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Jonas Mekas: Ich hatte keinen Ort

Rezensionen


Jan Kuhlbrodt


Zu Jonas Mekas: "Ich hatte keinen Ort. Tagebücher 1944 – 1955"



„Die besten Dinge brauchen kein Bedürfnis, keinen Anlass oder Grund, sie geschehen, genau so, wie etwas, das man loslässt, runterfällt.“ Jonas Mekas, 1952


Ich habe es natürlich wieder nicht zur Dokumenta geschafft, weder nach Athen, noch nach Kassel. Dennoch ist sie nicht spurlos an mir vorbeigegangen, und ich bin schon froh, dass es Bücher und das Internet gibt, die mir zumindest den Anschein vermitteln, an der Welt teilnehmen zu können, denn im Rahmenprogramm wurden auch Filme gezeigt und sind Bücher veröffentlicht worden, unter anderem Filme des Avantgardefilmers Jonas Mekas und dessen Tagebücher von 1944 bis 1955.

Erschienen sind sie im Leipziger Verlag Spector Books, einem Verlag, der in den letzten Jahren immer wieder zu meiner Bewusstseinserweiterung beitrug, und aus dem Englischen ins Deutsche übertragen wurden sie von Heike Geißler.
    In diesen Tagebüchern werden zwei Dinge enggeführt. Einmal der Heimatverlust, das Treiben einer DP (displaced person) im staatenlosen Raum in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und die Genese einer Künstlerpersönlichkeit, die mit dem Ankommen im New York der 50er Jahre korrespondiert. Dabei verschieben sich sowohl Habitus und Blick.


Mekas wurde 1922 im ländlichen Litauen geboren. Seiner bäuerlichen Herkunft, die ihm natürlich Fertigkeiten einbrachte, er konnte pflügen, melken usw., setze er ein literarisches Interesse entgegen, und früh verstand er sich als Dichter.
    Dem Tagebuch ist zu entnehmen, dass er das, noch bevor er Gedichte schrieb, eher habituell auslebte (ich kann mich an meine Gymnasialzeit erinnern und an meinen Wunsch, in irgendeiner Art Künstler zu sein). Im Weiteren aber schrieb Mekas dann tatsächlich Gedichte, die zunächst im Selbstverlag, dann aber auch in Litauen, wo er heute auch eher als Dichter denn Filmemacher gilt, veröffentlicht wurden.
    Der Text des Tagebuchs setzt 1944 ein. Mekas und sein Bruder Adolfas wollen sich aus dem von deutschen Truppen besetzten Litauen nach Wien durchschlagen, werden von den Deutschen aber aufgegriffen und der Zwangsarbeit zugeführt. Sie arbeiten an der Seite von Kriegsgefangenen an verschiedenen Orten in der Nähe Hamburgs in Rüstungs-betrieben und später auch in der Landwirtschaft, wo ihnen ihre in früher Jugend erlernten Fähigkeiten sehr hilfreich waren.

Die Niederlage der Deutschen aber ist für Jonas und Adolfas Mekas keine Befreiung, denn Litauen wird der Sowjetunion einverleibt, eine Rückkehr ist ihnen aus politischen Gründen unmöglich. Also verbringen sie die folgenden Jahre in verschiedenen DP-Lagern in Deutschland. Diese Zeit macht den Hauptteil des Tagebuches aus.

In den Lagern müssen sie sich gezwungenermaßen neu erfinden. Sie lesen, was ihnen unter die Finger kommt, studieren an der Universität Mainz Philosophie und beobachten, wie nach und nach die Lager leerer werden, ihre Schicksalsgenossen Visa für die verschiedensten Länder erhalten. Sie selbst versuchen nach Israel und später nach Ägypten auszuwandern, von den USA ist noch keine Rede, werden dort aber nicht aufgenommen.
    Letztlich erhalten sie durch die Vermittlung eines Freundes, der ihnen einen Job in Chicago offeriert, eine Einreiseerlaubnis in die USA und machen sich 1950 in einem Schiff voller Auswanderer auf die Seereise. Beim Anblick New Yorks von der Seeseite her schießen sie ihre Chicago-Pläne in den Wind und beschließen, in der Stadt am Hudson River zu bleiben. Sie arbeiten in verschiedensten Jobs, schlagen sich durch. Kurz nach der Ankunft in New York kauft Mekas eine 16mm Filmkamera und beginnt, Momente seines Lebens zu filmen.

Liest man dieses Tagebuch, hat man den Eindruck, dass auch die Beschreibungen und Selbstbeobachtungen über die Jahre immer filmischer werden, dass es also geradezu eine logische Konsequenz ist, das Medium zu wechseln. 1952 notiert er: „Die Oberfläche erzählt alles, du musst deine Träume nicht analysieren; alles ist in deinem Gesicht, deinen Gesten, nichts ist wirklich verborgen, im Unbewussten vergraben: Alles ist sichtbar ...“

Dieses Tagebuch ist ein spannendes Dokument, aber auch eine kurzweilige Lektüre, und es brachte mich dazu, auf der Website von Mekas die dort präsentierten Filme zu schauen. Grandios!



Jonas Mekas: Ich hatte keinen Ort. Tagebücher 1944-1955. Leipzig (Spector Books) 2017. 576 Seiten. 22,00 Euro.


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