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Hartwig Mauritz: wälder kommen auf uns zu

Rezensionen / Verlage

Gerrit Wustmann

Licht im Wald
Hartwig Mauritz' neue Gedichte flimmern zwischen Technik und Natur


„Subtile Erinnerungsräume“ nennt Christoph Leisten die Gedichte im neuen Buch des in den Niederlanden lebenden Dichters Hartwig Mauritz, die unlängst unter dem Titel „wälder kommen auf uns zu“ im Rimbaud Verlag erschienen sind. Es ist Mauritz' vierter Lyrikband, und schon für die vorherigen wurde er mehrfach mit Preisen geehrt. Die 39 Texte flimmern zwischen unberührter Natur und dem kriegerisch-technischen Eingriff des Menschen, wobei immer wieder die Detailfaszination des studierten Elektrotechnikers durchscheint.

Und dieser Gegensatz Natur – Technologie ist keineswegs neu. Es ist ein Thema, an dem sich schon Generationen von Dichtern mal mehr, mal weniger originell abgearbeitet haben. Auch bei Mauritz findet sich dieses Gefälle. Am stärksten ist er da, wo das Lyrische Ich staunend der Welt begegnet, bis ein Hintergrundrauschen wie Radiowellen ins Idyll bricht und auf das stets Trügerische der menschlich-selektiven Wahrnehmung verweist.

Recht schwach wird es hingegen in einer Handvoll Gedichte, die mit einem Digital-Pessimismus daherkommen, der sich auch sprachlich an Codes bedient, die man allzu oft sehr ähnlich schon in der zeitgenössischen Lyrik lesen konnte. „in häusernischen /  laden vögel klingeltöne auf ihre stimmen, verschwinden / / in kameras gefiltert. im stadtwölfeblick entstehen die arten / ihr atem geheul, ihre zähne wunden im barcode.“ Auf der nächsten Seite verschmilzt dann jemand mit seinem Videospiel, die Grenzen zwischen analog und digital, zwischen real und fiktiv verschwimmen. Zwar hat auch das Spiel mit Reim und Alliteration seinen Reiz, sorgt für ein fließend-eingängiges Lesen, das einen an den richtigen Stellen stolpern lässt, doch der Erkenntnisgewinn bleibt dahinter weit zurück.
 
 
Wie vielschichtiger ist daran gemessen das Kapitel „verlustnacht“, das sich mit dem Licht befasst, das heute immer da und so selbstverständlich ist, dass wir uns kaum vorstellen können, dass das noch vor wenig mehr als hundert Jahren anders war. Interessant in dem Kontext auch die Anmerkungen des Autors, die historische Kontexte eröffnen, die sich dem Leser nicht unbedingt immer von selbst erschließen.

die stadt verdunkelt

wir verbrennen licht. lampen rücken näher. der herd knistert
dunkel. der magistrat kassiert die schlüssel, die aufgebrachte menge

das licht will das gebeugte auge. wer die macht über die nacht hat
hebt es höher. zwischen häuserreihen, pferdegetrappel

wagenrollen, nächtiges fühlen, nachtgänger führen laternen am nahtsaum
des gehrocks. steinwurf und glasbruch. wenn die lampe zersplittert

liegt das licht tod vom staub erfasst. ein schrecken, der jeden schrecken erhöht
aus ihm geht das leuchten am morgen hervor. wir müssen den schlaf

aus den decken klopfen. brennstelle und quelle der kienspan
hinter mauern duckt er sich unter das bajonett.

Das ist so atmosphärisch dicht, dass man eine Formulierung wie „macht / nacht“ auch gerne verzeiht. Die eingangs erwähnten „Erinnerungsräume“ begegnen dem Leser in doppelter Form. Zum einen, so scheint es, öffnet der Autor die Tür zu seinen persönlichen Erinnerungen, es tauchen die Großeltern auf, und „vater verbrannte bilder // im kartoffelfeuer, in dessen asche er stocherte. manchmal / verbrannte er auch sich. erforsche ich den buchstabenbestand // seiner bibliothek – quellcode meiner sprache – hebe ich / vater und mutter aus ihren knochen.“ Und es ist zum anderen der Erinnerungsraum, der sich in der Natur öffnet, in Spuren von Vergangenem, das ins Heute hineinwirkt, etwa wenn im Hürtgenwald sich winterliche Bilder auftun: „rostet kälte knacken zweige faules restlaub liegt gefroren // ächzen äste unter last brechen tannen baumkrepierer / grantbeschuss und splitter“.

Das sind nicht nur sprachlich starke Verse, und dergleichen findet sich im ganzen Buch, unterbrochen leider auch von Gedichten, die inhaltlich schwach daherkommen, etwa wenn es um den Ägypter Imhotep geht und das Gedicht nicht mehr hergibt als eine historische Betrachtung ohne Tiefgang. Doch schon eine Seite weiter wird man entschädigt, wenn das Gedicht „krieg heißt fleisch verwoben mit metall“ originell-verstörende Anklänge an die Expressionisten findet und im übernächsten Gedicht ein starkes Bild wie dieses den Leser begrüßt: „das licht liegt abgegrast.“ Der schmale Band hätte sicher an Substanz gewonnen, wenn man auf eine Handvoll schwächerer Gedichte verzichtet hätte. Er wäre runder, stimmiger, wie der Vorgänger „rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik“.


Hartwig Mauritz: wälder kommen auf uns zu. Gedichte. Aachen (Rimbaud Verlag) 2017. 68 Seiten. 15,00 Euro.
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