Jan Kuhlbrodt: Anderen Augen. Nach Kleist - Signaturen

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Jan Kuhlbrodt: Anderen Augen. Nach Kleist

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Jan Kuhlbrodt



...
Anderen Augen
Nach Kleist

 
 
 

Küsse und Bisse oder die Liebe zum Feind

Die Situation ist: Krieg,
der von jeder Seite als  notwendig erkannt.
Und anerkannt.

Den Amazonen ist er Prinzip
des Überlebens. Ohnehin besteht
für sie die Möglichkeit von wechselnden

Verbindungen, denn: Freund und Feind sind
nicht notwendig bestimmt, sondern nur
der Not gemäß männlicher Natur.

Penthesilea:

- So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,

Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
Kann schon das eine für das andre greifen.




Dieses Penthesilea-Projekt wird sich einer Struktur bedienen, die das Stück von Kleist selbst liefert, und die sowohl inhaltlich als auch formal an dessen Aktualität gemahnt. : Tat : Bericht : Kommentar : Korrektur : Ähnlich die Arbeit.


Der Regisseur sagt: Er.

Den Korpus umschreiben wieder schreiben. Fail, no matter, fail again, fail better.


Vernehmungszimmer, Zigaretten, ein Tonband
Licht: kaltes Blau



Kleists Medium Sprache. Die Handlung
auch hier nur nach der Sprache durch
Sprache. Denn den Tatsachen misstraut
man gründlich, und im Grund verkehrt
sich hier ein juridisches Verhältnis. denn
die Tat vollzieht den Richt-Spruch, der ihr folgt.

Hat Penthesilea getötet?

Und wie war das am Kundus, als die Tanklastzüge bombardiert worden,
wie kam Information, wann kam Information und von wem.
Aus der Information erst erwächst die Schuld. Die Bombe aber trifft.


Gefühle treibende Kräfte, machterhaltend,
systemstabilisierend, solang sie konform
zur Funktion sich entwickeln als Gier und als Wille

zur Unterwerfung, Liebe, Liebe zum Stamm,
Patriotismus! Sex, Erfüllung und Zeugung,
im Kern animalisch, gründet auf ihr die Kultur.

Was wir Zivilisation zu nennen geneigt sind
Was wir da vor uns hertragen als Hitzeschild
Was wir zu verlieren fürchten beim Eintritt
in eine erdnahe Umlaufbahn.

Der Fall der amerikanischen Astronautin, die
in einen Kollegen verliebt, bereit ist,
bis ans Letzte zu gehen. Wie Pentesilea
wird auch sie vom Dienst suspendiert.
Hat sie getötet?

Weil sie den Kollegen verletzt hat
den sie vorgab zu lieben. Auch er
Astronaut.



Verhaftung und Karriere der Lisa Nowak

Die Astronautin Lisa Nowak wurde am 5. Februar 2007 in Orlando/ Florida festgenommen.

Der Vorwurf lautet: versuchte Entführung und tätlicher Angriff auf USAF-Captain Colleen
Shipman.

Nowaks Motiv liegt noch im Dunkeln. Nach Polizeiangaben
wird vermutet, dass Eifersucht auf den weiblichen Offizier eine Rolle gespielt haben könnte.

Ebenso wie sie soll Shipman eine Beziehung zu dem Astronauten William Oeftelein gehabt haben.

Nach einer NASA-Pressemitteilung vom 6. Februar 2007 war Nowak zunächst für 30 Tage
beurlaubt.

Nowak wurde am 2. März 2007 wegen versuchter Entführung, bewaffneten Diebstahls und
Körperverletzung angeklagt. Von einer Anklage wegen versuchten Mordes sahen die Staatsanwälte
ab.

Die NASA gab am 7. März 2007 bekannt, dass man nicht über die administrativen Mittel verfüge,
diesen Fall zu handhaben, da Nowak keine zivile Angestellte sei, sondern eine Marineoffizierin.

Man sei mit der US-Marine übereingekommen, die Abordnung von Nowak zur NASA zum 8. März
2007 zu beenden.

Ihren nächsten Auftrag werde sie dann wieder bei der Marine übernehmen. Die NASA betonte
jedoch, dass diese Entscheidung keine Aussage zu dem gegen Nowak laufenden Strafverfahren
darstelle.

Nowak wurde 2009 zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Nach ihrer Entlassung aus dem Astronautenkorps war sie zunächst auf der Naval Air Training
station in Corpus Christi, Texas, tätig.

2011 wurde ihre nicht ehrenhafte ("other than honorable") Entlassung aus der Marine zum 1.
September 2011 angeordnet.

Am 28. Juli 2011 erklärte Staatssekretär der Navy Juan M. Garcia III, dass Nowak vom Kapitän
zum Commander a.D. degradiert wurde.


 
 

6

Sie war, ist, wie soll ich sagen, nennen wir es impulsiv. Nicht auffällig. Aber wenn man ganz genau hinsah, bemerkte man ein Blitzen in den Augen und das nervöse Trommeln mit den Fingern auf dem Tisch. Sie selbst hat sich wohl für liebenswert gehalten. (Auch ich hab sie gemocht, die braunen Augen der treue Blick usw., Sie kennen das.)

 
 
 



Wenn ich hier rauskomme, eines Tages, wenn ich jemals hier rauskommen sollte, wird nichts gewesen sein, außer einem Loch in der Zeit.

Und ich werde hier raus kommen. Einige Kirschblüten werden vergangen sein und die Äpfel, der Sommer, der Holunder.


Er wird an einer Ecke stehen,  Rosen waren in Zeitungspapier gewickelt, die hat er vorsorglich befreit. Und ich werde den mandeligen Geschmack mit meinem Speichel einfach herunterschlucken.


 
 
 

Blindheit gegen das Besondere des Geliebten?

Liebend erkennt der Liebende sich im Andern nur
unmittelbar. Irritierend wird es dann, wenn der Feind
als Geliebter sich zu erkennen gibt. Dann entscheidet
der Fortbestand des Stammes im Kampf sich auf Leben und Tod.

Küsse und Bisse nun nicht mehr als Reim,
als semantische Verschiebung, sondern identisch.
wie im Sport, der Kampf
auf Leben und Tod imitiert.


 
 
 

Ihr Hund, ihr alter drahtiger Hund. Und sie wissen ja, man sagt, der Besitzer und das Tier, werden sich über die Jahre immer ähnlicher. Aber das!



 
 
 

Ein Taschentuch, ich werde den Geschmack nicht los. Das war sein Blut, sagt die Frau im Labor. Eindeutig seines.


Unmöglich, sie wollen mir etwas unterschieben. Ich schreie. Wenn ich mir in den Arm ritzte, ich könnte den Unterschied schmecken, oder eben keinen Unterschied.


Das Gesicht der Frau reglos. Ihre Brille, eine dicke braune Hornbrille, hat sie auf das streng zurückgekämmte Haar geschoben. Ich reiße an den Handschellen, dass der Stahl sich in meine Gelenke drückt. Ganz weiß die Knöchel. Ich kann kaum atmen.


Vielleicht hat sie den Satz auch gar nicht verstanden. Ich morde nicht! Aber es ist, als klebe das Blut mir noch immer in den Mundwinkeln. Geben sie mir ein Taschentuch, bitte. Und stellen sie das Licht ab.



Achill, dem Penthesilea blinden Glauben geschenkt hat,
solange sie ihn als Unterlegenen denkt, wähnt sich
als Sieger und kommt zum Kampfplatz ganz ohne Waffen,
weil er sie gewohnheitsmäßig ablegt, wenn er Frauen trifft.

Untertanen. und er vergisst die Freiheit Penthesileas. Freigelassen,
gedemütigt schickt sie sich an, ihm, dem Liebsten, zu begegnen.
Als liebender Feind. Tötet sie ihn?

Die Amazonen sind es, die das behaupten.
Werden sie so eine liebende Königin los?

Sie haben mir alles weggenommen, auch das kleine Taschenmesser, das er
mir geschenkt hat.


 
 
 

Nur auf der Wiese, da haben sie getobt, als wären sie Geschwister, er hat leicht in ihre, und sie in seine Fesseln gebissen. Die Haare, die sie manchmal im Mund hatte, mochte sie nicht. Am Sonntag hat sie ihn gebürstet. Bestimmt eine Stunde, jedesmal.

 
 
 



Er wird mich kommen sehen, die Blumen aus dem feuchten Zeitungspapier wickeln und wird mir meinen Koffer abnehmen. Und wir werden nach Pankow fahren oder nach Hohenschönhausen, jedenfalls werden wir in MEINE Wohnung fahren,

Ich werde meine Sachen im Schrank beiseite schieben, um Platz zu machen für seine Sachen. Er wird im Türrahmen lehnen und sehen, dass ich mich nicht beeile, und er wird lächeln, weil er Zeit hat, ewig Zeit.



Den Feind vor dem Beischlaf, der Zeugung zu töten,
unterläuft das Gesetz der Reproduktion, so der Zwang
der Amazonen. (die also unbedingt müssen
Gefangene machen und Liebe nicht dulden
können, die auf die Wiederholung ihrer Erfüllung zielt.)


Mit dem Brotmesser habe er, sagte er, für jede Begegnung mit mir, Scharten in den Küchentisch geschlagen, große für ein Gespräch, kleine, eher geritzt, für einen Blick, mit einem Sägemesser. Ganz übersät sei der Tisch damit gewesen, wie ein Meteoritenfeld. In manchen Kerben seien Essensreste hängen geblieben. Harte Brotkrümel, Sonnenblumenkerne, Salz. Hin und wieder ein Tropfen Oel.


Komisch. Mir kommt es gar nicht so vor, als ob wir uns oft begegnet wären. Sieben, acht Mal vielleicht. Nein, nein, sagte er, an die hundert Mal sind es gewesen.



Wenn Penthesilea also von sich entfernt ist,
am weitesten, scheint sie uns am nächsten zu sein.
Aber entzieht sich in diesem Moment der Szenerie.
Wir meinen durch Andere sie zu erkennen.
Ist Sehen Verstehen? Wissen? Hat sie getötet?


 
 
 

Man sollte sie schützen, ich meine, vor sich selbst schützen. Ihre Gedanken. Wer kennt schon ihre Gedanken, aber sehen sie, wer sich derart, ich will es hündisch nennen... Und standen sie nicht weit genug von einander entfernt? In einer Menge. Er war, wenn überhaupt, nur am T-Shirt zu erkennen. Sie riß sich los, sie lief auf ihn zu, die ihr im Weg standen, schob sie beiseite, sie lief wie durch einen Tunnel. Taumelnd, mit den Schultern die Tunnelwand streifend. Gipsspuren

 
 
 



Gäben sie mir jetzt das Bild irgendeines dreijährigen Kindes und sagten mir, das sei ich, als ich drei Jahre alt war. Ich würde es ihnen glauben.

 
 
 



Im zweiundzwanzigsten Auftritt geschieht das Unfassbare, und der Zuschauer wird, wie auch die Oberpriesterin, durch eine namenlose Amazone, die einen Berg bestiegen hat, über das Ergebnis informiert. Eine Nachricht zunächst.

 
 
 



Die Tropfen in der Diele! ohne Farbe, nur dunkel. Es sei nicht seine Wohnung, hat er gesagt. Ich sollte die Tür, wenn ich gehe, einfach ins Schloss fallen lassen.

Ich sitze in der Küche und wühle, als seine Schritte im Treppenhaus verklungen sind, im Aschenbecher nach halb gerauchten Zigaretten, bis ich eine finde, an der kein Lippenstift klebt.


Der Hund liegt unterm Tisch und kaut an etwas herum, das wie ein alter Scheuerlappen aussieht, vielleicht waren es die Hausschuhe des Wohnungsinhabers. Ein Mann um die dreißig, alleinstehend. Er hatte nur bunt bedruckte Kaffeebecher im Schrank. Liebe ist.... Ich zünde mir den Stummel an.


In einer halb ausgetrunkenen Bierflasche schwimmen zwei tote Fliegen.


 
 
 

Den ungeheuerlichen Vorgang erfährt der Zuschauer im dreiund-zwanzigsten Auftritt, vermittelt!, aus dem Mund von Meroe. Der Bericht wird von Priesterinnen kommentiert. Was geschehen ist, entzieht sich unserem unmittelbaren Erleben, und wir sind auf Andere verwiesen, und auch Penthesilea selbst, wie im Wahn handelnd, so wird uns berichtet, erfährt von ihrer Tat erst, nachdem sie geschehen ist, und muss ihr eigenes Urteil darüber angesichts des toten Achilles revidieren.

 
 
 


Geben sie mir endlich ein Taschentuch, mir ist, als zöge eine Fliege immer engere Kreise
um meinen Mund. Als hätte ich den Mundgeruch meines alten Rottweilers.

(Sie dachte, sie habe geliebt. Sie hat getötet, muss sie und müssen wir
erfahren, glauben. Sie entzieht sich.)


 
 
 

Wer hätte ihn sonst töten sollen. Er passte so gar nicht zu uns, und wenn er schlief entströmte ihm ein seltsamer Geruch. Sein Gegner sei auch ihr Feind, sagte sie, und erzählte, dass er, sein Feind also, seine Gegner in die Erde eingegraben habe, nur die Köpfe waren sichtbar, und eine Herde Pferde drüber. Grauenhaft, nicht. Und dass da nichts abfärbt, glaubt keiner. Unser Hass sagte sie immer, sei der Hass des Feindes.

 
 
 
 



Wenn ich vor dem Spiegel stehe und die Haut im Nacken straffe, legen sich die Zähne frei. Gefahr wittern wie ein Wolf nahe der Autobahn. Und die immer freundlose Angst vor früher Vergreisung.

Bericht. Jüngst Vergangenes, Überliefertes. Das Bild schafft sich seinen eigenen Mythos. Die Geschichte ist stets Kommentar. Das Geschehen sprachlos Klang und Farbe. Der Handelnde wird mit dem Geschehnis im Resultat konfrontiert, kommentiert wird der Kommentar selbst, und er muß die eigene Einschätzung der eigenen Handlung korrigieren. Das Andere löscht sich aus, sofern es notwendig den Mechanismen des Fortbestandes der übermächtigen Ordnung entspringt. Das System bewährt sich im Ausgleich von Unregelmäßigkeiten. Penthesilea stirbt, weil es sie nicht geben kann.


 
 
 


Verstehen sie mich nicht falsch, ein Teil von ihm lebt jetzt in mir.

Die Szene ist Vorstellung, Verhör, Verhandlung, Revision und das Licht ist ein kaltes Blau.

 
 
 


Norbert sagt:

Penthesilea-Projekt, das Drama, das der Sprache folgt, den sich einstellenden Worten, die Sätze bilden. Denke an das Versmaß, welches benutzt Kleist eigentlich? Man könnte sagen, die Worte folgen dem Versmaß, und dann in zweiter Bewegung folgt das Drama, also folgt das Drama dem Atem? Was dann mit Atemlosigkeit? Denn das Ersticken könnte ja zum Grundzustand am Anfang von Jahrhundert 21 geworden sein? icht die Atemlosigkeit, da war "À bout de souffle" seiner Zeit weit voraus, nicht? Und jetzt schon was?


 
 
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