Gregor Laschen: Sprachrohr ("Revolte") - Signaturen

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Gregor Laschen: Sprachrohr ("Revolte")

Münchner Anthologie
 
 
 

Gregor Laschen

Sprachrohr („Revolte“)

für Gert Neumann


Herrschaftseis, grau. Die angelegten Sprachrohre
liegen ausgerichtet seit je nach unten, rings-
um. Herrschaftseisen, weich. „Dies Land. Dies Land.
Dies Land.“ Dieses Land, das nur in diesem Land
möglich wurde, in jenem, in diesem, in diesen
lange vereinbarten Festungen mit der
beschlagenen Sprache, dem Herrschaftseis, dir
sag ich:

Es steht eine kleine Menschenhöhe im Eis
und brennt. Eine kleine Menschenhöhe mit den
hellen Flügeln des Denkens spaltet den Wind,
bündelt ab ins Genaue die Federn der Feuer
im Land, in jenem, in diesem. Eine kleine
Menschenhöhe übersingt mit dem einzigen Mund    
dein Packeisgebell, das beschlagene Stottern
an der Grenze, vermehrt sich geduldig
ins Nackte und Nackte, daran du abschmilzst. Es steht
eine kleine Menschenhöhe in der beschlagenen
Sprache und brennt.



(In: Punktzeit. Deutschsprachige Lyrik der achtziger Jahre. Hrsg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn 1987.)

 
 

Michael Braun

Die hellen Flügel der Poesie


Als Gregor Laschen Mitte der achtziger Jahre sein Gedicht über das „Herrschaftseis“ eines erstarrten Landes schrieb, hatte man den von ihm apostrophierten Schriftsteller Gert Neumann gerade wieder mal ad acta gelegt. Die Mauer stand noch, und in der DDR widerstanden einige eigensinnige, sprachempfindliche Schriftsteller beharrlich den Einflüsterungen der Macht. Zu ihnen zählte Gert Neumann – und Gregor Laschen, der über die Lyrik der DDR promoviert hatte und damals als Hochschullehrer für neue deutsche Literatur an der Universität in Utrecht arbeitete, hatte Neumanns frühe Prosabücher „Die Schuld der Worte“ (1979) und „Elf Uhr“ (1981) schätzen gelernt.
Das enigmatische, einem großen Sprachzweifel abgerungene Werk des 1942 geborenen Neumann hat seither weder in der DDR, wo man den Autor von Beginn an schikanierte und ins Verstummen trieb, noch in der Berliner Republik die ihm gebührende Aufmerksamkeit gefunden. Vor fünfzehn Jahren, im Frühjahr 1999, unternahm der Dumont Verlag einen letzten Versuch, die Sprachempfindlichkeit dieses Schriftstellers und seine Poetik des Schweigens einem event-hungrigen Publikum zu vermitteln. Die Mühe war vergeblich. Gert Neumann hat mittlerweile keinen Verleger mehr.  
Gregor Laschen, selbst ein Exponent der sprachmagischen Dichtkunst, hat in seinem Gedicht „Sprachrohr („Revolte“)“ die Ästhetik des Widerstands, die der literarische Asket Neumann repräsentiert, in ein metaphorisches Widerspiel von Erstarrung und rebellischer Dynamisierung übersetzt. Die so rätselhaften wie scharfkantigen Wörter sind wie erratische Blöcke ins Gedicht gesetzt: das „Herrschaftseis“, die „Menschenhöhe“, das „Packeisgebell“. Die Kommunikationsströme und Diskurszwänge der Herrschaftssprache werden vom Gedicht so konterkariert, wie Neumann selbst die Sprache der Macht konterkariert hat. Die „Sprachrohre“, die das öffentliche Sprechen präformieren, werden vom Gedicht außer Kraft gesetzt. Mit dem Jean Paul-Wort von der „Menschenhöhe“ setzt Gregor Laschen dagegen emphatische Chiffren eines poetischen Gegengesangs, gegen die Verwalter der Herrschaftssprache. Die „Menschenhöhe“ – das ist ein kühnes Bild für die Wahrheit der Dichtung. Gregor Laschens Poesie ist seit je an der Tradition einer hermetischen Dichtung geschult, an den poetischen Rätselfiguren Hölderlins, Paul Celans oder Ernst Meisters.  Die große poetische Vision von der „Menschenhöhe im Eis“, die „brennt“; von den „hellen Flügeln des Denkens“ und der Vorstellung einer stotternden Sprache – das sind alles Metaphern für die verändernde Kraft der Dichtkunst, Bilder für sprachmagischen Eigensinn.
Es ist der Glaube an das poetische Energiefeld der Sprachmagie, das Gregor Laschen mit Gert Neumann verbindet. Aus den Schriften von Jakob Böhme, Johann Georg Hamann und Martin Buber hatte Neumann seine Poetik destilliert, für die er dann die geheimnisvoll-schöne Vokabel „Klandestinität“ fand. „Klandestinität“, dieser Begriff meint ein literarisches Sprechen, das die Gewaltsamkeit des Definierens und Dekretierens unterläuft. „Klandestinität“, das ist bei Neumann ein Synonym für ein Schreiben, das sich durch Paradoxien und Selbstwidersprüche vorwärtsbewegt, jede Fixierung und Determination unterläuft - dabei auch Repetitionen und Redundanzen in Kauf nimmt.
Auch Gregor Laschens Gedicht entzündet sich an dieser Poetik der „Klandestinität“ und entwirft blendende Bilder einer poetischen Utopie. Das Feuer der Dichtung, das hier lodert, setzt auch dem lyrischen Kleinmut vieler Gegenwartsdichter das Wagnis des hohen Tons entgegen. Ein Wagnis, das lange nicht mehr so leidenschaftlich und so großartig in Sprache verwandelt worden ist wie in diesem Gedicht von Gregor Laschen: „Es steht/ eine kleine Menschenhöhe in der beschlagenen/ Sprache und brennt.“


 
 
 

Michael Braun

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