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Hendrik Jackson: Nachtrag - Das achte Buch, ein Vorschlag

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Hendrik Jackson


Nachtrag zum Leseprotokoll von Raoul Schrotts
"Erste Erde Epos"
 Das achte Buch, ein Vorschlag



In Raoul Schrotts Epos "Die erste Erde", das in sieben Büchern in verschiedenen, imaginierten (also weitestgehend fiktiven) Stimmen Forscher, Forscherinnen und den Autor selbst aus ihrem Leben in Versen erzählen lässt und dabei die Entstehung von Kosmos, Welt, Leben und Mensch nachzeichnet, gibt es noch ein fast 200-seitiges, achtes Buch, das das Epos mit wissenschaftlicher Substanz unterfüttert: All die Geschichten und kontemplativen Beobachtungen des Epos orientieren sich an der im achten Buch skizzierten Chronologie und rekurrieren stets auf die dort ausführlich dargestellten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Jede ernste Rezension des Schrottschen Epos müsste sich dementsprechend intensiv mit diesem Buch auseinandersetzen.
Ich würde, um eine weitere Lesart "gegen den Strich" (aber vielleicht doch auch im Sinne des Buches) einzubringen, fordern, von diesem erläuternden "Anhang" aus das Epos in den Blick zu rücken, ja, dieses in einem gewissen Sinn als erläuternden und auflockernden Anhang zu jenem im achten Buch ausgebreiteten wissenschaftlichen Panorama zu begreifen.
Interessanterweise, durchaus überraschend, macht genau das ein Leser fast penibel in einer Reaktion auf Amazon. Ich kann leider oft nicht nachprüfen, inwiefern die Schrottsche Darstellung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse korrekt ist und inwiefern der Rezensent Recht hat.
Aber ich kann durchaus sagen, dass Schrott gelingt, was ich in der Schule so oft vermisst habe: eine zusammenhängende, verständliche (wenn auch nicht leichte) Schau der Zusammenhänge in der Natur zu vermitteln.

Vor mir auf dem Regal stehen 6 "Abiturduden" zu den Fächern Physik, Chemie, Geologie, Biologie, Mathematik und Geschichte, zusammen allein 1200 Seiten eng bedruckt. Es ist schon schockierend, zu sehen, was man jungen, prinzipiell doch neugierigen Menschen zumutet: ein im Spezialistenkauderwelsch zusammengekleistertes, formelgespicktes Fachwissen, das nicht nur jedes Abiturwissen unangemessen übersteigt und die Schüler maßlos überfordert, es entbehrt auch jeden entdeckerischen Reizes, jeder Neulinge ansprechenden Fasslichkeit (und damit sind nicht die verkrampften Illustrationen gemeint, die die Bücher reichlich auffahren). Wer diese 6 Bände durchackerte und ihre Inhalte beherrschte, könnte gut und gern als umfassend gelehrt und, was die Naturwissenschaften angeht, als Fachmann gelten.
Schrotts achtes Buch hingegen verzichtet weitestgehend auf Formelwerk und hypertroph ausdifferenzierte Begrifflichkeiten oder Detailfragen, die nur für Fachforscher von Interesse sind und vermag doch auch komplexe Sachverhalte und Grundbegriffe zu veranschaulichen, ohne plump zu popularisieren. An jeder Stelle des Buches spürt man den Bezug zu den vorherigen Kapiteln und erahnt den Bezug zum Kommenden. Wird die Lektüre zu anspruchsvoll, kann man im Epos im entsprechenden Kapitel blättern und unter einigen poetischen Auflockerungen einem noch anschaulicheren Zugang folgen.

Schon zu Schulzeiten empfand ich es oft als unangemessen, wie und welches Wissen vermittelt wird. Stumpfes Herunterrattern von Spezialwissen und Detailfragen ersetzten zu oft die zusammenhängende, Zusammenhängen nachspürende Darstellung. Der Sinn für das Ganze erschloss sich kaum, die Folgen sind auch heute: Die Schüler und Schülerinnen verlieren das Interesse, wissen eigentlich gar nicht, was sie da lernen und wozu, beginnen, auf Klassenarbeiten hin zu lernen, ohne das Wissen zu verdauen und zu verstehen, können Wichtiges von Unwichtigem nicht unterscheiden.
Es könnte ein großer Gewinn sein, wenn Schulen ein Buch wie das achte aus dem Schrottschen Epos – und am besten das Epos selbst auch – einmal, am besten noch vor der Oberstufe, vermitteln würden. Es wäre eine wunderbare Grundlage, um von ihm aus das Wissen aller Fachbereiche zu vertiefen, und es würde sich übrigens gut zu den neueren pädagogischen Konzepten fügen, die themen- und fächerübergreifendes Lernen andenken und testen wollen.
Dass auch dies Buch zu lesen kein Kinderspiel ist und man sich ab und an im Wust verliert oder das Gelesene nicht behalten kann, liegt in der Natur der Sache.
Und doch hat Schrott bewiesen, dass es unter Umständen sinnvoll sein kann, wenn einmal nicht der Fachwissenschaftler, Gremiensitzer oder Pädagoge "Lehrinhalte" zu Büchern "kompostiert", sondern ein Dichter angeeignetes Wissen gleichsam komponiert zur Darstellung bringt.

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