als eine konstruierte Fratze,
das Produkt seiner Küchenabfälle.

Die Langeweile der Interaktion
entlarvt sich mit fiesen Pointen
und öffnet zugleich der Neugier die Adern.

Schön muß sie sein,
die loopingreine, bügelfreie Leier,
jung muß sie sein und intelligent,
und mit den Jahren soll sie für ihr Alter
immer noch verdammt gut aussehen und
bestenfalls ein wenig schlauer geworden sein.

Tolle Hobbys soll sie haben,
Mütterlichkeit als Minimalanforderung
und herzerwärmende
Weltschmerztablette in einem.


                             ***

Alle unheiligen Zeiten ist es angebracht,
über die Situation zu schwafeln
und das Publikum, die Insistierenden,
die Applaudierenden mit charmanten
Passagen, die sich in die Synapsen
einbrennen, zu besänftigen.

Sex, Migration, Wirtschaft und Tod;
atopische Maßlosigkeit
in einem Blog voller Untergangsszenerien
mit großem Schauwert und exzellenten Effekten.

Einmalhandschuhe Gleitschleim,
Hebebühnen für Kühe,
Lebenszeichen aus Aluminium, gebürstet.

Allzeit verfügbare Information,
Verquickung von Abzocke und blindem Werkeln.

Falls ein armer Irrer auf den Geschmack kommen will,
landet er in der Web-Zwei-Punkt-Null-Scheiße,
auf der Suche nach den tausend besten Freunden,
für immer und ewig Urlaub in Koma.

Schönes Land, nette Leute.

Kein Funktelefon, kein Internet,
dafür Akkuschrauber, Ätzstationen,
Beatmungsbeutel, auch Ambubeutel genannt,
Bremsenrücksteller, Chronographen, Dolmetscher-Apps,
Fanflossen, Fleischwölfe, Flotte Lotten,
Generatoren, Güde-3-in-1-Kehrmaschinen,
Heizautomaten, Hochdruckreiniger,
Massey-Ferguson-Rückezangen,
Messerwalzen, Mixer,
Montagelupen, zehnfach vergrößernd,
Schärfe einstellbar, auf verchromtem Dreifuß
für den Einsatz auf Friedhöfen,
Multimeter, Pfeilprüfer,
fünfstufige Präzisions-Widerstands-Dekaden,
Rotationslaser, Säureregulatoren, Schwerlastregale,
Taschenpolarimeter zum Evakuieren von Luft,
Wasserkocher, Zentrifugen,
Zimmerspritzen mit Hähnchenknusper-
oder LED-Glaskantenbeleuchtung.

Actionkracher,
Erdrutschsiege,
Hammerwochenenden,
Rebellenhochburgen,

Trimm-Trainer Triominos Hasbro Soaker
Countdown Moxie Magic Pocket TomTom
Traffic Pro Face IXUS USB pink/silber.

Kapuzenhose oder -BH
zum Kochen oder Schlagen,
textiles Vertrauen
aus dem mobilen Jenseits,
verbunden mit einer rückwirkenden
Entschuldigung wg. evtl. Unvollständigkeit.

Blaugrüne Applikationen
im komplett verfetteten Look.

Der 2-Ecken-Ottomane
ist ein Traum für jeden
Wohnraum (alle Modelle
in geschüttelten Farben).

Das Blaue vom Himmel verquast,
verbaut mit Rumor, Gedöns;
Schrotthaufen schippern über Land.

Drei Väter scrollen am Sandkastenrand:
Alarm, Blockade, Chaos, Entsetzen.

Äffchen driftet durch die Dünen
einer energischen Einöde,
stampft verzweifelt mit den Füßen auf,
zittert am ganzen Körper.

Essen und Trinken sind verboten,
Musik darf nicht gehört werden,
die verbale Inkontinenz fremder
Mitreisender ist klaglos zu ertragen.

Konsumjunkie mit Smartphone
auf dem Klo; wenn der Akku leer ist,
ist das Jammern groß.

Angstgefühle eskalieren,
Rauch quillt aus der Datenbank,
die Fluchttüren sind versperrt.

Eiskalte Sterne rütteln
an den epischen Breiten
des tiefergelegten Horizonts,
in dankbarem Gedenken
an alle denkbaren Gedanken.

Die Blase schwillt ab im Gewäsch von gestern.

Noch aus der Ferne blendet das Watt.


Kai Pohl: in perspektive 78/9, Graz/Berlin, 2014..

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