Jenny - Denken, Behaupten, Großtun - Signaturen

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Jenny - Denken, Behaupten, Großtun

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Denken, Behaupten, Großtun


JENNY 04, die aktuelle Jahresanthologie des Instituts für Sprachkunst, Uni Wien,
auf Lesereise Salzburg, Hamburg, Berlin, Erfurt -
Tourfinale am 21.05.2017 in München, Salon Irkutsk,
mit den JENNY-Autoren Frank Ruf, Tristan Marquardt, Luca Manuel Kieser, Max Oravin  ·  
Moderation: Johanna Wieser
(Notizen zur Lesung: Pega Mund)


folgen* sie meiner laufmasche immer so gegen 20 uhr, immer text, bild, sound und JENNY glitzert blaublau um johanna wiesers selbstbewusste schultern (das banner!) also: ich folge, ja, die tür bleibt offen, ein heller schwabinger sonntagabend draußen, drinnen im salon reisemöglichkeiten, flimmern verdichten landen, JENNY hat kein gesicht, sie hat eine stimme (hat stimmen), spricht einmal im jahr.

frank ruf. liest miniaturen, (mehr als) eine handvoll von 100: zu schichtbeginn, kneecapping, am pool, die zuckerwatte, husten und tee, antonio, die felsnase, sand und salat, auge und auge, in der schleife, cold coff, das nobelrestaurant, zwei welten, die einberufung, zahn zeus, korff ... das jeweilige subjekt dieser kurzen texte gibt, etwa als todkranker konsument, einblick in sein (er)leben, verortet sich zunächst in alltäglich scheinendem kontext, kommt rasch zu einem kipppunkt, der das setting ins absurde driften lässt, ist auf der laborliege plötzlich halb mensch, halb urkrebs, der angreift oder der nachthimmel, ein kraftwerk dringt ihm ins hirn. die kippmomente wirken aufs erste sehr erheiternd, doch hinter der komik hocken bedrohlich irritation, verstörung, kontrollverlust: das leben gleicht einem trip, wahr-nehmung (vermeintliche wahrheit) verändert sich ständig, wird unterspült durch die strömende zeit.

tristan marquardt hat zweizeiler und noch mehr dabei, nämlich zwei anarchische texte aus seinem buch. die zweizeiler, pointiert, aphoristisch getönt, ordnen sich verschiedenen kategorien zu: feststellungen, verneinungen, beobachtungen mit zeit,beobachtungen mit tier, fragen der wahrnehmung, fragen der lebensführung, handlungen, behandlungen, bildbestimmungen, begriffsbilder graben mit graziler präzision das begriffsgelände, das man zu kennen glaubt, auf, legen fragen frei, rätselhaftes, hebeln gängige zusammenhänge aus, frappieren, irritieren, drehen die wahrnehmungs- und denkgewohnheiten aus ihren sicherungen: nachts guckst du in die luft, zählst die mängel im weltall, eine liegende sieben. - ist ein voller akku schwerer als ein leerer. - träume, ich könne nicht schlafen, bin, als ich erwache, eingenickt. - wie holst du einen schock aus dem körper und wo bringst du ihn hin. - dünger, beschleunigte erde. - heu, entschleunigtes gras. - wind, zeigefinger des wetters. - hügel, blindenschrift des winds. - konspiration, das k im abc des schweigens, sie ist, wo zwei sind, die dritte.

luca manuel kieser spreizt das adam-eva-ding auf, ich bin so cool sagt adam. eva sagt: du bist so cool, adam … als er ihr den uhrzeigersinn erklärt. das fächert sich wortstark durch die menschheitsgeschichte, der apfel rollt, adam ist cool  an 100 orten auf jede nur erdenkliche weise, eva bestärkt ihn, alle welt sammelt blütenstaub, eine heidenarbeit, bis endlich einmal eva das gegenteil tut und beisst herzhaft.
nach adam und eva: das kind der gretel und wie es vom lieben herrgott bei mondschein vergiftet, ein märchen in versen, erzählt ohne skript in der hand ohne halt ohne doppelten boden ganz frei  fleisch hashtag flesh unterm schwabinger mond im schilf steht der chor, singt der seher uns vor wie moritat überm abgrund zur nacht ein drama am wasser: boshaftes knistern, der kopf schmerzt, in die flimmernde leere neu geschaffener räume loggen gottesteilchen sich ein, gretel, ihr regloses kind in den armen ... liegt tot im schilf.

oravin jetzt. licht aus, beamer an. audiovisuelle perfomance mit text aus dem zyklus: logbuch. licht. zu nehmen, denk ich, als versuch und möglichkeit des autors, die schiere leibhaftigkeit mit technischen mitteln zu unterstützen, wirkkraft und suggestivität des textes zu erhöhen, multiple fährten zu legen, brechungen zu setzen. wie auch immer, mich saugt das visual ein: über und über rot pulsend, sonnen- oder erduntergang, ewig schwellende bewegung, die niemals irgendwo ankommt, unerlöst, dystopisch, kreiselndes glitzern, endlosschleife alles ist licht, salz in allen poren, die haut ein flimmern, fingerloses augenloses land, lös dich nicht auf, summ weiter, ich spüre deine haut, ich spüre deine adern elektrisch durch die wand ...

was hat dir am besten gefallen? fragt mich nach der lesung die freundin.
ich kann die frage aber so nicht beantworten. für mich war‘s ein geschickt gebauter bogen von sehr unterschiedlichen stimmen, eigen jeweils im umgang mit sprache, als ganzes genommen sehr reizvoll zusammenspielend, sich ergänzend, potenzierend, formal und in der thematik.
dazu wäre noch mehr zu sagen ... aber ich mach jetzt schluss.

jenny, komm bald wieder.



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kursiv: Zitate aus den Texten bzw. der Moderation des Abends.

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Gunda Kinzl (Hg.) · Antonio Schachinger (Hg.) · Timo Brandt (Hg.) · Johanna Wieser (Hg.):
JENNY. Ausgabe 04 Behaupten, Denken, Großtun. De Gruyter 2016 · 19,95 Euro

 
 
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