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Hilde Domin: Die Problematik des politischen Gedichts

Zeitzünder


Hilde Domin


Die Problematik des politischen Gedichts


(Auszug)


Soweit sich der Lyriker aber vornimmt, ausdrücklich und im engsten Sinne zur Gestaltung der Gesellschaft beizutragen, indem er die "allgemeine Sache" zum Thema wählt, so hängt es, wie bei jedem Gedicht, davon ab, wie sehr das politische Thema ihn selber erregt und wie sehr es von einer >allgemeinen< zu seiner eigenen Sache wird. Dabei ist ihm keine ersthändige Erfahrung im Sinne biographischer oder topographischer Belegbarkeit abzuverlangen, jede Erfahrung, auch die fernste, kann für den Lyriker zur >ersthändigen< werden, wenn er sie als Schock erfährt, etwas, das ihm zustößt, jenseits seines Programms. Erkenntnis ist Voraussetzung, aber sie reicht nicht.* Nur was ihm unter die Haut geht, wird andern unter die Haut gehen. Das politische Gedicht, wie jedes Gedicht, ist daher so virulent, wie es als >Gedicht< virulent ist.

* "Wenn du mit einem Gedanken beginnst, sprichst du Prosa." (Valery)


(1971)


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