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Hilde Domin: Wahrhaftigkeit

Diskurs / Poetik > Glossen

Hilde Domin:

Wozu Lyrik heute

(Versuch einer Ortsbestimmung, 1975)

"Wahrhaftigkeit in der Wahl des genauen Worts, >Benennen< statt Etikettierung der Welt scheint mir weiter die Hauptsache. Und Mut. Die drei Arten von Mut, die der Lyriker braucht: den Mut, er selbst zu sein, den Mut, nichts umzulügen, den Mut, an die Anrufbarkeit der Menschen zu glauben, diese drei Arten Mut, sie sind nichts Elitäres, sind nötig für jeden, unabhängig von der Gesellschafts-ordnung. Deswegen habe ich heute, wo die Neuausgabe - vielleicht - in einem Aufwärtstrend kommt, nichts zu ändern an diesem Buch, von dem bei seinem Erscheinen gesagt wurde, es wolle die angedrohte Hinrichtung der Poesie noch im letzten Augenblick verhindern und das Messer des Henkers gleichsam über dem Halse des Opfers aufhalten.
Die Poesie und der Mensch sind gleich zäh. Und bis zur endgültigen Abschaffung der Spezies werden sie noch viele Hinrichtungen miteinander durchstehen müssen."

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