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John Ashbery: FLOW CHART

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Eine Art Fortbewegung


zu Ashberys Flowchart


Ich habe in den letzten Jahren eine Reihe von langen Gedichten gelesen. Diese Form zieht mich magisch an, vielleicht weil ich in jungen Jahren mit Majakowskis Poemen überhaupt ins Lesen von Lyrik katapultiert wurde. Und dann sind da die Cantos von Pound als dauernde Herausforderung, oder auch ein von Papenfuß übersetztes Werk Rimbereids (Chronik der Zone Greifswalder Bodden und Anrainerplattformen). Jenseits davon empfand ich auch kürzere Texte als lange Gedichte. Merkwürdig war der Eindruck bei der Lektüre der Poems von Andrew Duncan. Dessen Texte haben zuweilen nur ein paar Seiten, erscheinen mir trotzdem wie lange Gedichte, eben wie dieses Flowchart, das mit Übersetzung stolze 380 Seiten aufweist und zuweilen über außergewöhnlich lange Verse verfügt. Zuweilen macht es auch einen prosahaften Eindruck, aber beim Lesen bleibt man dennoch im Modus eines Gesangs.


Worte wiederum sind nicht der Täter. Sie sind schlimmstenfalls ein Placebo
und führen nirgendhin (obwohl nirgend zugegebenermaßen ein lauschiges
Plätzchen sein kann und irgendwo oftmals vorzuziehen), zu banalem, wiewohl nettem Geklimper.



Hier nimmt ein großer Text sich zurück, nicht ohne im Folgenden auf Schrecken Bezug zu nehmen.



Bogen um Bogen mit ihnen zu bedecken garantiert noch keinen Erfolg
führt aber auch nicht automatisch in den Ruin, her mit der Guillotine;
lässt, im Mittelgrund, so etwas wie ein ewiges Leichenschauhaus, einen See des Bedauerns.


Ein wenig erschrecke ich vor der Auswahl dieses Zitats, zeigt es doch nicht die zuweilen pralle Zugewandtheit des Textes, aber er verweist auf dessen Bewusstsein der eigenen Grenze, woraus sich allein die innere Vielheit entwickelt, in der dann auch das banale Wort Teebeutel auftauchen kann. Wie ein antikes Schiff sich immer in Sichtweite des Strandes bewegte, kreuzt Flowchart vor den Stränden der Sprache und ihrer Semantik. Dieses Werk gilt als das Hauptwerk Ashberys, und das wahrscheinlich nicht nur der Länge wegen und der Anklänge an Homer und Pound, die sich darin finden. Streng postmodern, könnte man sagen, nimmt der Text seinen Ausgang von der gedruckten Stadt und findet von da seinen Weg zum sprachlichen Meer.

Hier nimmt er sofort Fahrt auf, und zieht seine Spur durch Wellen von Bezügen und Konnotationen. Man begegnet auf dieser Odyssee durch die Sprache den Abgründen aber auch den idyllischen Gestaden der Rede. Schwer ist wiederzugeben, was selber zwar kunstvoll, zugleich aber auch Referat in ausladenden Sätzen ist, die sich in lange oder kurze Verse gliedern. Und immer wieder begegnet man der Selbstreferenz.
Postmoderne Ornamentik überall. Gedankenmuster die sich aus Literatur jeder Art speisen.


Aber:

Niemand muss sich bei jeder neuen Begegnung mit anderem oder ansatzweise neuem
              neu erfinden
Nirgends steht, dass jüngste Überholungen Ergebnisse zeitigen werden.


In diesen Versen, oder in der Überlegung, die sie zeitigt, liegt wahrscheinlich der Reiz und das Problem dieses Textes, vielleicht ist es das Problem der Unbestimmtheit, dass den Reiz erst ausmacht. Der Text ist eine Referenzlawine, das muss man aushalten, und man darf nicht verzweifeln, wenn man nicht alle Fäden zu fassen bekommt. Ratlosigkeit gehört zur Lektüre. Seine Sprache ist im Fluss und bildet den Fluss, auf dem wir reisen.

Lange Gedichte sind zunächst einmal lang. Man erlaube mir diesen unpräzisen Ausdruck, aber Länge ist hier eine ästhetische Bestimmung und nicht unbedingt an der Seitenzahl oder der Anzahl der Verse zu messen. Auch bedeutet dieses „Lang“ nicht unbedingt komplex (obwohl Komplexität nicht ausgeschlossen ist) und schon gar nicht langatmig. Lang ist keine Drohung, sondern Verheißung, eine Verheißung die in Flowchart auf weite Strecken eingelöst wird.

Vielleicht kann man sagen, dass lange Gedichte über weite Strecken erzählend sind, oder wie im vorliegenden Fall erzählend scheinen, denn Ashbery verzichtet auf eine örtlich und zeitlich genaue Bestimmung der Handlung in seinem langen Gedicht, der Raum ist die Sprache und dieses Gedicht erzählt sich selbst. Bei der Lektüre ist mir das Wort Sprachraum in einem ganz anderen Sinn, als ich es bisher benutzte, also entgegen der nationalsprachlichen Abgrenzung, zu Bewusstsein gekommen.

Aber natürlich handelt es sich bei Flowchart auch um eine Übersetzung. Der Text wurde von Matthias Göritz und Uda Strätling ins Deutsche gebracht. Beim ersten Lesen wachte ich fast eifersüchtig über den Urtext und meinte an manchen Stellen Unsauberkeiten in der Übertragung zu finden, dann regte ich mich unheimlich auf. Aber im Fortgang der Lektüre stellte sich gewissermaßen ein Gewöhnungseffekt ein, und vielleicht ist auch das ein Effekt des langen Gedichtes, dass man lernt, damit zu leben. Und diese Gelassenheit ist für mich ein Gewinn. Flowchart gehört nun seit einigen Monaten zum Inventar meines Zimmers und so wird es wohl bleiben.

Einen schikanösen Augenblick lang zeigte uns die Wildnis die Zunge;

so heißt es im hinteren Teil des Textes. Und ja, es war eine papierne Wildnis mit einer Zunge aus Druckerschwärze. Aber dieser Anblick erzeugte einen Sog, der mich anzog und mich für lange Zeit mit einem Text verbindet, einen Text den ich nicht verstehe, der so also meiner Welt gleich wird; aber ich durchwandere oder besser durchschwimme Flowchart Stück für Stück und kann den Text aufnehmen und verzeichnen. Aber vielleicht ist eben dieses Aufnehmen ein Verstehen, ein die Signaturen Erkennen.



John Ashbery: FLOWCHART / Flussbild. Langgedicht. Zweisprachig. Übers. Matthias Göritz und Uda Strätling. Wiesbaden (Luxbooks) 2013. 284 S., 29,80 Euro.


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