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Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit

Rezensionen



Dominik Dombrowski


Wenn man sich Franz Kafka als Lyriker denken würde …




All Along the Watchtower ist eigentlich ein Musikstück von Bob Dylan.
In musikalisch deutlich veränderter Form wurde All Along the Watchtower 1968 durch Jimi Hendrix bekannt, der den Titel um sein
psychedelisches Gitarrenspiel
ergänzte und eine neue Rhythmik einführte.
Bob Dylan selbst hat diese Interpretation später als „maßgeblich“ anerkannt
und eigene Live-Aufführungen des Stückes daran orientiert.
Der Frankfurter Musikjournalist und Radiomoderator Volker Rebell nannte
die Hendrix-Version „die Essenz der Rockmusik schlechthin“.
(Wikipedia)


… käme da womöglich Jörg Neugebauer raus? Kaum jemand schafft es jedenfalls bisher, den Humor und die Tragik derart organisch und disparat nebeneinander zu platzieren, wie dieser Dichter. Es scheint schon so, dass es zu seinem Programm gehört, sich und der Welt ein Rätsel zu bleiben, in diesem charmanten Sinn, sich niemals in ein Konzept pressen zu lassen, die Zote steht da neben dem Pathetischem, Experiment neben Maß und Philosophisches folgt meistens wohltuend dem Boden der Gegenwart. Wenn man Neugebauers dichterisches Werk, wie es bis jetzt vorliegt, Revue passieren lässt – „Über den Zeppelinen“, „Brüllende Apparate“, „Die langen Ruder“, „Dionysos – der immerzu kommende Gott“, „Denksagung“ oder „Die Stille über den Wolken“ – fällt einem ohnehin gleichbleibend - die Hörner abstoßend – das hohe Niveau auf. Das merkt man tatsächlich bereits an allen Überschriften, dass man es hier auf gar keinen Fall mit einem Textgestalter im Sinne des Experimentierens als Lyriker zu tun hat, mit einem Tastenden, dem man etwa in seiner dichterischen Entwicklung noch folgen müsste, sondern mit einem Reflektierenden, einem, der aus der Erfahrung sich etwas denkt, der durchgängig Stil hat - und was sagen will, und, so mein Eindruck, auch erst ab eben dieser Stufe zu publizieren begann, denn:

der teufel hat seinen mantel bekleckert
mit irgendner farbe.
wahrscheinlich
rot. mir aber egal. ich spiele
mundharmonika wie ein idiot zu
ehren
des jüngsten gerichts. mit dem
motorrad
hierhergeknattert geht mir der
sprit aus.
ich stell mir dazu eine fleckige
sonne vor
wie aus ner dosenbüchse
ausgeleert ja
aus ner dosenbüchse genau. alles
andre
ist kokolores


Weil ich seine sämtlichen Werke seit Jahren kenne, ahnte ich solche Töne sowieso schon, und freute mich deswegen auf „Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit“ (obwohl ich das Umschlagbild dieses Buches augenblicklich noch nicht so recht verstehe, dieses giftgrüne geheimnisvolle Fotoverrätselte? Dieses Titelbild - ist das eine Assoziation von Panzern, sind es verlassene Gebäude?) Egal, egal, es wird wohl irgendwie stilprägend kafkaesk gemeint sein, hoffe ich doch, und allein über den Titel könnte man ja eh schon bereits ganze Nachmittage sinnierend  totschlagen oder einen Essay darüber schreiben, ob Jimi Hendrix überhaupt jemanden nach der Uhrzeit fragen würde? Wie entsetzlich und existentialistisch Franz Kafka sich womöglich mit Uhren rumplagen würde? - Oder überhaupt jemanden treffen könnte? Oder, ob sich Jimi Hendrix von Franz Kafka etwa eine Orientierung wünschte? Die Voraussetzung eines solchen Titels führte ja jedenfalls vermeintlich erst einmal in eine andere Welt, ein Gespinst aus der Zukunft (– tröstlich -) namens Jimi Hendrix fragte da nach der Zeit? Klar, da steckt natürlich etwas dahinter. In Jörg Neugebauers Fall ist es die besondere Abgeklärtheit innerhalb seines persönlichen Pantheons, ein Traumspiel, in welches der Dichter sich bemerkenswerterweise so zurückzieht, ohne darin jedenfalls Ideale zu predigen. Seltsamerweise – und das ist der Stil und das Unverwechselbare in seiner Lyrik – passiert nichts, nichts anderes oder außergewöhnlicheres als in dieser Welt und in diesen Gedichten. Die Aussage ist ein TILT, der Charakter eines Flipperspiels:  Beginne jetzt! / dein neues Spiel, es wird das alte sein, diese Ewige Wiederkehr, darin liegt die Ironie, dass parallele Welten aufblitzen, die einen letztlich genauso alleine zurücklassen – ohne Trost und Katharsis:

Auf die Minute

Im Askanischen Hof auf dem Kanapee
warte nun gleich kommt Gregor
fünf Stunden dauert es bis Felice anruft

um nach dem Heizer zu fragen
der ist mit einer Schweizerin nach Riva gereist
dort schläft er jetzt Tag und Nacht

später kommt Felice doch noch persönlich
bleibt dabei aber kühl
Und will von Küssen nichts wissen

dafür stellt sie dem Franz die Uhr
auf die Minute genau


Und so geht es versteckt dramatisch dahin: Friedrich Hölderlin, Schmidt-Rottluff, Der Rainer Maria Rilke in Bad Boll,  Gertrude Stein, Jimi Hendrix, Bertolt Brecht, Rilke lässt den Pablo Picasso stolpern, Franz Kafka trifft dann Hendrix, aber darauf kommt es nicht an – es spukt da ein gehöriger  Lebenshunger zwischen den Zeilen. Und dann doch eher noch die Wunsch- und Skepsiswelt, -und deren Überraschung – oder dessen Pointe – die eben darin liegt, dass es in ihren konjunktivischen Meditationen keine Lösungen gibt. Kein Fazit, keine Läuterung, kein Paradies:

befreites gebiet

nachts schlägt der regen die zäune um
die gräser sind schwarz vor den häusern

wie eine sterbende ratte kriecht mond
durch gebüsch

hier ist kein feind mehr
liebende halten sich bei den zähnen


Und genau hier hat sich aber auch kaum Kokon als eher eine eigene – pessimistische, melancholische - Weltanschauung herangebildet, jedoch nicht beflissen bildungsbürgerlich, als eher konsequent lebensanschaulich. Was dabei auffällt, ist dieses zunehmend hermetische in der Neugebauer‘schen Dichtung, alles wird immer geheimnisvoller, fast provozierend verrätselt: „so groß sind heut die katzen / wie ungetüme / als wären sie in ihrem jenseits gewachsen // die aufgerichteten ohren / verdunkeln den mond // futter werden sie keines mehr brauchen / was suchen sie also in meinem garten.“ Es werden konjunktivische Parallelwelten konstruiert und ersehnt, geradezu geisterhafte Wunschbegebenheiten, jedoch ohne Fazit und Sehnsucht. Die Konstrukte tragen dann trotzdem ihre pessimistische Stimmung, sie sind nie Ausweg: Ich zitiere aus dem Langgedicht

„shadow play“:

was spritzt da auf?
schaum der sich brechenden welle
wenn ein nackter frauenkörper ins wasser taucht
die erotik des sinkenden schiffes
auf dem noch einmal die kapelle spielt
näher mein gott zu dir
dem weißen papier
dem untergrund der schrift
die manche mit dem gott verwechseln
untergrund auf dem die gräber ruhn (…)


Ein Stromer ist er geworden, der Jörg Neugebauer; er lässt sich auch nie festlegen, er veröffentlicht gleichbleibend erfolgreich in den unterschiedlichsten Verlagen: Alkyon-Verlag, Haller-Verlag, Salon-Verlag, Wiesenburg Verlag oder Silver-Horse-Edition. Jetzt beim Udo-Degener-Verlag. Und überall liefert er stets mit ungewöhnlicher, nicht ungewohnter, Souveränität seine Lyrik ab – in dem Sinne – dass einer da genau weiß, was er will in Melodie und Vers, was es zu sagen lohnt – und - nicht zuletzt-  einer, der der poetischen Relevanz genau nachspürt, kein bibliophiler Firlefanz, keine Verlegenheitslyrik, niemals etwas Aufgepimptes, keiner, der etwa aus Attitüde noch dreißig Seiten dranhängt. Biographisch begleitet – ob er sich jetzt ad realo gerade in Indien herumtreibt oder in Turin auf einem Balkon, den Rilke einmal bewohnte, ob man ihn im Radio die Literatursendung „klassisch-modern“ moderieren hört, oder ihn als Schauspieler zum Beispiel in einem Günther-Eich-Stück auf der Theaterbühne in Ulm reüssieren sieht - handelt es sich bei seiner Dichtung stets um abgerungenes Know-how, in dem Sinne, dass erst dann publiziert wird, wenn lebensphilosophische Relevanz konzis erscheint. Vielleicht erklärt das dann auch diese komische wechselhafte Verlagsauswahl, keine Ahnung. Dieser Autor will jedenfalls, so scheint es, immer der Dirigent seiner Veröffentlichungen bleiben. Hier publiziert in keinem Fall einer, nur weil etwa ein Verlag ihm Avancen macht, hier bietet jemand erst dann an, wenn er soweit ist. Und ist ein Verlag gleichzeitig und rechtzeitig bereit, hat er irgendwie Glück gehabt. Merkwürdig, eigentlich sollte genau darin die gängige Praxis des Publizierens liegen, besonders in der Lyrik, insofern Glückwunsch, Udo-Degener Verlag!
Dementsprechend freut einen darüber hinaus dann die Konsequenz, der Abschluss, der in der Lyrik nichts zu wünschen übrig lässt, umso mehr,  wenn es einen nicht verhaftet, einfach diese Lakonie, diese Leichtigkeit:

Ein Ingenieur wurde verhaftet

In seiner Gefängniszelle
Machte er sich zur Giraffe
Ulkig, wie
Der Hals durch die Gitterstäbe hervorragt

Die Wächter wurden
Zu Kröten, die
Aufgeregt um die Beine der Giraffe herumlaufen

Das ist ein Bild, da
Bricht selbst der Gefängniswärter in Lachen aus


Jetzt aber noch einmal. Man muss bei dem Jörg Neugebauer immer auch doch etwas vielschichtiger graben, man muss vorsichtiger denken, von Anfang an / auf Doppeldeutigkeiten gefasst sein – man spürt da beispielsweise viele Einflüsse, etwa vom Tomas Tranströmer („die geschwätzigen bahnhöfe“, „ein helles auto“): eben dieses Talent, in Zärtlichkeiten von Bedrohlichkeiten zu reden, man darf sich da jedoch aber auch herzlich und gleichzeitig an jenem inhärenten, hintersinnigen Humor erfreuen, wie etwa in dem vielzitierten, auch im jüngsten Jahrbuch der Lyrik 2015 abgedrucktem Poem, auf Seite 18:

Halbargentinier

Neulich erfuhr ich, dass ich eigentlich Halbargentinier bin
Ich habe mich ja für manches gehalten
Aber das hätte ich doch nicht gedacht
Halbargentinier –
welche Aufstockung meines Blutes!
Mein Gehirn fasst plötzlich dreimal so viel Sauerstoff wie zuvor
Als ich es Daisy Miller erzählte, hat sie gelacht
Wahrscheinlich hätte ich nicht so mit meinem
frischen halbargentinischen Pass herumwedeln sollen
Ich habe mir vorgenommen, nun eine Zeitlang
wortlos drüber hinwegzugehen
Gerade so als ob ich gar kein Halbargentinier wäre


Ein bitterer Mix ist da vieles also alles in allem dann, ein hintergründiger Witz und eine Distanz, eine kritische Weltschau, dabei traurig und doppeldeutig, eine sozusagen immerzu melancholische Ironie, eine Kulturkritik nach beiden Seiten hin, die sich da auftut:

auf der flucht

wo du nun die signora bist
kühe laufen frei übern himmel
eh es zum sturm kommt
trägst du ihnen schon kaschmir
die höhen hinauf
und schuhe in ihre hufe

der einarmige in deinem swimming-pool
mag drosseln und tauben
ein walfisch hat angeklopft
pocht als seine rechte als sänger

doch wenn – wie es heißt – sie hereinbricht
die nacht
schaust du aus deinem fenster
smaragdgrüne limousine
dauergeparkt


Menschlich-Allzumenschliches zwischen Unglaub und Balogh. Historische Aufstöberungen, gepaart mit eigenen Erlebnissen. Neugebauer will mehr / oder weniger nichts … als den organischen Zusammenlauf einer Kunstzeit überm Weltenlauf: – eine Art Dehistorisierung ist das vielleicht?  Und / oder: damit findet man ein paar tröstliche Gesetzmäßigkeiten: Kultur & ihre gewünschte zärtliche Weitereinleitung… Es ist eben die Dekonstruktion der Linie Gegenwart und ihre jüngste Vergangenheit, ein Frühstück vielleicht:

Ein Frühstück mit Othello

das kann gefährlich sein,
Jago streicht ihm vergiftete
Marmelade aufs Brot.

Was hat der am Frühstücks-
Tisch zu suchen,
Desdemona schläft wohl noch –
Othello denkt: mit Cassio

und köpft sein Frühstücksei,
dass die ganze Spitze wegfliegt.
Doch Emilia fußelt mit ihm unterm Tisch,
das merkt nicht mal der Jago.


Solcherart Alltags- und Erlebnisgedichte kommen bei Neugebauer kaum noch – sprich, immer seltener und nur noch zwischendurch vor. Die Konzeption des Dichters ist eigentlich oft die Verbindung von lyrischer Tradition und Duldung gewesen. Jetzt ist sie meistenteils Jazz, traurig und schön. Aufgrund dessen durchzieht die Reihenfolge der drei Kapitel vielleicht seinen Lebensentwurf, nämlich bei den drei Abteilungen: „beim überqueren der straße“, „spät springen die schatten“ und „so groß sind heut die katzen“ hier liegt denn auch Evolutionäres zu Grunde, warum sollte man auch sonst einen Gedichtband schreiben?

Gibt’s noch etwas zu sagen?


Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit. Gedichte. Potsdam (udo degener verlag) 2015. 84 Seiten. 14,90 Euro.

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