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Guntram Vesper: Tieflandsbucht

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Notate von stiller Gewalt


„Hinter dem Rathaus kam ich an Bussen
mit beschlagenen Scheiben vorbei
Schilde waren gegen die Reifen gelehnt.

Hundert Schritte weiter, auf dem Markt
Fahnen, Helme, dichte Menge
Stille, die drückender
als jede Drohung war.

Man wird sich immer irren, man wird
immer wieder das Wichtigste vergessen und
wissen wollen, wer der
Stärkere ist.“

So geht das Gedicht „Eine Frage aus dem neunzehnten Jahrhundert“, eines der ersten, das ich von Guntram Vesper las. Ich habe es lange mit mir herumgetragen, es hat mich nie ganz losgelassen. Dabei war ich mir nie ganz sicher (und bin es nach wie vor nicht): liegt darin die Entlarvung einer Mentalität, ist es ein Menetekel oder doch nur der Schatten einer Omen-Phrase?

Manches Gedicht lässt einen nicht deshalb nicht los, weil es offensichtlich schön, kunstfertig oder innovativ ist, sondern weil man sich nie ganz sicher ist, von welchen Dingen es wirklich spricht und welche Überlegungen und Motive es bloß mit seiner Sprache anzieht, abfängt (aber spricht es nicht auch von diesen angelockten Dingen?). Ein Gedicht ist manchmal wie eine Schaufensterpuppe, ein Mannequin, das man nie ohne Kleider sieht.

„Meine Wünsche nach Vergeltung
umgeschminkt in vertraute Bilder:
so muß es gewesen sein.“

Vesper ist erst sehr spät, 2016, mit seinem Opus Magnum „Frohburg“ (eine Kleinstadt in Sachsen, die auch in seinen Gedichten immer wieder eine Rolle spielt) in die höchsten Ränge der literarischen Aufmerksamkeit und Anerkennung aufgestiegen (er erhielt im selben Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse, und in rascher Folge erschienen dann diese Ausgabe der Gedichte und die gesammelte Prosa. Seine Gedichtbände wurden vorher allerdings bereits bei S. Fischer und im Hanser Verlag verlegt.) In einer Rezension in der ZEIT nannte Wiebke Porombka sein Werk eine Fülle von Geschichten zur Abwehr des Todes.
Guntram Vespers lyrisches Werk, das ich jetzt gelesen habe, ist ein Werk der Erinnerung und, neben vielen kleineren Motiven, ein Werk über Stille und Gewalt. Das liegt nicht allein daran, dass in seinen Gedichten immer wieder die Zeit des dritten Reichs und der Nachkriegsjahre unheilvoll heraufbeschworen wird, es ist das Abseitig-Beschauliche und zugleich Verknappt-Konsequente in diesen Gedichten, das ihnen etwas Gewaltvolles und gleichsam Undurchdringliches gibt.

Am Anfang, im ersten Band „Ich hörte den Namen Jessenin“, haben seine Gedichte noch etwas von kleinen Gemälden des Dorfalltags, auf denen bei genauerem Hinsehen eine kleine Ungeheuerlichkeit abgebildet wird, oder die schlicht eine Tristesse auf nachhaltige Weise ausstellen, sie variieren.
    Später schrieb Vesper viele kurze Zyklen (und einige wenige längere) mit ebenso kurzen Strophen, und immer öfter besteht Unklarheit über die Ausrichtung oder sogar Anzahl der Stimmen in seinen Texten, die historische Figuren auffahren und sich dann wieder in die Untiefen eines lyrischen Ichs verstricken, das sich mit den eigenen Empfindungen und Erfahrungen und Erinnerungen auseinandersetzt, sie zu sprachlichen Verästelungen zerreibt.

Obwohl sie oft genug ein Streifzug der Erinnerung ist, entwickelt diese Lyrik einen Sog. Ich komme noch mal auf den Vergleich mit Gemälden zurück, die man zuerst beachtet, dann anschaut, und langsam wird man nicht mehr nur ihrer Gestalt, sondern ihres Inhalts gewahr und entdeckt von da an das Bild als Summe seiner Details mit jedem weiteren Einblick neu. Zwar sind die Einblicke, die Vesper verschafft, nicht neu und auch nicht immer eindeutig, aber auf seltsame Arte und Weise zwingend, reizvoll, verstörend mitunter.

Manches an diesem Werk ist auch überholt, und Vesper hat einige Beziehungs- und Liebesgedichte geschrieben, die einen etwas einseitigen Ton anschlagen und diesen sprachlich zu allgemeingültig ausstaffieren. Auch gibt es in seiner Lyrik einige Bezüge zur deutschen Wirklichkeit der 50er, 60er und 70er Jahre, die immer noch historisch interessant sind, aber denen es merklich an Nachdringlichkeit fehlt.

Es bleibt ein Werk, in dem man ein paar spannende Entdeckungen machen kann – vielleicht wäre dennoch ein Auswahlband die bessere Entscheidung gewesen. Zwar erschließt sich die ganze Breite der zentralen Motive wohl erst durch die Lektüre der zahlreichen Variationen, aber um Vesper als Lyriker wiederzubeleben/zu präsentieren, hätte eine kürzere Auswahl gereicht, die sicher auch breiteren Absatz gefunden hätte als eine Gesamtausgabe.

„Nachts kam vom Dorfplatz
dreimal der helle Schrei, ich stellte mir
die Verzweiflung vor und
konnte nicht schlafen.

Am Morgen erzählte ich dem Briefträger davon.
Ach, hieß es, das
ist die Mutter des Gastwirts
sie ruft um fünf die streunenden Hunde ins Haus.“                


Guntram Vesper: Tieflandsbucht. Die Gedichte. Frankfurt a.M. (Schöffling & Co.) 2018. 400 Seiten. 32,00 Euro.
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