Direkt zum Seiteninhalt

Jan Kuhlbrodt: Faltungen. Zum Experiment

Diskurs / Poetik > Diagramme


Faltungen
                           – zum Experiment



Wie es scheint, wird das Experiment als Gattung betrachtet, was dem Begriff widerspricht. Denn im Grunde müsste das Experiment ja im Bereich vor jeder Gattung liegen. Aus dem Experiment könnte sich, wenn es denn gelingt, eine Gattung konstituieren.

Was verbindet also Texte?

Das ist natürlich eine unsinnige Frage. Eine Frage, die von ihrem metaphorischen Gehalt her sofort auf eine falsche Fährte führt, denn verbunden sind Texte zunächst durch etwas ihnen rein Äußerliches, die Willkür der Auswahl, die sie in einer Publikation zusammenbindet, und durch die Unmöglichkeit, irgendetwas, schon gar nicht die sogenannte experimentelle Dichtung, in seiner Vollständigkeit zu präsentieren.

Und dennoch liegt im Wort Verbindung selbst etwas, das eine Gemeinsamkeit aller Texte zum Ausdruck kommen lässt:

Der Blick selbst definiert den Ausschnitt unserer Wahrnehmung, und der Ausschnitt repräsentiert eine unfassbare, weil unbegriffene Gesamtheit. Pars pro toto. Ein Falte also, die verbirgt und entbirgt gleichermaßen, und darauf werden wir zurückkommen müssen.

Denn alle sogenannt experimentellen Texte falten. Das heißt, sie wenden etwas, dass am Rand der Dichtung liegt, ins Zentrum, in ihr Zentrum, ins Zentrum des Textes.

Dass mir diese Gemeinsamkeit als erste in den Sinn kam, als ich mich mit diesem Essay beschäftigte, ist der aktuellen Gegenwart geschuldet, in der, so paradox es ist, noch das Allgemeine sich in Sparten organisiert.  
Texte werden auffällig, bekommen eine Symptomatik, die über das (unformulierte) Erwartete hinausgeht. Das Bild des Geschriebenen löst sich in Geräusch oder in vorgestelltes Geräusch.

Aber Dichtung war immer auch Schrift. Papyrosrolle oder in Stein gemeißelter Keil. Zumindest die abendländischen Gesellschaften einigten sich auf diese oder ähnliche Formen der Überlieferung.

ICH KANN EINEN TEXT VON ERNST JANDL DURCHAUS OHNE JAZZKAPELLE LESEN, SOGAR OHNE SEINE WIENER FÄRBUNG ZU IMITIEREN.

Im Grunde lassen sich die meisten Texte willig in ein klassisches Format einfügen, geben sich mit dem Raum zufrieden, der ihnen auf einem weißen oder leicht eingefärbten Papier eingeräumt wird. Sie verbergen ihre durchaus vorhandenen Faltungen unter einer glatten Oberfläche, als wollten sie außertextliche Einflüsse zum Verschwinden bringen.

Man kann, wenn man einen Text als Lebewesen betrachtet, sagen, dass die meisten Gedichte, wenigstens in ihrer papiernen Form, recht uneitel sind. Gut, sie zeigen ihre Versstruktur mal mehr und mal weniger. Aber zumeist auf eine derart leise Art und Weise, dass ihre grafischen und lautlichen Qualitäten, die sie naturgemäß haben - denn alles, was mit den Augen wahrgenommen wird, hat eine grafische Qualität - eher schüchtern verstecken, als vorweisen.

Damit erfüllen sie Lesererwartungen, vor allem die, dass der Leser in seiner Haltung verharren kann, die er dem Text gegenüber einnimmt. Das Erwartete tritt ein.

Zunächst also sind experimentelle Texte, solche, die sich nicht vertreten lassen. Sie entziehen sich dem Diskursiven durch ihre Anwesenheit, und sind in diesem Zusammenhang alles andere als bescheiden. Sie zeigen ihre Besonderheiten offensiv und laut. Und vor allem machen sie eines: sie ziehen das, was an aller Dichtung Rand liegt, ins Zentrum.

Natürlich ist es so, dass Texte, die derart etwas exponieren und damit sich selbst exponieren, dass das Exponierte sich nach seiner Bedeutung fragen lassen muss.

Zuweilen haben Gedichte darauf ganz profane Antworten, verweisen auf den Setzer oder die Enge der Zeitungsspalte. Wie Majakowski, der seine Verse, um sie im Druckwerk in ihrer Länge unterzubringen, in eine Treppenstruktur brechen musste. An dieser Stelle kommt die Frage auf, was der optische Anschein eines setzerischen Problems mit dem Klang der Texte anstellt.

Aber das Profane im Falle Majakowskis ist ein Sonderfall.

Durch die Zeiten begegnen uns die Exponiertheiten immer wieder, sind sie ja Momente der Dichtung selbst, die in ihnen zur Sichtbarkeit drängen. Ihre Hochzeit hatten sie sicher in der Dichtung des Barock. Nach Deleuze ist die Falte ohnehin dessen Charkteristikum. „Er (der Barock) erfindet sie nicht, sondern er krümmt die Falten um und um, treibt sie ins Unendliche, Falte auf Falte, Falte nach Falte. Die ins unendlich gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock.“

Damit soll nicht gesagt sein, dass es sich bei den als experimentell betrachteten Autorinnen und Autoren um Künstler handelt, die sich offensiv auf das Barock beziehen, aber darauf, dass sie gewissermaßen Vorhandenes in einer einzigartigen Weise neu formulieren, oder je einen anderen Rand ins Zentrum falten. Der Gegenwart aber ist, nicht nur in der Dichtung, eine seltsame Nähe zum Barock zu attestieren.

Der Natur der Falte gemäß kommt es dabei zu semantischen Verschiebungen. Ein Beispiel sind die Arbeiten von Matthias Traxler, die zuweilen auf halben Wege abzubrechen scheinen, Auslassungen, deren Konnotationsraum sich aber dabei unter sich selbst verschiebt in eine verdeckte Anwesenheit.

Aber, und um im Bild zu bleiben und gleichzeitig das Thema auszufalten, die Falte steht auch für die im Augenblick unübersichtliche deutsche Lyriklandschaft überhaupt. Das bedeutet, dass es schwer ist, so etwas wie ein gültiges Bild davon zu konstruieren. Je nach der Position des Betrachters geraten Momente in den Blick genauso gut wie andere verschwinden. Vielleicht könnte man mit großem Aufwand eine Karte zeichnen; aber auch eine Karte, die Faltungen schematisch ausgleicht, wäre eher ein Bild des Gedankens, der zu ihrer Anfertigung geführt hat. Die Lyrik ist keine plane Fläche und sie folgt in ihrem Fortgang keiner einzigen inneren Logik. Es sind Logiken, denen sie ihre Entwicklung verdankt, die sich zuweilen recht stark widersprechen.

Also gehen wir hier, und nur zum Spaß, nur um ein Bild zu entwerfen, ein wenig hinter das Barock zurück und versuchen es mal mit einem mittelalterlichen Ständebaum. Da thronen ganz Oben, verkehrte Welt, die Mütter und Väter des Ganzen und geben dem unteren Gezweig eine Wachstumsrichtung vor. Diese Mütter und Väter heißen, zumindest im konstruierten Fall, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Elke Erb und Jürgen Becker. (Oh ich höre schon einen Aufschrei der Empörung, weil ich die sächsische Dichterschule außen vor ließ, namentlich die auch für mich sehr wichtigen Mickel und Braun. Aber Kollegen: wir bekommen nicht alles unter einen Hut, und das ist auch gut so.)

Ernst Jandl, könnte man sagen, fungiert als Gott. Und meiner Meinung nach ist er auch der wichtigste deutschsprachige Dichter der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und er wirkt fort. Auf ihn beziehen sich sowohl jene, die der Alltagssprache in der Dichtung Raum verschaffen, als auch die, die experimentell die Sprache zergliedern. Auch rhythmische Versuche gehen auf sein Konto. Und Jandl ist ein Begriff, der vieles birgt, von Wiener Schule bis Brasilien. So steht er also auch stellvertretend für Eugen Gomringer, Artmann usw. oder um es emphatisch zu formulieren: für all die Autorinnen und Autoren, die uns nach dem Faschismus die Sprache aus der Ideologie geklaubt haben.

Mayröcker steht für eine Art experimentelle Innerlichkeit. Die Sprache durchwandert das Selbst und trifft dort auf die Sedimente von Welt. Innerlichkeit hat hier also nichts mit dem Kitsch zu tun, der anderenorts unter diesem Label verbreitet wird. Sie ist analytisch. Und an Mayröcker schließen sich all jene an, die auf diesem Feld experimentieren und forschen.

Jürgen Becker erforscht die Ränder der Gattung zumindest auf literarischem Gebiet, vielleicht könnte man an dieser Stelle auch Brinkmann nennen. Eventuell hat es auch etwas mit dem B im Nachnamen zu tun. Beide also arbeiten zwischen Hörspiel und Prosa am Gedicht.

Elke Erb schließlich, auch eine, die forscht. Vielleicht könnte man ihre Art mit literarischem Exerzitium des 21. Jahrhunderts beschreiben. Alles wird Gegenstand lyrischer Analyse, und dabei unterscheidet sie nicht zwischen hergestellter und (sozusagen im Volksvorurteil) natürlicher Welt. Und Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Wundern.

Die Kleider der hier ausnahmsweise namentlich angeführten Alten werfen Falten. Wie gute Großeltern sitzen sie nicht auf einem Sockel, sondern mitten unter uns, und wir spielen zwischen den Falten. Verlassen auch schon mal das Zimmer, um bei den Nachbarn reinzuschauen und langsam wird uns auch klar, dass wir fremde Sprachen lernen sollten, um uns zu verstehen.

(Das wussten die angeführten Alten schon, vor allem Jandl und Erb haben in übersetzerischer Hinsicht Unglaubliches geleistet, aber die sind ja schon lange erwachsen.)

Am Ende eine sehr sehr unvollständige Liste der Kinder und Enkelkinder, wie sie mir in den Sinn gekommen sind. Zwei Stunden später wäre das sicherlich anders ausgefallen:

Rinck, Falkner, Czernin, Hefter, Winkler, Piekar, Crauss, Berends, Futscher, Popp, Filipps, Seel, Elze, Bresemann … …

Jan Kuhlbrodt


Zurück zum Seiteninhalt