Direkt zum Seiteninhalt

Jürgen Nendza: Mikadogeäst

Rezensionen



Hendrik Jackson


Über Jürgen Nendzas "Mikadogeäst"



In Mikadogeäst finden wir Gedichte von Jürgen Nendza aus 20 Jahren versammelt.
Jürgen Nendza ist, so abgedroschen das auch klingen mag, ein Meister der (auf den ersten Blick) unauffälligen lyrischen Form. Ihm gelingt es, Alltägliches und Poetisch-Hintersinniges so zu verbinden, dass die Bilder leicht schweben und wie selbstverständlich erscheinen. Wenn es zum Beispiel in einem titelosen Gedicht heißt: "Der Himmel legt sein blaues Papier über dein luftiges Kleid", so kann man das durchaus als poetologische Aussage verstehen. Sanft legen sich viele seiner Gedichte über die beschriebenen Gegenstände. Anspielungen, wie hier im Zitat auf Mörike, sind wohlplatziert und beschweren den Fluss der Gedichte kaum, im Gegenteil beflügeln ihn. Das Nachwort von Jürgen Egyptien spricht in diesem Zusammenhang von der "Verschwisterung von Nendzas Dichtung mit dem Element Luft".


Das Schöne dieser Gedichte ist, dass sie zwar intuitiv verständlich sind, aber eigentlich nie banal, dass sie zwar beschreibende Passagen einschieben, aber nicht in eine Erlebnisprosa abdriften. So schlicht sie in der Form erscheinen mögen, sie sind nicht rückwärtsgewandt. In gewisser Hinsicht mag man Nendza als Vorläufer solcher Dichter wie Nico Bleutge oder sogar Ron Winkler sehen, in denen Elemente der Naturdichtung sich verselbstständigt haben und reine Sprachbewegung werden, bei Bleutge eher detailversessen-visuell, bei Winkler hintersinnig-sophisticated. Anders als bei diesen bleibt bei Nendza die Beobachtung oder situative Einbindung Ausgangs- und Rückführpunkt aller Einfälle. Schön kann man das an dem Gedicht "DER GERUCH" sehen:

Nendza verharrt einen Moment bei der Beobachtung selber ("Der Geruch von Fallobst steigt durch die Fenster"), zeichnet dann bereits Selbstbezüge, Verwinklungen ("Ein Wespenpaar tanzt in diesem Begriff"), lässt sich dabei schon mal selbst von einem unerwarteten Einfall überraschen und reflektiert dies ("Ich werde zu einem Garten, der sich nicht kennt"), kehrt aber zur Beobachtung zurück ("Das Fenster schaut mich an"), nun unter geschickt verkehrten Vorzeichen.

Dabei verwendet Nendza gern die leichte, zweizeilige Kurzstrophe, die seinen ruhig fließenden, reimlosen Gedichten den Atem gibt. Das bereits erwähnte Nachwort liefert hier eine solide Analyse seiner Gedichte und lohnt auch eine vorgängige Lektüre. Es analysiert nicht nur genau, es verbindet die Gedichte auch sehr schlüssig mit poetologischen Verweisen zu Nendza. Besonders eindrücklich wird das, wenn Egyptien den Kolibri, stellula calliope, als für Nendza vielleicht wichtigsten poetischen "Bildgeber" erkennt. Sein Zittern, seine in der zum (unendlichen) Stillstand kommenden Hyper-Bewegung aufscheinende "Unschärfe", seine "Variationen in Kalliopes Stimme" (Kalliope als Muse der Dichtkunst) werden Sinnbild der Dichtung selbst. Zumal der Kolibri immer schon auch Inbegriff der Wiederauferstehung war, gehört er doch zu den Tieren, die sich in den Torpor versetzen können. So kann er aus dieser Starre "wiederbelebt" werden, indem man ihn ans Herz drückt. So schafft es Dichtung auch, die Momente des Lebens, sein Vibrieren, Zittern, das in den Worten oft scheinbar erstarrt, festgezurrt liegt, in der Dichtung wieder zu beleben.

Die Gefahr solch anschaulicher, viel in naturbildlichen Bezügen schwelgender und für alles einen Vergleich findender Dichtung, benennt Nendza selbst: "Die Landschaft dahinter // wie unter Wasser, könnte fortschwimmen / jetzt in gefügigen Worten." Doch diese plötzlich drohende Leere oder dies Entschwinden weiß er wieder zum Ausgangspunkt seiner dichterischen Inspiration umzuformen: dieser "Viertelaugenblick einer Leere, / in der man die Unmöglichkeit des Lebens // empfindet." bildet genau jene Verzögerung, in der Dichtung sich einnisten kann.

Und dennoch: so gekonnt diese Dichtung ihre Begriffe und Bilder bis in eine sanfte Selbstbezüglichkeit entfaltet, so sehr sie ihre Grundlagen reflektiert, so geschmeidig sie ihre Beobachtungen auch in durchaus originell zusammengesetzte Metaphern (entnommen einem eher traditionellen Bilderreservoir) zu verwandeln weiß – ihr haftet manchmal etwas Privatistisches an, sie vermag dann in ihrer Träumerei, einer Art Privatikonographie, den Horizont ihres beobachtenden Ichs kaum zu übersteigen. Selbst wo mehr als Naturbeobachtung, Liebe oder innerlich gesprochene Poetologie in die Dichtung hineingeholt wird, ist es fast so, als kämen die Dinge nur en passant vor, zögen teilnahmslos am Auge vorüber, erzeugten ein kurzes, folgenloses Schuldbewusstsein, um in poetisierter Ohnmacht zu erlöschen.
Die Anreicherungen der Wahrnehmung, die fast pittoreske Nachdenklichkeit scheint die seit Jahrhunderten (oder seit je) ver-rückten Gefüge der Welt, die Tragödien und Abgründe fast auszublenden oder zumindest herunter zu dimmen.
Aber auch darum weiß diese Dichtung, sie benennt es: "arkadische Szenen, Märchenbilder".
Als solche könnten sie sich natürlich (und tun dies ab und an auch) als ein wunderbarer, kluger Rückzugsraum im, um es adornisch zu sagen, beschädigten Leben erweisen.


Doch stimmt diese Beobachtung ohnehin eher für die Gedichte des ersten Teils (zum Beispiel schon nicht für "Hinterland"). Die Gedichte sind nicht chronologisch geordnet, sondern folgen anscheinend erst einer Spur der Verdichtung – und dann Entspannung, wie wir sehen werden. Die des Mittelteils werden zunehmend kompakter, Metaphern schieben sich mal mit einer fast celanschen Note, dann wirklichkeitsbrockig ineinander (oder beides: "Auch das ein Wellengang: Der Boom-Box-Turm, / ein Babylon, die Kehlen, durchgeladen mit verweigertem // Gesang. Deine Hand an meinem Kinn verändert / mein Gesicht. Verzeih, ich vergaß mich zu rasieren."), das Register wird breiter, Verzweiflung wird hier und da spürbar und der Druck, der sie zusammenpresst, scheint auf ein Gesellschaftliches zurückführbar zu sein. Doch so wie Nendza auch in den Gedichten gern wieder an den Ausgangspunkt anknüpft, so lockern sich auch die letzten Gedichte des Bandes und ein ruhigerer Ton kehrt wieder. Immer noch versucht er, Welt und Beobachtung ins Wort zu holen und auf einen poetischen Mehrwert für das Subjekt hin abzuhorchen. "In jedem Wort dreht sich die Erde und du weißt nicht, / wie sie dich ansieht, unter dem Trittschall // aus deinen Fußspuren heraus, gefüllt mit Konjunktiven / und mit Sand."
Nendza unterschlägt finstere Welt nicht, sie schlummert nur – und keineswegs immer selig. Und doch ermöglicht dies Schlummern einen Hoffnungsschimmer. Zu guter Letzt sind die Gedichte Nendzas nicht einfach auf den Begriff zu bringen, und auch das ist ihr Vorzug: "Ein offenes Gelände / unter Schwebstoffen, die Unüberbrückbares // miteinander verbinden."


Jürgen Nendza: Mikadogeäst. Gedichte aus 20 Jahren. Leipzig (poetenladen) 2015. 128 Seiten. 16,80 Euro.


Zurück zum Seiteninhalt