Jan Skácel - Signaturen

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Jan Skácel

Veranstaltungen / antimon
 




Der Dichter Jan Skácel
und sein Echo in Deutschland



Wenn ich überhaupt begriffen haben sollte, was Poesie ist, verdanke ich es tatsächlich vor allem den Autoren des tschechischen Poetismus und Jan Skácel.“, meinte Rainer Kunze einmal über den bedeutenden tschechischen Dichter Jan Skácel. Dieses Zitat beschreibt das Besondere dieses Abends im Lyrik Kabinett, an dem Rainer Kunze einen breiten Überblick auf das poetische Schaffen Skácels ermöglicht, indem er Gedichte und Essays in seinen eigenen Übertragungen vorstellt.

Kunzes künstlerischer wie privater Werdegang ist eng mit dem Skácels verbunden. Die beiden auch freundschaftlich miteinander verbundenen Dichter genossen in ihren Heimatstaaten, der DDR und der Tschechoslowakei, hohes Ansehen und litten gleichsam an der strengen Zensur der kommunistischen Regimes, unter denen sie einen Hauptteil ihres Œuvres verfassten. Kunze übersetzte nahezu das gesamte Werk Jan Skácels. Und eben dies stellt sich für diese Veranstaltung als ein Glücksfall dar, denn nicht nur lernte man als Uneingeweihter den Dichter Skácel kennen, sondern man konnte ebenfalls ein übersetzerisches Lebenswerk nachvollziehen. Kunze trug seine Übertragungen sowohl in Deutsch wie auch in Tschechisch vor, und obwohl der Großteil des Publikums wohl dem Tschechischen nicht mächtig war, übermittelte sich ein tiefes poetisches Verständnis für die Lyrik Skácels, und so wird die eigentliche Bedeutung des Titels für diesen Abend schnell ersichtlich bzw. hörbar. Jan Skácels Echo in Deutschland bezieht sich neben der Rezeptionsgeschichte des Dichters hierzulande v.a. auf sein lyrisches Pendant Rainer Kunze, der Reimstruktur und Versmaß, sofern vorhanden, beibelässt und so ein Gefühl für die Musikalität und deren Semantik übermittelt. So in dem Gedicht der blaue vogel, aus dem Band Fährgeld für Charon von 1967, wo es in einer Strophe heißt:

 
 
 

Schwebten nieder aus dem blau,
blaue federn, blauer tau,
schweben in das gras und strahlen,
blauen auf dem stein, dem kahlen,
blauen aus dem sand, dem fahlen,
fädchen aus der wälder naht,
schweben hin am stacheldraht,
hin an türmen, am MG,
blaue federn, blauer schnee.


 
 

Wie im Original besteht ein Vers aus vierhebigen Trochäen, deren Klang der Betonung des Tschechischen, die meist auf die erste Silbe fällt, sehr ähnelt, sowie Binnen- und abschließenden Paarreimen.

Nach der ersten Lesung von Gedichten Skácels durch Rainer Kunze hielt der Skácel- und Kunzeexperte Roman Kopřiva einen Vortrag, in dem er auch Originalaufnahmen von Skácel und eine Vertonung eines seiner Gedichte vorstellte. „Skácel ist ein großer Finder, nicht Erfinder“, so Roman Kopřiva „er holt etwas in seine Lyrik hinein, was in der Sprache schon seit Jahrhunderten oder vielleicht Jahrtausenden vorhanden war, etwas, was die Sprache selbst dichtete.“

Kopřiva erwähnt hierzu Skácels intensives Studium der tschechischen Dialekte und seine Nähe zur Volksdichtung. Als Beispiel für ein tatsächliches Finden von Sprachmaterial führt er den Vers an:


 
 
 

er ging still hin, sich hinter der Stille zu verbergen                           

(Übersetzung von Kunze)

 
 

Skácel übernahm den zweiten Teil des Verses aus Gabriela Preissovás Schauspiel Ihre Ziehtochter (Její pastorkyňa). Ein Stück, das berühmt wurde durch seine Vertonung als Oper von Leoš Janáček unter dem Namen Jenůfa. Kopřiva sieht in der Bewegungsrichtung des Verses eine Hinwendung zur Heimat, in seinem Fall Mähren.

Anschließend an den Vortrag von Roman Kopřiva gab es eine weitere halbstündige Lesung von Gedichten Skácels durch Rainer Kunze, welche die innige Beziehung des Übersetzers zu den Originalen sympathisch verdeutlichte. In der Zeit eines 12jährigen Berufverbots verfasste Skácel jeden Tag einen Vierzeiler, wovon einige, neben anderen ausgewählten Gedichten vorgestellt wurden. Gedichte, die Kunze besonders am Herzen liegen, wurden zweimal gelesen, an Zugaben wurde nicht gespart. Abgerundet wurde der Abend durch Skácels Feuilletons, kleine Hefte mit essayistischen Texten, für die man, so Kunze, in meterlangen Schlangen stand, um ein Exemplar zu erwerben. In diesen Feuilletons, die eine „ungeheure Popularität genossen“, verarbeite Skácel in einer Zeit, wo ein „Wort schon gefährlich werden konnte“, Alltägliches und Politisches in stets so zweideutiger, ironischer oder schlicht deskriptiver Weise, dass es ihm möglich war, die Zensur zu umgehen. Der satirische Scharfblick Skácels ist von verblüffender Frische und nimmt sein jeweiliges Thema, das zwischen den Zeilen gegen die Regierenden schießt, immer auch so ernst, dass ihnen eine gewisse Zeitlosigkeit gewiss ist. In einem Artikel namens Flügel, in dem Skácel über den Schulanfang nach den Ferien schreibt, heißt es:

 
 
 

In die Schule geht man immer gern und ungern. Ungern und gern. Einem Kind, dem diese Dialektik fehlt, sollte sorgfältig vom Psychiater untersucht werden. Etwas verkümmert in ihm und wenn es erwachsen wird, kann es der Menschheit viel Schaden stiften. Aber am schönsten waren die ledernen Flügel auf dem Rücken der Schulanfänger.

 
 

Anschließend las Kunze das Feuilleton über den Staat, das beginnt:

 
 
 

Das ist kein Feuilleton über den Staat, in dem ich lebe, ein solches Feuilleton zu schreiben, würde ich nie wagen. Wie die meisten tschechischen Journalisten würde ich eher ein Feuilleton über die U.S.A. zustande bringen, weil ich dort nie gewesen bin. Mir schwebt Nepal vor.

 
 

Skácel schafft es, ein verabschiedetes Gesetz der nepalesischen Regierung zu kommentieren, welches die Besteigung eines Achtausenders verbot und gleichzeitig sein eigenes Schaffen innerhalb seines eigenen Landes charmant und bissig zu hinterfragen. Die Feuilletons bildeten einen gelungenen Abschluss für einen Abend, der das Kunststück vollbrachte, einem gleich zwei Dichter näher zu bringen und ebenso der Kunst der Übersetzung einen angemessenen wie faszinierenden Raum zu bieten.


Daniel Bayerstorfer


 
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