Jan Kuhlbrodt, Martin Piekar: Überschreibungen - Signaturen

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Jan Kuhlbrodt, Martin Piekar: Überschreibungen

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Jan Kuhlbrodt, Martin Piekar


Überschreibungen
(Auszüge)




Es war das fünfte Bier in dieser Hitze. Er kann nicht behaupten, dass er es nicht gewusst hätte. Morgen werden sich nur die Freunde noch daran erinnern, wie er besoffen die Tür verfehlte und gegen die Wand gelaufen war.
Er hält eine Rede. Reform tue Not. Die Freunde nicken. Wenn wir wollten, dass dieses Land überlebt, müssten wir es dezentralisieren. Die Innovationskraft einer zentral geleiteten Wirtschaft sei gleich Null. Die Produzenten seien räumlich getrennt und eine Plankommission könne diese Trennung nicht überwinden. Genau! Die Freunde nicken. Er hat eine schwere Zunge. Noch ein Bier. So lange uns aber senile Greise regierten, würde sich nichts ändern. „Hallo Ulf. Setz dich! Was, Cola? Bist du krank? Prost und wir müssen die Opposition auch an der Parteibasis organisieren.“

Jan Kuhlbrodt


Captain Cola. Captain Morgan hält das Steuer und wir albern so rum. Wir albern über alles Mögliche. Was man sich eben vorstellen kann: Arbeit, Kollegen, Idioten, Politik, Sex, Games, Musik, Literatur – bis einer anfängt und sagt: „Ja, ihr lacht, aber …“
Dann wird es politisch und keiner lacht mehr, jeder versucht seinen Standpunkt dar- und mit Captain Cola nachzulegen. Dann wird es so ernst, dass jeder, der auf den Rum verzichtet, als krank betitelt wird. Wir versuchen ja schon dem Alltag mit dem Rum abzuhelfen, aber wir wissen, dass es uns gut geht, solange wir im Suff auf den Alltag zurückkommen können. Am liebsten halte ich Reden über Literatur (meist zeitgenössische Lyrik), Musik (meist neue Bands) oder mache Anspielungen und Witze auf und über andere unserer Runde, keine bösartigen, nur um sie in den Diskurs mit einzubinden.

Ich meine, es wird grundsätzlich zu viel gearbeitet. Wir haben Überproduktion an so ziemlich allem. Dann sagt mir ein Freund, der BWL studiert hat, es sei oft günstiger zu viel zu produzieren und es wegzuschmeißen als weniger zu produzieren. Ich bin erschlagen vom Kapital, leider nicht von meinem eigenen.

Martin Piekar


Das Zimmer hat eine Tapete, die in den fünfziger Jahren schön gewesen wäre. Er fühlt sich eingeschnürt. Auch die vertrauten Motive an den Wänden können diese Beklemmung nicht lösen. Das ist also das berühmte Zimmer 103. Alle wissen von der Existenz dieses Zimmers und erwähnen es beiläufig. Auch er hat schon über das Essen und die Sinnlosigkeit bestimmter Ausbildungen geschimpft, doch nie hat er damit gerechnet, das Symbol des Ministeriums für Staatssicherheit im Holzrahmen persönlich in eben jenem Zimmer zu Gesicht zu bekommen. Das Bild des Generalsekretärs ist das gleiche, das im Speisesaal für Unteroffiziere und im Fernsehraum hängt. Es ist etwas älter als das im Clubhaus. Am Tisch aus den fünfziger Jahren sitzt ein etwas jüngerer Hauptmann. Dieser Mann, heißt es, hat mehr Macht als der Regimentskommandeur. Grüß dich, hört er ihn sagen. Er ist verwirrt über den vertraulichen Ton. Ob er rauche, wird er gefragt. Er steckt sich eine Zigarette an. Das Streichholz fällt neben den Aschenbecher. Er zittert mehr als sonst. Die Angst kommt von überall her. Sie ist da. Das Interieur des Zimmers unterscheidet sich nicht von anderen Amtsstuben im Land. Das Tonband auf dem Tisch ist ein Mira mit eingebautem Mikrofon. Das gibt es erst seit einigen Jahren. Es läuft auf Aufnahme. Der Hauptmann erzählt von der internationalen Lage. Es finden gerade die Herbstmanöver der NATO statt, in unmittelbarer Grenznähe. Der Krieg könne jeden Augenblick beginnen. Ob ihm an der Stimmung der Truppe irgendetwas aufgefallen sei, wird er gefragt. Er weiß nicht, was Irgendetwas ist, und verneint. Der Hauptmann legt ihm ein Papier vor. Er erkennt seine eigene Schrift. Es ist ein Gedicht aus der Zeit des Offiziersschülers.

Jan Kuhlbrodt


Ich bin nicht beim Militär gewesen. Ich wollte nicht, will nicht und werde nicht wollen. Im Militär braucht es nur Gehorsam, wird einem eingebläut, man soll seine Rolle gewissenhaft erfüllen, das hat mit Vertrauen zu tun.
Ich will mich nicht herausreden, das ist keine Entschuldigung. Dieser Raum, kaum Raum für mich – und ich brauche viel Raum. Mich ekelt es vor dem Gedanken an körperliche Erschöpfung. Ebenso Gewalttaten. Ich wäre ein miserabler Soldat. Im Falle eines Falles könnte ich ein Krieger, ein Widerständler, ein Rebell sein, aber kein Soldat. Ich wüsste nichts mit mir anzufangen in Uniform. Ob ich dieses Land denn nicht verteidigen wollte? Welches Land denn? Ich möchte keine Nation verteidigen, sondern die Freiheit der Menschen. Ich möchte so viel verteidigen. Aber ich möchte auch, einfach für mich, leben und entscheiden wie ich lebe.
Und wie dieses Leben aussehen soll? Freiheit ist etwas Unbestimmtes. Ich kann es nicht beschreiben. Ein freiheitliches Leben ist etwas, was man nicht beschreiben, nur beweisen kann.
Ich entscheide mich jetzt, zu leben.

Martin Piekar


Aus: Jan Kuhlbrodt, Martin Piekar: Überschreibungen. Berlin (Verlagshaus Berlin - Edition Binär) 2016.

 
 
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