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Jean-François Lyotard: Kulturelles Kapital

Zeitzünder


Jean-François Lyotard

aus: Postmoderne Moralitäten


Wien (Passagen Verlag) 1998




Mein Prof. hat uns an Kant erinnert: selbst denken, in Übereinstimmung mit sich selbst denken. Heute sagen sie, das ist logozentrisch, nicht politically correct. Die Ströme müssen in die richtige Richtung gehen. Sie müssen zusammenfließen. Diese ganze kulturelle Geschäftemacherei, die Kolloquien, die Interviews, die Seminare, warum? Nur um sich gegenseitig zu versichern, daß man über dieselbe Sache spricht. Worüber nämlich? Über das Anderssein. Einstimmigkeit über den Grundsatz, daß Einstimmigkeit suspekt ist. Wenn du eine Frau bist, Irin, noch präsentabel, irgendwie Prof in Brasilien und Lesbe, und wenn du unakademische Bücher schreibst, dann bist du ein wirklich brauchbarer kleiner Strom. Du interessierst das kulturelle Kapital. Du bist ein wandernder, kleiner, kultureller Markt. Beeil dich. Aber wenn du ihnen ein Stück Analyse gibst, das etwas gedrängt von dem sense-able, wie Rachel es nennt, und seine Beziehung zum Tod handelt, dann liegst du wirklich falsch. Das ist nichts Besonderes. Wie drückt sich darin deine Differenz aus? Was ist mit deinem Anderssein passiert? Irgendein guter Kerl, ein braver Ordinarius in Bochum, Germany, könnte das an deiner Stelle machen. Was der kulturelle Kapitalismus entdeckt hat, das ist der Markt der Singularitäten. Jeder soll seine Singularität ausdrücken. Jeder soll an seinem Platz im Netz von Geschlecht, Ethnie, Sprache, Altersgruppe, gesellschaftlicher Klasse und Unbewußtem sprechen. Die wirkliche Universalität, heißt es jetzt, ist die Singularität.



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