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Juana Inés de la Cruz: Nichts Freieres gibt es auf Erden

Rezensionen


Timo Brandt

Feministin und Poetin im Mexiko des 17. Jahrhunderts: Sor Juana Inés de la Cruz


„Es sind uns, Alcino, die Dinge der Zeit
nur eine Zeitlang zu eigen gegeben.
Der Wunsch, sie zu halten auf Ewigkeit

ist Frevel, Verwirrung und Unwissenheit:
Weil uns das Schicksal das Beste im Leben
niemals besitzen lässt, sondern nur leiht.“
               
Sor Juana de la Cruz gilt als eine der bedeutendsten Barockdichterinnen. Ihre Prosatexte (sowie das Langgedicht „Erster Traum“) liegen schon seit einiger Zeit in deutschen Versionen vor, was vor allem dem Erscheinen von Octavio Paz‘ umfassender Biographie „Sor Juana oder: Die Fallstricke des Glauben“ [1991, Suhrkamp, Original 1982] und der Verfilmung durch Maria Luisa Bemberg „Ich, die Unwürdigste von allen“ [1990] zu verdanken ist.

In vielen Kontexten wird die Nonne, Wissenschaftlerin und Schriftstellerin als „erste Feministin“ bezeichnet – nicht nur weil sie sich während ihres Lebens gegen die herrschenden Strukturen und Erwartungen auflehnte, sondern auch weil einige ihrer Gedichte explizit feministische Themen behandeln. Darüber hinaus ist sie (neben dem Kampf für eine selbstbestimmte Ausübung ihres Glaubens) vor allem für ihre Liebes- und Alltagslyrik bekannt, die bislang nur in Einzelfällen in deutscher Sprache vorlagen. Diesen Missstand hat diese zweisprachige, im Konkursbuchverlag erschienene Sammlung nun definitiv beseitigt.

„Mich zu verfolgen, Welt, was liegt dir dran?
Was stört’s dich, wenn ich einzig danach strebe,
meinen Verstand mit Schönem auszuschmücken
und nicht für Schmuck und eitlen Zierrat lebe?
[…]
Es liegt mir nichts an Schönheit, die der Zeiten
wehrlose Beute ist, gar rasch besiegt“

Gleich zu Anfang: zu der Adäquanz der Übersetzungen kann ich nichts sagen, da ich des Spanischen leider nicht mächtig bin. Ihr Zug zur Eleganz und zum Reim lässt vermuten, dass hier und da weniger auf die tatsächliche Satzstruktur und wortwörtliche Entsprechung geachtet wurde, und mehr die Beibehaltung der Form im Fokus stand. Dies aber nur eine Vermutung.

Immerhin arbeitet die Übersetzerin Heidi König-Porstner (die auch eine umfangreiche, geradezu eine schmale Biographie ersetzende vierzigseitige Einleitung verfasst hat) öfter auch mit Assonanzen, lässt manche Reime auch weg und es wirkt nicht so, als würde der Sinngehalt der Gedichte unter den Übersetzungen leiden.

Vergegenwärtigt man sich, dass es die Verse einer Barockdichterin, die vor mehr als dreihundert Jahren lebte, sind, ist ihre vitale Klarheit sogar ein klein wenig verblüffend. Gerade wenn es um die Liebe geht, hat sich anscheinend nicht viel geändert. Was die J. Geils Band am Anfang ihres Songs „Love stinks“ so schön zusammenfasst („You love her/but she loves him/and he loves somebody else/you just can’t win.”), erfuhr auch de la Cruz und sie beschreibt jene fast schon klassische Dynamik von unerwiderter Zuneigung am Beispiel ihres eigenen Liebeslebens, zwischen zwei Männern stehend:

„ich leide durch beide, und leide gleich viel.

Wie qualvoll ist dieses doppelte Spiel:
Der eine will, was ich für ihn nicht habe,
der andere hat nicht, was ich von ihm will.“

Obgleich viele Studien und biographische Essays zu ihren Schriften und zu ihrem Leben vorliegen, umgibt de la Cruz in letzter Instanz immer noch ein Mysterium. Waren ihre Liebesgedichte an Frauen, die etwa ein Drittel ihrer Liebeslyrik ausmachen, nur Dokumente der Bewunderung, der großen Zuneigung? Oder doch des Werbens, des Begehrens? Wie stand es um ihre Identifikation mit ihrem Glauben und wie reagierte man auf die von ihr verfassten, eindeutig feministischen Werke (von denen eines die Märtyrerin und Heilige Katharina besingt – eine Figur, die spannenderweise vermutlich eine Erfindung ist, in der die Geschichte der antiken Philosophin Hypatia umgedeutet wurde).

Klar ist, dass sie sich für das Recht der Frauen auf Bildung und Wissen einsetzte und sich dabei auch mit Autoritäten anlegte. Eines ihrer besten Gedichte rechnet mit der Doppelmoral männlichen Begehrens ab, mit den daran anknüpfenden Vorstellungen von Reinheit und Makel:

„Wenn ihr sie hofiert, dann wollt ihr
sie leicht und zur Liebe begabt
wie Thais. Doch keusch wie Lucrezia
wollt ihr sie, wenn ihr sie habt.
[…]
Ob sie euch erhört oder wegstößt,
keine macht es euch recht:
Ihr spottet, wenn sie euch lieb hat,
doch weh, sie behandelt euch schlecht!
[…]
Weil eure Dummheit kein Maß kennt,
drum messt ihr mit zweierlei:
Der Grausamkeit zeiht ihr die eine,
die andere der Hurerei.

Wie hättet ihr sie denn gerne,
die Dame, die Frau eurer Wahl,
wenn die Spröde euer Gefühl kränkt,
die Willige eure Moral?“
                     
Zwischen Spott und Schwärmen, zwischen der Scharfzüngigkeit eines antiken Epigramms und der Noblesse eine Shakespeare-Sonetts, bewegt sich de la Cruz‘ Lyrik. Die Gattung des Sonetts ist ihre bevorzugte – fast Zweidrittel der Gedichte in diesem Band sind Sonette.

Vieles, was den Hintergrund der Verse betrifft, bleibt unklar, aber das ist ja bei zeitgenössischer Poesie nicht anders und es geht in diesem Buch ja auch nicht um die Person Sor Juana Inés de la Cruz (zumindest nicht nur), sondern um ihre Gedichte. Und die bestechen nach wie vor auf ihre ganz eigene Weise; und sei es nur dadurch, dass sie die längst durchgespielten Liebes-Topoi noch einmal zum Stechen und Funkeln bringen. Viel Revolutionäres ist nicht von ihr erhalten geblieben, aber auch das Wenige ist interessant und, des Öfteren, auch amüsant (und leider auch nach wie vor aktuell).

Dichtung soll uns nicht nur die Welt in schöne Worte kleiden, sondern auch die Stachel und Ambivalenzen herausarbeiten und diese bis nah an uns heran wachsen lassen. In diesem Sinne warnt de la Cruz – die ja selbst immerhin Liebessonette schrieb, eine der kunstvollsten, formellsten Arten der Dichtung – in einem ihrer Gedichte vor dem Trugbild, das der Künstler erschafft. Und weist daraufhin, dass, wenn nicht etwas darin uns fallen lässt, trifft oder verunsichert, wir vermutlich nicht vor einem Kunstwerk stehen, sondern vor einem Werk der Künstlichkeit.

„Dies bunte Trugbild, das du vor dir siehst,
an dem der Maler höchst Kunst aufwendet,
damit du daraus falsche Schlüsse ziehst
und dir der Farben Pracht die Sinne blendet;“


Juana Inés de la Cruz: Nichts Freieres gibt es auf Erden. Spanisch / deutsch. Übersetzt von Heidi König-Porstner. Tübingen (konkursbuch Verlag) 2017. 224 Seiten. 15,00 Euro.
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