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Jan Kuhlbrodt: Das lange Gedicht und die Raumfahrt

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Jan Kuhlbrodt


Das lange Gedicht und die Raumfahrt


(Eine Observation bei Duncan und Rimbereid in Begleitung von Papenfuß)




Wer das zwanzigste Jahrhundert verstehen will, muss die Raumfahrt verstehen! Noch schippern wir im erdnahen Raum wie die Griechen dereinst vor der Küste, aber was wir sehen können, setzt Süchte frei.

Ziolkowski, von Braun, Gagarin, Armstrong und wie sie alle hießen. Walentina Tereschkowa auch. Vielleicht ist ihr Glanz etwas verblasst, und ihre Verstrickung in die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Die Masse der frisch produzierten Raumfahrtutopien hat ein wenig abgenommen, doch bleibt das Interesse an den Welten jenseits unserer Welt noch immer am Köcheln, und das Interesse daran, ein technisches Instrument zu entwickeln, diesen Planeten zu verlassen. „Verlassen“ heißt an dieser Stelle, nicht nur „Umrunden“, sondern wie die Sonde Voyager die Entfernung zum Herkunftsplaneten stetig zu vergrößern.

In den USA läuft gerade ein Wettbewerb privater Anbieter um die beste Rakete.

Griechische Schiffe im frühen Altertum hielten sich immer in relativer Küstennähe auf. Sie brauchten das Bekannte, die Linie, um zu navigieren. Die Welt endete, wo sich die Sicht verlor, kippte vom Horizont ins Nichts und auch die Sphären des Himmels waren im Grund umgestürzte Schüsseln, an deren Grund die Sterne gemalt waren. Noch Dante ging von diesem Sphärenmodell aus. Und das ließ ihn wandern.
Irgendwann wurden die Sterne zur Hilfe und man bewegte sich zwischen den Kontinenten. Raumschiffen aber, wenn sie weit genug fliegen, verschieben sich die Sternkonstellationen. Das macht die Poeme, die daraus entstehen vielleicht etwas wirr. Außerdem ist der Blick in den Himmel ein Blick in die Zeit, was uns von dort erreicht, ist vergangen.

Wirr wurden auch die Besatzungsmitglieder des Raumschiffs in Lems Roman Solaris und dem daraus entstandenen Films von Tarkowski. Beides, so mein ich, künstlerische Meilensteine im vergangenen Jahrhundert.  Wirr wurden sie, weil sie in den Weiten immer nur sich selbst begegnet sind. In verschiedenen Konstellationen.

Bei Øyvind Rimbereid nun ein langes Poem: Solaris korrigiert. Es findet sich als zweiter Teil des roughbooks 25 ab Seite 84: Papenfuß hat es übertragen und ein Sprachfeuerwerk aus mittelhochdeutsch anmutenden Dialektpassagen, Dialekten und russischen Einsprengseln entwickelt. Als wollten dort, in dieser solarischen Zukunft alle Vergangenheitsbezüge kollabieren.

Und wie Lems Ion Tychy in den Sterntagebüchern hilft uns der, der wir in der Vergangenheit gewesen sind, in der Zukunft zurecht zu kommen, oder wenigstens, wenn schon nicht zurecht, so doch in die Zukunft hinein.

Im Nachsatz zum Text heißt es:
Die von Rimbereid kreierte Kunstsprache von Solaris korrigiert ist eine Synthese aus Stavanger-Dialekt, Lowland Scots, Englisch, Niederländisch und Dänisch. Papenfuß habe aus der Nordseesprache eine Ostseesprache entwickelt und „Ilia Kitup übersetzte die bei Rimbereid englischen Passagen ins Russische und korrigierte Papenfuß‘ Schnitzer.“ Das erleichtert die Navigation.

Gleichfalls sind die technischen Utopien aber auch historisch geworden, die vergangene Zukunft wird Gegenstand einer Geschichtsschreibung und Gegenstand einer Kunst, die dies als private Passion betreibt. Zu nennen wäre hier vor allem der Leipziger Künstler Maix Mayer, der vergangene Utopien in ihren eigenen Ruinen rekonstruiert, aber eben auch Andrew Duncan.

Sergej Koroljow wurde in Wolhynien geboren, zu einer Zeit als dort das russische Zarenreich herrschte, heute allerdings gehört seine Geburtsstadt Schytomyr zur Ukraine. Allerdings trägt eine russische Großstadt in der Nähe von Moskau den Namen Koroljow.
Am Anfang der dreißiger Jahre begann er, Raketen zu konstruieren und zu bauen. Unter seiner Leitung entstanden die ersten Sojus-Raketen und Sojusraumschiffe. Mit so einem Ding flog unter anderem Sigmund Jähn, ein Bursche aus Morgenröthe-Rautenkranz, um die Erde, winkte und stellte fest, welch fragiles Gebilde sein Herkunftsplanet sei.

Aber Koroljow verbrachte auch sechs Jahre seines Lebens in einem stalinistischen Internierungslager. Nach kommunistischer Sitte wurde er von einem Kollegen denunziert.

Koroljow (li.) mit Gagarin


Es ist also kein Wunder, dass mir der Konstrukteur in einem Gedicht des Briten Andrew Duncan begegnete, das mir Norbert Lange einst zur Übersetzung überließ. Duncan fungiert hier als Chronist einer zersplitternden Utopie.
(Verwiesen sei auf das Dossier im Schreibheft 80 Phitographing the Ideal, Sechs britische Widerstandsnester Teil II, worin sich ein Essay Duncans und einige von Norbert Lange und Christian Lux übersetzte Texte befinden. In diesem Essay setzt Duncan die Dichtkunst ins Verhältnis zu sich beruhigenden revolutionären Gedanken.)

Der von mir übertragene Text über einen der Väter der Raumfahrt sei hier auszugsweise zitiert:


Martyrium und Triumph des Sergej Koroljow

(…)
Wo die Kolyma zum Nordmeer fließt
In diesem Gebiet von Verbrechen und Sühne
Träumt Koroljow vom Weg in eine neue Welt
Im astronomischen Klammergriff des Elends
Im Konzentrationsraum erlahmenden Stoffwechsels
Gespenstische Rinnen aus Gold in gefrorenem Boden. Wo
der Planet endet. Der Kosmos seine Cocktails mixt aus Tod und Variation
Treibt eine Triebwerksgondel durch den Himmel übern Pol.
(…)
Ein Wald aus Raketenrümpfen wächst
Birkenstämme schießen durch Kondensstreifen hindurch in der Höhe.
Er schleudert seine Geschwader und beobachtet, die Möglichkeiten
Tausendfach verwischt, Fehler verschleppt und vernetzt in der Stratosphäre.
Die Enden bilden eine Gravitationsmauer lose wie Sand.
Die Düse versprüht verbrauchte Hitze:
In einem Vakuum, das sich um den Kurs legt.
Wie Kirchsturmspitzen, Säulen, Minarette, AA bombardiert. Eine
Regel des  aufsteigenden glatten spitz zulaufenden Traumobjekts.
Wie die Erde, Holzkohle, Hochofenfeuer, Breeches, Bomben:
Kammern da hinein Substanzen strömen, und sich wandeln.
Der Klangplanet. Überflogen in Mach-1. Der Entladung Melodie
Wiederklang. Singt vom Geschick hinaus in die Luft. Flaschenzüge
Einzudämmen eine Explosion
Die Sphäre
Auf Linie bringen
Auf Kurs für die konzentrierte Schwäche.
(...)
Auf dem Breitengrad, wo der Himmel voll ist von blitzenden Pfeilen.
Der Meteoritenputzer starrt durch geätztes Glas auf ein zerebrales Feuer.

Wir schreiben 1956. Koroljow hat den Himmel aufgeschlossen.
(…)


Auch das ein Weg, das vergangene Jahrhundert zu verstehen. Auf einem anderen Gleis, als dem deutschen. In diesem Konflikt waren wir Statisten, nicht mehr. Und hier lagen sich Fortschritt und Totalitarismus in Armen.

Im ersten Teil des Rimbereid/Papenfuß-Buches Chronik der Zone Greifswalder Bodden und Anrainerplattformen findet sich das lange Gedicht St. Petersburg Wasser.

Und darin heißt es:

Stalin, der konservativste Staatsmann
der modernen Jeschichte
floss in sein eijenet
unendlichet Jetzt, det Bild
(…)
Aber Gagarin siegte!
In ein' kurzen Moment siegte er.
            Mit sein sauberet Jesicht schwebte er
über die östlichen und westlichen
Horizonte vonne Welt. Er sah allet! Nach all
de Jahre anne Bahre von Lenin
und anne Bahren von alle anderen Stermden. Gagarin,
ein Cosmischer Kolumbus,
unjeduldig direkt int All jeschossen,
          direkt durch de Utopie durch.

(…)


Wohin treibt also das lange Gedicht, was wird aus den Argonauten und den Wanderern durch Himmel und Hölle, was wird aus Gagarin, da die herkömmlichen Sphären zerstört sind, das Meer ausgetrocknet und der Strand bevölkert von einer lärmenden Menge Touristen. Auch der Mond ist inzwischen bewohnt und seit Schmidts Mare Crisium ist ewiger Schauplatz des Kalten Kriegs.

Ashbery zum Beispiel, wie auf dieser Seite an anderer Stelle erwähnt, steuert hart durch die Referenzen. Aber auch sie finden sich in wechselnden Konstellationen. Die Utopie, die uns leitet, wird nicht manifest, sondern Leerstelle in vergangener Vorstellung. Ihr Modus bleibt die Reise, wohin sie auch immer geht.


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