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Hans-Jost Frey und Franz Josef Czernin: Sätze

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Satzkaskaden


Dieses Buch zieht Lektüren an wie ein Satz Sätze. Schmal wie es ist, liegt es mittlerweile ummauert von Büchern auf meinen Schreibtisch. Und die es umgebenden Bücher enthalten bei weitem nicht nur Texte der Autoren Frey und Czernin selbst. In einem unklassischen Sinne sind diese Sätze bewusstseinserweiternd.

Das Wort hat ein Doppelleben. Zum einen wächst es einfach wie eine Pflanze, es zeugt eine Druse ihm benachbarter Klangsteine, und dann lebt das Klangprinzip ein Eigenleben, während der Anteil des Verstandes, Wort genannt, im Schatten steht; oder aber das Wort verdingt sich beim Verstande, der Klang hört auf, >allgroß< und selbstbeherrscherlich zu sein; der Klang wird Name und erfüllt gehorsam die Befehle des Verstandes, dann blüht dieser als das ewige zweite Spiel einer Druse aus sich ähnlichen Steinen. (Velimir Chlebnikov: Über zeitgenössische Lyrik)

Das schreibt Chlebnikov über das Wort. Hier sind Prosa und Lyrik beieinander. Das Wort ist die Zelle, aus dem sich die kleinsten Einheiten ergeben. Und diese sind bei der Lyrik der Vers und bei der Prosa der Satz. Es gibt Positionen, die Prosa und Lyrik hinsichtlich der Rhythmik unterscheiden. Dem aber ist zu widersprechen auch der Prosasatz ist rhythmisiert, er ist Klang und nicht nur Gedanke.

Sätze erscheinen selten vereinzelt. Sie folgen aufeinander, und etwas verbindet sie. Meistens ist das Verbindende zwischen dem einen und dem nächsten das, was in ihnen gesagt wird.

So beginnt die Vorbemerkung im roughbook Nummer 30 von Hans-Jost Frey und Franz Joseph Czernin: Sätze. So heißt dieses Buch, und es ist ein Ping Pong Spiel, dieser beiden Autoren. Sie werfen sich Sätze zu, in denen sie je auf den vorangegangenen Satz reagieren, anfangs mit der Regel, dass jeweils ein Wort des vorangegangen im nächsten Satz auftaucht.

S. 112:
FJC Wäre Sprache nur Sinn, gäbe es keine Richtung.
Nietzsches Palindrom: Was mehr al1s eine Richtung hat, kehrt ewig wieder.


Wir sind es gewohnt, Prosa vom Sinn her zu denken, was uns letztlich ihr Satzgefüge fast zur Nebensache werden lässt. Insofern denken wir in Nacherzählungen, und in der Nacherzählung wird das Satzgefüge letztlich vollends vom Sinngefüge ersetzt. Dabei geht aber die Sinnlichkeit im Sinn verloren. Nacherzählungen sind Versuche, den Satz handhabbar zu machen, anzueignen und ihm aus seinem eigenen Kontext zu entfremden. Meine Töchter haben zuweilen die schulische Aufgabe bekommen, bei der Lektüre eines Buches ein Lesetagebuch anzulegen, und ihr Tagespensum Lektüre in eigenen Worten wiederzugeben. Bei solcher Aufgabe geht der Satz des Originals verloren. Bleibt sein Sinn bestehen ohne ihn? Während meines Philosophiestudiums habe ich das Exzerpt zu schätzen gelernt und Textpassagen, die ich nicht zu verstehen glaubte, wiederholt Wort für Wort, Satz für Satz abgeschrieben. Verständnis war hier Nachvollzug in einem körperlichen Sinn.

Der amerikanische Autor und Philosoph William H. Gass geht von einer Ontologie des Satzes aus. Er sieht im Satz etwas wie eine geometrische Form, aus der sich letztlich eine ganze Welt konstruieren lässt. Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht schwierig, aber wenn ich mein entstehendes Dreieck an einer Seite herumklappe wie ein Scharnier, entsteht ein Kegel – ganz einfach – , so wie aus einer wie ein Derwisch tanzenden Tür ein Zylinder geformt wird. In dem Kegel steckt natürlich fast alles drin – gesegnetes Leben. (Wie man aus Wörtern eine Welt macht – Essays, Wien 1995)

Es ist ein hellenisches Vertrauen in die Geometrie, das hier wirkt.

In Freys und Czernins Buch stellt sich der Satz in einer doppelten Gestalt vor. Einmal als einzelner, sozusagen als Aphorismus, der seine Referenz in sich entbirgt, also durch sich selbst auf ein anderes verweist. Zum anderen aber eben auch als Teil eines Ensembles, indem er seinen Sinn aus dem Bezug auf seinen Satzbruder gewinnt. In den besten Fällen ist er eben beides. Freies Organ. Und dieses beides Sein, ermöglicht dem Satz Bewegung. Er kann sich mit anderen Sätzen nach verschiedensten Regeln verbinden. Manches Satzgefüge nennt man dann eben Roman. Czernin und Frey schichten eher. Sie ziehen eine Art Satzmauer. Gut gefugt. Freimaurerei?

Barthes zitiert in seinen Vorlesungen Zur Vorbereitung des Romans Chomsky: Die Kompetenz, die den Menschen ausmacht, ist die, Sätze zu bilden. Der Materialist Chomsky formuliert hier eine anthropologische Konstante, die zugleich einen religiösen Kern hat. Sie setzt die Möglichkeit von Verstehen voraus, eine Harmonie gewissermaßen in der grammatischen Struktur. Davon sind letztlich auch die Sätze von Czernin und Frey getragen. Und in den Modifikationen der Sätze pflanzt er sich fort. Wo er auf sich selbst trifft, entsteht Humor.

Mit Hilfe des Satzes wendet man sich auch kleineren Einheiten zu, durch das Wort hindurch zum Zeichen:


FJC Solange ich mir nicht selbst verständlich bin, haben nur Worte und Sätze Sinn, nicht aber Buchstaben.
Kabbala: Das O ist in einer Zahl die Null. Unter den Buchstaben auch ein Rufzeichen und unter den Rufzeichen der Buchstabe.


Die Lektüre des Buches jedenfalls ist reine Freude, aber auch Sport. Schließlich muss man ständig ans Regal rennen.


Hans-Jost Frey und Franz Josef Czernin: Sätze. Hrsg. von Urs Engeler. Zürich, Rettenegg und Solothurn (roughbooks 030) 2014. 132 Seiten. 11,00 Euro.

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