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Joachim Uhlmann: Windkanter

Rezensionen / Verlage



Jan Kuhlbrodt

Gegenzeit

zu den Gedichten Joachim Uhlmanns



Dass die ganze Natur sein Lehrmeister sei, formuliert der Görlitzer Mystiker Jacob Böhme in seiner Schrift Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Damit aber formuliert er zugleich jene pantheistische Gleichsetzung von Gott und Natur. Natur nicht im Sinne jenes Draußen, wie es die Zeitgenössische Alltagssprache versteht, sondern auch als unmittelbare Umgebung und zugleich auch das Innere desjenigen, der betrachtet. Jacob Böhme liefert mit Die äußere Sonne hungert nach der inneren das Motto für den neuen Gedichtband Joachim Uhlmanns, in dem er mit Motiven der Mystik, Esoterik und Hermetik spielt.

Dieser Himmel ist so blau
wenn er auf unsere Netzhaut trifft
dass wir uns anstrengen müssen
als ein Stück Mensch
ausgeweitet für das unsichere
Licht ihn zu vermuten.

Das ist die erste Strophe des Gedichtes Raumstücke. Hier ist einiges von der Poetik Uhlmanns in diesem Band zu erahnen. Ein Subjekt, dass in seiner Wahrnehmung sich und seine Umgebung zuallererst konstituiert, und an der Stelle operiert, wo das hoch Konkrete fast in hohe Abstraktion umschlägt oder als Abstraktes scheint. Zeit auch scheint hier aufgehoben zugunsten des Momentes strenger Wahrnehmung. Das wahrnehmende Subjekt stellt sich in diesen Momenten als streng vereinzeltes dar. Dennoch ist sich zumindest der Autor dessen Gesellschaftlichkeit bewusst, auch wenn sie sich im Konfrontativen abspielt. Die letzte Strophe des Gedichtes Zustände lautet:

Was kann ich dafür dass ich mich nicht erinnere?
Wir nehmen unsere Plätze ein
jedenfalls diese Nacht an dem schwarzen Tisch
der immer leer blieb.
Hier wird ausgezählt droht mein Freund.
Er sitzt mir gegenüber zieht die Schublade auf
und beginnt mich zu verhören.


Die Geschichte (zumindest die Mitteleuropas) wird gerne als Prozess einer Rationalisierung aufgefasst, als würde die Menschheit (ob es wohl eine gibt?) sich zunehmend selber bewusst. Dass das eine Illusion ist, zeigen die irrationalen Entladungen, die sich in immer kürzeren Abständen ereignen. Mystik, zumindest die Böhmes, kennt derartige Trennungen nicht. „Es ist ja Böses und Gutes in der Natur. Weil denn alle Dinge von Gott kommen, so muss ja das Böse auch von Gott kommen … Die bittere Qualität ist auch in Gott, aber … als eine ewigwährende Kraft, ein triumphierender Freudenquell", schreibt er in Aurora.

Manchem mögen die Gedichte Uhlmanns aus der Zeit gefallen scheinen, aber dieser Schein trügt. Das Hereinholen der Mystik kann Erkenntnis ermöglichen und vor allem Schönheit schaffen. Auf verschiedenen Wegen zeigten es die hier besprochenen neueren Produktionen von Waldrop, Sielaff und eben auch vorliegendes Buch von Uhlmann.

Engführt Uhlmann seine Motivik mit Gegenwart an manchen Stellen des Bandes. Unvermittelt taucht einmal eine Rolltreppe auf. Ein Verweis auch auf die Warenförmigkeit unserer Umgebung. Aber, und das schwingt in diesen Texten mit, diese Warenförmigkeit ist eben Überformung und unterliegt der Zeit. Der Ewigkeitswert, den sie behauptet, ist pure Anmaßung.

Auch Erlösung ist eine Ware mit Wellengang.
Trennen wir uns ruhig von Erwägungen
wie lange er oder sie sinken müssten
wenn ihr ozeanisches Gefühl ein Loch hätte
bis der Meeresgrund erreicht wär.


Das ist die zweite Strophe aus dem Gedicht Souvenir. Und gegen diese Form des Andenkens setzt Uhlmann in seinen Gedichten die eines Eingedenkens.


Joachim Uhlmann: Windkanter. Gedichte. München (Allitera Verlag – Lyrikedition 2000) 2015. 56 S. 9,50 Euro.

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