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José F. A. Oliver: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

& umdeutendes revier & augenblicklich


zu José F. A. Olivers Istanbulbuch



Ich komme nicht umhin, angesichts dieses Buches prinzipiell zu werden. Die deutschen Medien fahren derzeit auf Grund eines Schmähgedichtes auf den türkischen Präsidenten Erdogan, und dessen irrsinnigen Reaktion darauf, ein meiner Meinung nach unerträgliches Türkeibashing. Zu Grunde liegt dem eine nicht weniger irrsinnige Identifikation von Gesellschaft mit ihren politischen Eliten. Die Vielgestalt eines Landes reduziert sich auf wenige Verse mit Endreim und politisches Geschäum.
Natürlich muss Kunst frei sein, sonst ist sie keine. Aber Kunst muss, um eben jener Freiheit gerecht zu werden, sich selbst in gleichem Maße befreien, darf sich vor niemandes Karren spannen lassen, nicht einmal vor ihren eigenen, denn nur so kann sie zu etwas beitragen, dass durch sie hindurch und über sie hinausgeht. Aufklärung und Verständnis. Vielleicht Veränderung.

Nachdem im letzten Jahr also Barbara Köhlers Istanbulbuch erschienen ist, legt nun José F.A. Oliver im Verlag Matthes & Seitz sein Istanbulbuch vor mit dem Titel, der zugleich auf den Inhalt verweist: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte.

Wie schon Köhler zeigt auch Oliver, um die Stadt fassen zu können, neben Worten Fotografien, Farbfotografien. Es scheint so zu sein, als schiebe die Stadt Istanbul selbst der in Mode gekommenen Verwendung eines artifiziellen Schwarzweiß beiseite.
Ein Foto beispielsweise zeigt eine Parkfläche am Rand des Meeres, an einer Kaimauer, auf der die Stellplätze gelb markiert sind - ein einzelnes ebenso gelbes Auto. Ein Ort der Ruhe im sonst pulsenden Getümmel. Ein Kontrapunkt, denn der beigegebene Text schildert das Chaotische einer Taxifahrt, aber auch wie sich dem Fahrgast im Chaos langsam die Sinne beruhigen.

Das Buch indes setzt ein mit Gedichten, denen man anmerkt, dass die Sinne im ersten Kontakt mit der Stadt aufs höchste aufgewühlt und gespannt sind.

Diese Spannung überträgt sich auf die semantische Struktur. Alles ist Schichtung, übereinandergelegt, Geschichte, Laute und Farbe. Gegenwart und Politik. Mitgebrachtes Wissen, das an der Realität, das am Gesehenen scharfkantig Scherben zersprengt und nach und nach etwas freigibt, das impressionistischer nicht sein kann. Die Ordnung wird aufgewühlt.


wo bind ich an die rast? die zeit
an diesem wandernachmittag
ist eine sich ins läuternde der uhren hergestillte unversehens
sie feilt dem zartgezähmten hungerstrich dem durstmanöver eitelkeiten
(1 hilfebe dürftiges verkeilen im mitgebrachten urteilsmix)


Erst einmal muss man sich etwas zurechtfinden, auch in seiner körperlichen Bedürftigkeit. Etwas zu Essen zu finden im sinnlichen Überangebot der fremden Stadt. Aber je mehr man sich darauf einlässt und durchsteigt, umso mehr werden auch ihre Strukturen sichtbar. Und in den Briefen, die sich den Gedichten anschließen erhalten sie Kontur.

Am Hafenkai von Tarabya liegt festgestampft ein täuschend echter Kunstrasenteppich. Die Illusion ist nahezu perfekt. Dahinter ein Betoncafé. …


Und wie sich das Sprechen beruhigt, kommen auch politische Strukturen zur Sprache. Das Politische bleibt nicht ausgespart. Wie wir Armeniern begegnen, sehen wir auch die Auswirkungen der Ereignisse vom Gezi Park. Istanbul breitet sich aus, begeistert und macht Sorgen. Die schleichende Islamisierung kommt ebenso zur Sprache wie Arbeitslosigkeit. Aber die Stadt trifft eben nicht auf einen Besserwisser wie im eingangs erwähnten Schmähgedicht, sondern auf ein empathisch reflektierendes Subjekt.


José F. A. Oliver: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte. Berlin (Matthes & Seitz Berlin) 2016. 94 Seiten. 19,90 Euro.

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