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Jonas Gawinski: pinata

Gedichte




pinata
                
               für p. hasemann und p. kyrath



wir malen
schwarze kreuze
auf die gestohlenen pferde
die deine weit gesäten träume
von der erde fressen
wie trockenes schwarzes gras
das auf deinen lippen wächst
in dem ich liege
und mich überfließen lasse
von schlangen
wer beschwört sie zurück in die körbe?
warum legst du ein radio
in den leeren kinderwagen meines gefühls?
schiebst ihn stunden durch den regen
ohne ziel
ohne daran zu denken
den himmel in ein wort zu pressen
wie ein kleines kind
in sein viel zu kleines sommerkleid
auf einem schild
am ende der stadt
steht: gänseblumen pflücken verboten
nackt baden verboten
die erinnerungen könnten sich was abgucken
könnten sich wieder ein nest bauen
zwischen herz und lunge
bis die vögel schlüpfen
und durch deinen körper aus dem hals
dem mund gedichtlippenstiftverschmierten lippen fliegen
wir wussten mal wie wir heißen
die gier der affen ist die gier des dichters
und ich sag dir mal wie bescheuert ich mich fühle
wenn ich deine toten füße küsse
deine toten hände
dein drittes
ausgerissenes auge
(ich glaube der dichter der es dir ausgerissen hat
hat es mit seinem namen verwechselt)
kannst du mich nicht einwickeln
mit deinen gedichten
bevor sie mich steinigen?
mir tief ins fleisch schneiden?
ich will dass man leinwände füllt mit meinem blut
malt schaufenster an
markiert sie
für den großen anschlag
auf die kindheit
kann es nicht so einfach sein wie damals?
mit speeren durch den urwald der monologe
wer sitzt am klavier
heute abend
im wartezimmer der hölle
und welcher doktor wird in unserem roten hals
nach dem hängengeblieben wort suchen
wir schämen uns
weil wir dieses gedicht gefressen haben
liebst du mich
frage ich mein spiegelbild
liebst du dich
fragt mich mein gedicht
liebst du
fragst du mich
nachdem du zurückgekehrt bist
von deiner reise
durch meine augen, schwarze fabriken
HIER WERDEN SÄRGE HERGESTELLT
FÜR SCHAFE
(wer hat die schafe getötet, die so friedlich
weideten? und wer hat den schäferhund
abgelenkt? ihn gefüttert mit meinem gehirn?
wer hat mir das gehirn durch die nase gezogen
mit einem metallhaken, weil er dachte dass ich heilig bin?)
kein wort über die schafe
wenn wir eintreten in unsere alten körper
wie in tempel
keiner pfeifft den schäferhund her
er würde uns in penis, muschi, brüste, seele beißen
und dabei an eine katze denken
aber die frage bleibt ob wir dann noch dieselben sind?
die zeit hat uns am ganzen körper geküsst,
sogar unseren schatten gewaschen
in der regentonne
die zeit ist manchmal der clown,
manchmal der seiltänzer,
wir haben garkeine angst mehr, dass sie
von ihrem dünnen seil fällt
die leute lieben blut
sie bezahlen dafür
wir lieben nur schafe
KEIN WORT VON DEN SCHAFEN!
ruft uns der seiltänzer zu
der clown sitzt da und weint
in sein knittriges taschentuch
wir sagen ihm alles wird gut
er verwandelt eine träne
zu der mirabelle
die wir im sommer essen
unter einem baum
auf dem leeren feld
sie schmeckt so gut und wir haben alles vergessen
sind wieder wir
wieder bauern die alpträume anbauen
alle kommen und wollen uns geheimnisse schenken
wir trauen ihnen nicht
die geheimnisse fahren wie schwäne
in unseren mündern: wer erkennt diese falsche
schönheit, dieses plakative weiß, dieses übertriebene
leuchten und wer malt sie ab?
wer sitzt noch in unserem mund?
auf einem kleinen zungenschiff aus holz
steicht mit den fingern durchs wasser
und schöpft eine handvoll
wenn er raus kommt
wird er dich damit taufen
dann hast du wieder einen namen
jetzt wo du wieder deinen körper hast
aber sag mir ob das pferd
tot auf der veranda liegt?
wann bewegt gott seinen arsch
und stellt es im himmel aus
wer es kaufen will
muss seine seele hergeben
so läuft der deal
er verkauft auch afrikanische masken
willst du eine haben?
nicht dass du eine brauchen würdest
aber sein gesicht zu zeigen
heißt sich interpretieren zu lassen
wir könnten einfach
einen kuss wagen
der uns ein ganzes jahrhundert
unter die lippen näht
nie werden wir vergessen
dass wir sind
nie werden die götter
mit ihrer wolkentinte
unendliche zeilen
auf deine haut schreiben
nie werden mond und sonne
in deinen augen baden
bis sie sieden
und in das kalte becken meiner hand laufen
wen würde ich damit einschmieren?
wir sitzen hier
wiedergeboren
angeln leichen aus dem see
o göttlicher dichter
wo bist du
wer hält dich an der leine
wer spuckt dir ins gesicht
wer täuscht dir einen orgasmus vor
nach dem vers
den ich mir im schlaf
mit edding an die schädeldecke gemalt habe
wer stirbt in diesem vers
um nicht wiedergeboren zu werden
in einem anderen?
o heimlicher dichter
schneide nicht länger die hecken
mit einer fußnagelschere
du musst keine seiten verbrennen
die nicht brennen wollen
du musst nicht denken dein flimmernder schatten
sei eine galaktische schreibmaschine
und du sollst mir nicht mit der miniaturhand
deiner seele an die pochenden schläfen fassen
schenkt euch ein
o ihr verlorenen dichter
milch aus den kühen
die jahrtausende auf flecken das vergessen grasen
die keiner in die landkarte der poesie geschrieben hat
eure segel sind nicht weiß aber meine sind es auch nicht
ich segle trotzdem
auf diesem see
lake hillier
wo keine leichen mehr zu finden sind
vom grund zu fischen
wo eure wracks liegen
seid ihr diese leichen?
seid ihr es wirklich?
wo ist der fernseher in dem ein kind steht
und mit großen augen
millionen menschen anguckt
auf dessen zunge eine vision wächst
und heimlich
in einer herbstnacht
von der zunge springt
wie aus dem fenster
wiedergeboren
lake hillier
o lake hillier
deine leichen
hänge ich als menschliche pinatas
zwischen zwei kirchen
aus denen die kinder fliehen
nach ihrer beichte
und einschlagen auf die toten
ausgemergelten körper
bis sie aufplatzen
wie schale sommerkirschen
und wir die letzten träume
wie gierige hühner
vom boden picken


Jonas Gawinski: unveröffentlichte Erstausgabe, 2014.

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