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Jan Kuhlbrodt: Sachsen (m)eine Bühne

Zeitzünder

Jan Kuhlbrodt
Sachsen (m)eine Bühne


Einer Legende zufolge verbrannte die sächsische Theatermacherin Caroline Neuber 1737 den Harlekin öffentlich auf dem Leipziger Marktplatz. Der absurde Spaß im Theater sollte nach einer absurden Aktion der Bildung weichen. Der sächsische Grübler stellte sich hier als humorloser Aufklärer dar, im Gedanken an den Vollbesitz der Wahrheit. Doch die Neuberin hatte nicht mit der Widerstandskraft des Humors gerechnet. Harlekin oder Hanswurst, wie er hierzulande heißt, zog weiter vielleicht etwas untergründiger seine Bahnen. Sollte doch das ganze Land seine Bühne sein. Angesichts der Spiele der Demokratie, der Wahlen und der daraus resultierenden Politik könnte man auf diesen Gedanken kommen: Alles Theater. Aber was wäre dann das Theater selbst! Eine Bühne auf der Bühne oder am Rand? Und wo wäre der Hanswurst?      
    In der vielleicht nur für mich, aber ich glaube auch viele andere, die sie gesehen haben, legendären Inszenierung der beiden Teile des Goetheschen Faust in den Achtzigerjahren am Schauspielhaus Karl-Marx-Stadt spielte Matthias Günther den Mephisto. Mir ist von dieser Inszenierung noch einiges in Erinnerung, ich war Oberschüler damals und saß mit offenem Mund im Zuschauerraum, erschauerte angesichts des entfesselten Treibens in der Walpurgisnacht, feierte die Erfindung des Papiergelds samt anschließender Inflation und belächelte den greisen Idioten Faust, der - erblindet angesichts seiner Grablegung - von einer wuselnden Gemeinschaft phantasiert, aber am eindringlichsten erinnere ich mich daran, wie Günthers Mephisto, wenn er am Bühnenrand wie auf einer Rennstrecke hin und her eilte, mit seinem Klumpfuß immer wieder beinah über den Souffleurkasten stolperte. Beinahe, denn jedes Mal riss er im letzten Moment den Pferdehuf hoch und überwand das Hindernis doch.
    So wollte ich sein, wie dieser Teufel, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, und sei es nur, einen Souffleurkasten unbeschadet zu übersteigen oder zu überspringen. So wie es mir und meinen Landsleuten letztlich auch gelang, uns staatlicher Einflüsterung zu entziehen.
    Vielleicht ist das der älteste Trick der Theatergeschichte. Und vielleicht ist es der beste, weil er sich nicht abnutzt und noch heute funktioniert, die Schnittstelle bildet zwischen Theater und Zirkus - Aufklärung und Slapstick.
     Ja, Aufklärung und Slapstick. Hier sind wir mitten in der sächsischen Gegenwart, da sich die Bevölkerung, oder zumindest Teile davon theatralische Elemente zu ihrer Alltagskultur oder Protestkultur gemacht haben, aber leider nicht im aufklärerischem Sinn. Einige meiner Landsleute sind wahrhaft zu Teufeln geworden, rassistischen ohne mephistophelischem Humor, und wenn es einst darum ging, die staatlichen Einflüsterer zu überwinden, haben sie sich nicht zu aufgeklärten Bürgern emanzipiert, sondern die Feindbilder aufs einfachste ersetzt.
     Der Feind ist ihnen nunmehr der Fremde, der Bunte, der Harlekin. Sie treffen sich auch nicht mehr im, sondern vor dem Theater. In Dresden zum Beispiel sind einige von ihnen selbst in eine Art Pegida-Souffleurkasten gestiegen, erproben sich als rassistische Einflüsterer.
    Aber auch hier erweist sich das Theater als aufklärender Hort, gerade wenn es zuweilen ohne Worte auskommt und mit der Inszenierung 2017 von Handkes stummem Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten in Dresden mit Bürgerinnen und Bürgern auf dem Platz vor dem Schauspielhaus der rassistischen Dummheit den Ort streitig macht. Dann wird der öffentliche Raum wieder zur Bühne der Aufklärung, in dem Hanswurst und bunte Harlekine ihren Platz haben. Und auch der dialektische Mephistopheles, der über Souffleurkästen stolpert.


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