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Günther Anders: Musikphilosophische Schriften

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Günther Anders als Musikphilosoph



Ich weiß gar nicht mehr, welches Interesse in mir zuerst da war. Das an Philosophie oder das an zeitgenössischer Musik. Wahrscheinlich erwuchsen beide parallel, als stünden sie in einem komplementären Verhältnis. Das radikal Begriffliche und das radikal Nichtbegriffliche. Musikphilosophie versucht nun dieses Nichtbegriffliche begrifflich zu fassen, und vielleicht liegt gerade darin ihre Spannung und ihre Dramatik.


„Philosophie, die einmal überholt schien, hält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“


Das ist der erste Satz aus Adornos Negativer Dialektik, und er nimmt unmittelbar Bezug auf Marx' elfte These über Feuerbach, nach der die Philosophen die Welt nur interpretiert hätten, es aber darauf ankäme, sie zu verändern. Betrachtet man Adornos Diktum isoliert, stellt sich die Frage, was die Verwirklichung einer Philosophie eigentlich sei. In einem platonischen Sinne wäre anzunehmen, sie verwirkliche sich, wenn ihre Postulate in der Veränderung der Welt eine gesellschaftliche und staatliche Umsetzung fänden.
Dem ist mit Vorsicht zu begegnen, führten derartige Versuche doch noch immer zu autoritären Systemen. Kocht man den Gedanken aber etwas herunter, könnte man philosophische Verwirklichung als das Eingehen des Gedankens in einen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs fassen. Und wenn die Welt alles ist, was der Fall ist, wie Wittgenstein schreibt, führte dieses Eingehen schon zu deren Veränderung. Um aber in den Diskurs eingehen zu können, muss Philosophie als Text publiziert sein.


2017 erschien nun ein Band mit den musikphilosophischen Schriften von Günther Anders, herausgegeben und mit einem spannenden Nachwort versehen von Reinhard Ellensohn, und dieser Band enthält unter anderem den Text: Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das Anders als Habilitationsschrift gedacht hatte. Anders hatte den Text 1930/31 abgeschlossen, und trug sich mit dem Gedanken, ihn in Frankfurt am Main bei Paul Tillich einzureichen. Zur gleichen Zeit habilitierte sich dort Theodor W. Adorno. Man kann darüber spekulieren, ob Adorno gegen Anders war; Hannah Arendt, damals mit Anders verheiratet, ging fest davon aus. Adorno selbst wies in einem Brief an Anders später diesen Verdacht von sich.
Wesentlich schwerwiegender war die politische Situation des auch im akademischen Raum erstarkenden Nationalsozialismus. Tillich äußerte sich folgendermaßen: „Jetzt kommen erst einmal die Nazis dran für ein Jahr oder so. Wenn die dann abgewirtschaftet haben, werden wir Sie habilitieren.“
Dass Tillichs zeitliche Prognose fehlging, ist bekannt. Anders wurde nie habilitiert, und sein philosophisches Interesse verlagerte sich weitgehend. Heute erleben wir ein wieder wachsendes Interesse an Anders' Gedanken vor allem zur politischen Theorie. Spannend in diesem Zusammenhang ist, wie zum Beispiel Anja Utler auf ihn zurückgreift, wenn sie den Positionen des Anthropozän begegnet.

Mit der Veröffentlichung des Textes Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen im Rahmen der Ausgabe ergeben sich heute Möglichkeiten einer Parallellektüre zum Beispiel von Adornos musikphilosophischen Betrachtungen. Anders und Adorno geben ein geradezu explosives Gemisch aus Produktions- und Rezeptionsästhetik.

Anders, der die musikalische Situation einer Analyse unterzieht, schreibt beispielsweise:

„Die Musik entreißt in der Zeit dem Leben sein eigentümliches Medium und seine Bewegungskraft, hält sie außerhalb ihres historischen Zusammenhanges und außerhalb des Kontinuums ihrer Motive, hält sie dennoch in ihrem Produkt am Leben, ja stimmt sie, als wäre sie unübernommen, parasitenhaft zu ihrem eigenen Medium und zur Bewegungskraft des Produktes um, und lebt nun auf Kosten des in der Zeit sich realisierenden Lebens ein Nebenleben.“ (Günther Anders: Musikalische Situationen. In: Musikphilosophische Schriften. München 2017. S. 48 f.)


Demgegenüber formuliert Adorno:


„Die Treue zum Anspruch des Themas bedeutet dessen eingreifende Veränderung in allen Momenten. Vermöge solcher Nicht-Identität der Identität gewinnt Musik eine völlig neue Beziehung zur Zeit, in der sie jeweils verläuft. Sie ist nicht mehr gleichgültig zur Zeit, da sie in dieser beliebig wiederholt wird, sondern sich verändert. Aber sie verfällt auch nicht der bloßen Zeit, da sie ja in dieser Veränderung als Identische sich durchhält.“ (T.W. Adorno in Philosophie der neuen Musik. Frankfurt am Main 1976. S. 58)


Damit sei ein spannungsreiches Feld nur angedeutet.
Der Band wartet mit einem umfangreichen Material auf, das auch die Verschiebungen der musikphilosophischen Betrachtungen von Anders hin zur Musiksoziologie präsentiert. Bewegungen der Gedanken unter dem Einfluss politischer Prozesse und Debatten zum Beispiel mit Hanns Eisler. Eine geradezu romanhafte Situation. Und ein Lektüreabenteuer.


Günther Anders: Musikphilosophische Schriften. Texte und Dokumente. Hg. von Reinhard Ellensohn. München (C.H. Beck) 2017. 417 Seiten. 39,95 Euro.

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