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Henrik Ibsen: Brand, 5 (Finis)

Zeitzünder


Henrik Ibsen:


Brand


Ein dramatisches Gedicht (von 1865),
übersetzt von Christian Morgenstern (1907)



Personen

Brand
Seine Mutter
Ejnar (sprich: Einar), ein Maler
Agnes
Der Vogt
Der Doktor
Der Propst
Der Küster
Der Schulmeister
Gerd
Ein Bauer
Sein halbwüchsiger Sohn
Ein zweiter Bauer
Ein Weib
Ein zweites Weib
Ein Schreiber
Geistlichkeit und Amtspersonen,
Volk, Männer, Weiber und Kinder
Der Versucher in der Wüste
Chor der Unsichtbaren
Eine Stimme

Das Stück spielt in unserer Zeit, teils in, teils bei einem Fjordkirchspiel an der Westküste Norwegens.



Fünfter Akt

(Oben auf den weiten Hochebenen.)


(Das Unwetter wächst und jagt die Wolken schwer über die Schneefelder; schwarze Zinnen und Gipfel treten hier und dort hervor und werden vom Nebel wieder verschleiert.)

(Brand kommt blutig und zerschlagen des Wegs.)

Brand (bleibt stehen und blickt zurück.)

Tausend folgten meinem Rufe;
Keins gewann die höchste Stufe.
Aller Herzen wohl verschönt der
Drang nach einer größern Zeit.
Wohl durch aller Seelen tönt der
Feldruf: Auf zum heiligen Streit!
Doch die Walstatt selbst bleibt stille;
Opfer weigert zager Wille; –
Einer starb für aller Schwächen, –
Feigheit heißt nicht mehr Verbrechen!

(Sinkt nieder auf einen Stein und blickt sich scheu um.)

O, wie oft erschrak mein Kinder-
herze, sträubte sich mein Haar,
Stand ich, wann Verstecken war,
Und der Hund just anschlug, in der
Dunklen Stube voll Gespenster.
Aber ward die Angst am größten,
Mußte der Gedanke trösten:
Draußen lacht ja Tag und Licht,
Nacht ist ja dies Dunkel nicht, –
Laden sind ja nur vorm Fenster.
Sorg' nicht! Bald wird unbegrenzter
Sonnenschein, als Überwinder
All der Nacht, durch Tür und Fenster
Seinen Einzug halten in der
Dunklen Stube voll Gespenster!
Ach, wo blieb der Sonne Segen! –
Pechschwarz schlug mir Nacht entgegen, –
Und da saß ein stumpf hinbrütend
Volk von greisem Blick und Haar,
Längstgestorbne Träume hütend, –:
Dumpf so wider 's Schicksal wütend,
Hielt der König Jahr um Jahr
Wacht an Schneefrieds Totenbahr',
Legt' ihm 's Ohr an magre Rippen,
Hielt ihm Flaum vor blasse Lippen,
Hofft', noch einmal blühten roten
Blutes Rosen aus dem Toten.
Keiner, gleich ihm, wahnbetört,
Gab dem Grab, was ihm gehört.
Keinem will die Wahrheit ein:
Leichen träumt man nicht ins Leben,
Leichen müssen untern Stein;
Neuen Saaten Wuchs zu geben,
Dies ist ihr Beruf allein,
Nacht, nur Nacht – und aber Nacht!
Keiner hat der Wahrheit acht.
Hätt' ich Blitze zu entsenden,
Eures Strohtods Schmach zu enden!

(Springt auf.)

Nachtgesichte seh' ich jagen,
Schwarzem Höllenschoß entgoren!
Eine Zeit im Panzerkleide
Fordert Opfer bis zum Grab,
Heischt geschwungnen Stahl statt Stab,
Reißt die Klingen aus der Scheide; –
Vettern seh' ich Schwerter zücken, –
Brüder scheu sich seitwärts drücken,
Tarnkapp' über Aug und Ohren;
Seh' mein eigen Volk verloren
An ein Übermaß von Schande; –
Mann und Weib, da's gilt, versagen
Sich den Bittenden, wehklagen
Feig, einritzend sich den Namen
Armen Fischervolks vom Strande,
Volks aus Gottes schlechtstem Samen, –
Hoffend, daß sie so, gesenkten
Haupts, ihr Los am besten lenkten.
Fahne! Maitagregenbogen!
Wo, wo blieben deine Farben?
Wo dein Blau-Rot-Gold? Verdarben
Sie, die einst so stolz ausrollten,
Als des Volks Gesang umschwoll den
Königlichen Ideologen,
Bis er Zung' und Schlitz dir schnitt?
Weh, dein Züngeln ward Geprahl,
Weh, kein Drachenzahn wuchs mit,
Als sie dir den Rachen schenkten; –
Daß doch still geblieben wäre
Volk wie königliche Schere!
Die mit den vier Friedensecken
Langt vollauf als Notsignal,
Fängt ein Kutter an zu lecken!
Schlimmre Bilder, schlimmre Lose
Tauchen aus der Zukunft Schoße!
Eine schwarze Wolkenwand,
Naht der Kohlenqualm des Britten;
Was da frisch und grün, befleckend,
Jeden Keim mit Ruß bedeckend,
Kommt er giftschwer angeglitten,
Stiehlt den Tag von allen Wegen,
Rieselt, wie ein Aschenregen
Des Vesuv, auf Stadt und Land.
Häßlich sind die Menschen jetzt; –
Zu der Grubenhämmer Klopfen
Gluckt's wie Sang von Wassertropfen;
Krüpplig Volk die Meißel wetzt,
Erzes Geister zu entbinden, –
Bucklig Leib und Seel' zuletzt,
Gierverzerrt die Zwergenzüge
Nach des Goldes blanker Lüge.
Ohne Lachen, ohne Weinen,
Ohne brüderlich Empfinden,
Ohne Selbst-sich-Überwinden
Hämmert's, münzt es, feilt es; – keinen
Lockt die Sage mehr vom Licht;
Keiner mehr von all den Blinden
Sagt sich, daß die Pflichten nicht
Enden, wo die Kräfte schwinden!
Schlimmre Bilder, schlimmre Lose
Tauchen aus der Zukunft Schoße!
Eitlen Klügelns Wolfesrachen
Will der Lehre Sonne morden;
Helft uns! schreit's empor zum Norden:
Aufgebot von Berg zu Berg! –
Stur und störrisch zischt der Zwerg:
Was soll ich bei diesem Werk?
Mögen starke Völker wachen,
Andre sich zum Sturmbock machen,
Wir gehören zu den schwachen, –
Wir, das kleine Land, verlieren
Auf solch heiligen Turnieren,
Stell'n für unsern Bruch vom Heil
Nicht des Volks Gemeinwohl feil.
Nicht für uns hat er gelitten,
Hat ein Zahn vom Dornenkranze
Seine Schläfen ihm zerschnitten,
Ward gerannt die Römerlanze
Dem Gestorbnen in die Seiten,
Ward gebohrt durch Fuß und Hand ihm
Spitzer Nägel Feuerpfeil.
Wir sind klein, sind kaum bekannt ihm,
Spür'n zu helfen, keinen Trieb.
Nicht für uns ward 's Kreuz getragen.
Ahasveri Knieriemhieb,
Purpernd des dem Tod Geweihten
Schulter, bleibt zu allen Tagen
Am Passionswerk unser Teil.

(Wirft sich in den Schnee nieder und bedeckt sein Antlitz; nach einem Weilchen blickt er auf.)

Hab' geträumt ich? Bin erwacht nun?
Alles grau, verweht in Nacht nun!
War ein Zug Gesichte nur,
Was da jäh vorüberfuhr?
Hat des Menschen Seele dessen,
Der nach sich ihn schuf, vergessen,
Ganz dem Abgrund sich verdungen –?

(Lauschend:)

Horch, der Sturmwind spricht mit Zungen!


Chor der Unsichtbaren (im Sturme sausend:)

Nimmer wirst Du, Mensch, ihm gleichen, –
Denn aus Staub bist Du gemacht;
Magst ausharren oder weichen,
Immer stürzt Dein Pfad in Nacht!


Brand (wiederholt die Worte und sagt leise:)

Weh! Fast will es wahr mir scheinen!
Stieß er nicht vom Kirchenchore
Mich zurück mit meinen Peinen,
Riß mich los von all dem Meinen,
Schloß vor mir des Lichtes Tore,
Hieß mich bis zum Letzten kriegen,
Ließ mich endlich unterliegen!


Der Chor (stärker über ihm tönend.)

Nimmer wirst Du, Wurm, ihm gleichen, –
Denn dem Staub bist Du entstammt;
Magst nachfolgen oder weichen,
Immer bleibt Dein Tun verdammt!


Brand (vor sich hin:)

Weib und Kind und lichte Tage,
Tage voll beglückten Strebens,
Tauscht' ich wider Kampf und Klage,
Riß die Brust mir wund, – vergebens
Warf ich alles in die Wage.


Der Chor (mild und lockend:)

Träumer, nie wirst Du ihm gleichen,
Was Du ihm auch dargebracht;
Wähne nie, je zuzureichen; –
Denn als Mensch bist Du gemacht!


Brand (bricht in leises Weinen aus.)

Agnes, Alf, o, kommt zurücke!
Einsam sitz' ich hier und sehne
Mich auf öder Bergeslehne,
Spukumgraust, nach einst'gem Glücke –!


(Er blickt auf; ein dämmerheller Fleck öffnet und erweitert sich im Nebel vor ihm; eine weibliche Gestalt steht da, in lichtem Gewande, einen Mantel über den Schultern. Es ist Agnes.)

Die Erscheinung (lächelt und breitet die Arme nach ihm aus.)

Sieh mich Dir zurückgegeben!


Brand (fährt verwirrt auf.)

Agnes! Du bist noch am Leben!


Die Erscheinung

Alles war ein Fiebertraum!
Nun soll sich das Übel heben!


Brand

Agnes! Du!

(Will ihr entgegeneilen.)

Die Erscheinung (schreit auf:)
                                 Nicht hier herüber!

Siehst Du nicht des Abgrunds Saum?
Nicht des Wasserfalles Schaum?

(Mild:)

Nein, es ist kein Traum, kein trüber,
Kein Gesicht mehr, was Dir droht.
Brand, Du sahst, in Wahnsinnsnot,
Alles wie mit Nacht verhängt, –
Träumtest, daß wir Dich verließen. –


Brand

O, daß Du noch lebst! Gepriesen –!


Die Erscheinung (schnell:)

Später! Jetzt kein Wort von diesen!
Folg' mir, komm; die Stunde drängt.


Brand

O, doch Alf?


Die Erscheinung

                                  Ist auch nicht tot.
Brand

Lebt!


Die Erscheinung
                       Ja, lebt, gesund und rot!

All Dein Leid war Traum und Trug,
All Dein Streit ein leerer Spuk.
Alf sitzt auf Großmutters Schoß;
Sie genas, und er ward groß.
Auch die Kirch' steht noch wie einst;
Bau' sie größer, wenn Du meinst; –
Drunten mühn im Dorf die Leute
Still sich hin, wie einst so heute.


Brand

Einst –?


Die Erscheinung
                           Ja, einst, – da Friede war.
Brand

Friede!


Die Erscheinung
                          Brand, wie lange säumst Du!
Brand

Ach, ich träume!


Die Erscheinung
                                        Nein, nicht träumst Du.

Doch bedarfst Du Ruh' und Pflege –


Brand

Ich bin stark.


Die Erscheinung
                                  Das hat noch Wege;

Noch zu nah ist die Gefahr.
Wieder wirst Du wie ein Schatten
Mir und meinem Kind entjagen,
Wieder wird Dein Geist ermatten, –
Willst Du die Arznei nicht wagen.


Brand

O, gib her!


Die Erscheinung
                                Du hast in Deiner

Hand sie, Du allein, sonst keiner.


Brand

Nenn sie denn!


Die Erscheinung
                                     Der Arzt, der alte,

Den so manches Buch belehrt,
Der so klug, wie selten einer,
Fand drei Wörtlein als den Herd
Deiner Krankheit, deren kalte
Schauder Dich mit Wahnsinn schlagen.
Denen mußt Du ganz entsagen,
Die aus dem Gedächtnis bleichen,
Die von jeder Tafel streichen.
Die sind all des Schreckgesichts,
Das Dich anfiel, anzuklagen;
Die vergiß, soll Deiner reichen
Seele Siechtum endlich weichen!


Brand

Sag' sie!


Die Erscheinung

           " Alles oder nichts."


Brand (zurückweichend:)

Ist es das?


Die Erscheinung
                                So wahr ich lebe,

Und so wahr Dir Tod gesetzt!


Brand

O, so hängt in dräuender Schwebe
Über uns das Schwert noch jetzt!


Die Erscheinung

Brand, bei mir ist Lieb' und Lust;
Flieh, Dein Weib an starker Brust,
Fort zu wärmern Himmelsstrichen –


Brand

Meine Krankheit ist gewichen.


Die Erscheinung

Ach, doch kommt sie wieder, Brand.


Brand (schüttelt den Kopf:)

Nein, ich fühl's, das Fieber schwand.
Träume noch, wer träumen mag,
Ruft des Lebens lichter Tag!


Die Erscheinung

- Lebens?


Brand                   Folg' mir!

Die Erscheinung                  Dein Entschluß

Ist –?


Brand             Vollbringen, was ich muß:

Leben, was bis jetzt geträumt, –
Endlich tun, was noch versäumt.


Die Erscheinung

Ha, unmöglich! All die Qual
Deiner Kämpfe –!


Brand                                Noch einmal!

Die Erscheinung

All die grausen Traumeswehen
Willst Du wach und frei bestehen?


Brand

Wach und frei.


Die Erscheinung
                                     Dein Kind verlieren?
Brand

Es verlieren.


Die Erscheinung
                                  Brand!

Brand                                     Ich muß.

Die Erscheinung

Noch einmal mein Blut gefrieren
Machen, bis des Todes Kuß
Mich von Dir erlöst?


Brand                                     Ich muß.

Die Erscheinung

Alles Licht mit Nacht zerdrücken,
Nie Dein Herz an Tag beglücken,
Nie des Lebens Früchte pflücken,
Nie Dein Leid im Lied ertränken?
Ach, ich muß so vieler denken!


Brand

Wär' ich ich, wenn ich mich schonte?


Die Erscheinung

Du vergißt, wie man Dir lohnte!
Äffte doch am Ziel ein Trug Dich;
Man verließ Dich, Brand, man schlug Dich!


Brand

Nicht für mich hab' ich gelitten,
Nicht für eignen Sieg gestritten.


Die Erscheinung

Für ein Volk in Grubengängen!


Brand

Einer kann viel Nacht verdrängen.


Die Erscheinung

Für gerichtete Geschlechter?


Brand

Viel vermag oft ein Gerechter.


Die Erscheinung

Denk der ältesten der Fehden!
Wessen Zorn trieb uns aus Eden?
Nimmermehr geöffnet werden
Pforten, die der Arm zutat!


Brand

Offen blieb der Sehnsucht Pfad!


Die Erscheinung (verschwindet unter donnerähnlichem Getöse; Nebel wälzt sich über die Stelle, wo sie stand, und ein Schrei, grell und schneidend wie der eines Flüchtenden, ertönt.)

Stirb! Was willst Du hier auf Erden;


Brand (steht eine Weile wie betäubt.)

Es ist fort! Den Nebelschlund
Flog's hinein mit schwarzen Schwingen,
Wie ein Habicht. Ha! Der Grund
Jener Fordrung waren Schlingen,
Mich noch jetzt zu Fall zu bringen –!
Kompromiß, da sprach Dein Mund!


Gerd (kommt mit einem Stutzen.)

Sahst Du dort den Habicht fliehn?


Brand

Ja, Du; diesmal sah ich ihn.


Gerd

Schnell, beschreib mir, wohin strich er!
Heut will ich's an ihm vollziehn!


Brand

Schwerlich; der ist kugelsicher!
Ob er schon an mörderlicher
Ladung oft zu enden schien, –
Schoß, just da den Todesstich er
Haben sollt', flugs hinter mich er –
Und fing an aufs neu' zu fliehn.


Gerd

Hier den Renntierstutzen raubt' ich, –
Lud mit Stahl und Silber; – viel
Minder toll bin, als Ihr glaubt, ich, –
Wartet nur!


Brand                       So triff Dein Ziel!
(Wendet sich zum Gehen.)

Gerd

Hinkst ja, Pfarr? Was ist geschehn hier?
Bist gestürzt?


Brand                          Das Volk verwies mich

Meines Amts.


Gerd (näher:)               Blutstropfen stehn Dir

Auf der Stirn!


Brand                          Man schlug und stieß mich.

Gerd

Deine Stimm', einst so metallen,
Raunt nur mehr, wie Wind im Laube!


Brand

Alle – Alles –


Gerd                             Nun?

Brand                                     Verließ mich.

Gerd (sieht ihn mit großen Augen an.)

Jetzt erst merk' ich, wer Du bist!
Nicht der Pfarr, wie erst mein Glaube; –
Pah, des Pfarrers und des Allen!
Du bist, – der am größten ist.


Brand

Dem Wahn fiel ich fast zum Raube.


Gerd

Laß mich Deine Hände sehen!


Brand

Wozu das?


Gerd                        Die Nägelmale!

Rote Perlen um die fahle
Stirn, den Blutbiß scharfer, böser
Dornenzähn' ins Fleisch geschlagen!
Dich hat ja das Kreuz getragen!
Vater sagt' einst oft zu mir,
Wie dies wär' vor lang geschehen,
Weit von hier – und nicht von Dir; –
Doch ich seh', das waren Sagen, –
Ja; denn Du bist der Erlöser!


Brand

Weiche!


Gerd                  Soll ich niederfallen

Und anbeten?


Brand                          Fort von hier!

Gerd

Du vergossest ja das Blut,
Das da helfen sollt' uns allen!


Brand

Brauchte selber Hilf' zu gut.
Laß mich still mein Haupt verhüllen!


Gerd (will ihm den Stutzen geben.)

Töte die verruchte Brut –!


Brand (schüttelt den Kopf.)

Nein, ich muß mein Los erfüllen.


Gerd

Sprich nicht so; Du, als Erlöster,
Weisest Deine Wunden her; –
Du bist aller Menschen Größter!


Brand

Der Geringste ist es mehr.


Gerd (blickt hinauf, wo die Wolken sich lichten.)

Weißt Du, wo Du stehst?


Brand (starrt vor sich hin.)           Ich steh'

Tief am Fuße steiler Wände,
Leib und Seel' gleich wund und weh.


Gerd (wilder:)

Weißt Du, wo Du stehst, sag'!


Brand                                                    Mir

Ist, als ob der Nebel schwände –


Gerd

Wohl, er tat's: Das schwarze Horn
Dort zerriß ihn wie ein Dorn!


Brand (blickt auf.)

Schwarzes Horn? Eiskirche!


Gerd                                                     Ja!

Ist der Kirchgast endlich da!


Brand

Tausend Meilen fort von hier! –
O, wie ich nach Licht mich härme!
Wie verlangt mein ganzer Wille
Nach des Friedens Kirchenstille,
Nach des Lebens Sommerwärme!

(Bricht in Tränen aus.)

Jesus, Dich hab' ich genannt;
Niemals wolltest Du mir nahn,
Folgtest dicht mir auf dem Fuße,
Ungegrüßt, doch nah zum Gruße;
Laß mich nun vom Heilsgewand,
Feucht vom Wein der wahren Buße,
Nur noch ein arm Eckchen fahn!


Gerd (bleich.)

Wie? Du weinst ja! Du, der Seher!
Warm, daß Deine Wange glüht, –
Daß des Gletschers Grabtuch leise
Tropfend in den Abgrund sprüht, –
Daß in Tränen mein Gemüt
Auftaut wie aus ewigem Eise, –
Daß der Schneetalar, entbreitet,
Von dem Eisberg-Prediger gleitet –

(Bebend.)

Mann, was weintest Du nicht eher!


Brand (hellen Auges, strahlend, wie verjüngt:)

Im Gesetz erfriert die Seele, –
Ohne Licht kein Blühn auf Erden!
Galt's bislang, die Tafel werden
Gottgegebener Befehle, –
Will ich nun, ein Mensch, zu meinen
Brüdern in die Sonne treten.
Sie besiegt mich. Ich kann weinen,
Ich kann knieen, – ich kann beten!

(Sinkt in die Knie.)

Gerd (lugt nach oben und sagt leise und scheu:)

Sieh, da setzt er sich, der Böse!
Siehst Du seinen Schatten schwanken!
Sieh, wie er des Gipfels Flanken
Mit den breiten Schwingen schleißt!
Wenn das Silber jetzt nur beißt, –
Daß uns dieser Schuß erlöse!

(Reißt den Stutzen an die Wange und schießt. Hohles Dröhnen, wie von rollendem Donner, antwortet hoch oben von der Bergwand.)

Brand (fährt auf:)

Ha, was tust Du!


Gerd                                Gut getroffen!

Er verliert den Halt, – er fällt;
Horch, da schreit er, daß es gellt!
Sieh nur, sieh, sein halb Gefieder
Flockt wie Schnee die Bergwand nieder; –
Immer mehr wird's – immer mehr –!
Hei, er stürzt am End' hierher!


Brand (sinkt zusammen.)

Mitgeboren, mitverloren!
So nur wird die Schuld beschworen.


Gerd

Steht das weite Himmelszelt,
Seit er fiel, nicht doppelt offen?
Sieh, er rollt, er überschlägt sich, –
Pah, Dein toter Zorn erträgt sich;
Bist ja weiß wie eine Taube –!

(Schreit entsetzt:)

Hu, was für ein wild Geschnaube!

(Wirft sich nieder in den Schnee.)

Brand (krümmt sich unter der herabstürzenden Lawine und ruft empor:)

Sag' mir, Gott, im Todesnahn!
Wiegt vor Dir auch nicht ein Gran
Eines Willens quantum satis –?


(Die Lawine begräbt ihn und erfüllt das ganze Tal.)

Eine Stimme (antwortet durch den Donner:)

Gott ist deus caritatis!


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