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Hendrik Jackson: Ich und Urknall

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Hendrik Jackson


Ich und Urknall


wie ich in Buch 1 des Schrottschen Erdenepos eintauchte.
ein Leseprotokoll



das schrottsche Epos kam heut mit der Post hochgewuchtet. spontan entstand eine ähnliche Mischung aus Neid und Bewunderung wie bei Oswald Eggers "Die ganze Zeit", einem anderen Monumentalisten der gleichen Generation: ein Schwanken zwischen giftgrünen Selbstvorwürfen, faul zu sein, und hochmütigem Beiseiteschieben.

dann also nehme ich mir das Buch, fange an zu lesen, und sammle erste Eindrücke. die sind: ein anekdotischer Baedeker der Erdgeschichte ... warum spüre ich nur überall eine skilehrerhafte Ertüchtigung, gepaart mit akademischer Ecoisierung? wissensorientierte Wanderausflüge, genauestens protokolliert, in eher prosaisch laufende Versform gebracht und dann mit popularisierten Theorien angereichert. einerseits wunderbar, darin zu lesen, andererseits fühle ich mich dabei merkwürdig bürgerlich verflachen. als wäre die Welt wirklich ein Kompendium. dies Unbehagen gilt es genauer zu erforschen. aber das sind eher stilistische Momente, die natürlich ins Auge springen. worum geht es inhaltlich? das Buch hat uns immerhin einiges mitzuteilen, hält eine Fülle an Material bereit. ich muss zugeben: was Schrott sich da vorgenommen hat, beeindruckt. dass er es auch umgesetzt hat, noch mehr. ich schiebe meine kleinlichen Bedenken beiseite und lese weiter.


Struktur (über Form und Inhalt des Epos)

und Schrott macht es einem wirklich vorbildhaft leicht! bei so einem gigantischen Epos könnte man ja leicht die Übersicht verlieren. es ist in drei Teile eingeteilt:

im Inhaltsverzeichnis des Hauptteils finden wir zu jedem Kapitel eine kurze Zusammenfassung des "Geschehens" (des "Epos'"). darin wird sowohl die biographische Ausgangslage erläutert (also das wer, wann und wo des erzählerischen Ichs) und die zu vermittelnde wissenschaftliche Substanz angerissen.

der Hauptteil besteht bezeichnenderweise aus sieben Büchern (das achte bildet einen Anhang, der die sieben Bücher begleitet und wissenschaftlich recht genau und übersichtlich unterfüttert). das jeweilige Buch erzählt "episch" in fiktiven Ichperspektiven (meist der von Forschern) entlang biographisch-wissenschaftlich einschneidender Erlebnisse und an Orten, die in einem engeren Bezug zu der erzählten Geschichte der Erforschung der Erde und ihres Lebens stehen. von Epos zu reden ist allerdings nur insofern richtig, als es um die Entstehung der Erde geht. die Geschichten der Forscher sind eher privatistischer Natur. die beiden Ebenen, also Privates und popularisierte oder leicht anekdotisierte Erläuterungen zur jeweils (entlang der Erdentstehungschronologie) anvisierten Wissenschaftsgeschichte werden vermischt. da kommen also zum Beispiel Liebesgeschichten mit Beobachtungen von Naturphänomenen, wissenschaft-liche Erläuterungen von Prozessen und Protokolle von Exkursionen mal mehr, mal weniger poetisch wortreich und gekonnt (was sehr erquicklich ist), aber auch etwas weitschweifig, zusammen. die Chronologie der Erdgeschichte und die ihrer Erforschung laufen dabei parallel und werden biographistisch-poetisch unterfüttert. grob könnte man dabei das erste Buch dem Kosmos zuordnen, das zweite der Entstehung des Planeten Erde, das dritte der Geologie: Erde und Meere; das vierte dem Komplex von DNA und Entstehung von komplexerem Leben, das fünfte den Pflanzen und Lebewesen, das sechste vor allem den Tieren und Arten, das siebte den Primaten und Menschen.

der dritte große Teil, also Buch 8, fasst die Grundlagen der Erkenntnisse zu Erdgeschichte in Physik, Chemie, Biologie und angrenzenden Bereichen verständlich zusammen, er umfasst immerhin über 200 Seiten und orientiert sich ebenfalls an der skizzierten Chronologie.

wann immer man sich also nicht zurecht findet, kann man vorne nachschlagen, um welche/n Wissenschaftler/in, welche biographischen oder wissenschaftsgeschichtlichen Ereignisse es geht, hinten aber die genauen Zusammenhänge ausführlich studieren. zur noch besseren Orientierung werden im "Epos" die wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Entdeckungen, die die Aufhänger der jeweiligen Kapitel bilden, in blau hervorgehobenen Randnotizen markiert, sodass der Leser in ungefähr immer weiß, auf welches Experiment oder welche Erkenntnis gerade Bezug genommen wird. man könnte also sagen, dass in der Inhaltsangabe, den blauen Markierungen und dem Anhang die komplette erzählerische und wissenschaftliche Substanz enthalten ist, während das Epos selbst unter "Ausschmückung" fallen würde.

gerade die Substanz des Buches erschlägt nicht nur, sondern erfreut in hohem Maße, wenn es auch Arbeit bedeutet, sich diese Dinge (wieder) anzueignen und es auch fast etwas Schulisches bekommt. so viel Grundsätzliches, halb Bekanntes und wieder Vergessenes, noch nicht Gewusstes und dann wieder Detailliertes bekommt hier Raum zur ausführlichen Darstellung! ein wahrhaft lehrreiches Buch.
schwieriger wird es, wenn wir zum poetischen Teil des Epos kommen.
Schrott hat schon immer polarisiert. ich denke, das liegt zum einen an dem sehr selbstbewusst vorgetragenen Anspruch seiner Anliegen, der hier natürlich auf die Spitze getrieben wird, wobei es ihm, was die wissenschaftliche Seite angeht, mit Ausnahme seines umstrittenen Iliasbuches, nicht so sehr um neue Erkenntnisse, sondern Zusammenfassungen von Bestehendem geht. er bietet solide, sprachlich kompetente und anschauungsreiche Zusammenfassungen von For-schungsergebnissen. den ein oder anderen mag dabei die Kluft zwischen epischem Anspruch und wissenschaftlicher (und poetischer) Ausbeute faszinieren. doch selbst wenn der wissenschaftliche Teil kleine Fehler oder Vereinfachungen enthalten sollte (wovon nicht auszugehen ist), brilliert Schrott doch in seiner Art der anschaulichen Aneignung.

der wissenschaftliche Anspruch also erklärt kaum die Gereiztheit, mit der immer wieder auf Schrott reagiert wurde. es könnte die Hemdsärmeligkeit oder fehlende Feinstofflichkeit sein, mit der ein so großer Anspruch bei Schrott manchmal daher kam.
so weit ich das beurteilen kann, wird man ihm das hier allerdings nicht vorwerfen können. was bleibt, ist eine gewisse Monumentalität, die im Anspruch die Erdgeschichte in biblischer Anlehnung in sieben "Büchern" erzählen zu können, zum Ausdruck kommt. muss es dabei auch noch ein Epos sein? kann er diesem Anliegen gerecht werden?
klar, Raoul Schrott ist, poetisch gesehen, sowas wie der Reinhold Messner der Lyrik. und seine Heroen sind weniger Wissenschaftler, als Forscher, die sich auch als Kletterer, Hinabsteiger, Taucher und Erkraxeler erproben. auch seine Verse haben etwas von Outdoorrotwangigkeit, wenn sie auch sicherlich eher in Bibliotheken entstanden sind. sie suggerieren etwas Kräftigendes, einen "gesunden Menschenverstand".


das Ich ... (zur Autorposition im ersten Buch ...)

problematischer scheint mir, wenn ich das erste Buch lese, das manchmal simple Autor- und Subjektbild, das den hier erzählenden Wissenschaftlern unterlegt wird. es steht zu vermuten, dass jede der Stimmen ein erweitertes Alter Ego von Schrott ist. aber warten wir ab, bzw. was stört mich hier?
es fängt damit an, dass Schrott sich nicht scheut, hemmungslos und ungebrochen an den christlichen Mythos anzuknüpfen. dazu die anekdotenhafte Vermischung von Privatem und Forschungsergebnissen: ein Naturdichterich, das uns alles so lehrhaft präsentiert und weltgelehrtenhaft berichtet! ein subjektphilosophisch proper genährter Autor ist Zentrum und Sammelbecken all des Wissens. fast alles wird umstandslos unter ein erlebendes Subjekt subsumiert, in Biographisches gebettet. ja die ganze Erdgeschichte läuft auf die Entstehung des Menschen hinaus, in jedem Urschleim wird bereits der spätere Magendarmtrakt, in jedem durchsichtigen Qualleglubsch die spätere menschliche Umhäutung (hier greife ich allerdings ein bißchen vor und gebe zu, quergeblättert zu haben) erkannt.
ergibt sich also ein Bild von Hybris und Wiederauferstehung allwissender Autormacht? so sehr auch immer wieder betont wird, wie schwach und unwissend der Mensch letztlich sei: er bleibt anscheinend Zentrum und Maß der Dinge noch in der zweifelnden Geste. konsequent immerhin, dass Schrott schon im Vorwort auf die anthropozentrische Haltung des Buches hinweist.

doch finden wir in postmoderner Kritik an Schrott vielleicht auch ein verlogenes Moment. welcher Autor oder Wissenschaftler hat denn die Einsicht in das Ende der Autorschaft oder des Subjekts je gelebt und umgesetzt? der Kampf um das kleine Ego wird sogar, je mehr man sich von vorpostmodernen Ichbildern befreit dünkt, umso heftiger ausgelebt. dem Einwand kann natürlich leicht begegnet werden mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit des Werks und jeder Erkenntnis vom Autorprivaten, beim Lyrischen vielleicht nicht ganz so augenscheinlich, auf jeden Fall beim Wissenschaftler.
aber lassen wir die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Theorien und Einsichten, die keine gravierenden Folgen im Handeln zeitigen, deren Erkenntnissubtanz keine äquivalenten Spuren hinterlässt, außen vor. ich will auf etwas anderes hinaus. indem Schrott die weichen, biographischen und sentimentalen Faktoren mit in das Werk nimmt und thematisiert, schafft er eine Ehrlichkeit in seinem Schreiben. die Widersprüche zwischen Werk und Leben, zwischen Einsicht und Sehnsucht werden im Werk selber sichtbar. immer wieder bricht etwas auf und das bedroht die solide, schulische Erzählung von der Entstehung der Erde.
freilich mag für Schrott selbst das aufgefangen werden eben von einem kantisch gestärkten Subjekt. doch wer ihn nur ein bißchen gegen den Strich liest, wird dunkle Stellen finden, die die Monumentalität des Erkenntnisstrebens, die manchmal feiste Wohligkeit, in Frage stellen.

könnte man daher nicht einer Art scholastischem Argument den Weg bahnen: worin steckt mehr Hybris: in einem Autoranspruch, der in gebrochenen Konzepten die Wirklichkeit doch einzuholen glaubt und die Trophäen seines "postmodernen" Zugangs triumphal in seine Biographie einbettet, von Dekonstruktion redend sich selber krönt – oder in dem Konzept eines Schrotts, das die Widersprüche zwischen Sehnsucht, Anspruch und Möglichkeit implizit einarbeitet, aber so, dass sie nur durch Risse im Gebälk, durch ein feines tremolo sichtbar werden. es ist ein fragwürdiges Argument, dass ich hier vorbringe, es ähnelt gewissen scholastischen Argumenten, die in der Inadäquatheit mehr Wahrheit sehen als in vermeintlich adäquaten Gottesvergleichen.
und doch sind es genau solche Momente, in denen das schrottsche Supersubjekt Risse bekommt und denen sein Buch die schönsten Momente verdankt, abgesehen von den guten wissenschaftlichen Zusammenfassungen und dem erwähnten Wortreichtum (an dieser Stelle wäre mal ein Vergleich mit dem anderen so komplementär entgegengesetzten lyrischen Monumentalisten Oswald Egger an der Zeit, der auch die Erde, allerdings in einer reinen Wörterbuchgenesis, wiedererstehen lässt).
Schrott "scholastisch" zu lesen, bedeutete vielleicht, seine Ichperspektive auf die Erdgeschichte nicht als monumentale Gesamtschau zu sehen, sondern eher als den skurrilen Ausdruck eines wurmperspektivischen Größenwahns.


... und der Urknall (... in seinem Verhältnis zur Natur)

ich möchte das Vorangegangene an Lesebeispielen genauer zeigen: im Buch I, Kapitel "Erstes Licht II", finden wir folgende, typische Vermengung von Anschauung, Forschung und (imaginierten?) Privatem. Ziel ist es dabei, in den Worten Schrotts, der Idee Ausdruck zu verleihen, "dass das Grosse und das Kleine einander widerspiegeln". (S. 66)

in diesem Sinne betrachtet der Erzähler, der Forscher George Allan Moore (ein Astronom, der das größte Spiegelteleskop der Welt miterrichten soll), das Meer und sieht darin die Entstehung des Weltalls gespiegelt:


"und da war dieselbe mondlose nacht und derselbe schwarze sand / der aufleuchtete - eine blüte von phosphoriszierendem plankton / bläulich weiss • und mit jedem lecken des meeres über den strand / wurden diese sterne anderer welten auf die wellenfläche gebannt / sie klebten uns an den füßen während wir wateten im lichterlohen //"


so weit, so schrotttypisch: ein gewisses "Urlaubssetting" "(was eigenartig erscheint, entspringt doch, was Schrott und seine Helden leisten, äußerst harter und konzentrierter Arbeit), verständliche Veranschaulichungen eines Nachdenkens über die von Menschen gewonnenen Erkenntnisse, nicht so sehr auf Ausdifferenzierung aus, sondern darauf, bildlich-oberflächliche Beziehungen zwischen den verschiedenen Themenfeldern All und Meer aufzudecken/herzustellen – vor allem aber eine konsequente Privatisierung: es läuft darauf hinaus, dass ein Subjekt es erlebt an den Knöcheln, mit dem Auge, an anderen Stellen des Buches in Verbindung mit einer Liebesgeschichte (Liebe als einziges Rückzugsressort wird später wiederholt thematisiert). mehr noch: der Sinn all dieser Erscheinungen, suggeriert der Autor immer wieder, ist die Wahrnehmung durch den Menschen, in einer dem Epos durchaus folgenden Hypertrophie könnte man sagen: durch Raoul Schrott (so endete ja auch schon seine von ihm überschlagene Literaturgeschichte einst mit sich selbst). hemmungsloser Anthropozentrismus, der freilich nicht seine rein privatistische Natur leugnen kann.

diese Privatisierung von Wissenschaft hat zwei Seiten: prinzipiell entwächst diesen Icherzählungen bei Schrott eben nicht, wie noch bei Goethe, dem Kleinen das symbolisch Große, die Idee der Natur, sondern das Große wird gebündelt oder zusammengehalten in einer Strand-, Felsen- oder Liebesgeschichte. anstelle eines kolonial angehauchten goetheschen Gestus finden wir nur noch eine Art winkelerobernden Forschertourismus. und dennoch schafft Schrott es immer wieder, aus kleinen Beobachtungen zumindest die Ursprünge und Entstehungsgeschichte plastisch und (auch sinnlich) nachvollziehbar aufsteigen zu lassen:


"und es waren milchstrassen darin • staubbänder und sonnenhaufen / die flocken schienen glitzernd über die wasserlinien hochzulaufen / von geisterkrabben in schwarze löcher gezogen • dasselbe glimmern / wie es in quallen ist • wunderlampen • durchsichtig nackte kiemen / und unter diesem nachthimmel gingen wir denn auch schwimmen"


oder, fast noch schöner, eine spätere Stelle, in der der Icherzähler das Souvenir eines Meteoritensplitters in der Hand hält: "als ich mit dem daumennagel langsam den preisaufkleber abschabte / brach ein stück vom rand und mir rieselten die chondrule in die hand / aus denen dieser dunkle meteorit bestand und blieben millimeterund / an der kuppe meines fingers kleben: es war der staub unserer urwolke / als sie von schockwellen durchdrungen wurde • sich zu drehen begann / und sich schliesslich in einem sonnenball entzündete •"

und an solchen Stellen weitet sich das erste Buch des schrottschen Epos immer wieder. so sehr die Entstehung des Alls und des Meers auch EINE evolutionäre oder schöpferische oder kontingente Bewegung widerspiegeln mag, am Ende zeigt sich, dass dieses Autorich eben doch nicht fähig ist, diese Erkenntnisse zu umgrenzen. im Dunkel der Nacht und des Meers, freilich nur angedeutet, implodiert der Anspruch Schrotts, und das Subjekt verschwindet in fast foucaultscher Manier im Sand aus den Augen des Lesers. der Versuch, Weltentstehung zu begreifen, anschaulich zu machen und Monumentales durch Monumentales einzufangen, macht diese Größe tatsächlich sichtbar in einem Scheitern an der Größe der Natur. es ist, schlichter gesagt, alles einfach zu groß und zu verrückt, um es zu begreifen. und jede Erklärung lässt, vielleicht entgegen der Intention, das Nichtbegreifen nur wachsen.

so alternieren Einsicht ins Vergebliche und Zweifelhafte eines Ich – und eine der sinnstiftenden biographistischen und privatistischen Form als Gegenpol erwachsende starke Autorposition, in der gerade dieses angezweifelte Ich ("selbst das ich ist erst im nachhinein erahnbar") wieder und wieder restauriert wird. wo nicht Erhabenheit den Autor ergreift, siegt etwas banal Ratlosigkeit, die munter mit Liebe aufgefüllt wird: "wenn nichts bleibt wird umso mehr geliebt". deshalb sind die Stellen, wo ein "gefühl der auflösung" herrscht, eben weitaus interessanter: "als würde etwas in dem moment, in dem ich diese polierte scheibe eines meteoriten losliesse, erlöschen", und: "die welt begann ohne den menschen – sie wird auch ohne ihn enden"

häufig ist es am Ende der jeweiligen Kapitel des ersten Buches, dass die Ambivalenzen des schrottschen Vorgehens in aller Pracht aufscheinen: ein Schwanken zwischen Sinnlosigkeit ("ich behaupte nicht, dass alles, was ich sage, einen tieferen sinn ergibt") und Sinn (im selben Abschnitt: "scherben mittels derer wir uns spiegeln (...) symmetrien und muster"). dabei entstehen durchaus erhabene Bilder, mindestens Anleihen an diese, Reminiszenzen auch an Kant (immer wieder gibt es Anspielungen) – und kantisch sozusagen ersteht im Kontrast mit der klein machenden Größe der Natur das Subjekt, wenn auch in schwankenden Zweifeln, wieder auf:

"gegen die sonne gehalten sieht man im dotter ein rötliches pulsieren / eine gesprenkelte schale in den felsen • und innen dies irrlichterlieren // das weltei • die initiale des universums • und unser ewiges schwanken"


die Sehnsucht des Menschen danach, im Zentrum der Welten zu stehen, bleibt eben hartnäckig, und Schrott ist in diesem Sinne nur ihr ehrlichster Protokollant: "dass jedes atom in unserem körper einst den sternen entsprang / zertrümmerten sonnen • ist das nicht etwas so stupendes wie elendes // seltsamer trost • aus demselben stoff zu sein wie alles um uns herum / darin wir uns zu tode leben • das uns blind entgegensteht und stumm (...) mag sich auch das teleskop mitbewegen / mit den sternen • es verrät nur unsere starrköpfige ohnmächtigkeit"


das Ende (von Buch I und Ausblick)

so wächst, je länger man liest, nicht nur Interesse an den Erkenntnissen, sondern man versteht auch, warum Schrott die Wissenschaft immer wieder an die Genesiserzählungen rückbinden will. dass er dabei immer wieder Privatistischem anheimfällt, gewinnt eine ehrliche Note, ist vielleicht sogar Ausdruck unserer Zeit.
denn dieses alte Ich, dieser Glaube an etwas Substantielles, Sinnstiftendes, der in vielen Schöpfungsgeschichten aller Kulturen so klar zum Ausdruck kommt, die große Erzählung vom Mensch als Zentrum der Erdgeschichte, das alles schlummert in jedem von uns, hat sich nur aufs Private, Ichige zurückgezogen. Schrott holt es, zumindest in Buch 1, zurück in die Literatur. seine fasslichen Darstellungen der Naturvorgänge, die Fülle an interessanten Details aus der Geschichte der Wissenschaft, die gute und bewundernswerte Lesbarkeit des Buchs I nehmen dabei immer mehr ein. es schließt im letzten Kapitel ab mit der fiktiven (?) Erzählstimme des Fotografen Detlef Orloff, der hochinteressante, von Strukturen geprägte Fotos von Naturlandschaften der Erde macht, die allesamt wellig, geriffelt, schraffiert aussehen, schwarz-weiß. das Kapitel scheint zunächst ein wenig aus dem Rahmen zu fallen, verlässt auch stärker die Chronologie des Ganzen, doch auch hier weiß Schrott bekannte und nicht ganz so bekannte Bezüge zu physikalischen und naturwissenschaftlichen Einsichten einzuflechten, von den Fibonacci-Folgen über die Raum-Zeitkrümmung bis zum zweiten Gesetz der Thermodynamik.
es endet dann doch damit, dass der denkende Mensch wieder eingeht in die Natur, er, noch als beobachtender Teil jener, wird wieder zu ihr. alles, was war, wird in einem schwarzen Loch verschluckt, das der Tod ist – "zerfallen wir dann / in strahlungen und teilchen • um ihre gesetze an uns zu erfahren / zu ihnen zu werden: reinen seins • bar jeder grafie • natur allein"

die Fülle allein von Buch I erschlägt schon mit seinen fünf wuchtigen Kapiteln, die wiederum in vielfache nummerierte Abschnitte unterteilt sind. es folgen der Bücher noch sechs! und vielleicht differenzieren sich die Perspektiven ja durch das Kaleidoskop der icherzählenden Wissenschaftler, selbst wenn zu erwarten ist, dass sie allesamt nur Vehikel der Schrottschen Stimme sind (es ist ja auch ein Epos), zu einem beeindruckenden 360 Grad-Panorama der menschlichen Existenz, und wie sie hervorgegangen ist aus den Entstehungsprozessen seit dem Urknall. traurig ist dabei nur, dass viele der Lehrstücke, die einem so anschaulich nahe gebracht werden, doch wieder durchs schwache Sieb der Leser-Erinnerung gleiten und verschwinden. das Buch als Ziegel bleibt – als dieses Vergessens Mahnmal.
darüber hinaus zeichnet sich ab, dass es Schrott tatsächlich gelingt, ein großes Ganze ins Auge zu fassen, das eben mehr ist als ein Ganzes: eine Monströsität und Unfassbarkeit in zugleich unendlicher Ausdifferenzierung.
an diesem Punkt der Lektüre kann ich diesem unglaublichen Monumentalwerk und der Arbeitsleistung tatsächlich nur Anerkennung und Bewunderung zollen.


 
 

Raoul Schrott: Erste Erde Epos. München (Carl Hanser Verlag) 2016. 848 Seiten. 68,00 Euro.

 
 
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