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Jan Kuhlbrodt: Prolog

Gedichte


Prolog:

... die Tristesse unserer Städte, das Fehlen
von Repräsentation,
¹ Stelen, vorgelagerte
Messen auf dem, was einmal Schlachtfeld

nun Blickfeld.
² Die Höhe der Zinnen. Mauern
Feinde. Mögen sie hier auch niedrig erscheinen
angesichts vollschlanker Türme. Vertreter

anderer Welten. Handtaschen, Aktenkoffer, Schlipse
Turbane, Burkas, Tipps und Mützen in allen Farben.
Was, frage ich, ist uns noch fremd?

Was treibt uns? Was treibt uns um?
Treibt die Städte vor Augen
treibt uns, sie nie zu verlassen? Zu gehen wie Kaiser
mit Schirmmütze, Schirm und Tornister. Auf!

Die Loipen sind gespurt. Die Steine liegen
in Schrittlänge.
³ Die Wege sind
überschritten (von uns) aber liegen sichtbar noch.



(Jan Kuhlbrodt: Kaiseralbum. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2015)

¹ Nehmen wir Leipzig. Schauen Sie sich um. Die Bürgerstadt steht für: Ja! Bürgerlichkeit. Allein die breiten Bürgersteige, auf denen heute die Mittelklassewagen abgestellt werden. Die Wagenbesitzer profitieren von den für Rollstühle an den Ecken abgesenkten Bordsteinen. Wer nimmt hier was vorweg? Und wo beginnt die Gehbehinderung? Ist ein Walross gehbehindert, wenn es an Land ist, oder schwimmbehindert? Und ist den Robben die Schwimmbehinderung die eigentliche Gehbehinderung? Vor der Stadt, wir befinden uns noch immer in Leipzig, ein Denkmal. Es erinnert an den Sieg über Napoleon, den Kaiser, der uns lehrte, dass der Weg nach Russland weit ist, von dem unsere Großväter sich nicht belehren ließen. Allerdings war es ein Glück für den Rest Europas, dass die Nazis sich nicht mit dem beschieden, was sie vor dem Überfall auf Russland hatten. Deshalb die russische Kirche nebendran. Zurück zu Napoleon, der uns das Bürgerliche Gesetzbuch brachte, oder zumindest den Codex Napoleon, ohne den heute wahrscheinlich gar kein Mittelklassewagen auf den breiten Bürgersteigen parken würde. Kein Bürger würde über Bürgersteige flanieren. Wahrscheinlich würden sie Lakaiensteige heißen ohne diesen Kaiser. Die breiten Leipziger Bürgersteige wurden im Übrigen aus den Reparationen finanziert, die man 1871 den Franzosen abpresste, nachdem man den nächsten und aus deutscher Sicht letzten Krieg gewonnen und die Pariser Kommune niedergeschlagen hatte. „In Erwägung unsrer Schwäche machtet / Ihr Gesetze die uns knechten sollen. / Die Gesetze seinen fortan nicht beachtet, / In Erwägung, dass wir nicht mehr schwach sein wollen.“ Wieder Brecht. Die Tage der Commune. Zitiert aus dem Gedächtnis. Dieses „In Erwägung“ hatte es mir angetan. Vive la France. Und mit der Revolution würden auch die Bürger fallen, zumindest ihr Begriff. Aber schon hier hätte ich stutzig werden müssen. Proletariersteige waren nicht angedacht. Aber ein Einheitsauto. Die Pappe. Der Trabant. Im Wort Proletarier blitzt auch keine Freiheit auf. Nein. Was also kommt nach dem Bürger? Und die Frage ist nicht: Wie wäre Geschichte verlaufen, wenn Napoleon den Endsieg eingefahren hätte? Das ist ein deutsches Trauma. Die Frage ist: Wie wäre Geschichte verlaufen, wenn Napoleon nicht verloren hätte? Nuancen! Ça ira!
² Zwei Anmerkungen zum Militärdienst: Sichtfeld geht vor Deckung. Die erste. Und Deshalb sollten wir die Schützengräben auch im Hang vor den Bergen ausheben und nicht auf dem vom Feind abgewandten. Wer nicht sieht, trifft nicht. Aber wer nicht zu sehen ist, wird aus Zufall getroffen. Die Logik des Sperrfeuers.
³ Japanische Gärten, Kaisergärten, gibt es jetzt zum Mitnehmen für die Hosentasche. Ich habe ein Set mit Sand und Rechen en miniature kürzlich im Bahnhofsbuchhandel gesehen. Zen-Garten. Was hält uns also noch hier. Auf Gärtner, auf! Auf in die Welt. Nichts, was uns fesselt. Kein Gatter, kein Garten. (Ich hatte mich vertippt und Kaisergerten geschrieben. Wenn es solche gibt, fragt man sich, ob sie kaiserliche Striemen hervorrufen, oder Striemen auf einem kaiserlichen Arsch.)
Es ist selten, dass ich über die Hinfälligkeit von Straßenbelag nachdenke. Eher über die Hinfälligkeit des darüber Schreitenden, über mich zum Beispiel oder über meinen Großvater. Aber auch Straßenbelag hat eine Dauer, eine Frist, mag er noch so hart sein. Einmal, es muss in den späten Neunzigern des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sein, klaubte ich aus einer noch nicht sanierten Straße zwei Stücke Holzpflaster. Akkurate Quader, wahrscheinlich Eiche. Ich wusste zwar, dass man in der Gründerzeit die Straßen mit Holz gepflastert hatte, dennoch starrte ich ungläubig auf den Beweis. Wie zur Tarnung hatten sich auf den Pflasterköpfen Straßenstaub, Ruß und Abrieb zu einer ca. einen Zentimeter dicken, klebrigen Schicht verbunden, das Weiche des Holzes eher betonend als verdeckend. Es muss ein großer Genuss gewesen sein, in der Gründerzeit über frisch verlegtes Holzpflaster zu spazieren, vielleicht um auf dem Kaiserplatz Wilhelm II. zuzujubeln, oder ihn in Anarchistenmanier zu beschimpfen, oder als Spitzel den Anarchisten zu beobachten, wie er den Kaiser beschimpft und ihm dann behände die Bombe entreißen, eine Stahlkugel mit einer brennenden Lunte, und über die Köpfe der Menschen hinweg einen Schrebergarten werfen, wo sie den Wasserbottich knapp verfehlt und unter einem blühenden Apfelbaum explodiert, dass die Blütenblätter aufstieben und langsam über das Erdbeerbeet rieseln, das natürlich noch nichts trägt, aber als Blühendes schon die Dreifaltigkeit repräsentiert. Ohne Sohn, der die Frucht wäre. Ein mittelalterlicher Gedanke, der daher rührt, dass die Erdbeere im Sommer gleichzeitig Blätter, Blüten und Früchte trägt. Das Federnde des Ganges, vom Holz aufgenommen in ein sanftes Wellen. Ein Tänzer der Flaneur und unter ihm ein Schwingboden. Ballett auf offener Straße. Und der Geruch. Davon war in den Pflasterstücken, die ich aufhob, natürlich nicht einmal mehr eine Ahnung vorhanden. Die klebrige Schutzschicht hatte über die Jahre die Dynamik des Schrittes verschluckt, aber nichts davon speichern können. Der Gedanke liegt im Holz. In jedem Holz. Biegsam. Bumerang. Aber auch Erdöl hält nicht ewig. Der Winter 2009/10 kostete die deutschen Kommunen Millionen, weil er Schlaglöcher und Risse im Bitumen zurückgelassen hatte. Dass das Wasser mit der Zeit den harten Stein besiegt, sagt Laotse. Und auch er war unterwegs, wahrscheinlich auf einer holprigen Landstraße, glaubt man Brecht, der diesen Sachverhalt in seinem Gedicht Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Verbannung beschrieb. Der Zöllner zwingt dem Reisenden sein Wissen ab. Auch mir hatte übrigens einmal ein DDR-Zöllner ein Tucholskybuch abgenommen, das Deutschland, Deutschland unter anderem hieß. Ich kam aus Ungarn zurück und hatte noch die Farm der Tiere von Orwell dabei. Das „Tierbuch“ durfte ich behalten. Ja, so funktionieren die Zöllner in totalitären Regimen. (Warum heißt der chinesische Gelehrte eigentlich in anderen europäischen Überlieferungen Laudse und sein Buch Daodedsching.) Schwäbische Übersetzer.

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