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Jürgen Theobaldy: Jahresring

Münchner Anthologie

Jürgen Theobaldy

Jahresring

Zuerst ist es das Weiß der Blüten,
dann ist es das Grün der Blätter,
der Gräser, des gefegten Mooses.

Schließlich steht der Ahorn in Flammen,
Reisigbesen wirbeln braune Blätter auf,
und am Ende ist es wieder das Weiß,

das stille Weiß, selteneres Weiß,
Flocke um Flocke, Blüte um Blüte.


Michael Braun


Ein Schwebezustand der Sprache


Ein paar Kirschblüten, einige grüne, braune und rote Blätter, wehende Gräser und ein wenig Moos, das den Boden bedeckt. Das genügt als Stoff für ein Gedicht: Naturmaterie, zarte Substanzen, die nicht reflektiert oder kommentiert werden, sondern einfach nur da sind, in ihrer materialen Präsenz. Die japanische Ästhetik kennt für dieses Verfahren einer „Schau ohne Kommentar“ diverse minimalistische Formen: das Haiku, das Senryu, das Tanka oder das Renshi. Der Sinn ist hier nur ein Blitz, eine scharfkantige Illumination, ein Lichtsprenkel. Diese kleinen Gedichte erschaffen mittels der reinen und absichtslosen Designation Augenblicke der Stille und der Leere, das Haiku arbeite, so behauptet etwa Roland Barthes, mit der Zeigegeste eines kleinen Kindes.

Es gibt in der deutschen Poesie immer wieder Versuche, an diese meditativen Zeigegesten anzuschließen, jene Momente der Leere zu finden, in denen eine „Befreiung vom Sinn“ (Roland Barthes)* erfolgen kann. Die Tradition der japanischen Steingärten, in denen eine leere weiße Fläche aus Kies in Korrespondenz gesetzt wird zu den darin platzierten Steinen als Energieträgern, hat schon Günter Eich fasziniert, der 1966 einen Band „Anlässe und Steingärten“ nannte. In jüngerer Zeit hat Marion Poschmann in ihrem Gedichtbuch „Geliehene Landschaften“ (Suhrkamp, 2016) Impulse der japanischen Ästhetik aufgenommen. Darin erkundete sie europäische, amerikanische und ostasiatische Formen der Gartenkultur – mit einem besonderen Interesse für die Energien, die zwischen dem lyrischen Ich und den Räumen, die es durchquert, freigesetzt werden. „Mich interessiert die Üppigkeit und zugleich die fundamentale Leere dieser Gärten“, so Poschmann in dem parallel zum Gedichtbuch erschienenen Essayband „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“ (Suhrkamp, 2016), „die Durchlässigkeit des Raums für die Dinge, die Durchlässigkeit der Dinge für den Raum.“ In den Landschaftsdarstellungen japanischer Kunst würden immer nur Ausschnitte von Naturphänomenen gezeigt, „weil Vollkommenheit nur entsteht, wenn die Leere Gewicht erhält“.
Eine konsequente poetische Realisierung dieser Einsichten in den Zusammenhang von Leere und Vollkommenheit, in die Anmut des absichtslosen Schauens und das Epiphanische der bloßen Naturerscheinung finden wir in den japanischen Gedichten Jürgen Theobaldys. 1944 in Straßburg geboren und in einer Arbeiterfamilie in Mannheim aufgewachsen, war Theobaldy einst der Repräsentant einer Lyrik der „Neuen Subjektivität“. Das Gedicht, das um 1970 im Hermetismus zu erstarren drohte, führte er in seinen ersten beiden Bänden „Blaue Flecken“ (1974) und „Zweiter Klasse“ (1976) ganz nah an die Lebenswelt der 68er-Generation heran, mitten hinein ins „Handgemenge“ und in die turbulenten Kämpfe dieser Zeit. Das Programm der Alltagslyrik – Leichtigkeit und sinnliche Direktheit – verbindet er in jüngerer Zeit mit einer Apologie klassischer Anmut im Zeichen Goethes oder eben der japanischen Poesie. Im „Jahresring“ ist nicht nur der Lauf der Jahreszeiten, sondern auch die Dialektik von Werden und Vergehen in einfachsten botanischen Phänomenen und dem Wechsel der Farben festgehalten. Das Weiß ist hier die Grundfarbe, das Weiß der Kirschblüte, des Schnees und – implizit anwesend – das Weiß des leeren Papiers, das hier mit Schriftzeichen bedeckt wird. Und das Weiß der Leere, die hier changiert und schimmert (als „stilles“ und „selteneres Weiß“ ) in verschiedenen Varianten. Das frühlingshafte Grün der Blätter und der Gräser vermag sich bei der Dominanz des Weiß kaum zu entfalten. Das rot flammende Ahornblatt verweist kurz auf den Sommer, der schnell zur Neige geht und abgelöst wird vom Herbst, in dem die gefallenen Blätter hinweggefegt werden. Am Ende ist es wieder ein fast triumphal aufstrahlendes Weiß, das die Szene dominiert, ein Weiß, in dem die Zeit der Kirschblüte und das Weiß der Schneeflocke verschmelzen. Jürgen Theobaldys japanische Gedichte sind zwischen 2012 und 2015 entstanden, seine im Mai 2016 verstorbene Frau Sanae Christen-Inoue hat zu seinem Band „Hin und wieder hin“ (Peter Engstler Verlag, Ostheim/Rhön 2015) sechs Haiku-Übersetzungen beigesteuert. Wie im Haiku ist in seinem „Jahresring“ die Beschränkung der Sprache das poetische Programm. Es geht darum, einen Schwebezustand des Sinns zu erreichen und die Herrschaft der sprachlichen Konditionierungen, die uns beherrschen, in der Erfahrung des poetischen Augenblicks auszulöschen. Jürgen Theobaldy hat in seinen „Gedichten aus Japan“ nicht das fremde Land lyrisch fotografiert, es geschieht eher das Gegenteil. Um es noch einmal mit Roland Barthes zu sagen: „Japan hat ihn mit vielfachen Blitzen erleuchtet.“


* Roland Barthes: Das Reich der Zeichen. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981. Hier S. 100 ff.

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