Jannis Ritsos: Helena - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Jannis Ritsos: Helena

Rezensionen
 



Nora Zapf

Helena – Monolog einer widerständigen Verfallenen.

Zur Neuübersetzung von Jannis Ritsos' Η ΕΛΕΝΗ bei Reinecke & Voß



„Ich habe beinahe das Sprechen verlernt.“ Helena, die inzwischen kaum mehr besucht wird, sitzt als Greisin in einem Bett mit ausgefransten Laken, und spricht (noch), obwohl sie meint, es sei eigentlich nicht (mehr) nötig. In ihrer Umgebung, dem Zimmer mit Geruch nach Staub und Urin, dem verfallenen Haus, umgeben von einem verwahrlosten Garten mit ausgetrocknetem Springbrunnen – ist nur die Statue der Aphrodite immer noch gleich jung geblieben. Obwohl die vergilbte Gardine, die aus dem Fenster flattert, das Haus anderswo hinziehen will, leistet Helena zusammen mit ihrem alten Haus Widerstand.  


Die eine [Gardine] / weht schon aus dem Fenster, zerrt, will die Ringe sprengen, / über die Bäume entschwinden – vielleicht versucht sie, / das ganze Haus anderswo hinzuziehen – doch das Haus widersetzt sich mit all seinen Ecken / und ich mich mit ihm, obwohl ich mich seit Monaten befreit fühle / von meinen Toten und von mir selbst.


 
 

Für Jannis Ritsos, 1909 in Monemvasia auf der Halbinseln Peloponnes geboren, liegt der Reiz antiker Themen besonders im „Zauber der Distanz“, in der „unerwartete[n] Melodie des Anachronismus“ und der „Leichtigkeit, mit der man ein Kostüm anlegt und in der Maske eines anderen zu den intimsten Geständnissen bereit ist“. Ritsos, ein Lyriker, der aufgrund seiner sozialistischen Überzeugungen oft verfolgt und über lange Zeit in Gefangenenlager gesperrt wurde, wobei viele seiner Texte beinahe verloren gegangen wären (sie wurden von Freunden vergraben und später wieder ausgegraben) und teils auch verloren gegangen sind (sie wurden bei einer Razzia in seinem Haus verbrannt), legt in seinen über hundert Gedichtbänden häufig Masken oder Kostüme an, lässt Statuen und alte Brunnen lebendig werden.

 
 

Etwa in den Martyríes, den Zeugenaussagen über die Verhältnisse seiner Zeit, in denen oft vom Leid und täglichen Überlebenskampf in den Lagern die Rede ist, werden vor allem auch „tiefenmikroskopische Untersuchung[en]“ (Ritsos) der Zeit und des Raums angestellt, die Verschiebungen, Verdrängungen, Ausdehnungen und Verengungen zum Thema haben, in denen sich also der Raum und die Zeit selbst kostümieren und Masken anziehen. Andere Gedichte von Ritsos schildern oft einfache Alltagssituationen, wobei sie Gegenstände, Richtungen, Zeiträume und Perspektiven verdichten, dehnen oder verzerren. So setzen Bäume zum Sprung an, werden Körper von Sternen durchbohrt, an deren Spitze eine Zigarette entzündet wird, oder legt eine Statue die Hand auf deine Schulter. Zwischen einer kafkaähnlichen Ästhetik des Zweifelns und der Verschiebung und einem rilkeschen Sich-Hinein-Versetzen in die Dinge bewegen sich diese oft sehr kurzen Gedichte, von denen einige vom griechischen Sänger Mikis Theodorakis vertont wurden. Im Gedicht Wasser und Erde trinkt jemand sein eigenes Gesicht aus dem Brunnen, ähnlich der Frau, von der Malte Laurids Brigge in Paris beobachtet, wie sie ihr Gesicht in ihren Händen verliert:

[…] Er hatte Durst.
Trank. Im Wasser war niemand. Hatte er vor lauter Durst
sein Gesicht mitgetrunken? Jetzt würde er
wenigstens eine Maske benötigen,
ihm ähnlich (wie könnte er sich sonst unter Menschen
bewegen?). Er holte Wasser und Erde,
knetete sorgfältig den Ton, doch er wusste nicht mehr,
wie sein Gesicht aussah. Er blickte auf seine Hände –
in seinen Fingern hing tiefrot die schlammige Masse.


Auch im Langgedicht Helena verschieben sich Perspektiven, Größen, Maße. Der schwarze Stein am Ring der hundert oder zweihundert Jahre alten Greisin (an der vagen Zeitangabe zeigt sich das unzuverlässige Erzählen), „wächst und wächst, füllt sich / mit schwarzen Wassern – die Wasser schwellen an, steigen“. Helena meint daher: „Ich sinke, / nicht auf den Meeresgrund unten, sondern auf einen Meeresgrund oben.“ Dann verwandelt sich das schwarze Wasser in einen kleinen Knoten, der unterhalb ihrer Kehle sitzt. Ein Krebs? In dem Monolog der einst so umkämpften Schönen, und jetzt verlassenen alten Frau, geht es um das Vergessen. Und um die (Un-)Möglichkeit des Erinnerns bzw. erneuten Erlebens. Das Vergangene ist längst ausgehöhlt, die Worte und Bedeutungen wie leere Mehlsäcke, aus denen nur noch weißer Staub manchmal geklopft wird. Militär, Wettkämpfe, Wünsche, alles gehört der Vergangenheit an. Die vertrautesten Namen hat Helena vergessen (sie spricht trotzdem davon), Namen wie Paris, Menelaos, Achill, Kassandra oder Andromache, sie sind jetzt zu Sternen geworden, die Schiffe leiten. Sind zu einer versunkenen Landschaft geworden, aus denen nur manchmal Klänge auftauchen – Hämmer beim Bau einer Triere, ein Viergespann, zwei hübsche junge Männer, die ein Lied für Helena singen. Hier und immer wieder, die Meeresmetaphorik, die sich als Leitmotiv durch Ritsos ganzes Werk zieht und sich hier im Versunkenen äußert. Das Haus der Greisin Helena am Meeresgrund?

Jedenfalls ist Helena in ihrem verfallenen Haus umgeben von Gespenstern, die Toten sind wie selbstverständlich anwesend. Die Luft ist schwer, eine Truhe öffnet sich von alleine, alte Kleider kommen heraus, rascheln, richten sich auf und wandeln umher. Ein Mantel kramt in seinen Taschen – das Haus ist voller Geräusche, ein Dröhnen, das aus der Vergangenheit kommt. Es sind auch Lebende da, Mägde, Bedienstete, doch Helena fühlt sich von ihren Angestellten eher belagert als beschützt – sie mißverstehen sie absichtlich, überhören oder äffen sie nach, schminken sie in falschen grellen Farben. Die Stimmung im Haus ist feindselig. Daher bittet Helena ihren Besucher (ein früherer Geliebter? ein griechischer Krieger? Odysseus?) noch ein wenig zu bleiben: „Geh nicht weg. Bleib noch ein bisschen. Ich habe so lange nicht mehr geredet“. Sie erzählt ihm vom trojanischen Krieg, von ihrem Tanz auf einer Mauer, von ihrer Beziehung mit Menelaos, ihren Träumen vom „angeblich schiffbrüchigen“ Odysseus... Helena spricht über die Sinnlosigkeit des Krieges, über die Vergänglichkeit der Ziele und Körper, die sowohl auf den von Homer geschilderten Kampf, als auch auf die 70er Jahre in Griechenland mit der Militärdiktatur zutreffen, in denen das Langgedicht bzw. der Theatermonolog (es ist irgendwie beides) entstanden ist. In ihrem Haus gibt es Elektroheizung, Kofferradio, Strom, ebenso wie die lebendige Erinnerung an das trojanische Pferd. „War“ und „wird sein“ werden zu „sind“. In dem gesamten Gespräch, in dem nur Helena spricht und der Besucher zuhört, haben sowohl Helena, als auch ihr stummes Gegenüber gespenstige Züge. „Oh ja, ich lache manchmal, und höre mein Lachen heiser emporsteigen“, sagt Helena einmal. „[N]icht mehr aus der Brust heraus, von viel weiter unten, aus den Beinen; von noch weiter unten, aus der Erde heraus“. Andererseits ist der Besucher in seiner Schweigsamkeit, in der er auf das verfallene Haus zugeht und sich wieder entfernt, wie aus einer Distanz der Zukunft anwesend. Seine Hände gleichen „zwei nach Luft schnappende[n] Vögel[n]“. Wer hier also gerade seinen oder ihren Gespenstern zuhört, ist nicht ganz klar.

Die Übersetzung der Helena durch die Gruppe LEXIS, die sieben Übersetzer*innen unter der Leitung von Elena Pallantza vereint, macht also zu Beginn von 2017 endlich einen Text von Ritsos zugänglich, der für zentral in seinem Werk gehalten wird, und der altes und neues Griechenland vereint in einer gespenstigen Präsenz des Abwesenden. Dafür muss man dankbar sein, zumal dieser Text in einen Fluss von Episoden und sich bewegenden Gegenständen hineinzieht, alles um das alte, faltige Gesicht der greisen Helena herumgruppiert, die sich erinnert. Und wenn auch die Sprache teils etwas veraltet oder umständlich wirkt, wobei die Übersetzung sicher durch eine freiere Übertragung in die Alltagssprache des 21. Jh. an Gegenwärtigkeit gewonnen hätte, ist es doch eine sehr gut lesbare Übersetzung. Übrigens gibt es im Monolog selbst auch eine Übersetzungstheorie, die eigentlich auf die Unübersetzbarkeit als Problematik der Kommunikation allgemein eingeht:

Die Wörter fallen mir jetzt nicht von selbst ein – ich suche nach ihnen, wie wenn ich / aus einer mir unbekannten Sprache übersetze – dennoch übersetze ich. Zwischen den Wörtern / oder auch mitten in den Wörtern bleiben tiefe Löcher; ich schaue hindurch, / als schaute ich durch die Astlöcher in den Brettern einer verschlossenen, / seit einer Ewigkeit zugenagelten Tür. Nichts sehe ich.


Bei den unzähligen bisherigen Übersetzer*innen der Texte Ritsos', der besonders in der DDR oft ins Deutsche übertragen wurde, entstehen in unserer Sprache verschiedene „Ritsosse“, die in ihrer verdichteten Metaphorik zwar ähnlich sind, die sich jedoch im Klang komplett unterscheiden können. Man schaut dann durch Astlöcher, durch Ritzen in den Brettern, und lukt an unterschiedlichen Stellen durch, sieht aber immer Versuche, „das Unteilbare ‚mittels Teilung‘, ewige Bewegung ‚mittels Bewegungsstopp‘ zu erfassen, wie es der Lyriker selbst über seine Poetik ausdrückt. Holz der Bretter der verschlossenen Tür mit Astlöchern, durch die die greise Helena als widerständige Verfallene (der Liebe, des Lebens, der Zeit) sichtbar wird.



Jannis Ritsos: Helena. Gedichte. Griechisch / deutsch. Übersetzt von der Gruppe LEXIS. Leipzig (Reinecke & Voß) 2017. 64 Seiten. 10,00 Euro.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü