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Johann Wolfgang von Goethe: Die Vögel (nach Aristophanes)

Flügeltüren


Johann Wolfgang von Goethe.

Die Vögel.
Nach dem Aristophanes.


(1787)


Personen.

Treufreund, als Scapin.

Hoffegut, als Pierrot.

Schuhu.

Papagey.

Chor der Vögel.



Waldiges, felsiges Thal
auf einem hohen Berggipfel, im Grunde eine Ruine.



Hoffegut
(von der einen Seite oben auf dem Felsen). O gefährlicher Stieg! o unglückseliger Weg!
Treufreund (auf der andern Seite in der Höhe ungesehn.) Still! Ich hör' ihn wieder. – Houp!
Hoffegut (antwortend). Houp!
Treufreund. Auf welche Klippe hast du dich verirrt?
Hoffegut. Weh mir! o weh!
Treufreund. Geduldig, mein Freund!
Hoffegut. Ich stecke in Dornen.
Treufreund. Nur gelassen!
Hoffegut. Auf dem feuchten betriegrischen Moos schwindl' ich am Abhang des Felsens!
Treufreund. Immer ruhig! – Mach' dich herunter! Da seh' ich ein Wieschen!
Hoffegut. Ich fall', ich falle!
Treufreund. Nur sachte! ich komme gleich!
Hoffegut. Au, au, ich liege schon unten!
Treufreund. Wart', ich will dich aufheben!
Hoffegut (auf der Erde liegend). O daß den bösen Verführer, den landstreicherischen Gesellen,

den wagehalsigen Kletterer die Götter verderblich verdürben!

Treufreund. Was schreyst du?
Hoffegut. Ich verwünsche dich!
Treufreund (den man oben auf dem Felsen auf allen Vieren erblickt). Hier ist der Muscus

cyperoides polytrichocarpomanidoides.

Hoffegut. Er bringt mich um.
Treufreund. Hier ist der Lichen canescens pigerrimus, welch eine traurige Figur!
Hoffegut. Mir sind alle Gebeine zerschellt.
Treufreund. Siehst du, was die Wissenschaft für ein Nothanker ist! In den höchsten Lüften auf

den rauhsten Felsen findet der unterrichtete Mensch Unterhaltung.

Hoffegut. Ich wollte, du müßtest im tiefsten Meergrund' ein Conchiliencabinet zusammen lesen,

und ich wäre, wo ich herkomme!

Treufreund. Ist dir's nicht wohl? Es ist so eine reine Luft da oben.
Hoffegut. Ich spür's am Athem!
Treufreund. Hast du dich umgesehen? Welche treffliche Aussicht!
Hoffegut. Die kann mir nichts helfen.
Treufreund. Du bist wie ein Stein –
Hoffegut. Wenn die Kälte ausschlägt! ich schwitze über und über.
Treufreund (herunter kommend). Das ist heilsam; und ich versichere dich, wir sind am rechten

Ort –

Hoffegut. Ich wollte, wir wären wieder unten –
Treufreund. Und sind den nächsten Weg gegangen.
Hoffegut. Ja, grad' auf, aber ein Paar Stunden länger. Ich kann kein Glied rühren, von der Müh'

und vom Fall. Weh! o weh!

Treufreund (hebt ihn auf). Nu, nu, du hängst ja noch zusammen.
Hoffegut. O müß' es Allen denen so ergehen, die zu Hause unzufrieden sind!
Treufreund. Faß' dich, faß' dich!
Hoffegut. Wir hatten wenigstens zu essen und zu trinken –
Treufreund. Wenn uns Jemand borgte, oder es was zu schmarutzen gab.
Hoffegut. Warm im Winter –
Treufreund. So lange wir im Bette lagen.
Hoffegut. Keine Strapazen; und es waren gewiß Leute schlimmer dran als wir, die wir wie

unsinnig in die Welt hinein rennen und was Tolles auf die tollste Art aufsuchen.

Treufreund (gegen die Zuschauer). Unsere Geschichte ist mit wenigen Worten diese: Wir

konnten's in der Stadt nicht mehr aushalten. Denn, ob wir gleich nicht viel verlangten, so kriegten wir doch immer weniger als wir hofften; was wir thaten wurde gut bezahlt, und wir hatten immer weniger als wir brauchten; wir schränkten uns auf alle mögliche Weise ein, und konnten niemahls auskommen. Wir lebten gern auf unsere Weise, und konnten selten eine Gesellschaft finden, die für uns paßte. Kurz, wir sehnten uns nach einem neuen Lande, wo's eben anders zuginge.

Hoffegut. Und haben uns auf dem Wege vortrefflich verbessert.
Treufreund. Der Ausgang gibt den Thaten ihre Titel. – Große Verdienste bleiben in den neuern

Zeiten selten verborgen; es gibt Journale, wo man jede edle Handlung gleich verewigt. Wir haben gehört, daß auf dem Gipfel dieses überhohen Berges ein Schuhu wohnt, der mit nichts zufrieden ist, und dem wir deßwegen große Kenntnisse zuschreiben. Sie nennen ihn im ganzen Lande den Kriticus. Er sitzt den Tag über zu Hause, und denkt Alles durch, was die Leute gestern gethan haben, und ist immer noch ein Mahl so gescheidt, als einer der vom Rathhaus kommt. Wir vermuthen, daß er alle Städte, obwohl nur bey Nacht, wie der hinkende Teufel, wird gesehen haben, und daß er uns einen Ort wird anzeigen können, wo wir mit Vergnügen unser Leben zubringen mögen. Sieh doch, sieh, das schöne Gemäuer dahinten! Ist's doch als wenn die Feen es hin gehext hätten.

Hoffegut. Entzückst du dich wieder über die alten Steine?
Treufreund. Gewiß dahinten wohnt er. Heda, he! Schuhu! he! he! Herr Schuhu! Ist Niemand zu

Hause?

Papagey (tritt auf und spricht schnarrend). Herren, meine Herren! Wie haben wir die Ehre? Wo

kommen Sie her? Welch eine angenehme Überraschung!

Treufreund. Wir kommen den Herrn Schuhu hier oben aufzusuchen.
Hoffegut. Und haben fast die Hälse gebrochen, um die Ehre zu haben ihm aufzuwarten.
Papagey. Was thut man nicht, um die Bekanntschaft eines großen Mannes zu gewinnen! Sie

werden meinem Herrn willkommen seyn. Wenn er gleich kein freundlich Gesicht macht, so sieht er's doch gern, wenn man ihn besucht.

Treufreund. Sind Sie sein Diener?
Papagey. Ja, so lang' als mir's denkt.
Hoffegut. Wie ist denn Ihr Nahme?
Papagey. Man heißt mich den Leser.
Treufreund. Den Leser!
Papagey. Und von Geschlecht bin ich ein Papagey.
Hoffegut. Das hätt' ich Ihnen eher angesehen.
Treufreund. Seyd ihr denn mit euerm Herrn zufrieden?
Papagey. Ach ja, ja. Wir schicken uns recht für einander. Er denkt den ganzen Tag, und ich denke

gar nichts; er urtheilt über Alles, und das ist mir sehr recht, da brauch' ich's nicht zu thun. Wenn mir so was recht in der Seele wohl thut, wenn ich's auswendig gelernt habe, ich mich den ganzen Tag mit trage, da geh' ich eben des Abends hin und frage ihn, ob's auch was taugt?

Treufreund. Ihr müßt aber hier jämmerliche lange Weile haben.
Papagey. Glaubt das nicht; wir sind von Allem unterrichtet.
Hoffegut. Was thut und treibt ihr aber den ganzen Tag?
Papagey. Je nun, wir warten eben bis der Abend kommt,
Treufreund. Ihr habt aber wahrscheinlich noch besondre Liebhabereyen?
Papagey. Ich bin ein erklärter Freund von Nachtigallen, Lerchen und andern dergleichen

Singvögeln. Ganze Stunden lang bey Tag und Nacht kann ich stehen und ihnen zuhören, und so entzückt seyn, so selig seyn, daß ich manchmahl meine, die Federn müßten mir vom Leibe fließen. Zum Unglück ist mein Herr auch sehr auf diese Thierchen gestellt, nur von einer andern Seite; wo er eins habhaft werden kann, schnaps! hat er's bey'm Kopfe und rupft's. Kaum ein Paar hat er auf mein inständiges Bitten hier oben leben lassen, und just nicht die besten.

Treufreund. Ihr solltet ihm remonstriren.
Papagey. Das hilft nichts, wenn er hungrig ist.
Hoffegut. Ihr solltet ihm ander Futter unterschieben.
Papagey. Das geschieht auch, solang's möglich ist, und das ist eben mein Leidwesen. Wenn's nur

immer Mäuse gäbe. Denn Mäuse find't er so delicieux wie Lerchen. und die schönste Lerche schnabelirt er wie eine Maus.

Hoffegut. Warum dient ihr ihm denn aber?
Papagey. Er ist nun einmahl Herr.
Hoffegut. Ich ließ' ihn hier oben in seiner Wüste, und suchte mir dort unten so ein schönes,

allerliebstes, dichtes, feuchtliches Hölzchen, das voller Nachtigallen wäre, und wo die Lerchen über dem Felde dran zu Hunderten in der Luft herum sängen; da wollte ich mir's recht wohl werden lassen!

Papagey. Ach wenn's nur schon so wäre!
Treufreund. Nun so macht, daß ihr von ihm los kommt.
Papagey. Wie soll ich's anfangen?
Hoffegut. Gibt er euch denn so gute Nahrung, daß ihr's wo anders nicht besser haben könnt?
Papagey. Behüte Gott! Ich muß mir mein Bißchen selbst suchen. Ja, wenn ich Gebeine und

Gerippe fressen könnte; das ist Alles, was er von seinen Mahlzeiten übrig läßt.

Treufreund. Das heiße ich ein Attachement! Macht doch, daß wir einen Herrn kennen lernen, der

so einen treuen Diener verdient.

Papagey. Nur stille, stille, daß ihr ihn nicht aufweckt! denn wenn man ihn aus den Träumen stört,

da ist er so unartig wie ein Kind; sonst ist er ein recht gesetzter Mann. Doch ich höre, daß er eben von seinem Mittagsschläfchen erwacht, sich schüttelt; da ist er am freundlichsten; ich will euch melden. – Mein theurer Herr, ich bitte euch, hier sind ein Paar liebenswürdige Fremde! Der Himmel ist bedeckt, es wird euern Augen nichts schaden.

Schuhu (tritt auf.) Über was verlangen die Herrn mein Urtheil?
Treufreund. Nicht sowohl Urtheil als guten Rath.
Papagey. Das ist eben recht seine Sache. Ich habe noch nicht gesehen, daß Einer etwas gemacht

hat, den er nicht hinterdrein mit der Nase auf's Beßre gestoßen hätte.

Schuhu. Einen guten Rath, meine Herren?
Hoffegut. Oder auch eine Nachricht, wie Sie's nehmen wollen.
Papagey. Damit wird er Ihnen auch dienen können; denn er ist von Allem unterrichtet.
Schuhu. Ja, ich habe Correspondenz mit allen Malcontenten in der ganzen Welt; da erhalte ich

die geheimsten Nachrichten, Papiere und Documente; und wenn man mit Leuten spricht, die unzufrieden sind, da erfährt man recht die Wahrheit.

Treufreund. Ganz natürlich!
Hoffegut. Ohne Zweifel.
Papagey. O gewiß!
Schuhu. Ich habe meine rechte Freude, allen Vögeln bange zu machen. Es wird keinem wohl,

wenn er mich nur von weitem wittert. Sie führen ein Gekreische und Gekrächze und Gekrakse, und können, wie ein schimpfendes altes Weib, gar von dem Orte nicht wegkommen, wo man sie ärgert. Es ist aber auch Einer oder der Andere sich bewußt, daß ich ihm seine Jungen anatomirt habe, um ihm zu zeigen, wie er ihnen hätte sollen schärfere Flügel, rüstigere Schnäbel und wohlgebautere Beine anschaffen.

Treufreund. Wir haben uns also an die rechte Schmiede gewendet; denn wir suchen eine Stadt,

einen Staat, wo wir uns besser befänden, als da, wo wir herkommen.

Schuhu. Wenn Sie Nachricht haben wollten von einem wo's schlimmer hergeht, damit könnt' ich

eher dienen. Seyn Sie versichert, kein Volk in der Welt weiß sich aufzuführen, und kein König zu regieren.

Hoffegut. Und sie leben doch Alle.
Schuhu. Das ist eben das Schlimmste. Aber was vertreibt Sie aus Ihrem Vaterlande?
Treufreund. Die ganz unerträgliche Einrichtung. Bedenken Sie, wenn wir zu Hause saßen und

ein Pfeifchen Tabak rauchten, oder in's Wirthshaus gingen und uns ein Gläschen alten Wein schmecken ließen, wollte uns kein Mensch für unsere Mühe bezahlen. Was wir am liebsten thaten, war am strengsten verbothen, und wenn wir es ja einmahl doch probirten, wurden wir für unsere gute Meinung noch dazu gestraft.

Schuhu. Sie scheinen seltsame Begriffe zu haben.
Hoffegut. O nein! unsere meisten Freunde sind so gesinnt.
Schuhu. Allein, was für eine Stadt suchen Sie eigentlich?
Treufreund. O eine ganz unvergleichliche! so eine weiche, wohlgepolsterte – so eine, wo's einem

immer wohl wäre.

Schuhu. Es gibt verschiedene Arten von Wohlseyn.
Treufreund. Eine Stadt, wo es einem nicht fehlen könnte, alle Tage an eine wohlbesetzte Tafel

geladen zu werden.

Schuhu. Hm!
Hoffegut. So eine Stadt, wo vornehme Leute die Vortheile ihres Standes mit uns geringern zu

theilen bereit wären.

Schuhu. He!
Treufreund. Eben eine Stadt, wo die Regenten fühlten, wie es dem Volk, wie es einem armen

Teufel zu Muthe ist.

Schuhu. Gut!
Hoffegut. Ja, eine Stadt, wo reiche Leute Zinsen gäben, damit man ihnen nur das Geld abnähme

und verwahrte.

Schuhu. So!
Treufreund. Eine Stadt, wo Enthusiasmus lebte, wo ein Mann, der eine edle That gethan, der ein

gutes Buch geschrieben hätte, gleich auf zeitlebens in Allem frey gehalten würde.

Schuhu. Sind Sie ein Schriftsteller?
Treufreund. Ey wohl!
Schuhu. Sie auch?
Hoffegut. Freylich! wie alle meine Landsleute.
Schuhu. Da gehören Sie vor meinen Stuhl.
Hoffegut. Wenn Sie was dazu beytragen können, so sorgen Sie, daß wir besser bezahlt werden.
Schuhu. Das bekümmert mich nicht.
Treufreund. Daß wir nicht nachgedruckt werden.
Schuhu. Das geht mich nichts an.
Hoffegut. Eine Stadt, wo Vater und Mutter nicht gleich so gräßliche Gesichter schnitten, wenn

man sich ihren liebenswürdigen Töchtern nähert.

Schuhu. Wie?
Treufreund. So eine Stadt, wo Ehemänner einen Begriff von dem bedrängten Zustande eines

unverheiratheten wohlgesinnten Jünglings hätten.

Schuhu. Was?
Hoffegut. Eine Stadt, wo ein glücklicher Autor weder Schuster noch Schneider, weder Fleischer

noch Wirth zu bezahlen brauchte, da wo mir selbst ein niedliches Schätzchen ihre Annehmlichkeiten gratis aufdränge, weil ich einmahl gewußt habe, ihr Herz zu rühren.

Schuhu. Zu wem, denkt ihr, daß ihr gekommen seyd?
Treufreund. Wie so?
Schuhu. Wo finde ich Worte, die eure Ungezogenheit ausdrücken?
Hoffegut. Sonst habt ihr deren doch einen guten Vorrath.
Schuhu. Schändlich! und was schlimmer ist, abscheulich! und was schlimmer ist, gottlos! und

was schlimmer ist, abgeschmackt!

Treufreund. Er hat die Leiter erstiegen.
Schuhu. Für euch ist kein Weg als in's Zucht- oder in's Tollhaus. (Ab.)
Papagey. Aber um Gottes willen! was macht ihr, ihr Herren? Ihr scheint ja so vernünftige Leute,

und mein Herr ist so ein vernünftiger Herr!

Treufreund. Das macht, daß just vernünftige Leute sich unter einander am wenigsten vertragen

können.

Papagey. So einen ernsthaften Mann, den Vogel der Vögel!
Treufreund. O ja! er gleicht dem Wiedehopf, denn er macht sein Nest aus Quark.
Hoffegut. Oder dem Guckguck, denn er legt seine Eyer in fremde Nester.
Papagey. Meine Herren, ich leide ganz erbärmlich!
Treufreund. Wir auch – an Hunger und Durst.
Papagey. Ach, meine Leiden sind viel grausamer, es sind Seelenleiden. Ist's denn nicht möglich.

daß treffliche, mit so vielen Gaben ausgerüstete und ausgezeichnete Männer auf Einen Zweck wirken, und vereint das Gute, das Vollkommene erschaffen können?

Hoffegut. Es wird sich schon finden. Ich dächte, ihr rettetet indeß die Hausehre und gäbt uns was

zum Besten.

Papagey. Die Herren scheinen sonderliche Kenner zu seyn. Erlauben Sie nicht, daß ich Ihnen

meine Nachtigallen und meine Lerchen producire?

Hoffegut. Schaum und Wind!
Papagey. Nun sollt ihr sie hören, meine lieblichen, allerliebsten, unsere Stunden mit ewiger

Freude umkränzenden Sängerinnen.

Treufreund. Leser, lieber Leser!
Papagey. O du kleine, leichtbewegliche aufspringende, schwirrende, schmetternde, hellklingende

Lerche, du Gast der frisch gepflügten Erde, laß deine Stimme hören, und schaffe neue Bewunderung und Freude!

Treufreund. Der wäre vortrefflich, eine Ode auf eine mittelmäßige Actrice zu machen.

(Die Lerche hinter der Scene singt, während der Zeit der Papagey sein unendliches Entzücken und die Zuhörer ihre Verwunderung äußern.)


Papagey. Dank dir, heißen Dank!
Treufreund. Hunger, heißen Hunger!
Hoffegut. Durst, heißen Durst! Ist nicht irgend eine Quelle hier in der Nachbarschaft?
Treufreund. Gibt's keine Heidelbeeren, Himbeeren, Mehlbeeren, Brombeeren hier oben, daß ich

dem Scheidewasser meines Magens nur etwas zur Nahrung einfüllen könnte?

Papagey. Ihr sollt meine Nachtigall hören, die sanftzaubernde Huldinn, die Beseelerinn der

Nächte! – Wecke, rufe hervor jedes schlummernde Gefühlchen! belebe mir Wollust jeden Flaum, und mache mich von der Kralle bis zum Schnabel ganz zur Empfindung!

Hoffegut. Wenn sie sich nur kurz faßt!
Treufreund. Das ist gar ihre Art nicht. Wenn so eine Nachtigall einmahl in's Schlagen kommt, da

muß man ihr den Hals umdrehen, wenn sie aufhören soll.


(Nachtigall hinter der Scene, eine lange zärtliche Arie nach Belieben.)


Papagey. Brav! brav! das ist ein Ausdruck! eine Mannigfaltigkeit!
Treufreund. Mir ist's, als wär' ich in der deutschen Komödie, es will gar kein Ende nehmen.
Hoffegut. Sie hat eine hübsche Stimme, ich möchte sie doch in der Nähe sehen.
Papagey. Nun noch zu guter Letzt ein Rondeau von der allerliebsten Lerche; sie hat so was

Humoristisches in ihrem Gesange.


(Rondeau von der Lerche, während dessen Treufreund den Tact tritt, und zuletzt Bewegungen macht, wie einer der tanzen will.)


Papagey. Um Gotteswillen, wer wird den Tact treten? Merkt doch auf den Ausdruck!
Treufreund. Der Tact ist das Einzige, was ich von der Musik höre; da fährt's einem so recht in

die Beine.


(Das Rondeau geht fort. Treufreund fängt an für sich zu tanzen.)


Treufreund. Ich glaube, ich werde toll vor Hunger.

(Hoffegut wird auch angesteckt. Der Schuhu kommt und ruft.)


Schuhu. Soll denn des Gelärms noch kein Ende werden?

(Treufreund kriegt den Schuhu und Hoffegut den Papagey zu fassen, und nöthigen sie zu tanzen. Wie das Rondeau zu Ende ist, klatschen Treufreund und Hoffegut in die Hände und rufen: Bravo! bravo! – Hinter der Scene entsteht ein Getümmel.)


Hoffegut. Was hör' ich! welch ein Geschrey! welch ein Geräusch!
Treufreund. Die Äste werden lebendig.
Hoffegut. Ich höre piepsen und kraksen, und sehe eine Versammlung unzähliger Vögel.
Die Vögel (kommen nach und nach herein).
Treufreund. Welch ein buntes, abgeschmacktes Gefieder! Lauter Tagvögel! Sie spüren ihren

nächtlichen Feind, den mächtigen Kriticus.

Hoffegut. Welch ein abenteuerlicher Kamm! Wie das Thier sich verwundert!
Treufreund. Dieser hat sich noch ärger ausgeputzt und sieht noch alberner aus.
Hoffegut. Sieh den Dritten, wie er wichtig thut! Sie berathschlagen sich unter einander.
Treufreund. Bis sie einig werden, haben wir gute Zeit.
Hoffegut. O weh mir! Der Haufe vermehrt sich. Sieh diese kleine Brut, diesen gefährlichen

Anflug! Wie's trippelt, wie's stutzt, wie's hüpft, scheut, und wiederkommt! Weh' uns! weh! – O welche Wolke von scheußlichen Creaturen! Welch ein schändlicher Tod droht uns von abscheulichen Feinden!

Treufreund. Warum nicht gar! Ich habe Appetit sie zu fressen.
Hoffegut. Ein Wagehals nimmt kein gutes Ende; davon haben wir die Exempel in der Historie.

Du wirst umkommen, und ich werde umkommen, und ich werde nicht das mindeste Vergnügen davon gehabt haben.

Treufreund. Hast du die Geschichte des Regulus gelesen?
Hoffegut. Leider!
Treufreund. Des Cicero?
Hoffegut. Nun ja!
Treufreund. Kein großer Mann muß eines natürlichen Todes sterben.
Hoffegut. Hättest du mir das eher gesagt!
Treufreund. Es ist noch immer Zeit.
Hoffegut. Hast du mir darum solche Lehren gegeben? mir immer vorgesagt, daß ein Mensch

leben müsse, als wenn er hundert Jahr alt werden wollte; daß er sich ordentlich, mäßig, keusch und in allen Dingen sparsam erzeigen müsse? Hast du mir nicht eine brave, niedliche Frau versprochen, wenn ich mich aufführte, wie sich unsere jungen Leute nicht aufführen? – und nun soll ich so schändlich untergehen! Hätt' ich das eher gewußt, ich hätte mir wollen mein Bißchen junges Leben zu Nutze machen.

Treufreund. Laß dich deine Tugend nicht gereuen!
Hoffegut. Sie schmieden einen Anschlag, sie wetzen ihre Schnäbel, sie schließen sich in Reihen;

sie fallen uns an!

Treufreund. Halte den Rücken frey, drücke den Schlapphut in's Gesicht, und wehre dich mit dem

Ärmel! Jedem Thier und jedem Narren haben die Götter seine Vertheidigungswaffen gegeben.

Erster Vogel. Versäumt keinen Augenblick! Sie sind's! unsere gefährlichsten Feinde! Es sind

Menschen!

Zweyter Vogel. Vogelsteller? Verschonet keinen! Fallet sie an mit vereinten Kräften, mit

schneller Gewalt!

Chor der Vögel. Pickt und kratzt und krammt und hacket,

Bohrt und krallet den verwegnen,
Den verfluchten Vogelstellern
Ungesäumt die Augen aus!

Schlagt und klatscht dann mit den Flügeln
Ihre Wangen, ihre Lippen,
Die uns zum Verderben pfeifen,
Ihre mordgesinnten Schläfe;
Daß sie taumelnd niederstürzen!

Und dann zerrt und reißt euch gierig,
Keiner sie dem Andern gönnend,
Um die vielgeliebten Augen!
Schlänkert die geliebten Bissen
Sie gemächlich zu verschlucken!
Jagt euch um die Leckerbissen!
Selig wer den Fraß verschlingt!


Hoffegut. Wer wird sich der Menge entgegensetzen!
Treufreund. Freylich nicht allein mit zehn Fingern. Die größten Generale loben die

Verschanzungen. Hier, mein Freund, ist das Rüst- und Zeughaus unsers alten großglasäugigen Kriticus. Diese Geräthschaften und Waffen sind uns gerade willkommen. Hier ist ein Ballen, noch einer, und noch einer.


(Die Ballen und Bücher werden nach und nach von beyden Freunden herausgeschafft, und eine Art von Festung aufgebauet. An den Ballen kann außen angeschrieben stehn, aus welchem Fache die Bücher sind )


Lauter neue Bücher, die er nach dem Geruche recensirt hat! Hier sind die großen Lexica, die großen Krambuden der Litteratur, wo jeder einzeln sein Bedürfniß pfennigweise nach dem Alphabet abhohlen kann! – Nun wären wir von unten auf gesichert, denn jene verfluchten kleinen Kröten scheinen uns von gefährlichen Seiten angreifen zu wollen. Halt' hier! halt' fest!

Hoffegut. Was soll ich weiter hohlen? Es geht verflucht langsam mit unserer Verschanzung im

Angesicht der Feinde.

Treufreund. Sey nur still, das ist homerisch.

(Die nachbenannten Geräthschaften müssen colossalisch und in die Augen fallend seyn, besonders die Feder und das Tintenfaß)


Nimm zuerst diesen knotigen Prügel, womit der Kriticus alles junge Geziefer auf der Stelle breit zu schlagen pflegt! Nimm diese Peitschen, mit denen er, sich gegen den Muthwillen waffnend, die Ungezogenheit noch ungezogener macht! Nimm diese Blasröhre, womit er ehrwürdigen Leuten die er nicht erreichen kann, Lettenkugeln in die Perrücke schießt – und so wehre dich gegen Jeden in seiner Art! Hier, nimm das Tintenfaß und die große Feder, und beschmiere damit dem Ersten, der mit buntem Gefieder herankommt, die Flügel; denn wer die Gefahr nicht scheut, fürchtet doch verunziert zu werden. Halte dich wohl! fürchte nichts! und wenn du Schläge kriegst, so denke, daß sie dem Tapfern wie dem Feigen von den Göttern zugemessen sind.

Hoffegut. Ich bin ein lebendiges Herz.
Chor. Pickt und kratzt und krammt und hacket,

Bohrt und krallet den verwegnen,
Den verfluchten Vogelstellern
Ungesäumt die Augen aus!

Papagey. Bedenkt, meine Freunde! hört das Wort der Vernunft!
Erster Vogel. Bist du auch hier? Zerreißt den Verräther zuerst!
Zweyter Vogel. Er hat sie eingeführt, er muß mit ihnen sterben.
Dritter Vogel. Du verfluchter Sprecher!

(Sie hacken auf den Papagey und treiben ihn fort.)


Treufreund. Sie scheinen getheilt. Man muß sie nicht zu Athem kommen lassen.
Hoffegut. Nur immerzu!
Treufreund. Diese Nation ist in ihrer Kindheit. Ich habe von den Seefahrern gehört, daß man

dergleichen Völker durch Honnetetät am ersten betriegen kann. Ich werde diese Stöcke wegwerfen, wirf die Peitsche aus der Hand! Siehst du, wie sie Acht geben und sich verwundern?

Hoffegut. Ich sehe, wie sie ihre Schnäbel auf uns richten, und uns grimmig zu zerhacken drohen.
Treufreund. Ich entäußerte mich dieser Feder, ich setze das Tintenfaß bey Seite, ich demolire die

Festung.

Hoffegut. Bist du rasend?
Treufreund. Ich glaube an Menschheit.
Hoffegut. Unter den Vögeln?
Treufreund. Am ersten.
Hoffegut. Was wird das werden!
Treufreund. Weißt du nicht, daß die Gegenwart eines großen Mannes ihm alle seine Feinde

versöhnt?

Hoffegut. Wenn sie Narren sind.
Treufreund. Das ist eben, was wir versuchen wollen.
Hoffegut. Nun so mach deine Sache!
Treufreund (tritt vor). Nur einen Augenblick euern raschen, auf unser Verderben gerichteten

Entschluß mit Überlegung zurückzuhalten, wird euch zum ewigen Ruhm gereichen, geflügelte Völker! die ihr vor andern euers Geschlechts so ausgezeichnet seyd, daß ihr nicht bloß mit Gekrakse und Geschrey in den Lüften hin und her fahret; sondern durch die himmlische Gabe der Rede und vernehmlicher Worte euch zu versammeln und gemeinschaftlich zu handeln vermögt! Großes Geschenk der alten Parze! Etwas zum Schaden Bekannter oder Unbekannter vornehmen, kann uns der größte Vorwurf werden; dagegen es immer lobenswürdig ist, auch wenn wir etwas für gut erkennen, die Erinnerungen derer anzuhören, die, bekannter mit uns verborgenen Umständen, unserm rasch gefaßten Entschluß eine bessere Richtung zu geben wissen.

Erster Vogel. Er spricht gut.
Zweyter Vogel. Ganz allerliebst.
Dritter Vogel. Ich wollte, ihr hörtet die Sache, nicht die Worte.
Hoffegut. Es ist, als wenn ein Franzos unter die Deutschen kommt.
Treufreund. Oder ein Virtuos unter Liebhaber.
Dritter Vogel. Laßt sie nicht reden! folgt euerm Entschluß! Wer Gründe anhört, kommt in Gefahr

nachzugeben.

Hoffegut (zu Treufreund). Es wird dir nichts helfen.
Treufreund. Gib nur Acht wie ich pfeife (Zu den Vögeln.) Ihr seyd in Gefahr, euch selbst einen

großen Schaden zu thun, indem ihr eure nächsten Verwandte und besten Freunde aus Mißverständniß zu tödten bereit seyd.

Erster Vogel. Mit keinem Menschen sind wir verwandt noch freund. Ihr sollt umkommen, wir

haben's wohl überlegt.

Treufreund. Und irrt euch doch. Denn freylich, das ganz Unwahrscheinliche vorauszusehn und

zu bedenken, kann man von keinem Rathe erwarten. Wir scheinen euch feindselig hier zu seyn, und sind die besten, edelsten, uneigennützigsten von euern Freunden, sind keine Menschen, sind Vögel.

Zweyter Vogel. Ihr! – Vögel? Welch eine unverschämte Lüge! Wo habt ihr eure Federn?
Treufreund. Wir sind in der Mause; wir haben sie alle verloren.
Vierter Vogel. Zu welchem Geschlecht wagt ihr euch zu rechnen?
Treufreund. Die Seefahrer haben uns vom Südpole mitgebracht. Dieses ist der Otahitische

Mistfinke, nach dem Linné Monedula ryparocandula; und ich bin von den Freundsinseln, der große Hosenkackerling, Epops maximus polycacaromerdicus; es gibt auch einen kleinen, der ist aber nicht so rar.

Erster Vogel (zu den andern). Was haltet ihr davon?
Dritter Vogel. Es sieht völlig aus wie eine Lüge.
Vierter Vogel. Es kann aber doch auch wahr seyn.
Treufreund. Von Menschen unserer Freyheit beraubt, in der wir so angenehm auf den Zweigen

saßen, uns wiegten, Kirschkerne aufknackten, Ananas beschnupperten, Pisangs naschten, Hanfsamen knusperten.

Erster Vogel. Ach, das muß gut geschmeckt haben!
Treufreund. In böse Käfiche gesteckt, auf dem langweiligen Schiffe! Umgang eines

verdrießlichen Capitäns und grober Matrosen! schlechte Kost, ein trübseliges und heimlichen Haß nährendes Leben!

Zweyter Vogel. Sie sind zu beklagen.
Treufreund. Angekommen in Europa; wie Scheusale angestaunt, von Standespersonen nach

Belieben, von Bürgern um vier Groschen, von Kindern um sechs Pfennige, und von Gelehrten und Künstlern gratis.

Dritter Vogel. Sie haben mich auch einmahl so dran gehabt.
Treufreund. Sie glaubten, uns zahm gemacht zu haben, weil wir, durch den Hunger gebändigt,

nicht mehr wie anfangs hackten und krallten, sondern Mandelkerne und Nüsse aus den Händen schöner Damen annahmen und uns hinter den Ohren krauen ließen.

Vierter Vogel. Das muß doch auch wohl thun.
Treufreund. Aber vergebens! Wir, im Herzen wie Hannibal, oder ein Rachsüchtiger auf dem

englischen Theater, ungebeugt durch die Noth, ohne Dank gegen tyrannische Wohlthäter, schmiedeten einen doppelten, heimlichen, großen Anschlag – unserer Freyheit und ihres Verderbens. – Ist es der Bescheidenheit erlaubt, Aufmerksamkeit auf ihre Thaten zu lenken: o! so laßt mich euch bemerklich machen, daß sonst jeder geflügelte Gefangene schon sich selig fühlt, wenn das Thürchen seines Kerkers sich eröffnet, der Faden, der ihn hält, zerreißt, und er sich mit einem schnellen Schwung aus dem Angesichte seiner Feinde entfernen kann. Aber Wir, ganz anders gesinnt, verachteten oft eine leichte Gelegenheit zur Freyheit; andere Plane wechselten wir im Busen, und saßen lauschend und getrost indeß auf dem Stängelchen.

Hoffegut. Die Federn fangen mir an zu wachsen, ich werde zum Vogel, wenn du so fortfährst.
Treufreund. Wer lügen will, sagt man, muß sich erst selbst überreden. (Zu den Vögeln.) Was uns

täglich in die Augen fiel, war ihre Einbildung und ihre Albernheit, ihre Untüchtigkeit etwas vorzunehmen, ihr Müßiggang, ihre plumpe Gewaltthätigkeit und ihr ungeschickter Betrug. Ach! – seufzeten wir so oft in der Stille – soll dieß Volk, so unwürdig von der Erde genährt zu werden, die ihnen durch den Diebstahl des Prometheus verrätherisch zugewandte Herrschaft so mißbrauchen, und sie den urältesten Herren, dem ersten Volke, vorenthalten!

Erster Vogel. Wer ist das erste Volk?
Treufreund. Ihr seyd's! Die Vögel sind das erste, urälteste Geschlecht, vom Schicksale bestimmt,

Herren zu seyn des Himmels –

Vögel. Des Himmels?
Treufreund. Und der Erde!
Vögel. Und der Erde?
Treufreund. Nicht anders!
Vögel. Aber wie?
Treufreund. Denn nicht allein die Menschen, sondern auch die Götter vorenthalten euch euer

rechtmäßiges Erbtheil. Sie sitzen auf euern väterlichen Thronen; und ihr indeß, wie armselige Vertriebene, einzelne Ausschößlinge einer alten Wurzel, werdet auf euerm eignen Boden, wie in einem fremden Garten, als Unkraut behandelt.

Zweyter Vogel. Er rührt mich!
Treufreund. Die Thränen kommen mir in die Augen, wenn ich euch ansehe. Ein Prinz, dessen

Ältern von Reich und Krone vertrieben worden, der seiner Sicherheit wegen in armseligen Hütten bey Fischern sein Leben zubringen muß – wird durch den Zufall einem Freunde vom Hause, einem würdigen Generale entdeckt; dieser eilt, ihn aufzusuchen, und wirft sich ihm zu Füßen – Nein, ich würde nicht mit mehr Rührung die Knie des entstellten Erhabenen umfassen, nicht mit mehr wahrer Inbrunst ihm mein Leben, meine Treue, mein Vermögen anbiethen, als ich mich euch nähere, und zum ersten Mahl seit langer Zeit einen hoffnungsvollen Schmerz genieße.

Hoffegut. Sie schweigen. Wahrhaftig sie schluchzen, sie trocknen sich die Augen. Sie sind doch

noch zu rühren! So ein Publicum möcht' ich küssen.

Erster Vogel. Du bringst uns ein unerwartetes Licht vor die Augen.
Hoffegut. Sie geberden sich wie Fasanen, die man bey der Laterne schießt. Wie willst du

auskommen? Du hast dich in einen schlimmen Handel gemischt.

Treufreund. Merk' auf und lerne was! (Zu den Vögeln.) Es wird euch bekannt seyn, ihr werdet

gelesen haben –

Vögel. Wir haben nichts gelesen.
Treufreund (der den Perioden in eben dem Tone wieder aufnimmt). Ihr weder nicht gelesen

haben, es wird euch nicht bekannt seyn, daß nach dem uralten Schicksal, die Vögel das Älteste sind.

Vögel. Wie beweis't ihr das?
Hoffegut. Ich bin selbst neugierig.
Treufreund. Ganz leicht. Es sagt der Dichter Periplectomenes, da er vom Anfang der Anfänge

spricht:


   Und im Schooße der Urwelt, voll ruhender innrer Geburten,
   Lag das Ey des Anfangs, erwartend Leben und Regung.


Nun wo will das Ey hergekommen seyn, wenn es kein Vogel gelegt hat?

Dritter Vogel. Es muß ein groß Ey gewesen seyn!
Hoffegut. Allenfalls vom Vogel Rock oder einem Lindwurm.
Treufreund. Das ist lange noch nicht Alles; hört weiter; er fährt fort:

   Und auf die stockende Nacht senkt warm die ursprüngliche Liebe
   Sich mit den Fittichen her und brütet über den Wesen.


Ihr seht also deutlich, wo will die Liebe Fittiche hergenommen haben, wenn nicht von den Vögeln? und wie von den Vögeln, wenn keine gewesen sind? und wenn ihrer gewesen sind, sind sie nicht älter als die Liebe? Ja, sogar sind verschiedene der Meinung, daß die Liebe selbst ein Vogel gewesen sey. – Nun, was sagt ihr dazu? – Die uralten Götter und Göttinnen, die Nacht, der Erebus, die Erde, werden bey den Dichtern alle mit Flügeln eingeführt; und werden sie's nicht, so ist's ein Versehn: denn wenn sie, wie ich eben bewiesen habe, von den Vögeln herkommen, so müssen sie Flügel haben.

Hoffegut. Deutlich und zusammenhängend.
Vögel. O anschauliche Lehre, o ehrenvolles Denkmahl!
Treufreund. Die Zeit hat Flügel! das ist Saturnus! Das zweyte Geschlecht der herrschenden

Götter war von euerm Stamme gesetzt; seine Frau aber hatte wohl keine gehabt: da entstanden die letzten Bastarde, Jupiter und seine Geschwister und Kinder – ihnen waren die Flügel versagt, das Schicksal und die Vögel ihnen gram! Sie legten sich auf's Schmeicheln und nahmen Vögel zu ihren Günstlingen, um ihnen das Recht auf die Herrschaft vergessen zu machen; Jupiter den Adler, Juno den Pfau, den Raben Apollo, und Venus die Taube. Seinem geliebten Sohn und Kuppelbothen Mercur negociirte Jupiter selbst zwey Paar Flügel. Dem Siege wußten sie Fittiche zu verschaffen, den Horen, dem Schlaf.

Hoffegut. Es ist wahr, ich hab' sie Alle so gemahlt gesehn.
Treufreund. Und, was sag' ich? Amorn, den losesten aller Vögel, zierten ein Paar

regenbogenfarbene Schwingen. Er, der Herr ist der Götter und Menschen, ist unstreitig ein Vogel! Er setzt die erste uralte Gewalt eures Geschlechts fort. Und so hat die Liebe bloß von den Vögeln ihre Macht. Und was noch merkwürdiger ist, will ich euch auch sagen.

Dritter Vogel. Rede weiter. Laß' uns nicht in Ungewißheit.
Hoffegut. Das heiß' ich einen Kindersinn! Hätt' ich nur ein Netz! die wären mein.
Treufreund. Hätte Prometheus, als ein weiser vorsichtiger Vater, statt des so sehr beneideten

Flämmchens, seinen Menschen Flügel gegeben, weit einen größern Schaden hätt' er seinen Göttern gethan; aber auch euch, meine Freunde! Drum dankt dem Schicksal und euern Ahnherrn, die ihm seine klugen Sinne verdunkelten; denn in so mannigfaltiger Kunst als die Menschen sich geübt haben, ist doch immer noch das Fliegen ein vergeblicher Wunsch, eine eitle Bemühung gewesen. Sie scheinen ihre eigenen Vorzüge darüber zu vergessen, stehn mit aufgereckten Mäulern da und beneiden euch, wenn ihr von den hohen Felsen über die undurchdringlichen Wälder dahin fahrt. Kein Wasser hält einen Verliebten auf; mit den Fischen eifern sie in die Wette: aber Euer Reich ist unzugänglich, und zu Euern Künsten ein Sterblicher zu plump. Im Traume finden sie die höchste Seligkeit, wenn sie zu fliegen wähnen, und man hört die Zärtlichen an allen Ecken seufzen: »Wenn ich ein Vögle wär' und auch zwey Flügel hätt' –« aber vergebens!

Vierter Vogel. Unsere Feinde beneiden uns.
Hoffegut. Neider sind Feinde.
Treufreund. Aber im tiefsten Herzen ist eurer Vorzüge Übermacht ihnen eingeprägt; und von

Geschlecht zu Geschlechtern beugen sie sich, ohn' es zu wissen, vor dem uralten Recht eurer Herrschaft, wenigstens im Bilde.

Zweyter Vogel. Sag' uns keine Räthsel! Wir lieben die Deutlichkeit; wir lieben nicht

nachzudenken, noch zu rathen.

Treufreund. Ja, übereinstimmend geben alle Völker euch göttliche und königliche Ehre. Sie

bilden sich ein, sehr viel Imagination zu haben; und wenn sie den vortrefflichsten unter ihnen mit etwas Rechts vergleichen wollen, so können sie nicht weiter als bis zum Adler. Ihr seyd so weit herumgekommen in der Welt, ihr solltet wissen –

Vögel. Wir wissen nichts.
Treufreund. Habt ihr niemahls von jener mächtigen Stadt gehört? – Sie unterjochte die bewohnte

Welt, und es waren so vortreffliche Leute darin, daß nachher kein Held und kein großer Mann entstanden ist, der nicht gewünscht hätte einem ihrer Bürgermeister oder Stadtwachtmeister ähnlich zu sehen – Rom, sag' ich, das freye Rom, das freye Rom, das keinen König über sich leiden konnte, setzte den Adler auf die Stange, und den Senat mit dem Volk in einem demüthigen Monogramm zu seinen Füßen! So ließen sie ihn dem Heer vortragen, und folgten mit Ehrfurcht und Muth, als seine Söhne, als seine Knechte. So ehrenvoll behandelt man euch, indeß ihr, gleich jungen Prinzen, gar nicht zu begreifen scheint, was für Vorzüge die Götter euch angeboren haben. Erlaubt, daß ich euch mit der Nase darauf stoße.

Vögel. Wie es dir beliebt.
Treufreund. Es ist schon lange, daß von der Macht Roms und seiner Herrlichkeit kaum einige

Backsteine mehr übrig sind. Aber andere Völkerschaften haben sich zu der Ehrfurcht bekannt, die euch niemahls entgehen kann. Im Norden ist jetzt das Bild des Adlers in der größten Verehrung: überall seht ihr's aufgestellt, und wie vor einem Heiligen neigen sich alle Völker, wenn er auch von dem schlechtesten Sudler gemahlt oder geschnitzt ist. Schwarz, die Krone auf dem Haupt, sperrt er seinen Schnabel auseinander, streckt eine rothe Zunge heraus, und zeigt ein Paar immer bereitwillige Krallen. So bewahrt er die Landstraßen, ist das Entsetzen aller Schleichhändler, Tabakskrämer und Deserteure. Es wird Niemanden recht wohl, der ihn ansieht – Und was soll ich von dem zweyköpfigen sagen?

Erster Vogel. Wir wollten, ihr thätet dem Adler weniger Ehre an; wir können ihn selbst nicht

wohl leiden.

Treufreund. Diese Ehre ist euch Allen gemein. Denn wenn Fürsten und Könige sich und die

Ihrigen vor andern geringen Menschen recht auszeichnen wollen, wählen sie irgend einen Vogel, und tragen ihn mit Gold und Silber gestickt auf der Brust. Ja, sie schlagen euch an vergoldete und diamantene Kreuze (die größte Ehre, die Jemand widerfahren kann) und tragen euch in Knopflöchern schwebend am Busen.

Zweyter Vogel. Was hilft uns diese zeitliche Ehre, diese leere Achtung, wodurch sie sich mehr

unter einander selbst als unsere Vorzüge preisen? Götter und Menschen besitzen unser Reich, und wir irren als Fremdlinge zwischen Himmel und Erde.

Treufreund. Mit nichten, meine Kinder! Die Gewalt habt ihr ihnen gelassen; euer Vaterland, euer

Reich sind sie untüchtig einzunehmen. Noch ist es frey wie vom Anfang her.

Vögel. Zeig' es uns.
Hoffegut. Ich gehe mit.
Vögel. Führ' uns hin!
Dritter Vogel. Gibt's Wicken, gibt's Mandelkerne drin?
Vierter Vogel. Es wird doch an Würmchen nicht fehlen?

Alle. Führ' uns hin!

Daß wir da trippeln,
Daß wir uns freuen,
Naschen und flattern –
Rühmliche Wonne!
Mandeln zu knuspern!
Erbsen zu schlucken!
Würmchen zu lesen!
Preisliches Glück!
Führ' uns hin!

Treufreund. Ihr seyd drin.
Vögel. Du stellst uns auf den Kopf.
Treufreund. Tretet näher! – hierher! Nun seht euch um! hier in die Höhe! Was seht ihr da oben?
Erster Vogel. Die Wolken und den uralten ausgespannten Himmel.
Dritter Vogel. Er steht wohl schon eine Weile?
Hoffegut. Ich denk's! Es ist mir auch noch gar nicht bange für ihn.
Treufreund. Da droben wohnen, wie Jedermann bekannt ist, seit vielen Jahrtausenden die Götter.

Nun seht hinunter, was seht ihr da?

Zweyter Vogel. Zwischen Himmel und Erde?
Treufreund. Ja, dazwischen.
Vögel. Nun, nun, da sehen wir – nichts.
Treufreund. Nichts? O ihr seyd ja fast so blind wie die Menschen! Seht ihr nicht den ungeheuern

Raum, ausgebreiteter als das Oben und Unten, das unermeßliche Land, das an Alles grenzt, diesen luftig-wäßrigen See, der Alles umgibt, diesen ätherischen Wohnplatz, dieses mittelweltische Reich?

Vögel. Was meinst du damit?
Treufreund. Die Luft mein' ich. Wer bewohnt sie als ihr? wer beschifft sie, wer begibt sich darin

von einem Orte zum andern? wem gehört sie zu, als euch?

Vögel. Daran haben wir gar nicht gedacht.
Treufreund. Und fliegt drin herum!
Erster Vogel. Aber wie sollen wir's anfangen?
Treufreund. Hier ist mit vereinten Kräften das große Werk zu beginnen; eine Stadt zu gründen;

mit einer festen Mauer den ganzen Äther zu umgeben; eine regulirte Miliz einzurichten; die Grenzen wohl zu besetzen; eine Accise anzulegen, und so den Göttern und Menschen die Nahrung zu erschweren!

Hoffegut. Da gibt's Ämter zu vergeben! Ich werde alle meine Freunde und Verwandte anbringen.
Zweyter Vogel. Aber Jupiter wird donnern.
Treufreund. Wir lassen ihm keine Blitze aus dem Ätna ohne schweren Impost verabfolgen, und

legen selbst uns einen Donnerthurm an. Die Adler sind ja ohnehin gewohnt damit umzugehn. Wir lassen keine Opfergerüche hinauf, ohne daß sie Transito bezahlen.

Dritter Vogel. Werden sie so zusehen?
Treufreund. Ihr wißt nicht, wie's droben aussieht. Sicher in ihren alten lang' unangetasteten

Rechten, sitzen sie schläfrig auf ihren Stühlen, sind aller Mühe, sind alles Widerstands entwohnt, sind leicht zu überraschen und zu überwinden.

Vierter Vogel. Aber die Menschen, das Pulver und Bley, und die Netze?
Treufreund. Die sind übel dran. Sie haben unter sich so viel zu kriegen, zu scharmuziren und zu

schikaniren! Keiner denkt weiter als heute; und wenn einer ihrer Nachbarn gut haushält oder sich rüstet, haben sie nicht leicht ein Arges dran. Widersetzen sie sich, so sind wir ihnen überlegen; ergeben sie sich, so sollen sie's wohl haben; besser als jetzt! Wir wollen's machen, wie alle Eroberer, die Leute todtschlagen, um es mit ihrer Nachkommenschaft gut zu meinen.

Vierter Vogel. Werden sie's geschehen lassen?
Treufreund. Wir haben sie in Händen. Wir handeln den Göttern den Regen ab, legen große

Cisternen an, und vereinzeln ihn an die Irdischen, wenn's Dürrung gibt, so viel Jeder für seinen Acker und Garten braucht. Sie sollen Alle zufriedner seyn als jetzt. Ich geb' euch nur eine Skizze von meinem großen Plan; denn das Detail ist unübersehbar. Kurz, ihr werdet Herren! Die Götter tractiren wir als alte Verwandte, die aber zurückgekommen sind; die Menschen als überwundene Provinzen; die Thiere, besonders die Insekten, die in unserm Reich doch leben müssen, als kaiserliche Kammerknechte, ungefähr wie die Juden im römischen Reich.

Vögel. Nur gleich! nur gleich! wir können's nicht erwarten.
Treufreund. Gleich gleich! Das geht so geschwind nicht. Überlegt's wohl! Wählt ein Dutzend,

oder wie viel ihr wollt, aus euern Mitteln, die das große Werk mit gesammten Kräften unternehmen.

Vögel. Mitnichten! Du hast's erfunden, führ' es aus! Sey du unser Rathgeber, unser Leiter, unser

Heerführer!

Treufreund. Ihr beschämt mich!
Hoffegut. Du bedenkst nicht!
Treufreund. Sey ruhig, unser Glück ist gemacht.
Vögel (auf Hoffegut zeigend). Und dieser? Was soll der? Darf er hier bleiben? Zu was ist er

nütze?

Treufreund. Er ist uns unentbehrlich.
Vögel. Was kannst du? Worin übertriffst du das Volk?
Hoffegut. Ich kann pfeifen!
Vögel. Schön! o schön! o ein köstlicher, ein nothwendiger Bürger! Wir sind ein glückliches Volk

von diesem Tage an! (Zu Treufreund.) Du sollst uns regieren, er soll uns pfeifen! Was geht uns noch ab?

Treufreund (beschämt). Soll es so seyn?
Vögel. Du nimmst's an?
Treufreund (neigt sich).
Vögel. Halte Wort!

Wir geben dir die Herrschaft,
Verleihen dir das Reich!
Mach' uns den stolzen Göttern,
Den stolzern Menschen gleich!



Epilog.


Der erste, der den Inhalt dieses Stücks
Nach seiner Weise auf's Theater brachte,
War Aristophanes, der ungezogne
Liebling der Grazien.
Wenn unser Dichter, dem nichts angelegner ist,
Als euch ein Stündchen Lust
Und einen Augenblick Beherzigung
Nach seiner Weise zu verschaffen,
In ein- und anderem gesündigt hat;
So bittet er durch meinen Mund
Euch allseits um Verzeihung.
Denn, wie ihr billig seyd, so werdet ihr erwägen
Daß von Athen nach Ettersburg
Mit einem Salto mortale
Nur zu gelangen war.
Auch ist er sich bewußt,
Mit so viel Gutmüthigkeit und Ehrbarkeit
Des alten declarirten Bösewichts
Verrufene Späße
Hier eingeführt zu haben,
Daß er sich euers Beyfalls schmeicheln darf.
Dann bitten wir euch, zu bedenken,
Und etwas Denken ist dem Menschen immer nütze,
Daß mit dem Scherz es wie mit Wunden ist,
Die niemahls nach so gar gemeßnem Maß,
Und reinlich abgezogenem Gewicht geschlagen werden.
Wir haben, nur gar kurz gefaßt,
Des ganzen Werkes Eingang
Zur Probe hier demüthig vorgestellt;
Sind aber auch erböthig,
Wenn es gefallen hat,
Den weiteren weitläufigen Erfolg
Von dieser wunderbaren doch wahrhaftigen Geschichte
Nach unsern besten Kräften vorzutragen.

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