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Jan Kuhlbrodt: Der Filter die Störung

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Jan Kuhlbrodt

Der Filter die Störung
(in memoriam Carlfriedrich Claus)


Kurz vor seinem Tod hatte ich die Gelegenheit Carlfriedrich Claus kennenzulernen. Es war nach der Eröffnung seines Lautaggregates im Chemnitzer Museum. Der Raum um seine Kunst und der Raum um seine Person. Seine Kunst ist Dokument eines Menschen, der seinen Weg ging, unabhängig von der politisch realen Gestalt der Utopie. Es war ja kein mönchisches Einsiedlertum, was er lebte. Sein Kontakt zur Welt fand in Briefen statt. Und das Werk (oder seine Arbeiten, die meisten seiner Arbeiten) greifen myzelartig aus. Geflechte. Rhizome. Gebilde über die Blätter hinaus.


1. Die Störung

Ein Sprachgebrauch, der die Existenz eines geregelten, reinen, störungsfreien Ablaufes vorstellt und ins Zentrum des Alltagsdiskurses weist, der um ein reines Zentrum herum eine Normalität, so etwas wie die gestörte Peripherie, konstruiert.

(Geburt der Klinik, Muster der Naturwissenschaft, Ähnlichkeiten werden zu Identitäten, Ungleichheiten zu Abweichungen. Störungen?)

Konstitutiv für einfach-dialektische Denk- und Handlungsmodelle, sie folgen dem Schema, dass das, was ist, durch sein Gegenteil geht oder durch es illuminiert wird.

Im Wort Störung finden sich das Unangenehme im Sinne einer Fehlleistung, Fehlfunktion usw. und das Fehlgeleitete konnotiert.

(Dabei wird das Präfix “fehl” metaphorisch verwendet, da die Störung durch ein Hinzutretendes, Funktionsfremdes verursacht wird, durch diese Verwendung entsteht aber das Doppeldeutige, indem etwas Hinzukommendes unmittelbar als Mangel bestimmt wird.)

Es ist das Problem der Alltagssprache, dass sie sich von vornherein und vor allem moralisch gibt.

Aber dieses Problem macht sie auch beweglich, fast geschmeidig zuweilen.

Sie setzt voraus, ohne zu bestimmen.

Im Falle der Störung setzt sie eine wie auch immer geartete Normalität. Wie diese zustande kommt, interessiert sie nicht.

Normalität bleibt solange verschwunden, solange sie nicht gestört wird. Andererseits ist sie da, wo sie auftaucht, von vornherein angetastet.


2. Der Filter

Im Filter findet sich das Instrumentale, Nützliche. Etwas, das eben jene Störung verhindern soll, durch Defiltrierung des Fremden, Unpassenden.

Zwischen diesen beiden Begriffen, zwischen Störung und Filter entspinnt sich ein komplementäres Verhältnis. Der Filter enthält die Störung jeweils als negatives Wissen. Das ist die Bedingung seiner Funktion.

Und der Filter enthält das Positive als Substanz, als Filtrat. Als Vorstellung von Reinheit.

Der Filter ermöglicht die Herstellung eines homogenen Raumes, aus dem das, was Störungen hervorrufen könnte, herausgelöst ist. Er schafft Reinheit. Den gefilterten Raum.

Der Filter hinterlässt aber auch das, was die Verschmutzung hervorruft, die Störpotentiale als Filtrat. Hoch giftige Schlämme.

Mehr als alles andere ist der Filter abhängig von dem, was er ausschließt.

Er funktioniert, indem er es identifiziert und eliminiert.

Der Filter ist aber auch die Störung selbst, indem er das, was stört, abbildet.

Der von der Idee eines Filters hervorgerufene Idealraum kann im höchsten Falle als Vorstellung, also Konstruktion existieren, und sich als solche negativ, über das Ausbleiben einer Störung, und durch Reduktion des Störpotentials, etablieren. Aber im Falle des Ausbleibens einer Störung wird der Filter hinfällig. Ein rudimentärer sentimentaler Rest vielleicht, der übrigbleibt. Ein Netz in fischleeren Gewässern.


3. Der reine Raum

Der reine Raum ist notwendig unrein, dahingehend, dass eine völlige Homogenität undenkbar ist.

In einer konstituierten homogenen Masse finden sich naturgemäß Unreinheiten.

Der Filter, die Bedingung für Reinheit, aus der gleichzeitig die Unreinheit resultiert, ist also der Form nach ein Prinzip, aus dem heraus Unreinheiten erst entstehen. Insofern er die Matrix der Unreinheit bildet.

Die Funktion des Filters ist nur zu gewährleisten, wenn er Unreinheiten erkennt, sie identifizieren kann, d.h. im Filter gibt es einen wie immer gearteten Abzug dessen, dem man ein Störpotential zuschreibt, es ist im Filter vorhanden.

Und nur so Unreinheit im Filter vorhanden ist, ist sie als Störpotential evident.

Der Filter als garantierendes Moment des homogenen Raumes ist also zugleich dessen Störung.

Man kann sagen: im Filter hat sich das Unangenehme mit dem Nützlichen verbunden. Der reine Raum entspricht in etwa dem, was Carl Schmitt als Zustand der Parlamentarischen Demokratie beschreibt. Sie schließt notwendig aus, indem sie definiert. Und sie muss definieren, um einen Geltungsbereich beanspruchen zu können. Sie operiert vor dem Hintergrund einer Illusion.

Dieses Argument zielt aber nicht, wie Schmitt es gernhätte, auf die Demokratie selbst, sondern auf ihre Institution.

Wenn das Wort Störung an eine wie auch immer geartete Normalität gekoppelt ist, dann ist es ein Negativum und beinhaltet, dass durch die Störung eben jene Normalität beeinflusst, abgelenkt, manipuliert, gar außer Kraft gesetzt wird.

Die Störung ist das Offene im Diskurs der Normalität, den sie untergräbt.


3. Die Offenbarkeit des Negativen

Diese Offenbarkeit des Negativen macht den Begriff für die Kunst interessant. Störung, im Kontext der Kunst als Störung der Wahrnehmung, heißt hier zumeist Veränderung des Blickes, ob nachhaltig oder nicht.

Um aber zu einer Bestimmung eines Begriffes der Störung zu gelangen, muss man weiter ausholen: In wie fern ist die Störung an die Normalität gekettet, und inwieweit kann man der Normalität auch Realität oder Existenz beimessen? Ist sie ein Hinzutretendes? Kommt sie von außen? Oder ist Normalität nicht vielleicht immer Konstruktion/Konvention und als solche in den Bereich der Ideen anzusiedeln?

Wenn dem so wäre, wenn der Begriff der Normalität also idealtypisch, dem der regulativen Idee verwandt wäre, könnte man annehmen, dass das Wirkliche, gemessen am Ideal, immer das Gestörte sei.


4. Normalität

Die uns umgebende Welt (so es eine solche gibt) ist als eine unüberschaubare Menge an Informationen aufzufassen, im Grunde als eine Datenmenge.

Wollen wir aus dieser “Datenflut” eine Umgebung konstruieren, werden die relevanten von den nicht relevanten Daten gesondert. Jedes Individuum konstruiert derart seine eigene Umgebung.

Die Wahrnehmung, etwas wahrzunehmen oder für wahr zu nehmen, ist gewissermaßen als Filter zu betrachten, in dem sich das Wahre also Relevante vom Unwahren, dem Irrelevanten oder Vernachlässigbaren scheidet.

Als Störung, wäre anfangs festzuhalten, werden Momente betrachtet, in denen sich scheinbar Irrelevantes als Wahres oder Relevantes aufdrängt, und damit für sich einen überproportionalen Wahrheitsgehalt beantragt.

Der Filter hingegen ist die Bedingung des Blicks.

Sprache ist Sprache, und Schrift ist Schrift, und Worte sind Laut und Linie.


5. Frau Kang

Frau Kang, eine koreanische Kommilitonin erzählte, dass man, wenn man das Zeichen ihres Namens sehe, die Klugheit ihres Vaters erkennen könne.


6. Carlfriedrich Claus

Auf den ersten Blick scheint es, als suche Claus im Reizmüll nach Lauten, die nur noch entfernt an Worte erinnern, nach Zeichen, die einmal Buchstaben gewesen sein mögen.

Seine Sprachblätter und Lautaggregate präsentieren den Abfall, so scheint es, das nicht zur Information Gewordene und das über sie hinaus Gewucherte. Diesen Wühlereien gibt er den Namen Exerzitien. Nicht unbedacht wählt er diesen der mittelalterlichen theologischen Praxis entstammenden Begriff, dem auch etwas Militärisches anhaftet.

Vor der Erfindung des Buchdruckes wurden Schriften durch Abschrift vervielfältigt. Die Mönche, die damit betraut waren, hielten sich sklavisch an die Buchstaben des Urtextes. Merkwürdigerweise zeugte dieses Tun einen doppelten Effekt. Die Schreiber nahmen die Texte auch körperlich auf und versahen sie dadurch fast unmerklich mit dem Stempel ihrer eigenen Individualität.

Mit jeder Kopie der Kirchentexte entstand so paradoxerweise ein Unikat.

Im Gegensatz zur maschinellen Vervielfältigung konnte die Physis des Kopisten nicht eliminiert werden. Nicht auszuschließen ist, dass Schreibfehler zu Bedeutungsverschiebungen geführt haben. Erfahrung, die über die Texte hinausgeht, war in diesem Prozess das Unerwünschte aber schlechthin Unvermeidliche.

Dennoch sind für uns die in die Kirchenschriften eingegangenen Erfahrungen kaum nachvollziehbar. Nur eine Ahnung davon können wir uns erarbeiten.

Während meines Philosophiestudium habe ich mich an die zwei Jahre mit Hegeltexten herumgeschlagen, ohne auch nur einen Schimmer davon zu bekommen, was der Autor im Sinn hatte. Alle Einführungen in Hegels Werk erwiesen sich angesichts der Originaltexte als nutzlos.

Erst als ich damit begann, einzelne Passagen der Phänomenologie des Geistes mit Hand abzuschreiben, konnte ich mich dem Text verstehend nähern.

Claus geht es nicht um Textexegese. Er will uns und sich einen Erfahrungsraum öffnen, in dem die semantisch unauffälligen Momente von Sprache beredt werden. Dabei missachtet er jegliche Regel des korrekten Schriftbildes.

Lesbarkeit im herkömmlichen Sinne ist nicht Intention seines Schreibens, Verstehbarkeit ist nicht Intention seines Sprechens.

Klang und Bild als symbolhaft-diskursive Momente der Kommunikation werden zerstört. “In den Auflösungen und Unterbrechungen erhalten sich jedoch die Möglichkeiten für neue, bisher nicht bedachte Bezüge und Ausrichtungen. Ein statisches bloßes Wahrnehmen solcher Zerstörung könnte einen vernichten; ein handelnder tätiger Realismus wäre dagegen auf eine andere << Wahrgebung>> hin gerichtet”, so Claus.

Dass er sich dazu der arabischen, hebräischen und asiatischen Traditionen bedient und sie mit der europäischen verbindet, liegt nahe. Asiatische und hebräische Schriftzeichen werden in andere Sinnzusammenhänge übersetzt und somit auch dem verständlich, der die Originalsprachen nicht spricht.

Claus unterscheidet sich von einem Verrückten, indem er neue Sprach- und Bildsysteme entwirft.

Diese sind Universalisieren hinsichtlich einer individuellen Aussage, sie ermöglichen eine nonverbale Kommunikation des Betrachters mit dem Gebilde, ermöglichen Erfahrung und Verstehen. Im Lautprozessraum, den Claus 1995 im Städtischen Museum Chemnitz installierte, konnte der Besucher, durch Bewegung im Raum über Bewegungsmelder, die von Claus vorproduzierten Lautprozesse beeinflussen. Er konnte sie beeinflussen, aber nicht steuern.

Beobachtete man jene Besucher, die auf dieses Angebot eingingen, erinnerten ihre körperlichen Aktionen an Tanz. Ebensolche Bewegungen vollführt der Gedanke bei der Betrachtung Clausscher Graphik. Schrift, ausdauernd verdichtet, bis zur Unkenntlichkeit geschrieben, gibt den Blick frei auf etwas Neues, was ihren Sprachkern weit übersteigt. So erhält das geschriebene Wort eine Bedeutung, jenseits ihres systematischen Sinnes.

Denken als Sprache und Schrift bilden Landschaft.
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