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Günter Plessow: LOVE IS NOT ALL - ein Gedicht in ein Gedicht übersetzen

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Günter Plessow


Love is not all ––

ein Gedicht in ein Gedicht übersetzen


Einblicke in den Arbeitsprozeß von Günter Plessow


*
–– ist nicht so einfach, selbst wenn man Rhythmen kennt und sich an Reime heranwagt, wenn man also die Bindung an gebundene Sprache nicht aufgeben möchte. Ob eine solche Art Übersetzung überhaupt möglich ist, ist immer schon bezweifelt worden; dennoch kann man es versuchen, und so ein Versuch wird hier geschildert.

Das Experiment besteht darin, die Verwobenheit eines Textes zu betrachten und auf ebenso verwobene Weise zu beantworten und dabei das, was im Kopf oft simultan abläuft, in ein Nacheinander zu verwandeln, um es darstellbar zu machen. Ein Nacheinander allerdings, in dem sich analytische Blickweise und synthetische Setzung nie ganz von einander trennen lassen.



Mein Versuchsobjekt












1892 –– born in Maine
1912 –– The Lyric Year: RENASCENCE
1913 –– Vassar College
1917 –– Greenwich Village: Poetry, Theatre, Vanity Fair
1923 –– Pulitzer Prize for Poetry
1931 –– FATAL INTERVIEW, Sonnet XXX: Love is not all
1950 –– died near Austerlitz, NY




ist ein Sonett von Edna St. Vincent Millay


einer Lyrikerin, die vor 100 Jahren in Greenwich Village stadtbekannt war, eine celebrity, die nicht zuletzt durch ihre Sonette Furore machte, während ihre Zeitgenossen kanoni-sierte Formen längst totgesagt hatten.

An Shakespeare und Shelley geschult, gab es für diese moderne junge Frau nichts Selbstverständlicheres als diese altehrwürdige Form, um öffentlich Tagebuch zu schreiben, ohne sich dabei in irgendeiner Weise zu verbiegen.


Der Aspekt, daß das ausgewählte Sonett in der Sequenz FATAL INTERVIEW eine zentrale Rolle spielt, wird zu-nächst ausgeklammert.




Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.



Das Original


Ich beginne mit dem Original.


Mein Ansatz ist,
vor der Poesie eines Gedichtes seine Poetik
zu betrachten,
Form und Aussage (Syntax und Semantik)
zu unterscheiden und zu untersuchen,

wie sein Bauplan angelegt ist und
was für Mittel eingesetzt werden.

Bei einem Sonett (entstanden um 1230 in Sizilien)
sind es Mittel, die rund 800 Jahre Zeit hatten, sich zu bewähren.

Zunächst betrachte ich das Wie :
–– die Rhythmik, die den Text trägt,
–– die Reimstruktur, die ihn klanglich gliedert,
–– die Interpunktion, die ihn syntaktisch organisiert.

Love is | not all | it is | not meat | nor drink
Nor slum- |ber nor | a roof | against | the rain ;
Nor yet | a float- | ing spar | to men | that sink
And rise | and sink | and rise | and sink | again ;
Love can | not fill | the thick- | ened lung | with breath,
Nor clean | the blood, | nor set | the fract- |ured bone ;
Yet many | a man | is mak- | ing friends | with death
Even as | I speak, | for lack | of love | alone.
It well | may be | that in | a diff- |icult hour,
Pinned down | by pain | and moan- |ing for | release,
Or nagged | by want | past re- | solution’s | power,
I might | be driven | to sell | your love | for peace,
Or trade | the me- |mory of | this night | for food.
It well | may be. | I do | not think | I would.

Das wichtigste Mittel ist der Rhythmus, weil er –– und nicht der Reim ! –– das Gedicht trägt, geregelt durch ein sehr einfaches Metrum, den Jambus, bei dem eine betonte Silbe auf eine unbetonte folgt.

Er wiederholt sich in jeder Zeile fünfmal und bildet so den jambischen Pentameter, der eine dicht gefügte klangliche Einheit generiert, die sich im geschlossenen Schriftbild spiegelt.


Als ungereimten Blankvers kennen wir ihn aus dem Drama:
–– To be or not to be, that is the question
, sinniert Hamlet,
––
Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorbei, so beginnt Schillers Don Carlos.


Dies Sonett ist aus 14 solchen jambischen Pentametern zusammengesetzt –– wie, das wird die Untersuchung der Binnengliederung zeigen.

Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;

Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone .

It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,

Or trade the memory of this night for f
ood .
It well may be .  I do not think I w
ould .

Reime (Endreime) setzen klangliche Akzente, die Inter-punktion organisiert den Text poetologisch und markiert Atempausen.

Punkte sind rar. Der erste Punkt am Ende der achten Zeile markiert eine wichtige Zäsur, die an die romanische Urform des Sonetts erinnert, wo ein Oktett gegen ein Sextett ausgespielt wird. Drei weitere Punkte finden sich erst in den Schlußzeilen, die an das Couplet eines Shakespeare-Sonetts erinnern. Im übrigen sind es Semikolen, die gliedern, ohne den Gesprächsfaden abreißen zu lassen.

Zeilenpaare konstituieren das Reimschema. Je zwei über Kreuz reimende Zeilenpaare bilden ein Quartett. Paarreime gibt es nur in den beiden Schlußzeilen; sie unterstreichen das Résumée, das im Couplet gezogen wird.

Die Dichterin betont das stimmige Zusammenwirken dieser Gliederungsmittel, indem sie den Schriftsatz zu einem Block zusammenfaßt.


Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as
I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.


Wenn ich jetzt das Was betrachte, meine ich noch nicht den Sinn des Gedichts als solchen, sondern das Wortmaterial, das ihn herstellt –– keine gehobene „Diktion“, sondern Alltagssprache.

Vieles wird ostinat wiederholt oder bedeutungsvoll abgewandelt –– viermal
love, viermal I, viermal and in einer einzigen Zeile, zehnmal not bzw. nor, zweimal der Halbsatz It well may be.

Vor allem aber fällt auf, daß es ausnahmslos negative Aussagen sind, die die ersten acht Zeilen zusammentragen, Aussagen, die die Ausgangsthese Liebe ist nicht alles erläutern, indem sie ausführen, was alles Liebe nicht ist. Erst die letzten sechs Zeilen bringen einen neuen Aspekt ins Spiel, nämlich Ich und Du und die Möglichkeit (
It well may be), daß das Ich die Liebe (die ja ohnehin nicht alles sei) nun auch noch for peace oder for food zu Markte tragen könne. Diese Möglichkeit wird ebenfalls zweimal zur Sprache gebracht, um erst im letzten Satz der letzten Zeile potentiell verneint zu werden.

Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the
rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink
again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak,
for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.


Die stereotype Wiederholung negativer Sätze und Gesichtspunkte, lakonisch vorgetragen, macht also, wie ich gezeigt habe, die Rhetorik des Gedichts aus und färben dadurch die Semantik, den poetischen Sinn des Gesagten.

Kanonische Wendungen (wie
not meat nor drink im Sinne von Speise und Trank) überlagern sich mit moderneren Wortbedeutungen (meat im Sinne von Fleisch für all das was Liebe nicht ist).

Reine (und kanonisierte) Reime wie
rain/again, breath/death stehen neben unreinen wie food/ would.

Zusammenfassende Behauptungen (
Love is not all ;  for lack of love alone) sind den Pars-pro-toto-Aussagen über all das, was Liebe nicht ist, gegenübergestellt.

Überall ist das antithetische Argumentationsmuster zu erkennen, das dies Sonett mit vielen Vorläufern gemein hat.


Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the
rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.


Was also ist Liebe?
 Offenbar, wenn ich der Kaskade negativer Feststellungen folge, das Ausgesparte, das Ambivalente, über das positiv so wenig auszusagen ist, und dennoch das, was dem Ich Festigkeit geben kann.

Das Ich gerät bemerkenswerterweise erst in der zweiten Gedichthälfte in den Blick, versteckt in einer kleinen Nebenbemerkung (
even as I speak). Umso bedeutsamer ist die Stelle, an der es geschieht: genau dort, wo die Freundschaft, die man mit dem Tode schließe, wenn Liebe fehlt, ausgesprochen wird, formal markiert durch die Wende vom Oktett zum Sextett, das durch die Wiederholung der Wendung It well may be so deutlich gerahmt wird.

Der springende Punkt aber ist, daß auch die Conclusio im letzten Satz eine ist, die das Ich
nicht zieht.

Gedankenlyrik vom Feinsten.

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