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Jeffrey Yang: Yennecott

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Geschichte der Geschichte



1992 begingen wir in Europa den 500 Jahrestag der sogenannten Entdeckung Amerikas. Dieses Jubiläum wurde zum Anlass, sich auch kritisch mit Kolonialismus und Kolonialismus zu befassen. Aber dramatische Kriege, in die wir Europäer in den Neunzigerjahren verstrickt waren, ließen diese Auseinandersetzung in den Hintergrund treten. Auf Kolonialismus folgt Kolonialismus, und mit jeder Scherbe, die wir aufsammeln oder wegräumen, zerschlagen wir mindestens einen Topf. Geschichte also ist ein Scherbenhaufen, der vor unseren Augen wächst.

In der Nachbemerkung der Übersetzerin Beatrice Faßbender, die im Übrigen grandiose Arbeit geleistet hat, zum langen Gedicht Yennecott von Jeffrey Yang, in dem sie sich der Frage nach dem notwendigen Wissen zum Verständnis eines Textes zuwendet, heißt es:

Dass Yennecott hier ohne Anmerkungen erscheint, darf als beipflichtende Antwort der Übersetzerin verstanden werden. Was allerdings niemanden vom Vergnügen der Recherche abhalten soll.

Sicherlich kann man Wikipedia nicht als die Bibliothek gesicherten Wissens betrachten, vieles dort Vermerkte ist halbgar und manches falsch. Die Seite hat etwas symptomatisches, mit der Gestalt der Enzyklopädie entbirgt sich auf gewisse Weise der Charakter dessen, was gewusst wird, als Charakter des Blicks. Und so beginnt auch der Eintrag über die Geschichte Long Islands folgendermaßen:

Seit der Zeit der frühesten Besiedelung in Long Island bis zur Übergabe der Kolonie „New Netherlands“ an die Engländer war der westliche Teil der Insel unter dem holländischen Zuständigkeitsbereich, was auch den Anspruch auf die Stadt von Oyster Bay einschloß, den die Engländer wiederum nicht anerkannten.

Die Erzählung des Wikipedia-Eintrags setzt also erst mit der Kolonialisierung ein, die Reste der vorangegangen Kultur wurden, zumindest was die Überlieferung durch Wikipedia betrifft, getilgt. Jeffrey Yang unternimmt nun in seinem langen Gedicht Yennecott eine Spurensuche, kratzt am Lack der kolonialistischen Geschichtsschreibung, nach der sich noch immer unser Weltbild ordnet.

Eben noch im Binnenland
mit einem Mal vom Meer
umgeben
Licht

lockt
Vergangenes hervor am
Vergessen vorbei


Yennecott ist eine frühere Bezeichnung für die Insel, die jetzt drei Flughäfen trägt für Gegenden zur Naherholung sehr vermögender New Yorker. Und in Yangs Text wird eine Verzichtserklärung zitiert, die die Insel ins Eigentum der europäischen Siedler übergehen lässt. Damit verbunden aber auch die Auslöschung der Namens Yennecott. Geschichte ist an Stellen von Natur überwuchert.

Yang kompiliert in seinem Text Beobachtungen und Dokumente, die er zitiert, die er in Verse bricht, und die dadurch etwas von dem preisgeben, was sie verdecken sollten, und worin ihre Intention lag. Dazwischen referiert er historische Ereignisse und Mythen. Der Text ist kaleidoskopisch, und er versucht nicht zu kitten, nicht – wie die kolonialistische Tradition es verlangt – eine konsistente Erzählung der Vergangenheit zu liefern. Denn der Text weiß, dass die Konsistenz nur durch die Unterdrückung bestimmter Momente, Störgeräusche gelingen kann. Auch die Erzählung vom Indianer als edlem Wilden ist eine kolonialistische.
Und vielleicht ist das, was Yang da macht, nur in einem Langgedicht zu leisten, weil es den Epen, die die Pfahlwurzeln unserer Kultur sind, eine ebenfalls epische Form entgegensetzt, aber eine, die Geschichte in Schichten abträgt.

Es ist, als deckte Yang – indem er die koloniale Erzählung, die angetrocknete oberste Schicht also, aufbricht, wegnimmt – ein nicht zu ordnendes Ganzes auf, das aber nur in Versatzstücken erscheint. Zumal mit der Auslöschung der Kultur den Natives, deren Überlieferung eine orale war, auch die Mythen ausgelöscht wurden. Erhalten haben sich Worte und Rekonstruktionen in Weißen Erzählungen, denen genau so wenig zu trauen ist, wie der Internetenzyklopädie. Zu bewahren wäre das Bewusstsein eines Verlustes. Und diesen Verlust macht Yang deutlich.


Jeffrey Yang: Yennecott. Gedicht. Engl./dt. Übersetzt von Beatrice Faßbender. Berlin (Berenberg Verlag) 2015. 96 Seiten. 19,90 Euro.

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