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Hendrik Jackson: Panikraum

Rezensionen / Verlage


Michael Braun

Meditation eines absoluten Sturzes

„Panikraum“: Hendrik Jacksons Klopfzeichen der Existenz


„Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: >Ich suche Gott! Ich suche Gott!<?“ Man darf sich das lyrische Subjekt, das in Hendrik Jacksons neuem Gedichtbuch als Chronist eines existenzerschütternden Gedankenwirbels auftritt, als einen Wahlverwandten des „tollen Menschen“ Friedrich Nietzsches vorstellen. Allerdings ist der Gegenstand der Suche nicht mehr Gott, sondern das haltlos gewordene Ich und seine Zustände der Angst und der seelischen Erosion. Es ist ein protokollierendes, einzig der Schrift hingegebenes Subjekt, das sich sehr empfindlich zeigt für das Inventarisieren eines „absoluten Sturzes“, einer Implosion aller Individuations-Energien und Lebenskräfte. Jackson selbst zitiert an versteckter Stelle den „tollen Menschen“ Nietzsches, ohne dessen Weltgefühl der Selbsterhöhung und Energiesteigerung reanimieren zu wollen. Sein Chronist setzt in seiner Erkundung alles auf den Prüfstand, die Elemente der Subjektivität werden in ihre Einzelteile zerlegt, ohne dass ein „Trost“, ein „Sinn“ oder auch nur ein noch so fragiler Haltepunkt in den Blick käme.

Hier, in der dritten „Erkundung“ seines neuen Buches, hat Jackson einen Protokollanten einer tiefreichenden Ich-Dissoziation erfunden, einer Entgrenzung, die bis in die innersten Wurzeln des Subjekts geht, ja dieses Subjekt aufzehrt. Diese Darstellung eines verzweifelten Subjekts und dessen „Gedanken in diesem Wirbel, Glucksen, rasendem Strudel“ erinnert an die trauernden Reflexionen in Jacksons Vorgänger-Buch „sein gelassen“ (2016), einer Bewusstseins-inventur von „heller Klarheit“, in der das protokollierende Ich nach einem traumatischen Verlust eines geliebten Menschen die Literaturgeschichte der Selbsttötungen abtastet, um selbst wieder Grund und Kontur zu gewinnen. Die Welt zerbricht dem Schreibenden und er präsentiert sich als verwundetes Subjekt, dem auf Erden nicht mehr zu helfen ist. So bleibt nur der Rückzug in den titelgebenden „Panikraum“, in dem einzig die Erkundung der Ich-Erosion möglich ist.

In den beiden anderen „Erkundungen“ seines Bandes „Panikraum“ startet Jackson durchaus ähnlich geartete Suchbewegungen, aber mit anderen literarischen Mitteln. In „Russland-Transit“ durchquert er sein Sehnsuchtsland diesseits und jenseits des Ural, sieben russische Städte, und er collagiert dabei Namen, Stimmen und Bewusstseinslagen großer russischer Geister. Die jeweils dreistrophigen Gedichte des Kapitels „Jack-the-Ripp“ handeln danach von der mörderischen Natur eines Begehrens, das sich des Objekts der Leidenschaft bemächtigen will.
    Zu den virtuosen Stücken des Kapitels „Russland-Transit“ gehören die Pastiches auf Welimir Clebnikow und Durs Grünbein, kunstvolle Überschreibungen und Kontrafakturen auf Motive und Lautkunststücke der alten und neuen Avantgarden. In den von ihm sehr elegant gehandhabten Techniken der Intensivierung von Metaphern und Sprachbildern entwirft Jackson eine Topik der Erhabenheit und einer sprachlichen Ekstatik. Am eindrucksvollsten gelingt das im funkelnden Gedicht „Faulenzers Traum von Wels (som) und osjotr (Stör)“, das Astrachan, die Stadt an der Wolga preist und in dem russische und deutsche Sprachfragmente miteinander verschmolzen und nach Manier eines Anagramms verflochten werden:

most (Brücke) – Trost (soll glücken) – übe: von mir
zu dir. Von Insel zu Insel gehüpft wie gesprungen
Irrsinnssonne: einfach über und – stopp: Leib klirrt
(Hauptsache) – Märzlust, überströmte Licht-Zungen:

lach Lenzelchens Esel, lau. Faulauge. Astrachan:
Holzhäuser, schief im Grund, schwankende Welle.
Renaissance und Rasins Rebellen, aus dem Kahn
stürzt die Fürstin, kopfüber in reißende Schnelle
....

Hier wird neben deutsch-russischen Wörter-Explorationen zunächst der sogenannte „Rasinsche Aufstand“ gegen die Leibeigenschaft aufgerufen, der um 1670 das Zarenreich erschütterte. In der Fügung „Lenzelchens Esel, lau“ klingt auch das historische Schicksal des unglücklichen Poeten Jakob Michael Reinhold Lenz an, der sich 1776 am Weimarer Hof einige ungute Rivalitäts-Aktionen gegenüber Goethe geleistet hatte. „Lenzens Eseley“ – so kommentierte Goethe Lenzens Aktivitäten – hatte Folgen. Er musste er den Hof verlassen und verbrachte seine letzten elf Lebensjahre in Moskau, wo er 1792 tot auf der Straße aufgefunden wurde. Jackson spricht von „Lenzelchens Esel“ – aber selbst in der Distanzierung vom verlorenen Lenz schimmert noch das Mitleiden mit einem Dichter durch, der, gebannt in das Dunkel seiner Seele, keinen Ausweg mehr fand. So lebte er hin – im „Panikraum“.


Hendrik Jackson: Panikraum. Gedichte. Kookbooks, Berlin 2018. 96 Seiten, 19,90 Euro.
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