Jan Kuhlbrodt: Zum Todestag Ernst Jandls - Signaturen

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Jan Kuhlbrodt: Zum Todestag Ernst Jandls

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Jan Kuhlbrodt

Von der Anwesenheit


Zum Todestag Ernst Jandls



Ernst Jandl ist am 9.6.2000 gestorben, gestorben. Ein Fakt, der nicht recht einleuchten will, denn im Grunde ist er zumindest hier im Haus auf die eine oder andere Weise präsent.
Gestern sprach ich mit meinen Töchtern über einige seiner Gedichte. Es herrschte eine heitere Stimmung in unserer Küche, ausgelöst durch Erinnerung, aber auch durch anhaltende Präsenz. Meine Töchter kannten zwar den Namen des Dichters nicht, oder er war ihnen weniger wichtig (sie erinnerten sich dann doch), aber fünfter sein oder ottos mops war ihnen vorhanden. Diese Texte haben sie durch ihre Kindheit begleitet und uns in der Familie Momente des Glücks beschert. Strukturen der Sprache, Struktur des Beginnens. Und auch des Endens. Jandl war, nein ist, ein Dichter, den ich in seiner Thematik als komplett bezeichnen wollte, dessen Begleitung anhält.

 
 
 
 


Brutal und tröstlich. Oder tröstlich gerade durch seine ungeschminkte Direktheit, durch den Verzicht auf ästhetisierende metaphysische Flausen. Das hier von Jandl selbst gesprochene Gedicht findet sich in der Gesamtausgabe im Band. 2 Seite 375. dingfest hieß der Band, in dem es zuerst erschien. Blättert man sich durch die Texte, springt Jandls Interesse für das Materiale sofort ins Auge. Das Materiale der Sprache, aber auch dessen, was sie bezeichnet. Es ist ein geradezu antimetaphysisches Werk. Die Betrachtung der Oberfläche, die, letztlich, weil die Oberfläche Gegenstand der Dichtung wird, zu deren Achtung führt.


Und wer fehlt, fehlt konkret. Und konkret kehrt er wieder:

auferstehung

aus seinen schultern wächst die schlucht
der himmel bricht aus seinen augen
die wipfel biegen seinen blick
aus seinen ohren braust der sturm

an seinen fingern zupfen blumen
der stock umklammert seine hand
das moos versinkt in seinen füßen
an seine zehen tappen steine

der waldduft strömt aus seiner nase
ein felsstück spring aus seinem kopf
der pfad reißt ihn der länge hoch
so geht er gradwegs aus dem tod



Ernst Jandl: Werke Bd. 3. Verstreute Gedichte 1972 bis 1982. S. 474.

 
 
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