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Jürgen Brôcan: Wacholderträume

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Riesige Studie, Skizze der belebten Welt


„als flösse bläue

noch aus alten schulfüllern
bis in die wacholderträume“

„und durch alles geht ein farbiger atem,
er öffnet gärten und das unterholz,
er öffnet die augen und die scheuklappen,
wir sind nur noch getrennt durch ein häutchen“

Seinem jüngsten Gedichtband „Wacholderträume“ hat Jürgen Brôcan ein Zitat (oder eher: den Saum eines Gedankens) von Walter Benjamin vorangestellt, das aus einer Rezension zu einem Band mit Fotographien von Pflanzen stammt (in der Benjamin zu Anfang übrigens mit einem Schuss Süffisanz die (Un-)Wichtigkeit literarischer Kritik erörtert). Diese Pflanzen sind darin allem Anschein nach stark vergrößert, werden von ganz nah betrachtet, mit Zoom, wie man heute sagen würde. Der Ausschnitt, den Brôcan gewählt hat, lautet:

„… in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars …“ (Benjamin)

Dieses Anliegen, diese Unternehmung, diese Überlegung, diese Möglichkeit, dieses Credo, erweist sich schon nach wenigen Seiten als eingelöstes Versprechen. Denn diese Gedichte nehmen wahr, lassen wahrnehmen, läuten schon nach kurzer Zeit bei den Leser*innen eine so unerhörte Zunahme von Tiefenschärfe ein, dass man sich die gedanklichen Augen reiben wollen würde, hätte man nicht zu viel Angst, dabei auch das ein oder andere, gerade hineingetauchte Wort hinweg zu wischen.

„mein kopf schwimmt durch die wiese

einer saumseligen kogge gleich,
nichts an bord als schöpfungsschauder.
das aug in wimpernvoliere, sacht gestreift
vom moos.“

„hohlwege überall, bewachsen mit dornensträuchern
und verkrümmten schwarzwurzeligen bäumen,
im schnee wie die zeilen eines evangeliums.“

Eine große Schule des Sehens, des Staunens, des Teilhabens an einer durch viele Bewegungs- und Unbewegtheitsfugen verbundenen und von ihnen umwundenen Welt, sind diese Gedichte. Meine Emphase mag etwas hymnisch wirken, ich hoffe aber eher, dass sie zusammen mit den Textbeispielen auch eine ansteckende Wirkung hat.

Wiederum ein Adjektiv für diese Gedichte: ansteckend, wie sie ihre Sprache gleichsam schmal und umfassend ausgestalten, die Zwischenstellen erforschen, aber sich auch über Atmosphären stülpen. Man liest sie atemlos und doch strahlen sie Ruhe aus, bescheren einen manchmal kleinen, manchmal umtosten Frieden – wohl auch, weil man das Auge im Sturm ist. Dennoch ist diese Balance beeindruckend, reizvoll, schön.

„vom feld her gefriert schwacher sensenklang,
der mir etwas aus der brust rausschneidet
blattweise – einen nervenstrang.

und in jedem halm ist weltenmitte.“

  „oft ist einem das liebste, was
unvermittelt in den blick gerät, warum anderes suchen
   als wolken, bäume, traubenspaliere.“

„ein spritzer blauer himmel,
als hätten ihn die äste aufgerissen“

Die schon so oft besprochene, gehätschelte, aufgezäumte und angesüßte Natur, Brôcan durchquert sie und und schwelgt in ihr, ohne enervierende Größen aufzumachen; immer bleibt seine Sprache subtil, pflanzt Schaudern, Gedanken, Horizonte. Jener mit Übermut gepaarte Feinsinn schimmert durch, der in manchen klassischeren deutschsprachigen Dichtungswerken glimmt, ergänzt um das Bewusstsein sprachlicher Entwicklungen und die jeweils nötige Distanz. Ein gewaltiges, besonnenes Grafik-Update für die eigene Wahrnehmung ist die Folge.

Keineswegs unter den Tisch fallen lassen will ich, dass sich Brôcans neuester Band einer intensiven Auseinandersetzung erfreut und auch ein großes Dialogfenster darstellt. Anette von Droste-Hülshoff, Conrad Ferdinand Meyer, Eduard Mörike, Vincent van Gogh, Robert Walser, Victor Hugo, Wilhelm Raabe, Gottfried Keller und zahlreiche andere Maler und Autor*innen, auf sie alle nimmt Brôcan Bezug, weshalb es das Anmerkungsverzeichnis auf stattliche elf Seiten bringt. Mal finden sich Zitate in den Texten, mal sind die Gedichte Bildbeschreibungen, mal verhandeln sie nur das Motiv des Bildes weiter, manchmal variieren sie Emotionen, Gedanken des Betrachtens.  

„das meer ist dasselbe nie.
die wolken sind meer in anderem zustand.
die erde ist himmel in festerer gestalt.
das meer ändert sich nie.
wasser, das am fels zerschmettert wie tongefäße,
hat die farbe aufbrechender wolkenlösung.
die wellen sind verknüpft durch ein netz weißer gischt.“

„an den wänden
verblassen die bilder wie erinnerungen,
ihnen zu ehren tanzt sich der staub sterbensmüde.“

In den meisten Gedichten von „Wacholderträume“ liegt eine besondere Form der Zuwendung – und es zeigt sich, dass sich die Dinge jenen zuwenden, die sich ihnen zuwenden (auch wenn sie sich dadurch nicht zwangsläufig an eine Adresse wenden). Diese Erfahrung macht man während der Lektüre dieses Bandes oft. Ich habe mich manches Mal an einige Gedichte aus Christian Lehnerts Band mit dem sprechenden Titel "Ich werde sehen, schweigen und hören“ erinnert gefühlt.

Brôcan schenkt aber eben nicht nur Bilder her, seine Zeilen sind nicht nur die gelungenen Striche einer großen Studie des Sichtbaren, er vermittelt auch Erkenntnisse oder Ansätze dazu, oft allerdings mit dem Mittel des Bildes. So heißt es an einer Stelle in einem Gedicht:  

„erst später, im sturz der erinnerung ins ungefähre,
baut mich der satz als subjekt ein“

Ist das nicht eine wunderbare Beschreibung der „Ich-Gestaltung“, ex post – wie sich in der Erinnerung der Fokus von der Tat auf die Identität verschiebt? Und er schreibt in einem Gedicht, das eine Art Requiem ist:

„man soll einen film nicht
nach dem abspann oder der schlußszene beurteilen.
doch schrumpft alles zur taille der sanduhr.“

Welch großartiges Bild für die Schwierigkeit, einen Menschen als Ganzes zu sehen, nicht zuzulassen, dass das eigene Bild von ihm bspw. nur von einem Aspekt dominiert wird. Sehr schön auch die ironische Wendung in diesem Vers:

„pfirsisch & aprikose, pflaume, feige
und oleander blühen wie verrückt, ohne angst,
rückenmarksschwindsucht zu riskieren.“

Wunderbar dazu Wortschöpfungen wie „wünschegroßes herz“.

Selbstbefragungen finden auch statt in Brôcans Gedichten, stetig, aber dezent und vor allem nicht manierlich, manieristisch. Die belebte Welt prallt auf die Welt des Dichters und er belebt sie wiederum durch seine Sprache; oft ist die Deutung, die Reflexion nur in der Kadenz enthalten, erhebt sich unscheinbar in einem Intermezzo. Was nicht heißt, dass Brôcan nicht geschickt seine eigene Stimme mit einbringt – genau diese Geschicklichkeit versuche ich zu beschreiben.  

„die kleinen

gebäum- und wiesenstücke sind meine
sommersprossen auf dem stadtgesicht“

Malerisch, darf man das sagen, oder ist das ein negativ besetztes Wort? Mir kommt es vor, als hätte ich noch immer nichts über das Wesen von Brôcans Lyrik gesagt, obwohl ich es mehrfach versucht habe. Es würde zu weit gehen, würde ich sagen, dass diese Gedichte das Erlebnis/den Gegenstand, dem sie sich verdanken, ersetzen. Aber sie stehen ihm so nah, dass man die Fülle des Erlebens generell wieder mehr wahrnimmt, annimmt. Die „einzelheiten“, die Zellen dieser Gedichte setzen sich zusammen zu einem lebensfähigen Abbild.

In dem Gedichtband „Schulterblatt“ von Wolfgang Denkel, den ich letztens hier besprach, gibt es ein Gedicht, das beginnt:

„im Verborgenen viel
Schönes noch, wer weiß
Aber auch
           im Unverborgenen“

Auch dieses Zitat, behaupte ich mal kühn, könnte als Eingang von „Wacholderträume“ stehen. Einem Band, der mich ehrlich begeistert hat. Große Empfehlung!

„bloß den hauch

heller als jenseits die unbewachte nacht“


Jürgen Brôcan: Wacholderträume. Gedichte. Berlin (Edition Rugerup) 2018. 160 Seiten. 19,90 Euro.
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