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Heinz Rudolf Unger: Die Freiheit des Vogels im Käfig zu singen

Rezensionen


Timo Brandt

Zu singen gegen die Gitter, aber durch sie hindurch


„Es ist ein Dilemma politischer Dichtung, dass ihr stets (und natürlich zu Recht) ein Hauch von Indoktrination anhaftet, wenn nicht gar der vulgäre Geruch aggressiver Agitation. Aber das menschliche Gehirn ist nun einmal süchtig nach neuen Eindrücken […] nach Manipulationen jeder Art […] Es ist ein permanent neugieriges Organ, das ohne Unterlass um Input bettelt, wovon Werbeindustrie und Populisten üppig leben. […]
  Was ändert man mit einem Lied? Das ist eine immer wieder gestellte Frage, doch wer die Wirksamkeit politischer Literatur bezweifelt, sollte sich fragen, warum in vielen Ländern Schriftsteller und Journalisten im Kerker landen und warum Diktatoren nichts so sehr fürchten wie das freie Wort.“
(Aus dem Vorwort von Heinz R. Unger)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den im Februar verstorbenen Heinz Rudolf Unger bisher nicht kannte, weder als Dichter, noch sonst als Literat. Nach der Lektüre dieses Sammelbandes, dem uneitel-selbstkritischen Vorwort und dem gelungenen, prägnanten Nachwort von Fritz Wendl, betrübt mich das ein wenig.

Das Problem der Anrüchigkeit, mit dem explizit politische, agitative Lyrik (wie Unger im Vorwort anmerkt, ist vermutlich jedes Schreiben, auf die eine oder andere Weise, politisch) oft zu kämpfen hat, rührt allerdings nicht nur vom Zug des Indoktri-nativen her, sondern auch genauso oft von der an Vermessenheit grenzenden Inbesitznahme von Themen, sowie dem (leider nicht gänzlich falschen) Eindruck, dass Schreiben leichter von der Hand geht als Handeln, dass ein Aufruf billiger ist als eine Tat und auch bequemer.

„Ein blauer Ball dreht sich im All
schon seit dem ersten Sündenfall
am Rande der Galaxis.
Ganz umspült von Sternenschaum
hängt er da im Zwischenraum
von Theorie und Praxis.“

Schreiben ist ja beides: Theorie und Praxis, wird aber oft zu nah an der Theorie verortet, um als Praxis zu gelten. Das politische Gedicht/Lied will für eine Idee sprechen, will eine Seite beziehen – aber eigentlich liegt eine große Errungenschaft und eine große Wichtigkeit der Kunst gerade darin, dass sie ambivalent und unparteiisch ist; dass sie lediglich schildert und im Geschilderten natürlich allerhand Dinge offenbart, gegen die man sein oder für die man eintreten kann – und für/gegen die diese Kunst in gewissem Maße miteinritt, durch ihre genaue und anschauliche Schilderung. Aber dieses Schlechte oder Gute „zeigt“ sich in einem Kunstwerk; das Kunstwerk „zeigt“ nicht selbst darauf.

Jetzt zur Praxis.

„Jedes Gramm Demokratie in diesem Laden
haben wir erkämpft und mit Blut bezahlt.
Wo aber steht, dass wir uns damit zu begnügen haben?
Nein, das ist nicht genug – der Laden ist zu kalt!“

Ein weiteres Problem politischer Lyrik: die Frage nach dem Pronomen und die häufigste Wahl: das Wir. „wo jemand wir sagt/ da werde skeptisch/ um nicht wirr zu werden“ heißt es bei Erich Fried. „Wir“ ist eines der häufigsten Wörter in den Gedichten von Heinz Rudolf Unger – was allerdings auch mit ihrer Herkunft zu tun hat.

Wie Wendl in seinem Nachwort schreibt, handelt es sich bei vielen dieser Texte um „Schmuggelware“, wie Unger sie bezeichnete: Lyrische Texte, die er in Theater- und Prosastücken oder in Hörspiele einbaute und so an den Lesegewohnheiten der Leser*innen vorbei unter die Leute brachte. Keine schlechte Idee.

Allerdings hat das zur Folge, dass viele der Gedichte und Lieder etwas aus dem Zusammenhang gerissen sind (auch wenn der Zusammenhang teilweise erläutert oder schnell ersichtlich wird) und außerdem solche Bezeichnungen wie „Wir“ oder „Die“ mit sich tragen, die vielleicht im Originalzusammenhang gar nicht so verallgemeinernd gemeint waren, nun aber sehr verallgemeinernd wirken. Diese Problematik hat ja schon der – sonst nicht besonders zitierfähige und alles andere als politisch unproblematische – englische Dichter Rudyard Kipling gut auf den Punkt gebracht:

„All good people agree,
   And all good people say,
All nice people, like Us, are We
   And every one else is They.

But if you cross over the sea,
   Instead of over the way,
You may end by (think of it!) looking on We
   As only a sort of They!”

Natürlich gibt es auch viele Stellen, bei denen (in etwa) klar wird, wer mit „Wir“ und wer mit „Die“ gemeint ist. Etwa hier:

„Wir hatten Gräber und ihr hattet Siege,
Wir haben für euch unsre Finger gerührt
wir fraßen zu lange gezuckerte Lüge
beim falschen Wirt.
Wir haben euch eure Kriege geführt
[…]
Das hat sich bis heute nicht geändert,
das blieb sich bis heute gleich:
Der Reichtum, den wir schaffen,
der macht die Reichen reich.“

Wie auch bei Erich Fried und bei vielen anderen, engagierten Dichter*innen, stehe ich auch bei Unger und seinen Versen vor einem Dilemma. Ein Dilemma, das Unger selber sehr gut andeutet, in den Versen:

„Schriftsteller füttern den Geist,
Dichter machen ihn hungrig“

Im Geiste dieser Idee finde ich es einerseits gut, dass seine Lieder und Gedichte Dinge anstoßen, sich nachdrücklich und unerbittlich geben. Andererseits: füttern sie nicht eher den Geist, als ihn anzuregen? Servieren sie nicht eher ein Weltbild als es zu hinterfragen? Rütteln sie wirklich auf, oder rauschen sie nicht vielmehr vorbei, mit dem Blick nur aufs Ziel, auf eine Aussage gerichtet und viele Zwischentöne links liegend lassend?

Gerade in unseren Zeiten, in denen es vor allem um Aufreger geht – Belehrungen, Bedenken und Klarstellungen als Erstes angegriffen oder ignoriert oder relativiert werden, scheint mir, dass solche Lieder und Gedichte gleichsam beides sind: wichtig und nutzlos.

„Hallo, ihr alle, die auf Erden
hin- und hergeschoben werden,
stets wird alles, Krieg und Frieden
über euren Kopf entschieden.“

Um nicht falsch verstanden zu werden: vieles, was Unger beschreibt, sind nach wie vor Missstände (selbst wenn die Gedichte schon etwas älter sind), auf die hinzuweisen (oder an die erinnert zu werden) niemals verkehrt sein kann. Vieles wird klug beim Namen genannt, manches macht Mut.

Ich bezweifle also nicht, dass Ungers hier präsentiertes lyrisches Werk sowohl als historisches Dokument als auch als aktueller Aufruf taugt. Vielmehr stellt sich mir (gerade weil einige Gedichte so wichtige, nach wie vor ungelöste Diskrepanzen in den Mittelpunkt rücken) wieder einmal die Frage: sollte man politische Lyrik nicht eher auf Flugblätter drucken? Singen? Von Hand zu Hand gehen lassen? Anders gesagt: taugen solche Lieder und Gedichte überhaupt als stille Lektüren?

„Die Politik der kleinen Schritte!
Kleine Schritte, das sind Schritte in der Mitte.
Denn es rollt die Welt und ich und du
auf einen ungewöhnlich tiefen Abgrund zu,
da ist es doch gescheiter: kleine Schritte!
Kleine Schritte, keine großen Schritte, bitte!“

Die Eingängigkeit vieler Verse macht so manche Ballade, so manches Lied natürlich schon zu einem Genuss, gewissermaßen. Manch schmissige Formulierung schlägt Funken oder hat ein Schmunzeln zur Folge. Der eigene Ingrimm wird gekitzelt und hier und da mit neuen Stacheln besetzt. Es bleibt dieser Wunsch zurück, es möge etwas geschehen, etwas von dem Gesagten möge sich einlösen. Ist das der „Hunger“? Oder die flüchtige Reaktion, die sich einstellt und schon kurz darauf dem Gewissen vorgesetzt wird: hier, friss das, dann geht es dir besser.

Unger schreibt über vieles, von Kolonialismus über Armut bis hin zu Krieg, und

„jagt wie ein gellender Schrei durch die Nacht,
von Menschen erlitten, von Menschen gemacht.“

In diesem Zitat steckt ein wichtiger Aspekt seiner Lyrik und überhaupt ein wichtiger Hinweis, wenn es um die Dimensionen unserer heutigen gesellschaftlichen Konflikte geht: sie sind menschengemacht und werden daher immer die Dimension von etwas Menschlichem haben. Und so müssen wir sie anpacken. Dazu ruft Unger auf, immer wieder, wie schon Erich Kästner, wie schon Simone Weil, wie George Orwell, wie hunderte andere. Und wenn Unger über „Das letzte Lied“ schreibt, dann sollten die jüngsten Generationen sich dies zumindest zu Herzen nehmen, einzeln wie insgesamt:

„Es soll ein selbstgedachtes sein
und eines voller Klarheit,
denn Vorsänger, die gibt es nicht,
im Vollbesitz der Wahrheit.

Es soll keins von den alten sein,
das jemand wo hervorgrabt.
Das letzte Lied macht allen klar,
dass ihr das letzte Wort habt.“

Denn unsere Generation soll nicht singen, was das lyrische Ich in einem anderen Gedicht singt:

„Ich hoffte, dass der Sturm losbricht,
solange ich noch in Schwung war.
Was kam denn auch der Umschwung nicht,
als ich noch flott und jung war.“

Wie singt ein anderer, alteingesessener, engagierter Sänger und Verfechter derselben Art von Veränderung, Konstantin Wecker, in einem seiner Lieder:

„Ach pfeifen wir auf alles, was man uns verspricht,
auf den Gehorsam, auf die sogenannte Pflicht,
was wir woll´n ist kein Reförmchen und kein höh´rer Lohn,
was wir woll´n ist eine
Revolution!“

Es wäre schön, erklänge dieser Tage bei friedlichen Protesten (oder einer Revolte) gegen widersinnige Strukturen, Diskriminierungen und Unverhältnismäßigkeiten das ein oder andere Lied von Heinz R. Unger. Verdient hätten sie es.


Heinz Rudolf Unger: Die Freiheit des Vogels im Käfig zu singen. Politische Lyrik. Wien, Berlin (mandelbaum verlag) 2018. 144 Seiten. 19,90 Euro.
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