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Judith Hennemann: Die Gesetze des Wing Tsun

Flügeltüren


Judith Hennemann



DIE GESETZE DES WING TSUN



Theaterstück, zweitplatziert beim Frankfurter AutorenTheaterMarkt 2016




Personen

Cooper: Einkaufschef von Ionic Industries

Julia Engelhardt: Coopers Assistentin

Dr. Kenshou: Vertriebsschefin von Hartmann&Young

Kane: Vertriebschef von Elbow Enterprises

(Band)




1. SZENE


Am Rande einer Metropole, 6:30 Ortszeit

Zu Hause bei Cooper


Cooper: schleicht vorsichtig und leise aus dem Schlafzimmer. Schließt die Tür. Zieht sein

Pyjamaoberteil aus, darunter trägt er ein Unterhemd. Legt sich auf den Boden und absolviert laut zählend 20 Situps. Dann folgen 20 Liegestützen. Steht auf und macht
20 Kniebeugen. Zählt die ganze Zeit mit. Nimmt dann eine Hantel:
Eins. Hebt sie einmal. Ach scheiß drauf. Legt die Hantel weg. Geht ins Bad.



Zu Hause bei Kane

Kane: Steht vor dem Badezimmerspiegel und trägt Rasierschaum auf. Schimpft:

Lass mich mit dem Hund in Ruhe! Verdammt noch mal, wir haben das schon so oft besprochen! Ich schaffe das vor der Arbeit nicht. Wenn die Kinder die Verantwortung nicht übernehmen, müssen wir den Scheißköter eben abschaffen! Wirft Pinsel hin, fängt an sich zu rasieren. Laetizia, du arbeitest halbtags. HALBTAGS! Das  ist ein Viertel von meinem Job! Schneidet sich. Autsch. War ja klar. Ausgerechnet heute. Wo sind die verdammten Pflaster? Verlässt das Bad.



Zu Hause bei Engelhardt

Engelhardt: Sitzt vor einer Tasse Kaffee in ihrer Küche, schüttet aus einem Röhrchen ein paar

Tabletten in die Handfläche, schluckt sie trocken. Bleibt einen Moment still sitzen. Taucht den Zeigefinger in den Kaffee, lässt einen Tropfen auf den Rand tropfen, sieht zu wie er die Außenwand der Tasse hinabläuft, bis auf den Tisch. Sie greift nach dem Henkel, kippt versehentlich die Tasse um, der Kaffee läuft auf ihre Bluse und den Rock. Springt auf, rennt zum Waschbecken, wischt an den Flecken herum, wirft den Lappen weg, läuft zum Kleiderschrank und zieht Bluse und Rock aus. Öffnet in Unterwäsche den Schrank, hält inne und bricht in Tränen aus.



Japan, Tokio, 4:30 Ortszeit

Zu Hause bei Dr. Kenshou

Kenshou: Sitzt im schwarzen Hosenanzug im Schneidersitz und meditiert. Vor ihr ein Tischchen

mit einem weißen Blatt Papier. Nach einigen Minuten beginnt sie einen Origami-Vogel zu falten. Steckt den fertigen Vogel in ihre Anzugtasche, steht auf und nimmt eine Reisetasche. Dann verlässt sie den Raum.



2. SZENE


Ionic Industries Zentrale, Büro Cooper

Cooper: Sind sie da?
Engelhardt: Mr. Kane ist eingetroffen, die Maschine von Dr. Kenshou hat Verspätung.
Cooper: Das liegt daran, dass Hartmann&Young immer die billigsten Airlines buchen, diese

Sparbrötchen. Bringen Sie Kane einen Kaffee. Und schicken Sie Dr. Kenshou den Helikopter an den Flughafen, ich hab einen Anschlagtermin.

Engelhardt: Selbstverständlich. Geht hinaus.


Raum 1

Ein Büro, ein Tisch, darauf ein Laptop.

Kane: Steht am Fenster, zeigt Anzeichen von Nervosität. Er haucht an die Fensterscheibe, malt

mit dem Finger darauf herum. Hebt seine Hände, ballt Fäuste. Stich wie eine Biene! Beginnt zu tänzeln und improvisiert ein paar schnelle Fauststöße. Flieg wie ein Schmetterling! Die Tür geht auf. Kane wischt mit dem Ärmel über die Scheibe, fährt herum.

Engelhardt:  tritt ein und serviert Kaffee.
Kane: Ach Du bist‘s. Danke.
Engelhardt: Mr. Cooper bittet um Ihre Geduld, da Dr. Kenshou noch  nicht eingetroffen ist.
Kane: Was ist denn jetzt los?
Engelhardt: Benötigen Sie W-LAN?
Kane: Julia. Es tut mir leid, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe. Ich war einfach …
Engelhardt: Bitte geben Sie den Netzwerkschlüssel ein. Händigt ihm einen Zettel mit

Netzwerkschlüssel aus, geht hinaus.

Kane: Warte doch mal! Zu sich selbst: Na super, Kane, das hast du ja prima hingekriegt. Klappt

Laptop auf, checkt seine Mails. Oh, Mist. Zieht Handy heraus, wählt. Mutter, ich bin‘s. Ich habe gerade Eure Mail bekommen. Bitte nicht Binz. Rügen! Im Juli! Ich bin den ganzen Juli in Shanghai…. Ja mir ist klar, dass man eine goldene Hochzeit zeitnah feiern muss…. Dann eben eine diamantene. Aber könnt Ihr nicht wenigstens einen Ort mit Airport auf dem selben Kontinent aussuchen? Ich finde das auch nicht witzig … Klär das bitte mit Laetizia, da müssen die Kinder ja auch mit. … Ja, grüß Papa. Legt auf.



Foyer


Kenshou: tritt ein. Engelhardt erwartet sie. Sie bleiben voreinander stehen, lächeln sich an.
Engelhardt: Wie war Dein Flug?
Kenshou: Wunderbar. Ich habe jede Sekunde an Dich gedacht. Zieht den Origamivogel aus ihrer

Manteltasche, überreicht ihn wortlos.

Engelhardt: Hält Kenshous Hand kurz fest, betrachtet dann den Vogel in ihrer Hand, lächelt:

Wie schön! Sie verbeugt sich zum Dank. Kenshou deutet ebenfalls eine Verbeugung an. Sie gehen gemeinsam in Richtung Büro. Kane ist schon da. Ihr könnt sofort loslegen. Nach Coopers Einschätzung wird Elbow Enterprises mit – malt mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft – harten Bandagen kämpfen.

Kenshou: Der beste Kampf ist ein vermiedener. Aber ich bin vorbereitet. Sie sind vor der Bürotür

angelangt.

Engelhardt: Ich wünschte, es wäre schon vorbei.
Kenshou: Ich auch. Aber auf einem Berg können nicht gleichzeitig zwei Tiger existieren,

Julia-Chan.

Engelhardt: Wer sagt das?
Kenshou: Buddha. Und dein Boss.


Büro Cooper


Ein Büro, ein Tisch, darauf ein Flasche Wasser, Gläser.

Engelhardt: klopft an und tritt ein. Dr. Kenshou ist eingetroffen.
Cooper: Winkt Kenshou herein. Kenshou-San. Welch eine Freude. You save the day! Wie war

der Flug in unserem kleinen Vogel?

Kenshou: Hilfreich, vielen Dank. Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung. Mr. Young lässt Sie

grüßen.

Cooper: Danke, wir haben uns neulich auf der Innovation First getroffen. Ich habe mir Euer

Werk in der Provinz angesehen. Jungejunge! Die MX-Prozesse sind beeindruckend lean. Das ist Benchmark. Elbow wird sich strecken müssen.

Kenshou: Elbow ist ein leistungsstarkes Unternehmen. Aber wir nutzen die Kräfte unserer

Gegner, um von ihnen zu lernen.

Cooper:  lacht. Hilfe, dann bin ich froh, dass wir Partner sind! Engelhardt, holen Sie Kane herein.

Wir müssen in die Pötte kommen.

Engelhardt: geht hinaus.
Cooper: Im Vertrauen, ich glaube nicht, dass Elbow Sie heute schlagen kann. Vielleicht im Werk

Kvasiny, aber in Frankfurt? Öffnet die Flasche Wasser, füllt zwei Gläser, reicht eins Kenshou.

Kenshou: Nimmt das Glas, nippt, stellt es ab.
Cooper: Leert sein Glas mit einem Schluck. Wir spielen fair. Mr. Kane kriegt seine Chance.
Kenshou: Verneigt sich. Selbstverständlich.
Kane: tritt mit Engelhardt ein. Schüttelt Kenshou und Cooper die Hand. Dr. Kenshou, Cooper –

gut, wieder hier zu sein!

Cooper: Und gut, dass Sie noch im Rennen sind, Kane. Zeigt auf das Pflaster auf seiner Backe.

Haben Sie da einen Schmiss?

Kane: Ringt sich ein Grinsen ab. Ich hab versucht, mich zu rasieren und gleichzeitig mit dem

Hund Gassi zu gehen.

Cooper: Kaufen sie sich ein Meerschweinchen. Bei uns zu Hause gibt’s nur Meerschweinchen.  

Wenn die kleinen Quälgeister erst einen Hund haben, wollen sie als nächstes ein Pony! Dann müssen Sie nach Feierabend noch den Gaul reiten.

Kane: Den Hund wollte keiner, er ist uns zugelaufen.
Cooper: Sehen sie, sie sind einfach zu großzügig. Ich hab mir die korrigierten Zahlen von Elbow

Enterprises heute morgen nochmal angesehen. Sie wissen, dass Sie sich strecken müssen. Sie stehen mit einem ganzen Universum von Best Cost-Planeten im Wettbewerb. Da können Sie nicht den Kopf in den Sand stecken und was von den horrenden frankfurter Mietspiegeln erzählen.

Kane: Qualität hat seinen Preis. Unser Focus liegt auf Prozesssicherheit und stabilen

Kundenbeziehungen.

Cooper: Was Qualität betrifft, kann Hartmann&Young locker mithalten. Und Japan ist auch nicht

gerade das Best Cost-Paradies!

Kenshou: Der entscheidende Faktor sind unsere schlanken Prozesse.
Kane: zu Kenshou: Ihre sind vielleicht schlank, aber unsere sind maßgeschneidert. Passen wie

angegossen. Sie werden sehen, am Ende des Tages industrialisieren wir den MXAlpha doch in Frankfurt, und es zahlt sich für alle aus. So ist es immer.

Cooper: Mag sein, dass das in der Vergangenheit so war. Aber am Ende des Tages geht es auch

bei langjährigen Geschäftsbeziehungen um Efficency. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wenn ihr sagt, es geht nicht günstiger, dann muss ich das auch glauben können. Vertrauen kriegen Sie nur durch Glaubwürdigkeit: Do what you said you were going to do! So guys, wir legen los. Ich zeige Euch die Produktion.

Kane, Cooper, Kenshou und Engelhardt ziehen sich Hauben und Kittel über.



3. SZENE


Ionic Industries MX-Produktion

Sie betreten die Produktion und betrachten eine Montagestation.  


Cooper: Wir haben einen voll automatisierten Materialfluss und natürlich FIFO, first in first out.

Engelhardt, wieviel Bauteile sind das nochmal pro Tag. Viertausend?

Engelhardt: Siebentausend Bauteile. Zweitausendfünfhundert Bauteile pro Schicht.
Cooper: lacht. Eins. Setzen. Wir haben nur noch… ich glaube zwei Mitarbeiter pro Schicht am

Fließband. In den letzten fünf Jahren hat sich die Produktivität pro Kopf in der Fabrikation verachtfacht. Da können wir im Büro nicht mithalten, oder, Engelhardt? Hier sehen wir die Hochzeit. Der MX wird ins Chassis eingesetzt, man könnte sagen: Zum Altar geführt. Wunderbar!

Kane: ironisch: So’ne Hochzeit ist ja so romantisch…
Cooper:  Grinst. Vorausgesetzt man hat den Prozess im Griff.
Kenshou: Ich gehe davon aus, dass Sie Kaizen verwenden?
Cooper: Aber hallo. Wir haben an jeder Station Poka Yoke. Sobald ein Fehler passiert, greift

Jidoka. Das ist hier Führungsaufgabe: Unsere Fertigungsleiter machen regelmäßig den Gemba Walk. Noch Fragen?

Kenshou: Die Stationen scheinen schwer zugänglich zu sein. Wie kommen die Techniker da

heran, wenn eine Störung auftritt?

Cooper: Kein Problem, die Stationen kann man einzeln austauschen. Deswegen nennen wir das

Fließband „Der Weiße Hai“. Wenn es einen Zahn verliert, wächst sofort ein neuer nach.

Kenshou: Progressive Permanent Production.
Cooper: Genau. PPP.
Kane: In Fachkreisen auch Pipi genannt.
Cooper: Yep.
Kane: Also alles schön lean, und dazu kommt jetzt noch der Industrie-4.0-Schnickschnack …
Cooper: Von wegen Schnickschnack. Hochsensible Technologie. Wir reden hier vom Internet der

Dinge, Kane! Der MX kann seinen Produktionsprozess bald selber steuern… Hier sehen Sie den Multifeedback-Scanner. Das Chassis fordert anhand des Barcode das passende Bauteil an, und dann wird ein Magnetfeld … hält inne. Was ist denn jetzt passiert?

Engelhardt: Tritt näher ans Gehäuse heran. Am Gehäuse beginnt eine rote Lampe zu blinken.

Die Station steht. Störung.

Cooper: Wo sind meine Leute? Das kostet uns bares Geld!
Kane: Der Greifer hat sich in der Feder verklemmt, muss an der Zuführung liegen. Klarer Fall für

die Instandhaltung.

Cooper: Ich lass an den Weißen Hai doch keinen Mechaniker ran. Das machen unsere

Software-Engineering-Experten vom Rechenzentrum aus. Mittlerweile ist das nur noch ein Mausklick.

Kane: Schön wär’s. Aber das ist ein mechanisches Problem. Was wollen Sie denn da mit einem

Rechenzentrum?

Cooper: Das ist kein einfaches Rechenzentrum, das ist kollektive Intelligenz: Konstante 18,7

Grad Celsius. Vier mal zwölf Meter reinste High-End-Servertechnologie. Ein hyperkomplexer Kosmos der Systemsteuerung. Ich kläre das persönlich. Engelhardt, übernehmen sie. Eilt davon.

Engelhardt: Den Server nennen sie Deep Thought.
Kane: Wie in „Per Anhalter durch die Galaxis?“
Engelhardt:  Da heißt der Server „Herz aus Gold“?
Kane: Nee. Das Raumschiff heißt „Herz aus Gold“.
Engelhardt: Klugsch… Sie verstummt und funkelt Kane an. Der schneidet eine Grimasse.
Kenshou: Der Bandstillstand müsste doch einen automatischen Alarm auslösen. Gibt es hier

keine Störmeldekette?

Kane: Zweiundvierzig.
Engelhardt: lacht. Die Antwort auf alles.
Kenshou: lächelt. Dein Lachen ist die Antwort auf alles, Julia-Chan.
Kane: Sehr scharf beobachtet, Doc. Sie hat aber über meinen Witz gelacht.
Kenshou: Dann danke ich Ihnen für dieses Geschenk.
Kane: Geschenk? Ich entscheide gerne selbst, wem ich was schenke.
Engelhardt: Kane, muss das sein?
Kane: Es hätte durchaus anders sein können. Aber das weißt Du ja.
Kenshou: Es ist wie es ist.
Cooper: kehrt zurück, telefonierend: Wo seid ihr denn? Macht Ihr eine LAN-Party oder was? Der

Weiße Hai steht. Ja, komplett.

Kenshou: Dieser Prozess ist nicht achtsam. Wo keine Menschen sind, ist auch keine

Aufmerksamkeit.

Kane: Genau. Wir meditieren die Störung einfach weg! Klopft an die Verkleidung. Da brauchts

keine Achtsamkeit, sondern einen Schraubenzieher.

Cooper: immer noch telefonierend, hält sich das linke Ohr zu, wendet sich ab: Das habe ich

akustisch nicht verstanden. Was haben Sie gesagt?

Kane: Hergottnochmal, macht die Verkleidung auf, ich bastel Euch das wieder hin.
Engelhardt: Mit einer Büroklammer und einem Kaugummi, oder was?
Cooper: winkt ärgerlich ab, damit die anderen leiser sind. Ich bezahl euch nicht für Projektarbeit,

sondern für Effizienz. Was? Hier ist aber keiner. Ihr müsst das da oben vorleben, verdammt nochmal! Hier braucht es Commitment! Und geben Sie mir Feedback, wenn Sie das im Griff haben. Ich will den Error-Report, bevor ich das nächste Mal meine Mails checke. Und glauben Sie mir: Ich checke Sie schneller als Sie Ihren Kaffee runterstürzen können. Legt auf.

Peinliches Schweigen.
Kane: Mit einer konventionellen Xnet-Steuerung wäre das nicht passiert. Tür auf,

Schraubenzieher, und der Hai schwimmt wieder.

Kenshou: Dieses Level an Vernetzung werden wir erst einsetzen, wenn Computer intelligenter

sind als Menschen.

Cooper: Das sind sie ja wohl schon. Glauben sie etwa, ein Mensch könnte solche Prozesse

steuern?

Kenshou: Keiner unserer Mitarbeiter würde zulassen, dass er wegen eines Computers sein

Gesicht verliert.

Cooper: Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Hier verliert keiner das Gesicht.
Kane: Außer dem zahnlosen Tigerhai.
Kenshou: Eine Maschine hat kein Gesicht zu verlieren.
Kane: Man könnte doch eins draufmalen, so R2D2-mäßig.
Engelhardt: Oder CO-P3.
Kane: Ja, aber der kann reden, das ist nicht so gut.
Sie grinsen sich an.
Engelhardt: Mr. Cooper, wir müssten beginnen. Wir sind schon zwanzig Minuten im Verzug.
Cooper: Na dann dalli dalli. Zu Kane und Kenshou: Ich habe neunzig Minuten und zwei Telefone

für euch. Julia, bringen sie die beiden bitte ins Conference Center?

Engelhardt: Folgt  mir bitte. Sie machen sich auf den Weg zum Conference Center.
Kane: zu Kenshou: Jetzt lernen sie mal was über deutsche Tugenden. Pünktlichkeit gehört nicht

dazu.

Kenshou: Tugend ist keine kollektive, sondern eine individuelle Qualität.
Kane: Soso. Wo sie gerade Qualität erwähnen… Dazu fällt mir der aktuelle Shoyota-Rückruf ein.

Ist das Fabrikat nicht auch von Hartmann&Young?

Kenshou: Mr. Kane, für uns ist Qualität sehr wichtig. Unsere Mitarbeiter kennen das Produkt wie

ihre eigenen Hände. Jeder unserer Mitarbeiter hat ein Exemplar des MXAlpha in seinem persönlichen Besitz.

Kane:  Ach ja? Und was machen die damit? In die Vitrine stellen, zwischen die Fabergé-Eier und

die Familienfotos?

Kenshou: Lacht leise.
Kane: Lachen Sie nur. Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht.
Kenshou:  Ach, Mr. Kane, das Leben meistert man lächelnd oder gar nicht.
Engelhardt: öffnet eine Tür, Kane geht hinaus. Sie öffnet die gegenüberliegende Tür, Kenshou

geht hinaus.




4. SZENE


Raum 1

Kane:  Sitzt am Besprechungstisch, vor sich ein Telefon, ein paar Bögen Papier, ein Stift und ein

Laptop. Er nimmt ein Blatt, bastelt einen Papierflieger. Dann wirft er ihn in Richtung Mülleimer, knapp daneben.

Cooper: tritt ein. Kane steht auf. Dann wollen wir mal. Vorneweg, Kane, konntest du euern

Controller umstimmen?

Kane: Nein. Die Kalkulation ist solide. Wo liegen Hartmann&Young?
Cooper: Ein paar Stockwerke tiefer.
Kane: Ein paar? Das kann nicht sein. Nicht bei der Komplexität.
Cooper: Netter Versuch, Kane, aber Kenshou’s Industrialisierungskonzept ist state of the art.

Also?

Kane: Was… also?
Cooper: Was bietest du mir an? Euer Industrial Engineering hat achtundneunzig Dollar

kalkuliert. Davon sind locker sieben Euro Personalkosten. Wenn du mich fragst…

Kane: fünfkommasechs.
Cooper: Dann also sechs. Du wärst nicht hier, wenn das dein letztes Wort wäre.
Kane: Seufzt, setzt sich an den Tisch, greift zum Hörer. Gib mir ein paar Minuten.
Cooper: Das wollte ich hören. Auf in den Kampf, Junge! Klopft auf den Tisch und verlässt den

Raum.

Kane:  wählt. Hallo Karl…

Wie erwartet. Ihn stören die Personalkosten. Ich gebe ihm die vierkommaneun.
Ich weiß, das bedeutet Einschnitte. Aber Hartmann&Young lachen über vierkommaneun, glaub mir. Ja, wir hören uns noch. Danke. Bis dann.



Raum 2

Kenshou: Steht am Fenster. Dreht sich um, als Cooper eintritt.
Cooper: setzt sich. Schönes Angebot, Kenshou-San, wirklich überzeugend. Aber ganz ehrlich:

Elbow Enterprises haben den Vertrauensvorschuss. Ihr könnt das Schaf nur über die Kosten ins Trockene bringen.

Kenshou: Unser Personalkostenanteil beträgt drei Prozent. Jeder unserer Mitarbeiter hat das

Shoyota Produktionssystem verinnerlicht, Mr Cooper. Wir können Elbow problemlos das Wasser reichen.

Cooper: Dazu fällt mir ein: Wasser predigen, Wein trinken. Sie sollten sich auf Ihrem Vorsprung

nicht ausruhen, denn Elbow wird sich bewegen. Denken Sie mal an die Logistikkosten. Ich hoffe, Sie haben da Spielraum mitgebracht.

Kenshou: Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht.
Cooper: Sehr weise. Im Hinausgehen. Zehn Minuten?
Kenshou: Fünf.
Sie bleibt am Fenster stehen. Telefoniert nicht.


Raum 1

Cooper: tritt ein. Und, gibt’s was Neues aus Frankfurt?
Kane: vierkommaneun.
Cooper: pfeift durch die Zähne. Respekt, Kane. Hartmann&Young sind deutlich niedriger, aber

ich würdige das Entgegenkommen. Wo sind wir dann: Siebenundneunzigdreißig?

Kane: Mehr ist nicht drin, Cooper.
Cooper: Einer geht immer noch in den Zug, Kane. Ihr habt schon so viel möglich gemacht in

Frankfurt. Aber Euer Betriebsrat ist eine Diva. Das wird euch irgendwann das Genick brechen.

Kane: In diesem Fall geht es nicht um den Betriebsrat.
Cooper: In Deutschland geht es immer um den Betriebsrat. Um ganz offen zu sprechen: Ich habe

Kenshou bei den Logistikkosten auf den Zahn gefühlt.

Kane: Und?
Cooper: Das werde ich gleich wissen. Ich bin in 5 Minuten zurück. Geht zur Tür. Und Kane?
Kane: Ja?
Cooper: Hartmann&Young liegen bei drei Prozent. Er öffnet die Tür, hält inne und dreht sich um.

Wenn ich es mir recht überlege… ich gebe dir fünfzehn Minuten. Falls du noch mal telefonieren willst. Geht hinaus.

Kane: Starrt auf das Telefon. Es vergeht eine Minute. Langsam nimmt er den Hörer ab und

wählt. Karl, Hartmann&Young liegen bei drei Prozent. Ja, habe ich auch gedacht. Ich weiß, dass die Technologie nicht günstiger geht. Natürlich, die Taktzeiten sind konservativ geplant, aber wenn wir runtergehen, müssen wir konsequenterweise auch Leute abbauen. Ach was, das bringt  ja nur was, wenn wir die Leute direkt auf die Straße setzen. Verstehe. Wir sind bei siebenundneunzigdreißig. Soll ich einfach sagen: Siebenundneunzig? Okay.

Engelhardt: Tritt ein und bringt Kaffee und einen Snack.
Kane: Fährt sich erschöpft durchs Haar. Danke.
Engelhardt: So schlimm?
Kane: Schlimmer. Aber am schlimmsten ist, dass du sauer auf mich bist. Und was mit dieser

promovierten Spaßbremse angefangen hast.

Engelhardt: Ich bin nicht sauer.
Kane: Julia, ich hab dich nicht angerufen, weil ich ein unglücklich verheirateter glücklicher

Familienvater bin. Ich kann das einfach nicht.

Engelhardt: Ich weiß. Beide schweigen. Ihr kriegt doch den Auftrag, oder?
Kane: Keine Ahnung. Eher nicht.
Engelhardt: Ihr habt es bisher immer geschafft.
Kane: Der Druck ist zu groß. Das ist wie mit dem Schrauben festziehen: Nach zu  kommt ab.
Engelhardt: Und was heißt das für euch?
Kane: Frankfurt wird schließen.
Engelhardt: Das glaube ich nicht. Frankfurt gibt es doch schon so lange.
Kane: Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Drück mir einfach die Daumen.
Engelhardt: Streicht ihm über Schulter und Arm. Ich habe heute abend einen Auftritt im

Jazzkeller. Kommst du?

Kane: Ist Kenshou auch da?
Engelhardt: Ich habe sie darum gebeten.
Kane: Viel Spaß.
Engelhardt: Überlegs dir nochmal. Drückt beide Daumen. Geht hinaus.


Raum 2

Cooper: Ich nehme an, war Ihr Telefonat erfolgreich? Warten Sie, in Japan ist es 20 Uhr…
Kenshou: Ich hab nicht telefoniert.
Cooper: Dann haben Sie entweder volle Verhandlungsfreiheit oder kein Interesse an dem Auftrag.
Kenshou: Ich bin dafür, den Brunnen zu bohren, bevor ich Durst bekomme.
Engelhardt: Tritt ein, serviert Getränke und einen Snack.
Cooper: Verstehe. Was sagt denn der Brunnen?
Kenshou: Fünfundneunzig.
Cooper: Das wird ein Fotofinish, Kenshou-San. Sie bieten gegen Frankfurt, den teuersten

Standort überhaupt! Da sollte der Abstand größer sein.

Kenshou: Ich trage das Risiko und die Verantwortung. Für Hartmann&Young, das Produkt und

unsere Mitarbeiter.

Cooper: Wie dem auch sei: Wir machen fünfzehn Minuten Pause. Denken Sie nochmal nach,

schnappen Sie etwas frische Luft. Befragen Sie Konfuzius.

Kenshou: Das ist nicht nötig, aber wie Sie wünschen.
Cooper: Salutiert. Ladies! Geht hinaus.
Engelhardt: Wie sieht es heute abend aus, Kenshou? Kommst Du zum Konzert?
Kenshou: Natürlich. Ich möchte dich unbedingt singen hören.
Engelhardt: Dann solltet ihr die Verhandlungen langsam zum Abschluss bringen, sonst kommen

wir nicht pünktlich weg.

Kenshou: Es wird nicht mehr lange dauern.
Engelhardt: Kane wird keine fünfundneunzig schaffen. Du wirst zufrieden nach Hause fliegen.
Kenshou: Es geht hier nicht um Zufriedenheit, Julia-Chan. Es geht nur ums Geschäft.
Engelhardt: Du weißt, wie es um Elbow Enterprises steht, oder? Dass sie dort um ihre Existenz

kämpfen?

Kenshou: Ja.
Engelhardt: Beunruhigt dich das nicht?
Kenshou: Doch. Aber wir müssen uns von der eigenen Kraft befreien. Es geht nicht ums Sein an

sich, es geht ums Handeln.

Engelhardt: Wenn sie den Auftrag nicht kriegen, können sie Frankfurt dicht machen!
Kenshou: Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das geschieht nicht heute, und nicht durch mich. Die

Weisheit des Lebens besteht im Ausschalten der unwesentlichen Dinge.

Engelhardt: Unwesentlich? Es geht hier um Menschen! Um ihre Familien…
Kenshou: Ja, zum Glück haben sie Familien. Und es gibt zum Glück andere Arbeitsplätze bei

anderen Unternehmen. Sogar im selben Unternehmen!

Engelhardt: wütend: So einfach ist das nicht! Wie kannst du nur so abgebrüht sein!
Kenshou: Ich habe hier eine Aufgabe zu erfüllen, Julia-Chan. Der Baum wünscht sich Ruhe, aber

der Wind hört nicht auf.

Engelhardt: Das ist keine Aufgabe, das ist ein Feldzug! Geht hinaus.

Kenshou und Kane treffen sich auf dem Weg zur Toilette. Sie bleiben voreinander stehen.

Kenshou: Ich hoffe, Elbow Enterprises fängt sich wieder. Man liest nichts Gutes.
Kane: Hartmann&Young tragen ihren Teil zur Schlacht bei.
Kenshou: Bei uns sagt man: Wenn der Gegner stärker ist, gib nach.
Kane: Als wäre das eine Entscheidung! Wenn wir den MXAlpha nicht nach Frankfurt

bekommen, können wir sowieso dichtmachen.

Kenshou: Ist es so dramatisch?
Kane: Sie wissen sehr genau, dass wir am Abgrund stehen.
Kenshou: Elbow vielleicht. Aber nicht Sie und ich, Mr. Kane. Möglicherweise möchten Sie sich

einmal mein Team ansehen. Wir schätzen Ihre Erfahrung.  

Kane: Danke, ich verzichte! Und was den Auftrag betrifft: Noch ist das letzte Wort nicht

gesprochen!

Kenshou:  Ab einem bestimmten Punkt ist es entscheidend, sich von der eigenen Energie zu

befreien, Mr. Kane.

Kane: Das wollte ich gerade tun. Sie gestatten! Öffnet die Tür zur Toilette und geht hinein.

Kenshou betritt die Damentoilette.



Auf der Herrentoilette

Kane: tritt ein, sieht Cooper am Waschbecken stehen. Zu Cooper: Du gehst wirklich auf Nummer

sicher. Glaubst Du, ich hab einen Spickzettel auf dem Klo versteckt?

Cooper: So nervös, alter Freud? Du musst nicht gleich eine Paranoia entwickeln, nur weil Dir

eine schöne Frau auf den Fersen ist.

Kane: Die Frau kann aussehen wie Lara Croft, sie ist ätzend.
Cooper: Nimms sportlich! Unter uns: Beim Vorstand hat Dr. Kenshou den Spitznamen „Pain in

the Ass“.

Kane: Wenn die was will, beißt sie sich fest wie ein Terrier.
Cooper: Pfeift durch Zähne. Ziemlich attraktiver Terrier allerdings.
Kane: Wir sind hier nicht auf der Hundeschau. Wenn bei Euch Aufträge nach Attraktivität

vergeben werden, bin ich natürlich die falsche Besetzung.

Cooper: Wenn das so einfach wäre, würde ich den Laden um fünf dichtmachen und eine Sause

ins Kneipenviertel starten.

Kane: Klingt erstmal gut.
Cooper: Wie in alten Studententagen…
Kane: Nur dass man es sich endlich leisten kann, die Ladies betrunken zu machen.
Cooper: Gediegene Jazzbar, zwei Cosmopolitan, der Terrier und ich, sie himmelt mich an ….
Kane: Stop. Du hast da offenbar was nicht mitbekommen.
Cooper: Boxt Kane an die Schulter. Ach komm. Appetit holen ist erlaubt, gegessen wird zu

Hause. Du bist doch auch kein Kind von Traurigkeit.

Kane: Bei aller Liebe, da flirte ich ja lieber mit meinem CEO als mit dieser … Kampflesbe.
Cooper: Kampflesbe? Du machst wohl Witze.
Kane: Soll ja vorkommen.
Cooper: In dem Laden hier kriegst du als Schwuler nicht mal einen Job als Empfangsdame.

Schwulsein ist fast so uncool wie Carsharing.

Kane: Das scheint mir bei Hartmann&Young anders zu sein.
Cooper: Du sprichst heute in Rätseln, Kane.
Kane: Denk mal scharf nach.
Cooper: Kenshou steht auf Frauen?
Kane: Yep.
Cooper: Ach was. Im Ernst?
Kane: Zumindest hat sie sich an deine Assistentin rangemacht.
Cooper: Engelhardt? Versteh einer die Frauen.
Kane: Was du nicht sagst.
Cooper: War Engelhardt nicht mal mit dir…?
Kane: Themenwechsel.
Cooper: Keine Panik, alter Junge, ein oder zwei Geheimnisse darf ein Mann haben.
Kane: Ich hätt’s mir lieber erspart.
Cooper: Jungejunge, was‘ne Kröte. Das ist der Supergau für jeden Kerl.
Kane: Naja, auf jeden Fall ein cleverer Schachzug von Kenshou.
Cooper: Nun lass mal die Kirche im Dorf, wir sind schließlich nicht bei „Denver Clan“.
Kane: Ach nein?
Cooper: Wie auch immer das ausgeht, wir lassen uns nicht unterkriegen. Schon gar nicht von

diesen Amazonen. Stimmts? Verlässt die Toilette.




5. SZENE


Büro Cooper

Cooper: Sitzt am Schreibtisch, spielt mit einer „Himmel-und-Hölle“-Papierfigur, summt vor sich

hin.

Engelhardt: tritt ein. Die Viertelstunde ist um. Wollen Sie weitermachen?
Cooper: seufzt. Mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig. Außerdem muss ich pünktlich weg.

Meine Tochter hat heute Orchesterauftritt. Big Deal!

Engelhardt: Allerdings! Deutet auf die Papierfigur. Wo haben sie das denn her?
Cooper: Himmel und Hölle. Hat mir meine Tochter gebastelt. Funktioniert so: Spielt mit den

Fingern Himmel und Hölle.

Engelhardt: Das haben wir früher auch immer gebastelt. Meins hatte bunte Farbflächen.
Cooper: Meins hat natürlich Zahlen drauf.
Engelhardt: setzt sich zu ihm. Bringt uns das wirklich weiter?
Cooper: Weiter? Es hilft mir beim Nachdenken. Kratzt sich mit der Papierfigur am Kopf.
Engelhardt: Schüttelt den Kopf. Doch nicht das Himmel-und-Hölle-Ding. Ich meine die

Verhandlungen.

Cooper: Wieso fragen Sie?
Engelhardt: Geht es bei Ihren Verhandlungen wirklich nur darum, wer billiger ist?
Cooper: Sagen wir, es geht um den Billigsten unter den Besten, Engelhardt. Dieser Job macht

nicht immer Spaß. Aber ich würde nicht hier an dieser Stelle sitzen und mit Ihnen tratschen, wenn ich ein mieses Urteilsvermögen hätte.

Engelhardt: Natürlich nicht.
Cooper: Dann gehen wir mal in die letzte Runde. Steht auf, drückt Engelhardt die Papierfigur in

die Hand und geht hinaus.

Engelhardt: macht mit den Fingern die Himmel-und Hölle-Bewegung.



Büro 2

Cooper: Dr. Kenshou, ich bin gespannt. Wie lautet Ihr Angebot?
Kenshou: Vierundneunzig Dollar. Keinen Cent weniger.
Cooper: Aber Elbow sind mittlerweile….
Kenshou: Tut mir leid, Mr. Cooper.
Cooper: Kenshou-san, Sie sind ein Bollwerk. Ich hab drei Kinder zu ernähren! Lacht wieder.
Kenshou: Ich bin sicher, sie werden richtig entscheiden.
Cooper: Ich kann ihnen da nicht viel Hoffnung machen.
Kenshou: Die Dinge zu planen liegt beim Menschen. Die Dinge zu entscheiden, liegt beim

Himmel.

Cooper: DER hat mir noch nie in meine Entscheidungen hineingefunkt. Höchstens meine Frau.

Lacht. Warten Sie einen Moment, ich sage Ihnen gleich Bescheid. Geht hinaus.




Büro 1

Cooper: Im Moment liegen Hartmann&Young vorne. Wir sind auf der Zielgeraden.
Kane: Cooper, wir können den MXAlpha bauen, und wir können ihn für deutsche Verhältnisse

günstig bauen.

Cooper: Ungefähr dasselbe hat Dr. Kenshou gesagt. Nur auf japanisch.
Kane: leise. Wir brauchen diesen Auftrag.
Cooper: Mir sind die Hände gebunden. Letztendlich musst du selber entscheiden, ob Ihr

mithalten könnt.

Kane: sehr erschöpft: Kann ich noch einmal telefonieren?
Cooper: Ich sage dir mal was. Ich gehe jetzt raus und rufe meine Tochter an, um ihr zu sagen,

dass ich in dreißig Minuten zu Hause bin. Dann werde ich wieder hereinkommen, und wir bringen es zu Ende. Geht raus.

Kane: nimmt das Telefon, wählt. Karl, was bringen uns Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld? …

Das reicht nicht. Ich bin ganz nah dran, aber ich muss nochmal runter. … Betriebsbedingt kündigen? Hab ich auch schon überlegt. Bevor wir dichtmachen, ziehen wir das mit Leiharbeit oder so durch… Verstehe. Kannst du das bitte mit Human Resources durchchecken? Ruf mich so schnell wie möglich zurück... Okay, tschüss.
Legt auf.

Cooper: tritt ein.
Kane: Sie rufen mich gleich zurück.
Cooper: Setzt sich. Klopft mit den Fingern auf den Tisch. Sieht auf die Uhr.
Kane: Eine Sekunde.
Beide warten. Das Telefon klingelt. Kane geht ran, hört lange zu. Dann legt er auf.
Kane: Sechsundneunzig.
Cooper: steht langsam auf, klopft ihm auf die Schulter. Geht hinaus.
Kane sackt zusammen, trinkt einen Schluck Wasser.



Büro 2

Cooper: Das Blatt hat sich gewendet.
Kenshou: Was bieten sie an?
Cooper: Elbow ist fast drei Prozent runtergegangen. Die Jungs krempeln ganz schön die Ärmel

hoch. Gefällt mir!

Kenshou: Das ist vollkommen unrealistisch. Das wird dem MXAlpha und Ihrem Unternehmen

schaden!

Cooper: Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Baut sich vor Kenshou auf. Jetzt müssen Sie Farbe

bekennen, wenn Sie den Auftrag wollen.

Kenshou: Ich habe meine Möglichkeiten ausgeschöpft.
Cooper: Elbows Angebot kann ich nicht ablehnen.
Kenshou: Zögert kurz, nickt dann. Dann sind die Verhandlungen hiermit beendet.
Cooper: Ich höre wohl nicht richtig?
Kenshou: Hartmann&Young steigen aus.
Cooper: Sie geben auf?
Kenshou: Der Narr tut, was er nicht lassen kann; der Weise lässt, was er nicht tun kann.
Cooper: Verschränkt die Arme, zuckt dann die Schultern. Wir würde den MXAlpha ja gerne mit

Hartmann&Young zum Fliegen bringen. Aber es ist natürlich Ihre Entscheidung.

Kenshou: Wenn Elbow die Industrialisierung gegen die Wand fährt, sind Sie eingeladen, auf

unser Angebot zurückkommen.

Cooper: Das freut mich zu hören, Kenshou-San. Und… nichts für ungut.
Kenshou: Selbstverständlich, Cooper-San.
Cooper: Können wir Sie zum Flughafen bringen? Ich bin leider in Eile, die Familie ruft.
Kenshou: Nicht nötig. Ich fliege erst morgen zurück nach Tokio. Grüßen Sie bitte Ihre Frau von

mir.

Cooper: Sie wird untröstlich sein, dass sie Sie diesmal nicht bekochen kann! Aber meine Tochter

hat Orchester heute. Ich sage ja immer: Zwei Dinge verbinden die Menschen: Die Kinder und die Kunst!



Büro 1

Cooper: Gute Nachrichten.
Kane: Wir sind günstiger als Hartmann&Young?
Cooper: Sagen wir mal, Elbow ist günstig genug.
Kane: Wir liegen nicht drunter?
Cooper: Die Kosten sind doch nur ein Faktor im Gesamtpaket. Der Kampfgeist ist entscheidend.
Kane: Kampfgeist.
Cooper: Deine persönliche Leistung, Kane. Hält ihm die Hand hin. Schlag ein. Wir trinken bei

Gelegenheit einen Martini drauf.

Kane: Zögert. Gibt ihm dann die Hand. Bei Gelegenheit.
Cooper: verlässt den Raum.
Kane: ballt eine Faust und schlägt gegen die Wand.



6. SZENE


Jazzkeller

Engelhardt und Kane an der Bar mit Drinks und einem Glas Salzstangen. Kane trinkt schnell und wird zunehmend betrunken.


Engelhardt: Freut mich, dass du hier bist.
Kane: Ich muss erstmal runterkommen. Außerdem habe ich keinen Bock auf Laetizias Fragen.

Nimmt einen tiefen Schluck.

Engelhardt: Wieso? Du hast den Auftrag doch an Land gezogen.
Kane: Wir kriegen das nicht hin. In Frankfurt nicht, und wahrscheinlich nicht mal in Kvasiny.

Der Stückpreis ist einfach zu niedrig.

Engelhardt: Warum hast du dich so drücken lassen? Vielleicht hätte Elbow den Zuschlag auch

zu einem realistischen Preis bekommen.

Kane: Würdest du drauf wetten?
Engelhardt: Keine Ahnung. Cooper ist ein Profi mit seinem Pokerface.
Kane: Cooper ist ein Arschloch. Kippt seinen Drink. Bestellt einen neuen.
Engelhardt: Er ist ja kein Sadist oder so. Er ist einfach nur tough.
Kane: Es ist ihm vollkommen egal, was mit seinen Geschäftspartnern passiert. Hauptsache, alle

tanzen nach seiner Pfeife. Weißt du, was in diesem Scheißgeschäft das Wichtigste ist?

Engelhardt: Na was wohl? Effizenz.
Kane: Ignoranz! Es gab einen Augenblick in meinem Leben, da habe ich plötzlich alles kapiert,

was bei Elbow läuft. Ich habe es einfach geblickt. Wie perfide du ausgebeutet wirst. Es geht gar nicht darum, Befehle auszuführen oder so.

Engelhardt: Das finde ich erstmal beruhigend.
Kane: Es geht immer nur darum, nicht zu versagen. Du kommst da nicht raus. Du denkst jetzt bist

du der Boss und kannst Entscheidungen treffen, aber das Gegenteil ist der Fall. Du bist zum Erfolg verdammt. Es gibt immer nur eine Möglichkeit. Den Rest musst du ausblenden, sonst drehst du durch.

Engelhardt: Wenn du das so siehst, warum machst du das Spiel dann mit?
Kane: Weil das alle für ein Spiel gehalten haben. Während des Studiums haben wir Häuser

besetzt, Cooper und ich. Kannst du dir das vorstellen? Cooper mit langen Haaren? Wir dachten, das wahre Leben spielt sich im AStA ab oder beim Redenschwingen in den Kneipen. Arbeiten im Büro? Wir doch nicht! Aber irgendwann ging es dann darum, sich zu etablieren. In der Politik kam ich auf keinen grünen Zweig, und ewig rumstudieren wurde irgendwann komisch. Die anderen starteten nach und nach durch, und ich wollte mithalten. Also habe ich mir halt einen Job in der Branche gesucht, wo schon mein Vater ein dicker Fisch war. Zieht eine Salzstange aus dem Glas und lässt sie wieder hineinfallen. Zurück ins Glied! Salutiert. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wer damit angefangen hat. Plötzlich wollten alle Kohle machen und das coolste Girl heiraten.

Engelhardt: Das ist dir ja ganz prima gelungen.
Kane: Allerdings! Plötzlich wachst du auf und stehst auf der anderen Seite. Und du kannst nicht

mehr zurück, auch wenn du es längst geschnallt hast. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Ende der Durchsage.

Engelhardt: So wie bei dir zuhause.
Kane: Was soll das denn heißen?
Engelhardt: Bist du nie auf die Idee gekommen, Laetizia zu verlassen?
Kane: Ich trage Verantwortung für meine Familie!
Engelhardt: Na und? Du hast auch Verantwortung für dich selbst. Das ist doch der

Ausgangspunkt von allem.

Kane: Es ist aber komplizierter: Mein Leben ist wie … wie Mikado. Nimmt eine Salzstange aus dem Glas. Du ziehst ein falsches Stäbchen heraus, und alles bricht zusammen. Isst die Salzstange.
Engelhardt: Vielleicht muss es ja von Zeit zu Zeit crashen. Man nennt das kreative Zerstörung.
Kane: Kreative Zerstörung? Na prima. Jedem seinen persönlichen Trümmerhaufen.
Engelhardt: Du kannst immer wieder neu anfangen.
Kane: Oha, eine „Konstruktivistin“.
Engelhardt: Ganz genau. Es kann dieses Leben sein, oder eben ein anderes. Wenn du drin bist,

macht es immer Sinn.

Kane: Wenn das für dich so beliebig ist, bin ich froh, dass es mit uns nichts geworden ist.

Kenshou tritt ein, entdeckt die beiden, nähert sich.

Kane: Da kommt genau die richtige für deine kreativen Zerstörungsideen.
Kenshou: zu Engelhardt: Entschuldige die Verspätung. Ich musste telefonieren.
Kane: Meinetwegen hätten Sie bis zum Sankt-Nimmerleinstag telefonieren können.
Kenshou: Bis wann?
Kane: lallt: Sankt Nimmerlein!
Engelhardt: Du bist betrunken. Ich ruf dir ein Taxi.
Kane: Keine Umstände. Ich geh zu Fuß. Ich hab genug von euch Lean Management Tussies!
Engelhardt: Jetzt mal halblang! Wir können doch nichts dafür, dass du dein Leben nicht im Griff

hast!

Kane: Wenigstens hab ich eins!
Engelhardt:  Du hast keine Ahnung!
Kane: Schau dich doch an: Eine weitere Sekretärin, die mit dem Topmanagement vögelt.
Engelhardt: Du bist so ein…!
Kane: zu Kenshou: Ziemlich schlau, sich übers Vorzimmer an den Kunden ranzumachen.
Engelhardt: Dafür warst du dir ja wohl auch nicht zu schade!
Kane: Zeigt mit einer Salzstange auf  Kenshou: Sehen Sie, sogar darin sind Sie besser als ich.

Sind Sie jetzt zufrieden?

Kenshou: Wenn das, was du sagen möchtest, nicht schöner ist als die Stille, dann schweige!
Kane: Sie sollten in der Lindenstraße mitspielen. Äfft nach: Laotse sagt…
Engelhardt: Es reicht, du Scheißkerl!
Kane: Du sagst es. Sein Handy klingelt. Er nestelt in seiner Tasche, zieht das Handy heraus.

Hallo? Ach du bists. Was ist los? Der Hund über…was? Hast du überfahren gesagt?
Moment, hier ist es zu laut.

Verlässt die Bar.
Engelhardt: Scheißtag!
Kenshou: Der Tag ist vorbei. Streicht ihr über die Wange. Wir vergessen ihn, okay? Wir haben

nur diesen Abend. Ich möchte dich jetzt singen hören.

Engelhardt: Nach allem was mir passiert ist, kommt mir das so lächerlich vor.
Kenshou: Es ist alles andere als lächerlich!
Engelhardt: Wen interessiert denn das, ob ich mich jetzt da oben hinstelle oder nicht?

Es ändert einfach nichts.

Kenshou: Die Kunst ist genauso das wichtigste auf der Welt wie alles andere.

Beide schweigen. Die Band betritt nach und nach die Bühne. Magerer Applaus erklingt.

Engelhardt:  Ich muss auf die Bühne.
Kenshou: Nervös?
Engelhardt: Mir ist ganz schlecht. Ich würde am liebsten einen Rückzieher machen.
Kenshou: Wenn der Weg frei ist, geh voran! Das ist das erste Gesetz des Wing Tsun.

Julia Engelhardt geht auf die Bühne und singt das Stück von Alice in Chains „It’s all over now“. Währenddessen kommt Kane zurück in die Bar, noch betrunkener als zuvor. In seiner Hand das Handy. Er sieht Engelhardt auf der Bühne.

Kane: Julia! Julia, hör mir zu…
Kenshou:  Steht auf, geht hinüber zu Kane, redet auf ihn ein: Mr. Kane, lassen Sie sie in Ruhe.

Sie sind betrunken.

Das Handy klingelt.
Kane: Hört denn das nie auf! Wirft das Handy fluchend auf den Boden.
Kenshou: Hebt das Handy auf, wählt. Ich brauche ein Taxi zum Jazzkeller. Der Wagen ist für

Mr. Kane. Okay, wir warten auf der Straße. Sie fasst Kane an Schulter und schiebt ihn zur Tür.

Kane: Wehrt sich ungeschickt. Sie rangeln kurz, bis er nachgibt.
Kenshou: blickt noch einmal zurück zu Engelhardt. Öffnet die Tür, schiebt Kane hinaus und verlässt mit ihm die Bar.

Engelhardt:  bleibt allein auf der Bühne zurück, singt.


E n d e.



Alice in Chains unplugged: Over Now


"Good Night..."
Yeah, it's over now, but I can breathe somehow
When it's all worn out, I'd rather go without

You know its been on my mind
Could you stand right there
Look me straight in the eye and say
That it's over now
We pay our debt sometime

Well it's over now, yet I can see somehow
When its all gone wrong, it's hard to be so strong

You know its been on my mind
Could you stand right there
Look me straight in the eye and say
That it's over now

We pay our debt sometime
Yeah, we pay our debt sometime
We pay our debt sometime
Yeah, we pay our debt sometime

Guess it's over now, I seem alive somehow
When it's out of sight, just wait and do your time

You know its been on my mind
Could I stand right here
Look myself in the eye and say
That it's over now

We pay our debt sometime
Yeah, we pay our debt sometime
We pay our debt sometime
Yeah, we pay our debt sometime


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