Ian Curtis: So This is Permanence - Signaturen

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Ian Curtis: So This is Permanence

Rezensionen
 



Mario Osterland


Waiting for a guide to come

Ein neuer Band präsentiert die Songtexte von Ian Curtis


Ich lasse die alten, gelegentlich neu aufgeworfenen Fragen danach, ob Songtexte zur Lyrik gezählt und Songwriter als Dichter angesehen werden können, beiseite. Hunderte Male schon wurden sie richtig beantwortet mit einem entschiedenen „Nein, aber ...“ oder einem „Ja, wenn ...“. Im Falle des 1980 verstorbenen Ian Curtis und seiner Songs verhält es sich nicht anders. Die Texte des 1956 in Greater Manchester geborenen Musikers zählen nicht gerade zum Kanon moderner britischer Dichtung, gehören aber zweifelsfrei zu den einflussreichsten der Rockmusikgeschichte. Als Sänger der Post-Punk-Band Joy Division wurde er zu einer ihrer düstersten Ikonen. In seinem Legendenstatus ist er vergleichbar mit Jim Morrison, Janis Joplin oder Kurt Cobain.

 
 

Doch angesichts der hier Genannten verlief die bisherige Aufarbeitung und Vermarktung von Curtis' Leben und Werk geradezu gemäßigt. Bis heute gibt es mit Touching from a distance (1995) nur eine ernstzunehmende Biografie, die von Curtis' Witwe Deborah stammt. Auf ihr basiert Anton Corbijns vielfach ausgezeichneter Film Control (2007). Darüber hinaus gibt es einiges an dokumentarischem Filmmaterial, das jedoch meist die Entwicklung von Joy Division, dem Label Factory Records oder der britischen Undergroundszene der späten 1970er beleuchtet. Vor allem über Curtis' Schaffensprozess wird hier meist nur vage gesprochen, was die Mythenbildung natürlich anfachte. Die relative Verschwiegenheit von Deborah Curtis sowie der drei verbliebenen Joy Division-Mitglieder Peter Hook, Bernard Sumner und Steven Morris, die nach Curtis' Tod als New Order weltbekannt wurden, trug und trägt noch immer Einiges dazu bei.

 
 

Dazu muss jedoch gesagt sein, dass Ian Curtis Zeit seines kurzen Lebens sehr verschlossen war, und nahezu jede Gelegenheit nutzte, sich ganz in sich selbst und sein Schreiben zurückzuziehen. Eine Haltung, die auch auf die Außendarstellung von Joy Division übertragen wurde, die als Band kaum Interviews gaben und ihren Platten nie Songtexte beilegten. Umso sehnsüchtiger wurde das Erscheinen des Bandes So This is Permanence erwartet, der nun erstmals die Handschriften aller für Joy Division geschriebenen Texte zugänglich macht, sowie jede Menge Zusatzmaterial in Form von faksimilierten Notizen, alternativen Versionen, Briefen und sogar Prosa präsentiert.

Anhand der hier publizierten Texte lässt sich Curtis' Werk im Wesentlichen in zwei große Themengruppen einteilen. Da ist zum einen, bis 1977/78, die unmittelbare Rezeption der Texte zu nennen, die den Dauerleser Curtis nachhaltig beeindruckten. Allen voran der Roman House of Dolls von 1955, den der Holocaust-Überlebenden Yehiel De-Nur unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik 135633 veröffentlichte. Das darin beschriebene Lagerbordell von Auschwitz gab der Band Joy Division ihren Namen. Generell übten die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges eine starke Faszination auf den jungen Curtis aus. Zusammen mit den dystopischen, absurden und psychedelischen Werken von Kafka, Gogol, J. G. Ballard und natürlich William S. Burroughs verbanden sie sich zu einer bedrohlichen Welt, deren Zentrum das graue Manchester der 1970er war. Viele der frühen Joy Division-Tracks geben dazu den perfekten Soundtrack. In Songs wie Warsaw, No Love Lost oder Leaders Of Men arbeitet sich Curtis an seinen Vorbildern ab und beschwört gleichsam ein mögliches Szenario für den Dritten Weltkrieg herauf. Die kühle, distanzierte Bildlichkeit wurde hierbei bereits zum frühen Markenzeichen.


 
 
 

Just a minor operation,
To force a final ultimatum.
Thousand words are spoken loud,
Reach the dumb to fool the crowd.


 
 

Zum anderen hält ab ca. 1978 ein zweites großes Thema Einzug in Curtis‘ Texte, die nun sehr stark von zwischenmenschlichen Konflikten, Orientierungslosigkeit und Depression handeln. Curtis litt seit seiner Jugend unter Epilepsie, versuchte seine Krankheit jedoch vor allem in der Öffentlichkeit abwechselnd zu vertuschen oder zu ignorieren. Als Ventil für die dadurch entstehenden Drucksituationen, die mit steigender Bekanntheit von Joy Division immer häufiger wurden, blieben meist nur seine Texte. Zwar zeugen Songs wie Atrocity Exhibition, Dead Souls oder Interzone vom noch immer anhaltenden Einfluss der literarischen Vorbilder. Zu seinen größten Hits sollten jedoch emotionale Stücke wie Disorder, Atmosphere und natürlich Love Will Tear Us Apart werden.

 
 
 

I've been waiting for a guide to come and take me by the hand,
Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man?
These sensations barely interest me for another day,
I've got the spirit, lose the feeling, take the shock away.


 
 

Die Einteilung von Curtis‘ Texten ist jedoch nicht die eigentliche Erkenntnis, die So This is Permanence liefert. Zahlreiche Notizen beweisen, dass Curtis nur selten grundlegende Korrekturen an einmal geschriebenen Versen vornahm. Texte bzw. Songs, mit denen er nicht zufrieden war, schrieb er in Teilen oder gleich komplett um. Von einem Feilen am präzisen poetischen Ausdruck kann also kaum die Rede sein. Immer geht es um einen direkten, ungefilterten Ausdruck, der sich einzig dem Rhythmus des Textes unterzuordnen hat, was vielleicht die auffällige Häufung unreiner Reime in Curtis' Songs erklärt.

Die Fülle der Texte, die für Joy Division oft auf wenige Strophen gekürzt wurden, und zahlreiche Prosafragmente zeigen aber auch, dass Curtis sich akribisch und geradezu besessen an seiner Ideenwelt abarbeitete. Im Vorwort des Bandes ist von einem Roman die Rede, an dem Curtis geschrieben haben soll. Eine Vermutung, die anhand der hier veröffentlichten Notizen nicht eindeutig belegt werden kann. Dennoch scheint sie nicht unbegründet, da Curtis über die Arbeit an seinen Songtexten hinaus auf dem Weg war, literarische Texte zu schreiben. Darauf weisen nicht nur ein fiktionalisiertes Ich in einigen Prosaskizzen hin, sondern auch die bisher unveröffentlichten Texte, die in ihren formalen Variationen teils stark von Curtis‘ Songtexten abweichen. Diese ebenfalls skizzenhaften Verse lassen eindeutig eine Arbeit an Gedichten erkennen, die eigenständig neben dem Textwerk für Joy Division stehen sollten, das Curtis laut seiner Witwe im Jahr 1980 für beendet ansah.

Leider bleiben solche Einschätzungen auch mit diesem Band allein dem Leser überlassen, da sämtliche Seiten und Zettel aus den Notizheften weder übersetzt noch gedruckt wiedergegeben werden. So bekommt der Leser von So This is Permanence den Eindruck, selbst auf Spurensuche gehen zu müssen bzw. zu dürfen.



Ian Curtis: So This is Permanence. Joy Division-Songtexte und Notizen. Herausgegeben von Deborah Curtis & Jon Savage. Aus dem Englischen von Jan Böttcher. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2015. 368 Seiten. 22,95 Euro.

 
 
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