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Hendrik Jackson: Uljanowsk aus der Sicht des Igels

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Hendrik Jackson


Uljanowsk aus der Sicht des Igels

Zum Gedicht "Uljanowsk als Igel"


Uljanowsk nähert man sich zentripetal, von (allen) vier Seiten, wobei sozusagen mitten in der Stadt (von oben gesehen) ein Stauraum der Wolga liegt. Uljanowsk hat sein tatsächliches Zentrum auf der linken Seite: je nachdem natürlich, ob man von oben die Wolga herunter schwimmt (von Moskau gesehen, also nach offizieller Sichtweise) oder mit dem Zeigefinger bzw. wie Stenka Rasin mit dem Rebellenboot, herauf fährt (dann rechts). Für gewöhnlich ist die linke Seite also die rechte, wie soll man sich da zurecht finden? Lenin weist den Weg! Und der geht immer zum Bahnhof (wo man als Deutscher zuerst eine Fahrkarte löst)! Jedenfalls gelangt man von den zwei drei Hauptstrassen Uljanowsks aus auf kleineren und größeren Straßen überall hin. Doch das geheime Zentrum liegt, wie in so vielen Städten Russlands, am Fluss, gar nicht weit vom Zentrum entfernt (aber sozusagen in der Mitte). Dort, wo die Universität und die Bibliothek ihren Standort hat und ein denkwürdiges kleines Denkmal für den Buchstaben e neben einem Gebüsch platziert liegt, Karamsin sei Dank. Hier empfängt einen typische russische Weite: Stadt Land und Fluss, wobei einen die Nähe der eher kleinstädtischen Universität zum Fluss ein wenig an Frankfurt/Oder erinnern mag. Doch wo dort Studenten am Ufer tummeln oder an anderen russischen Städten verliebte Paare und Familien die Ufer entlang spazieren, sah ich, vielleicht weil tagelanger Nebel Uljanowsk gefangen hielt, nur graue, wunderbare Leere. Der Abhang zum Ufer hin, der hin und wieder auch als Skipiste zu nutzen sei, lag gänzlich im Dunst und die Ufer der Wolga waren nur als Schemen zu erkennen.
Und wenn man dann dort entlang wandert, zur Universität und zurück, und hierhin und dorthin auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, einer Struktur, schält sich nur ab und an ein Denkmal besagten Wegweisers gusseisern dunkel aus dem Nebel und weist, wie zu Vorzeiten sicher und souverän, die Richtung: zurück in den Nebel.
Wir, das heißt ich und eine Gruppe junger russischer Schriftsteller, die wir ein paar Tage lang die Stadt erkunden und erschreiben sollten, hatten am Vormittag über das Gedicht „Igel“ von Alexej Parschtschikow gesprochen und traten hinaus: es begann ein Herumstochern im Nebel – – - wer hätte da nicht an diesen wunderbaren Zeichentrickfilm gedacht: Eshik v tumane, ein Klassiker der sowjetischen Filmkunst. Und auf einmal wurde einem eine weitere Dimension dieses Films klar: dass vielleicht dieser Film die Zukunft nach Lenin vorweggenommen hatte oder vielmehr ein Leben ohne Lenin, ohne Wegweiser und utopische Zukunftsfantasien: Irren, allzumenschliches, in einem Nebel, aus dem hin und wieder wunderbare Pferde oder gefährliche Hunde hervortreten – und wieder verschwinden. Hin und zurück. So liefen wir auch. Und Lenin kam uns entgegen und ging wieder. Und ich dachte an meine vergangenen Lieben und wie sie aus dem Nebel* der Erinnerung  hervortreten und wieder verschwinden. Und irgendetwas blinkt dort in der Ferne wie Blei oder, das l umgestellt, wie ein Beil, das aufs Leben niedersaust. Einige scheinen zu bleiben, alle und besonders die Liebsten, kehren nicht wieder.
Ein historisch-privater Gezeitenwechsel ... mir wurde klar, dass meine Eindrücke nicht zufällig waren: diese Stadt, muss sich erst wieder finden, sie irrt herum wie wir in diesen Tagen. Gute Witterung für Gespenster, so spukt Lenin nicht nur als Denkmal, sondern noch in dem unweit gelegenen Lyceums-Museum, wo er einst aufwuchs und lernte. Holztische, Landkarten, der geniale, alles fressende kleine Illitsch. Nun ist er, gütig geworden, nicht mehr gültig und kein Allgemeingut – und was macht dann Uljanowsk aus? Wer löscht am Abend die Laterne in der Baker Street, die tatsächlich gastfreundlich vor unseren Augen auftauchte, als habe sich die Stadt endgültig in London verwandelt? Große Leere, Schlünde, die sich auftun: Gähnen. So schlenderten wir, müßiggängerisch, zu den Rändern der Stadt, wo ein kleines Institut und leuchtende Häuser in der Art von größeren Datschen liegen, aquamarinfarben oder auch, russisch gesprochen: in der Farbe des rollenden Ozeans. Eine Kirche und allerorten seltsame, schöne Geräusche, die uns erinnern, dass hier das Leben langsamer fließt und Lenin: was war das eigentlich ein Lump, so ein gräulicher Aktivist und Besserwisser. Hier, am Rand, geht die Zeit langsamer: Lass es nur rollen und laufen... Wir saufen Tee indes, wieder in der Baker Street, in fast vollkommener Nachmittagsruhe. Sei kein Oblomow, denk dir etwas aus. Aber die Uljanowsker brauchen ja nicht viel zu tun, sie brauchen nur auf ihrem Diwan zu liegen und die Oblomwschtschina zu verwirklichen, einen süßen Traum träumen: wie sie tagelang durch weißen Dunst irren (diesmal Kochdampf der lieben Mutter), wie sie ein besseres Leben leben, wie sie in den Schoß zurückkehren der Mutter Natur, wie sie sich langweilen....

Ja, Uljanowsk, du versinkst in einem postsowjetischen, durch und durch oblomowschen Dämmer. So sehr, dass aus der Tiefe der Zeit Gestalten hervortreten können, als kämen sie jetzt und jetzt zu Besuch: Zum Beispiel ein tschuwaschischer Pädagoge, für den dort am Rand der Stadt, neben den farbkräftig leuchtenden Häusern, ein Museum vor sich hin schläft. D.h. halt: eine überaus wache, junge Frau verteidigt diesen Hüter tschuwaschischer Kultur und ersten Erzieher von Zöglingen gegen alle gleichgültigen Brandungen des Vergessens, hält, bebenden Busens**, in hochheiliger Verehrung seinen Namen, singt ihn, wiederholt ihn mantra-artig, und führt dem schönen alten Ritus der sowjetischen Museumsführung, einer museal-kultischen Tradition, ungewohnt neue Bedeutung und Kraft zu.
Ihre Hände faltet sie dabei auf und zu, erhebt sie und schließt sie, als würde sie mit ihnen atmen und in Gedanken der Umstehenden, deren Schreibaufgabe es ist, Hände zu schildern, vervielfältigen sich die Hände, verbinden sich zu Ketten, wie aufleuchtenden Vogelzüge von Schauspielerhänden vor schwarzer Kulisse, werden zu den Händen der Stadt, mit den verschiedensten Verrichtungen beschäftigt, und reichen doch unsere Bilder von Hand zu Hand durch die Historie hin bis zu Ivan Jakovlich Jakovlev.
Wir sitzen wie Kaninchen vor der Schlange. Nur, dass wir die Schlangen der neuen Zeit sind, während SIE das Kaninchen unschuldigen Glaubens ist, an die gute (selbst wenn schlechtere, ärmere) Zeit.
Und dann, womöglich im Gedicht, lichtet sich momentlang aller Nebel und der Igel Poesie tritt hinaus in eine übervolle Gegenwart, in der selbst ihr heiliger Singsang unschuldigen Glaubens leicht sich zum erfüllten Moment gesellt.



* auch Hesse trat einst mit seinem Nebelgedicht hervor, lieber ist mir allerdings der andere H.H. und wenn Chendrik und Gejnrich zusammen verreisen, darf ein Verweis auf den interkulturell zwischen H und G schwankenden H. Heine, im Doppelpack mit H. Hesse, nicht fehlen, den Schutzheiligen deutscher Reiseliteratur, ich zitiere: Brocken: Nebel, Stein – müde Beine – Aussicht: keine – Heinrich Heine). Ja! Leben im Nebel: schlechte Sicht. So geht es immer hin und her, zwischen Heine und Hesse, zwischen Heinrich und Hendrik, nur nicht zwischen Lenin und Ninel, beide kehren nicht wieder

** wie gern hätte ich hier Bluse geschrieben und das hätte in der Tat zu ihrer altmodischen Sowjetaura gepasst, allein: dieses Fass mach ich nicht auf, dem verehrten Schauspielerurgestein, der noch am selben Abend uns zuprostete, als sei er der letzte Mensch, der in Russland noch zu trinken weiß, zu Ehren: seltsame Zeit, dachte ich, in der diese alten Recken die kraftvollen, lebendigen Menschen sind! Sonst müsste ich auch von seiner Großmutter und den Deutschen in Wolgograd erzählen. Belassen wir es für heute bei der Bluse


(Hendrik Jackson: shots-stories.net / mit Dank an die Bosch-Stiftung, 2013)

 
 
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