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Jan Kuhlbrodt: Beckettstorys

Diskurs / Poetik > Glossen
Jan Kuhlbrodt

Beckettstorys


Gestern hatte Samuel Beckett Geburtstag, hab ich in einer Frauenzeitschrift gelesen, oder war es die Apothekenrundschau. Er wurde sehr alt.

I

Becketts verzweifelte Figuren gingen nicht im Kreis und sprangen auch nicht im Dreieck; sie trippelten im Quadrat und auf dessen Diagonalen. Auch seine nichtverzweifelten Figuren taten das und waren von den verzweifelten kaum zu unterscheiden.

Man kann von Beckett nicht erzählen, wie er von sich selbst erzählt hätte oder hat.
Aber als Samuel Beckett starb, weinten viele, nur er selbst weinte nicht.


II

Wenn Beckett in Berlin war, mied er die U-Bahn, obwohl er in Paris liebend gern Metro fuhr. Wahrscheinlich lag es am Wein, oder am Bier, am Kaffee oder einem anderen Getränk.

In Paris gab es schon diese Mülltonnen, in denen ganze Menschen Platz haben. In Berlin nicht, da mussten die Tonnen über die Jahre wachsen. Aber was ist mit dern Tonnen in Dublin? Beckett schaute ein wenig ratlos drein und beendete die Rede.


III

Als die Fotografen davon erfuhren, dass Beckett sich ungerne ablichten ließ, traten sie in einen internen Wettbewerb. Gewonnen hätte, wer die schönsten und meisten Beckettfotos schießen könnte. Das Ganze führte soweit, dass an manchen Tagen bis zu sechzehn als Handwerker oder Boten getarnte Fotografen in Becketts Wohnung auf die Ankunft des Iren warteten. Manche von ihnen hatten gelernt,  kleinere Reparaturen auszuführen, wechselten Glühbirnen oder beseitigten eine Verstopfung in der Toilette. Überall standen Kisten herum, die die als Boten getarnten Fotografen mitgebracht hatten. Zumeist enthielten sie Probeflaschen wertvoller Weine, Testportionen norditalienischen Trüffels oder Autofahrerhandschuhe aus beigem Kalbsleder. Ein Sieger wurde unter den Fotografen nicht gekürt, aber einige Pariser Handwerksbetriebe und Delikatessengeschäfte kamen in geschäftliche Turbulenzen, weil die Konkurrenz vorübergehend sehr groß war.

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