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Jan Kuhlbrodt: Neobiedermeier oder die Rekonstruktion des Privaten 1

Diskurs / Poetik > Diskurse


Neobiedermeier
oder die Rekonstruktion des Privaten


Eine Polemik von Jan Kuhlbrodt




1.  Die neue Lyrik und die Gärtner vom Tempelhofer Feld



Analogien

Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Films – Die Neue Deutsche Komödie
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Romans – Das Neue Erzählen
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Gedichts – Neues Biedermeier

Um eines vorweg zu schicken, wie ich schon in den frühen Achtzigern keine Krise in der deutschen Prosa wahrgenommen habe, und auch den deutschen Film nicht krisenhaft empfand, sah ich in den letzten Jahren auch keine Krise der deutschen Lyrik. Alles was es gab, waren die üblichen Absatzprobleme, die schon seit je mit künstlerischen Neuerungen verbunden sind.
Wer wollte angesichts von Romanen wie „Ich“ von Hilbig oder Schulzes Simple Storys von Krise sprechen? Das einzig Krisenhafte war, dass man sich in der Folge angesichts des Zusammenbruchs der DDR und der Wiedervereinigung, obwohl Deutschland in der sogenannten Weltgemeinschaft wieder eine Rolle spielen wollte, auf sich selbst zurückgeworfen sah. Je mehr BRD politisch nach außen drängte, umso mehr verfeinerte sich die Innensicht. Eine fatale Entwicklung, weil arbeitsteilig. Noch Hilbig hätte die Franzosen als seine Vorbilder benannt, ihm wäre Stifter wohl nie in den Sinn gekommen, und den Simple Storys stand der Amerikaner Raymond Carver Pate. Wer wollte von einer Einschränkung auf dieses Deutschland sich beschränken lassen.

Aus den Absatzproblemen für Gedichtbände, die zweifellos existieren und auch durch Ausnahmen und dem Aufblitzen einer Scheinöffentlichkeit nicht aus der Welt zu schaffen sind, ergibt sich der Anschein einer Überproduktion. Anschein aber heißt, es scheint nur so, denn die Lyrik entzieht sich volkswirtschaftlichen Begrifflichkeiten. Eine Lyrische Überproduktion führt nicht zu Gedichtbergen oder gar Tränenseen. Wenn Lyriker konkurrieren, dann um die Aufmerksamkeit des Publikums und um Literaturpreise.
Nun ist die Aufmerksamkeit des Publikums für den Lyriker/die Lyrikerin in einem materiellen oder besser monetären Sinne nicht lebensentscheidend, die Verteilung von Preisen und Stipendien zuweilen schon. Und man kann zurzeit anhand der Verteilung von Preisen einen gewissen Trend hin zu einem neuen Biedermeier erahnen. (Preishäufungen sind zum Beispiel bei Jan Wagner und Nadja Küchenmeister zu konstatieren, deren radikalprivatistische Poetiken doch einiges gemeinsam haben.) Denn Preisvergaben bieten den Nachrückenden jüngeren und weniger Selbstbewussten Orientierung. Zwar ist der Gedanke, dass das, was honoriert wird, auch gut sein müsse, einer außerkünstlerisch ökonomischen Denkweise entlehnt, aber er ist zweifellos vorhanden.

Jedoch: Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, lässt Büchner König Peter sagen in seinem Stück Leonce und Lena. Letztlich ein Stück, dass einem der bedeutenderen Nachwuchspreise für deutschsprachige Lyrik den Namen spendierte. Und dieses Stück steht für einen gewissen Ausbruch aus der Biedermeierlichkeit.

Mir ist auch klar, dass ich das Wort Biedermeier hier als Kampfbegriff benutze, ihm also in seiner kulturgeschichtlichen Dimension nicht gerecht werde. Auf jeden Fall würde ich den Vormärz, also Heine und Büchner davon ausnehmen wollen, wenn ich hier Biedermeier sage, dann meine ich konservative und restaurative Tendenzen, Tendenzen also, die letztlich die Basis für die Verleihung  des Preises der Leipziger Buchmesse an einen Lyriker waren, und die Basis dafür, etwas überspitzt formuliert, dass Lyrik von den neuen Kleingärtnern auf dem Tempelhofer Feld wahrgenommen wird.

Denn die Natur wird auf beiden Seiten wieder Thema, im Garten und in der Lyrik, aber eben nur als ihr Gezähmter Abglanz. Und wenn etwas aufgeräumt wird, dann sind es heimatliche Keller. Geschichte findet in Jahreszeiten statt und zeigt sich als Laubrest an der Harke. Erdbeben, wie das jüngst in Nepal, haben in dieser Lyrik keinen Platz.

Ich will hier keinesfalls der Dichtung die Rolle eines Kriegsberichterstatters oder Katastrophenreporters zuweisen. Aber wenn schon von Natur die Rede ist, sollte sie die eingehegte den Gärten verlassen. Tut sie das nicht, bleibt sie Abbild nationaler Stagnation angesichts internationaler Dynamiken. Dass die deutsche politische und gesellschafts-theoretische Biedermeierlichkeit von der unglaublichen Dynamik wirtschaftlicher Prozesse begleitet wird, ist Ausdruck eines dialektischen Verhältnisses von ökonomischem Sein und gesellschaftlichem Bewusstsein, und könnte jenseits der Gartenromantik spannenden Stoff bieten und eine Entladung der Situation vorbereiten.

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