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Jayne-Ann Igel: Gegenstände

Münchner Anthologie
Jayne-Ann Igel

Gegenstände

halbwach lediglich in der sekundantenrolle für das hirn, das
bilder und dialoge produziert, so wie am morgen, als von
vater die rede, der zwar abwesend, aber noch am leben, und
an den die empfehlung ging, nichts zu sagen jetzt, was das
beste in seiner lage (›welche lage?‹ war ich versucht zu fragen,
im wissen um seine ›letzte ruhestatt‹) – jener, der sprach, trug
ein hellbeiges hemd, eines, wie auch vater es hätte tragen
können, den obersten knopf offen, dies bißchen spiel für die
gurgel, statt eines krawattenknotens, der, so schien mir in
der kindheit, auf die kehle drücken mochte und so für vaters
schweigen verantwortlich war …


In: Jayne-Ann Igel: die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen. Frankfurt a.M. (gutleut verlag – reihe licht #2) 2018. 72 Seiten. 20,00 Euro.
Alexandru Bulucz

dies bißchen spiel für die gurgel


Wie stelle ich sie mir vor, Jayne-Ann Igels poetische Prosaminiaturen in ihrer Zurückhaltung? Sie haben etwas Beruhigendes an sich, etwas Unaufgeregtes, Unaufdringliches. Ich stelle mir eine brennende Kerze vor, dessen Licht, weil der Docht fast aufgebraucht und das Wachs abgetropft ist, bald verlöschen müsste. Ein im Fast, im Bald, im Noch verharrendes Schreiben:
es ist, als wollte es gar nicht errettet werden, das ›ich‹, und am ende harrt dennoch das licht der verklärung, dies tagesterben …
in den räumen, die sie einst betreten, brennt noch licht –
allmählich erstirbt das licht
Es ist der Grundkonsens dieser Texte, dass Schreiben, ob bei hellstem oder gedimmtestem Licht, „sphärische“ Verklärung bedeutet, ein Heben der fragmentarisch erschriebenen Erinnerung in einen quasi mythischen Status.
Heinz Czechowski war es, der diesen Charakterzug Igel’scher Poetik unterstrich. Doch er hatte wohl Texte vor Augen, die noch nicht – wie der neue Band „die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen“ – über einen Dimmer, einen Verklärungs-Regler verfügten, um das Mythisieren auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Nehmen wir den neueren Text mit dem irritierenden Titel „Gegenstände“.
Die Gegenstände einer vergangenen Epoche sind auch hier in der Dimmung gehalten. Die Vergangenheit, für die der Vater steht, brennt noch, jetzt und hier: Sie – und mit ihr er, der Vater, in seiner „letzten ruhestatt“ – ist „zwar abwesend, aber noch am leben“.
Der Vater ist einer aus Gegenständen bestehender Gegenstand. Das ist das Irritierende an diesem Gedicht. Er ist ein Pars pro toto und ein Totum pro parte zugleich. Hier ist er ein „hellbeiges hemd“, wie er „es hätte tragen können“, ja sogar nur der „oberste Knopf“.
In einem Gespräch mit Czechowski spricht Igel von „Teilen des Vaters an der Garderobe“, „die seine Anwesenheit verrieten“. Auch das – genauso irritierend schön. Igel meinte vielleicht dessen Kleidungsstücke. Aber ich unterstelle ihr, dass sie es bewusst so abstrakt wie nur möglich hielt: „Teile“. Der Vater als solcher, in besagtem Gespräch, ist die „Uniformstücke“, die „Stiefel“, die „Epauletten“, die „Knöpfe, in blaugrünen Stoff getaucht“, das „Hemd, über einen Sessel gebreitet“, das „Husten“, die „Rasiercreme“, das „Räuspern“ … Er ist die Gegenstände am eigenen Körper, er ist die Geräusche des eigenen Körpers.
Das Husten und Räuspern des Vaters: Igel erzählt von einer wahren Begebenheit, die im Gedicht das ihr entsprechende Bild im „spiel für die gurgel“ findet. Wenn der oberste Knopf nicht offen ist, kann man sich das Spiel nur erhusten und erräuspern.
„Kleider machen Leute“, wusste schon Gottfried Keller. Anzüge und Uniformen tun es auch. Sie machen schweigende Leute: „krawattenknoten, der, so schien mir in der kindheit, auf die kehle drücken mochte und so für vaters schweigen verantwortlich war …“ Worüber schwieg er?
In einem anderen Text des Bandes geht es um „vaters hinterlassenschaften“ und um die Frage, „was an zeugnissen von einem leben bleibt“. Die Antwort folgt prompt: „immer weniger, trotz der heutigen möglichkeiten“.
Und in der Tat: Glücklich der, der heutigen(digitalen)tags noch ein Fotoalbum führt, weil er die Mühe nicht scheut, die Handyfotos zu „entwickeln“ oder „entwickeln“ zu lassen. (Ohne Filmrolle wird freilich nichts mehr „entwickelt“, sondern gedruckt.) Um sie anschließend ins Album zu kleben. Obwohl das digitale Zeitalter mehr Erinnerung produziert, führt ihre noch in Kindesschuhen befindliche Archivierung eher zum Gedächtnisverlust.
Nun, es bleibt offen, was mit Vaters Hinterlassenschaften passiert, wo doch „kein platz in der eigenen wohnung, museen und bibliotheken voll davon“. Über das immaterielle Schweigen lässt sich Igel nicht aus und erreicht dadurch ein Minimum an Vergangenheitsmythisierung. Es geht ihr um das Material der Immaterialität, so wie auch das Internet seine Materialität hat. Man denke dabei nur an die Meere und Ozeane schraffierenden Kabel oder an die Satelliten im Weltall. Allesamt Garanten digitaler Kommunikation.
Zu Igels Stoff gehören die den Untergrund schraffierenden Flüsse der Erinnerung an den Vater und unter Umständen an eine ganze Epoche, Erinnerung, deren Scham sie vor Mythisierung bewahrt: „die stadt, in der ich aufgewachsen, hielt ihre flüsse im verborgenen, als wirkte da eine scham, ob der wasser …“
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