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Gottsched: Das XII. Capitel

Diskurs / Poetik > Poeterey




Erster allgemeiner Theil


Das XII. Capitel.


Von dem Wohlklange der poetischen Schreibart, dem verschiedenen Sylbenmaaße und den Reimen.



1. §. Nichts ist in diesem allgemeinen Theile der Dichtkunst noch übrig, als die Abhandlung von dem Wohlklange, der in der poetischen Schreibart mehr, als in prosaischen Sachen beobachtet werden muß. Unter diesem allgemeinen Ausdrucke begreife ich alles, was an den Versen ins Gehör fällt; die Abwechselung langer und kurzer Sylben, den Abschnitt, die Schlußpuncte in den Strophen, die Reime, und wo sonst noch etwas die Ohren kützeln, und dadurch das Gemüth eines Lesers oder Zuhörers belustigen kann. Die Musik allein nehme ich aus, als welches eine eigene Kunst ist, die auch ohne die Poesie bestehen kann: es wäre denn, daß man auch die Harmonie eines wohl ausgesprochenen Verses, nach Art der Alten, einen Gesang nennen wollte. Zwar hat auch die ungebundne Schreibart ihren gewissen Wohlklang, davon Cicero in seinen Gesprächen vom Redner, Quintilian, und nach ihnen fast alle Lehrer der Beredsamkeit ausführlich zu handeln pflegen. Wenn man es genau untersuchet, woher derselbe entsteht, so findet man: daß es nichts anders, als die angenehme Abwechselung gewisser lautenden und stummen Buchstaben; imgleichen die Vermischung langer und kurzer Sylben sey, die, hinter einander ausgesprochen, einen lieblichen Klang verursachen. Wie viel in der Wohlredenheit darauf ankomme, das ist bekannt. Oftmals werden die Zuhörer einer so harmonischen Rede dadurch mehr, als durch die besten Gründe gerühret und eingenommen; zumal, wenn der Redner eine liebliche Stimme hat, und bey einer deutlichen Aussprache aller Sylben und Buchstaben die Töne derselben geschickt, d.i. den Sachen und dem Affecte gemäß zu verändern weis. Außer obgedachten Scribenten kann man auch das XVI. Capitel des I. Theils meiner ausführlichen Redekunst nachsehen, wo im 13. u.f. §. davon gehandelt worden.
2. §. Wie nun die gebundne Schreibart eher, als die ungebundne ins Geschicke gebracht worden, also können wir auch den Wohlklang der Poesie nicht von dem Wohlklange der Redner herleiten. Es ist bereits oben bey andrer Gelegenheit gedacht worden, daß Cicero das Gegentheil angemerket, wenn er erzählt, daß Isokrates den Poeten vieles abgelernet, was zur Lieblichkeit einer Rede etwas beytragen kann. Die Ursache setzt er auch hinzu; nämlich, weil die ersten Dichter zugleich Sänger und Spielleute gewesen, und ihre Verse also zur Belustigung der Ohren gemacht: so hätten sie eher Anlaß gehabt, auf die Harmonie zu sehen. Die Musik hilft uns also den Ursprung des poetischen Wohlklanges erklären. Ich habe schon in dem ersten Capitel erwähnet, daß die ersten Melodeyen eine gewisse Anzahl der Sylben, oder eine abgemessene Länge der Zeilen, in den Liedern erfordert haben; wodurch sie geschickt geworden, darnach abgesungen zu werden. Das war nun der allergeringste Grad des poetischen Wohlklanges, der auch bey den gröbsten Völkern statt gefunden. Es ist aber gleichwohl dem Gehöre angenehm, wenn alle Abschnitte einer Rede, die nach einander folgen, fast einerley Länge haben: so, daß die Zunge nach gewissen bestimmten Pulsschlägen, gleichsam zu einer periodischen Ruhe kömmt. So sind die Psalmen der Hebräer, auch so gar in unsrer deutschen Uebersetzung noch beschaffen: daher es denn kömmt, daß sie auch so prosaisch nach einer gewissen freyen Melodie gesungen werden können. Die ältesten griechischen Poeten haben freylich ihre Sylben schon genauer nachgezählt, als die orientalischen: allein mehr läßt uns doch die Rauhigkeit, der alles in seinem ersten Ursprunge unterworfen ist, von ihren ersten Liedern nicht hoffen.
3. §. Niemand hat den Ursprung und die wahre Beschaffenheit des poetischen Wohlklanges besser untersucht und ins Licht gesetzt, als Isaac Voßius, in seinem Tractate DE POEMATUM CANTU & VIRIBUS RHYTHMI, den er zu Oxfort im THEATRO SHELDONIANO 1673. in gr. 8. herausgegeben. Er behauptet gleichfalls darinn auf der 2. Seite, daß die ersten griechischen Verse, nach der meisten Schriftsteller Meynung, keine Füsse, und keinen Wohlklang gehabt, und folglich ganz rauh gewesen. Er führt den Quintilian zum Zeugen an, dessen Worte man unten¹ sehen wird. Und darauf fährt er fort, die Natur und den Ursprung des Sylbenmaaßes zu erklären. Er vertheidiget dasselbe gegen seine Verächter, die sich einbilden, es sey angenehmer, wenn ein Vers wie ein Fluß in einem geraden Ufer fortschieße; wo er kein Hinderniß antrifft, als wenn er gleichsam Schrittweise, über so viel im Wege stehende Felsen sprudeln müßte. Allein er zeigt aus einer Anmerkung Cicerons, daß diejenigen die Natur des Schönen nicht verstehen, die dafür halten, daß etwas ganz Einträchtiges ohne Abtheilung, Unterschied, und Abwechselung gefallen könne.² Doch weil wir unter unsern Deutschen keinen Widerspruch hierinn zu besorgen haben, so halte ich mich hierbey nicht auf. Nur setzen wir hier voraus, daß das Gehör und die Aussprache selbst die alten Griechen gelehret, daß nicht alle Sylben gleichviel Zeit brauchten. Dieses mochte nun von dem Tone der Selbstlauter, oder von der Zahl und Art der Mitlauter herkommen; so merkte man doch, daß die eine Sylbe kurz, und die andre lang ausgesprochen ward: daher sie denn in kurze und lange eingetheilet wurden.
4. §. Der andere Grad des Wohlklangs entstund wohl damals, als man bey dem Singen solcher aufs genaueste abgezählten Zeilen, wahrnahm, daß zu einer jeden Zeile nach Beschaffenheit der dazu gehörigen Melodie, auch eine gewisse Abwechselung solcher kurzer und langer Sylben gehörete. Dieses bemerkten diejenigen am ersten, die das zarteste Gehör hatten, und es unangenehm fanden, wenn auf eine Sylbe, dahin der Accent fiel, eine kurze Note; auf eine kurze Sylbe hergegen, die man in der Aussprache fast nicht hörete, im Singen eine lange Note traf. Dieses suchte man nun mit größter Sorgfalt zu vermeiden, und daher mußte man darauf denken, daß ein Vers dem andern, und eine Strophe der andern ganz ähnlich würde: so bald nämlich dieses nicht war, so wollte es diesem zärtlichen Volke nicht klingen; wie es denn wirklich ein gutes Ohr verletzt. Wer da wissen will, wie seltsam dieses klinget, der darf sich nur von einem Franzosen ein paar Liederchen vorsingen lassen. Denn wer sonst ihres Singens nicht gewohnt ist, der wird ihnen fast keine Zeile verstehen können, ob er sie gleich sonst im Reden versteht: und das kömmt daher, weil ihre Poesie von keiner regelmäßigen Abwechselung langer und kurzer Sylben weis, wie ich schon oben im I. Capitel dargethan habe. Da muß es nun nothwendig geschehen, daß ein ganz kurzes E zuweilen sehr lang ausgedehnet; eine sehr lange Sylbe hingegen geschwinde überhüpfet oder verschlucket wird. Was das für eine Undeutlichkeit in der Aussprache machet, das ist nicht zu sagen: man muß es aber selbst hören, wenn man es recht völlig begreifen will.
5. §. Z.E. das bekannte Lied aus dem DU FRENY:

UN FOU, QUI VEUT FAIRE L'HABILE,
DIT QU'EN LISANT IL PRETEND TOUT SAVOIR &C.


das kann nach der Melodie, die fast allen Franzosen bekannt ist, nicht anders gesungen werden; als daß die letzte Sylbe von FAIRE, die doch nach der richtigen Aussprache so kurz, als möglich ist, lang wird. Das Wort PRETEND aber, welches natürlich wie ein Jambus ausgesprochen wird, ein Trochäus werden muß; weil die Musik es so mit sich bringt, daß auf die kurzen Sylben lange, und auf die langen Sylben kurze Noten treffen. Hat nun der Poet die Melodie vorher gewußt, ehe er sein Lied gemacht, so hat er ein elendes Gehör gehabt, daß er diesen häßlichen Uebelklang nicht gemerkt; oder er ist so faul gewesen, daß er seine Redensarten nicht nach der Musik richten wollen. Hat aber der Musicus, zu einer schon fertigen Ode die Melodie gesetzt: so kann ich es ihm zwar zurechnen, daß er sich nicht nach der ersten Strophe gerichtet, und den Sylben ihr Recht wiederfahren lassen. Aber in allen übrigen Strophen hat er keine Schuld, weil die französischen Poeten keine einzige Strophe, im Absehen auf diesen Wohlklang, der andern gleich machen. Ob nun dieses der französischen Nation, die sich auf eine gewisse feine Zärtlichkeit ihrer Empfindungen soviel zu gute thut, zu Ehren gereicht, das lasse ich unparteyische Kenner beurtheilen. Wenigstens kann sie sich nicht rühmen, daß sie ein solch empfindliches Ohr habe, als die alten Griechen, oder auch wir Deutschen haben; denen ein solch barbarisches Singen, wider den Ton der Aussprache rauh und unerträglich vorkömmt. Vossius in dem angezogenen Tractate DE POEMATUM CANTU hat dieses auf der 37. und 38. S. in einem Exempel aus dem Horaz gewiesen. Er vergleicht die Ode;

AUDIUERE LYCE, DII MEA VOTA; DII
AUDIUERE LYCE; FIS ANUS, & TAMEN
VIS FORMOSA VIDERI,
LUDISQUE & BIBIS IMPUDENS. &C.


mit einer französischen Uebersetzung, darinn keine einzige Strophe mit der andern einerley Wohlklang hat; und davon ich nur die erste hersetzen will:

MES VOEUX SONT CONTENS ISABELLE,
OUI LES DIEUX DE LEUR GRACE ONT CONTENTÉ MES VOEUX;
TE VOILA VIEILLE, & CEPENDANT TU VEUX
FAIRE ENCORE LA BELLE.


So sehr ich nun hierinn billige, was dieser große Kunstrichter von dieser ungeschaffenen Poesie urtheilt; so sehr muß ich mich beschweren, daß er, da er doch ein Holländer war, und den bessern Wohlklang der niederdeutschen Verse wußte, mit denen auch unsere hochdeutschen Gedichte übereinkommen, dennoch alle heutigen Völker einer solchen barbarischen Dichtkunst beschuldiget hat.³
6. §. Bey dem allen wollen die guten Franzosen es nicht begreifen, daß ihre Sprache lange und kurze Sylben habe. Auch Rollin in seinem so berühmten Werke, das er von der Poesie und andern freyen Künsten herausgegeben, gesteht zwar Italienern und Spaniern zu, daß sie Verse ohne Reime machen könnten: weil sie nämlich noch etwas von der alten Art der lateinischen Sprache in ihren Mundarten beybehalten hätten, dadurch sie geschickt wären, einen gewissen harmonischen Klang in ihre Verse zu bringen. Aber seinen Franzosen, meynt er, sey es nicht möglich, Verse ohne Reime zu dulden; weil sie lauter gleich lange Sylben in ihrer Sprache hätten, und keine Accente im Reden hören ließen. Ich glaube, man kann halb taub seyn, und doch den ehrlichen Rollin aus dem bloßen Gehöre widerlegen. Z.E. Die erste Zeile aus des Boileau Ode auf die Eroberung Namurs:

– U – U – U – U
QUELLE DOCTE & SAINTE YVRESSE!


wird von allen Franzosen als eine trochäische Zeile von vier Füssen ausgesprochen, eben so, wie die erste Zeile aus Canitzens Ode auf seine Doris:

Soll ich meine Doris missen?


Nun versuche mans, und verkehre entweder in der Aussprache die Accente, in die jambische Art zu scandiren:

U – U – U – U –
QUELLE DOCTE & SAINTE YVRESSE.


Und frage einen Franzosen, ob das recht ausgesprochen sey? oder man spreche alle Sylben gleichlang, das ist, lauter Spondäen aus, folgender gestalt:

– – – – – – – –
QUELLE | DOCTE & | SAINTE Y | VRESSE.


so wird er entweder taub seyn, oder den Unterscheid hören müssen. Denn es kann in seinen Ohren unmöglich anders klingen, als wenn ich die canitzische Zeile entweder so lesen wollte:

U – U – U – U –
Soll ich meine Doris missen?


oder so:

– – – – – – – –
Soll ich meine Doris missen?


7. §. Durch diese kleine Ausschweifung will ich nur zeigen, wie nothwendig die alten griechischen Poeten auf die regelmäßige Vermischung langer und kurzer Sylben haben gerathen müssen. Ihr Gehör sagte es ihnen, was lang oder kurz war, und aus dem Klange urtheilten sie, welche Sylbe sich zum Anfange einer Zeile, bey einer gewissen Gesangweise besser schickte. Weiter brauchten sie kein Geheimniß zu Erfindung ihrer mannigfaltigen Arten des Sylbenmaaßes. Die gemeinste Aussprache aller Leute gab es ihnen an die Hand und wenn sie ihre Verse lasen, so geschah es nach der prosodischen Scansion; nicht aber nach den ungereimten Accenten, die wir heute zu Tage über die griechischen Verse setzen. Hätten sie zum Exempel den ersten Vers Hesiodi,

Μοῦσαι πιερίηθεν, ἀοιδῆσιν κλείουσαι


nach der Art unserer heutigen Schulmeister ausgesprochen: so hätten sie ihrer natürlichen Sprache Gewalt angethan; und folglich auch im Lesen eines Verses, kein Vergnügen empfinden können. Der Accent in dem andern Worte steht nämlich auf einer Sylbe, die nach allen Regeln kurz ist, und sollte vielmehr auf der folgenden η stehen. Imgleichen steht im letzten Worte das Strichlein überm ει, wo es eben so wenig hingehört. Das ου ist hier lang, und der Doppellaut muß nach Art zweyer kurzen Sylben, e und i, ausgesprochen werden. Und dieses giebt einen unumstößlichen Beweis ab, daß die griechischen Accente, die der Prosodie zuwider laufen, nichts taugen.
8. §. Daß dieses auch in der lateinischen Sprache gelte, kann ganz augenscheinlich erwiesen werden. Unsre prosaische Aussprache taugt nichts, weil wir die Länge und Kürze der Sylben nicht so ausdrücken, wie sie in ihren Poeten befindlich ist. Das gemeine Volk in Rom, das von der Länge und Kürze der Sylben keine Regeln gelernet hatte, konnte es nach dem Zeugnisse Cicerons hören, wenn ein Poet eine kurze Sylbe lang, oder eine lange kurz gebraucht hatte.
Nun sage mir jemand, wie das möglich gewesen wäre, wenn nicht die lateinischen Sylben ihre Länge und Kürze, bloß nach der gewöhnlichen Aussprache der Römer gehabt; davon also der Pöbel sowohl, als der Poet, nach dem Gehöre urtheilen können. Aber unsere lateinische Sprachmeister wollen gern in der Prosodie der Alten besondere Geheimnisse finden, und durch künstliche Regeln die Länge und Kürze der Sylben ausmachen. Bey unserer verderbten Aussprache des Lateins, die lange Sylben kurz, und kurze lang zu machen pflegt, thun sie uns dadurch zwar gute Dienste: wie wollen sie es aber beweisen, daß auch Virgil eine Prosodie habe lernen müssen? Es war also mit den alten Sprachen nicht anders beschaffen, als mit den heutigen, die ein Sylbenmaaß in ihrer Poesie haben; und fast alle deutscher Abkunft sind. Ihre vornehmste prosodische Regel war eben so, wie bey uns, diese: Ein Poet richte sich in der Scansion nach der gemeinen Aussprache. Dieses könnte noch weitläuftiger erwiesen und von etlichen kleinen Einwürfen befreyet werden, wenn ich eine lateinische Prosodie zu schreiben im Sinne hätte. Man lese aber, was Vossius am angeführten Orte auf der 29. und 30. S. davon geschrieben, so wird man völlig überzeuget werden.
9. §. Unter den vielfältigen Gattungen des Sylbenmaaßes, die von Griechen und Lateinern erdacht und gebraucht worden, ist zwar keine einzige, die sich nicht auch in unsrer, ja in allen andern Sprachen nachmachen ließen. Wir, und alle übrige Völker haben lange und kurze Sylben, die sich in ungebundner Rede auf tausendfältige Art durch einander mischen lassen. Was hindert es denn, daß wir dieselben nicht auch auf eine einträchtige Art, nach einer beliebig angenommenen Regel sollten abwechseln können? Daß unsre Nachbarn dieses nicht erkennen wollen, oder nicht gewahr werden, das gereicht uns zu keinem Nachtheile: vielmehr haben viele von unsern Dichtern und Kunstrichtern hier alles mögliche gethan. Sonderlich haben Gesner, Clajus, von Birken, Heräus und Omeis sichs angelegen seyn lassen, die Möglichkeit vieler Arten des Sylbenmaaßes in unsrer Muttersprache zu erweisen, und allerley Exempel davon gegeben. Allein, daß sie nicht Beyfall und Nachfolger gefunden, das kömmt meines Erachtens daher, weil die Harmonie der gar zu gekünstelten Abwechselungen der Füsse nicht so leicht ins Gehör fällt; da man auch im Lateinischen Mühe hat, eine ungewöhnliche Art von Versen recht zu scandiren.
10. §. Man ist also im Deutschen vor Alters fast bey den jambischen Versen allein geblieben; weil dieselben unsrer Sprache am natürlichsten sind. Die Artikel vor den Nennwörtern, und die Fürwörter vor den Zeitwörtern geben lauter steigende Zeilen an die Hand: so vieler tausend zusammengesetzter Wörter, davon unsre Sprache voll ist, nicht zu gedenken, die ordentlich von vorne mit einer kurzen Sylbe verlängert werden, und also Jamben ausmachen. Z.E. Verstand, Gemüth, Vernunft, Geduld, genug, worauf, vorhin, betrübt, verdammt, erheben, gestorben, verlangen, besonders, entkräften, unmöglich, ausführlich, u.s.w. Daß nun dergleichen Verse vor Alters in Deutschland, entweder mit Fleiß, oder von ungefähr, nach dem bloßen Gehöre gemachet worden, das habe ich bereits oben im ersten Capitel aus Luthers Liedern, ja aus Winsbeks Ermahnung an seinen Sohn erwiesen. Ja, man findet auch wohl in ältern Poeten unsers Vaterlandes, z.E. im Ottfried, die Spuren davon.
11. §. Die trochäischen sind zwar so sehr nicht Mode geworden, doch unsrer Sprache eben so natürlich, als jene Gattung. D. Luther hat schon zu seiner Zeit den Lobgesang Ambrosii: Nun komm der Heiden Heiland, durchgehends in dergleichen Art von Versen übersetzt: welches zwar aus diesem Anfange nicht erhellet, aber in dem ganzen Liede unleugbar ist; wenn man nur etliche harte Stellen der damaligen rauhen Mundart nachsehen will. Z.E. ist folgende Strophe ihm gut gerathen:

Der du bist dem Vater gleich,
Führ hinaus den Sieg im Fleisch,
Daß dein ewge Gotts-Gewalt,
In uns das krank Fleisch erhalt.


So gar im Ottfried findet man unzählige trochäische Zeilen, ja zuweilen vier, fünf, sechs hintereinander: welches gewiß dem Poeten nicht ungefähr gekommen seyn kann; sondern um des Wohlklanges halber, den er in dergleichen Versen bemerket hat, mit Fleiß geschehen seyn mag. Es giebt gelehrte Männer, die dafür halten, diese Art des Sylbenmaaßes sey unsrer Muttersprache viel natürlicher, als die jambische. Sie berufen sich auf die einfachen Nennwörter derselben, die gewiß entweder einsylbig sind, und also in allen Abänderungen mit einer langen Sylbe anfangen, und mit einer kurzen endigen, als, von Haupt, Hand, Fuß, Häupter, Hände, Füße, oder zwey Sylben haben, wie z.E. Glaube, Liebe, Hoffnung, Vater, Mutter, und also auch fast lauter Trochäen machen. Ja selbst die Hauptwörter im INFINITIUO, gehören zu denen, die gleichfalls trochäisch klingen; als, leben, sterben, essen, trinken etc. Allein, dem sey wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß trochäische Gedichte uns Deutschen nicht schwerer fallen können, als jambische. Unsre Sprache hat fast eben so viel lange als kurze Sylben, und da sich dieselben hier sowohl, als in der jambischen Art, in gleicher Anzahl befinden müssen: so läuft es auf eins hinaus, was man für Verse machen will.
12. §. Das daktylische Sylbenmaaß ist das dritte, das bey uns von August Buchnern eingeführet worden, der aber selbst gesteht, daß er es nicht erfunden, sondern schon bey den Alten angetroffen. Es erfordert, wie bekannt ist, zweymal so viel kurze als lange Sylben, und ist daher so leicht nicht, als die beyden obigen Gattungen. Wir finden auch daher vor Opitzen wohl nicht leicht eine ganz daktylische Strophe in unsern alten Poeten; ja auch nach seiner Zeit hat es wenigen damit gelingen wollen. Christian Weise und Günther sind oft sehr glücklich darinn gewesen; so, daß ihnen diese Art ganz ungezwungen und ohne Anstoß geflossen. Man hat sie aber mehrentheils nur zu kleinen Arien von einer oder zwey Strophen; ja wohl gar nur zu einzelnen Zeilen in jambischen oder trochäischen Versen gebraucht. Sie klingen an sich selbst sehr lustig und springend, und sind daher zur Abwechselung in Cantaten, oder andern musikalischen Stücken bisweilen sehr bequem; zumal, wenn man gewisse heftige Affecten dadurch auszudrücken Gelegenheit hat. Doch die Wahrheit zu sagen, sind sie außer diesen Fällen für unsere männliche Sprache ein wenig zu kindisch, ob sie gleich dem Frauenzimmer und jungen Leuten sehr zu gefallen pflegen. Zur Noth könnten sie dienen, den Italienern, die sich auf die Zärtlichkeit ihrer Sprache so viel einbilden, zu zeigen, daß man bey uns eben sowohl fließende und liebliche Sylben zusammen bringen könne, die einem Sänger gleichsam von sich selbst über die Zunge weglaufen. Man müßte sich aber alsdann mit Fleiß aller rasselnden und rauschenden Wörter enthalten; hergegen viele von den lautenden und andern gelinden Buchstaben, als b, d, f, l, m, n, w, anzubringen suchen, als welche einer Zeile eine große Gelindigkeit und Lieblichkeit zuwege bringen. Wer Exempel verlanget, der kann sie von allen Arten in Hübners poetischem Handbuche finden.
13. §. Die vierte Art der Verse bey uns besteht aus den amphibrachischen Füßen, wie schon Omeis in seiner Dichtkunst angemerket hat. Ein Amphibrachis ist, wie das Wort zeigt, ein dreysylbigter Fuß, dessen mittelste Sylbe lang, beyde Ende aber kurz sind. Wir habe eine Menge von Wörtern im Deutschen, die von solcher Beschaffenheit sind. Z.E. von Zeitwörtern:
U – U U – U U – U U – U
erheben, verachten, gebähren, vernichten,
von Nennwörtern, Gesunde, Betrübte, Gedanken, Gedichte; von andern Wörtern, derselbe, desgleichen, unendlich, gewaltig, erheblich, ab scheulich, etc. Wenn nun solche Füsse zusammengesetzt werden, so entsteht folgende Art von Versen, die ich aus dem Menantes nehmen will:

U – U U – U U – U U – U
Das laß ich | wohl bleiben, | daß ich mich | verliebe,|
Ich liebe | mich selber, | und schone | mein Geld, etc.|


Günthers Uebersetzung aus dem Secundus, ist von eben der Art. Wie nun diese Versart sehr wohl und lustig klinget, so ist sie auch von unsern Dichtern in kleinen Arien und Oden, sehr fleißig gebraucht worden. Nun weis ich zwar, daß einige Anleitungen zur deutschen Poesie, diese amphibrachische Art, mit zur daktylischen schlagen wollen; weil der Klang derselben sehr damit übereinkömmt. Allein, da sie doch allemal gestehen müssen, daß hier vorne immer eine Sylbe zu viel ist, die nicht zum daktylischen Verse gehöret: so ist es ja besser, ein jedes Kind bey seinem Namen zu nennen. Denn außer daß man die Verwirrung dergestalt besser vermeidet, so gewinnt unsre Sprache und Dichtkunst auch dadurch eine mehrere Aehnlichkeit mit der griechischen und lateinischen, welches ihr in Ansehung der übrigen heutigen Sprachen allerdings einen Vorzug giebt. Jemehr wir nämlich die Füße und Verse der Alten nachahmen können, destomehr Wohlklang und Harmonie hat unsre Sprache und Verskunst aufzuweisen.
14. §. Die fünfte Art der Füsse, die unsere Sprache an die Hand giebt, sind die anapästischen. Ein Anapäst besteht aus dreyen Sylben, davon die beyden ersten kurz, und die dritte lang ist. An solchen Wörtern nun fehlt es uns abermal nicht. Z.E.
U U – U U – U U – U U – UU –
Potentat, Majestät, ungemein, überaus, allemal,
U U – U U – U U – U U –
sintemal, unverwehrt, jedermann, nimmermehr, u.d.gl.
Nun scheint es zwar, als ob die ersten Sylben dieser Wörter auch lang ausgesprochen werden könnten; wie sie denn auch wirklich von den Poeten in jambischen und trochäischen Versen lang gebraucht zu werden pflegen: allein dieses zeiget nur, daß wir im Deutschen eben sowohl, als im lateinischen, SYLLABAS ANCIPITES, Sylben von ungewisser Länge haben; die man theils lang, theils kurz brauchen kann. Ein rechter anapästischer Vers sieht also im Deutschen etwa so aus, wie Omeis das Exempel dazu giebt:

U U – U U – U U – U U –
Gute Nacht, | gute Nacht, | ruhet wohl | bis zum Ta | ge,
Ruhet sanft, | ohne Furcht, | ohne Scheu, | ohne Pla | ge.


Diese Art ist indessen etwas schwerer, als die vorhergehende, bloß, weil man einige Mühe hat, eine Rede mit zwo kurzen Sylben anzufangen. In der Mitte aber haben sie nicht mehr Schwierigkeit, als die daktylischen, oder amphibrachischen; weil sie nicht mehr kurze Sylben erfordern, als dieselben. Eben daher sind auch in den gemeinen poetischen Anweisungen diese anapästischen Verse mit zu den daktylischen geschlagen worden; die aber ein paar überflüssige Sylben vorne hätten. Allein, da ihre Scansion ganz anders klingt, und vielmehr Bewegung, ja eine recht heftige, plötzliche Gemüthsart ausdrückt, die dem daktylischen Wohlklange ganz entgegen steht: so thut man viel besser, daß man sie ganz besonders läßt, und auch dadurch den Reichthum unsrer Dichtkunst vor der welschen und französischen behauptet.
15. §. In den bisherigen fünf Arten der poetischen Füsse, habe ich an allen deutschen Lehrern der Prosodie Vorgänger gehabt. Allein, da es meine Absicht ist, unsre Dichtkunst auch im Absehen auf den Wohlklang der Verse, der eine so erstaunliche Kraft in den Gemüthern der Menschen hat, und bisweilen rechte Wunder thut, vollkommener zu machen: so halte ich es für nöthig, zu zeigen, daß es uns Deutschen auch an andern Arten der Füsse nicht fehle, die bey den Alten mit so vielem Vortheile gebrauchet worden. Und wenn ich mit dieser Bemühung nichts mehr ausrichte, als daß ich anwachsenden muntern Köpfen ein wenig das Ohr schärfe, auf den verschiedenen Wohlklang der Sylben und Wörter acht zu geben, und, wenn es auch nur zur Lust wäre, einige Versuche damit zu machen: so soll mich die Arbeit nicht dauren. Es ist eine Schande, daß unsre so großen Verfechter des Alterthums, die sich für das Griechische und Lateinische bald todtschlagen lassen, uns gleichwohl in Schulen oder in Schriften, die sie davon verfertigen, keinen Begriff von dem verschiedenen Wohlklange der alten Gedichte, beybringen, der doch die Griechen und Römer fast bezaubert hat. Und da unsere Sprache durch die Länge und Kürze ihrer Sylben, geschickt ist, sich der Lieblichkeit der gelehrten Sprachen, durch diese so mannigfaltige Harmonie mehr und mehr zu nähern: so sehe ich nicht, warum wir unsern Dichtern in den bisher gewöhnlichen Versarten ein Ziel stecken, und ihnen nicht vielmehr ein, PLUS ULTRA, zuruffen sollten.
16. §. Ich hebe also billig von den Spondäen an, als welche Art von Füssen noch zu den zweysylbigten gehöret. Ein Spondäus aber besteht aus zwoen langen Sylben, und geht also auf eine recht gravitätische ernsthafte Art einher, ohne wie die Jamben oder Trochäen, auf einem Beine zu hinken. Ernstlich von der Sache zu reden, so hat diese spondäische Art nicht so viel Bewegung und Hitze in sich, als die andern obbemeldten Füsse, die auch aus kurzen Sylben bestehen: sondern sie ist gleichsam eine Abbildung einer recht stoischen Ruhe, und Gelassenheit. Sie geht, gleich einem Spanier, mit lauter majestätischen Schritten einher, und füllt das Ohr mit eitel vollklingenden Tönen. Es fehlt uns auch im Deutschen an Wörtern nicht, die hier zu Exempeln dienen können: zumal unsre zusammengesetzten Wörter schicken sich sehr gut dazu.
– – – – – – – –
Z.E. Großmuth, Unmuth, Sanftmuth, Handwerk,
– – – – – – – – – –
Hofrath, Vormund, Werkstatt, Vortrab, Nachsicht,
– –
Sonntag, etc.
Ja auch dreysylbige haben wir, darinnen zwo nach einander lang sind; als
– – U – – U – – U – – U
vorhaben, aufstehen, mitnehmen, vorgehen,
– – U – – U – – U
nachfolgen, Großvater, ausnehmend, u.d.gl.
Wollte man nun ganze Verse aus lauter solchen Füssen zusammen setzen, so würde dieses eben so traurig und hölzern herauskommen, als wenn ein Tanz durchgehends aus lauter sogenannten PAS GRAUES bestünde. Es haben daher auch weder die Griechen noch die Lateiner, ganz spondäische Verse gebraucht; wohl aber die Spondäen unter die Jamben, Trochäen und Daktylen gemenget: um dieselben etwas ernsthafter und langsamer zu machen, als sie sonst gewesen seyn würden. Von den Jamben sagt dieses Horaz in seiner Dichtkunst ausdrücklich:


TARDIOR VT PAULLO GRAUIORQUE VENIRET AD AURES,
SPONDAEOS STABILES IN IURA PATERNA RECEPIT.


Und wir selbst pflegen, dieses zu thun, wenn wir jambische Verse machen, zumal im Anfange derselben. Z.E. wenn Pietsch schreibt:

Held, ich umschränke mich, dieß Blatt ist viel zu klein etc.


so ist unstreitig die erste Sylbe, Held, eine lange Sylbe, und macht also mit dem Worte ich, welches hier lang gebraucht ist, einen Spondäus; dieser aber vertritt die Stelle eines Jambus.
17. §. So erlaubt uns nun dieses, nach dem Beyspiele der Alten, ist und bleiben muß, so billig wäre es gleichwohl, daß man sich künftig auch dieser Erlaubniß nur mäßig bediente. Die Lateiner haben sich hierinn das Maaß gesetzet, daß sie in den sechsfüßigen Jamben, sich den andern und vierten Fuß von Spondäen frey behalten wollen:

COMMODUS & PATIENS (IAMBUS), NON VT DE SEDE SECUNDA
CEDERET AUT QUARTA SOCIALITER.


Viele von unsern deutschen Poeten haben diese Regel in ihren jambischen Versen nicht beobachtet; und daher sind ihre Verse so steif und so rauh geworden, daß man sie vor großer Härte, nicht lesen oder hören mag. Ja selbst auf den erlaubten Stellen, ist es nicht einmal rathsam, gar zu oft mit den Spondäen aufgezogen zu kommen. Unsre Sprache ist bey weitem so gelinde nicht, als die lateinische war. Diese hatte so wenig Mitlauter in ihren Sylben, daß man einen sechsfüßigen Vers aus lauter Jamben fast im Augenblicke aussprechen konnte. Man nahm, so zu reden, immer zwey Füsse zugleich in den Mund, und nannte ihn daher TRIMETRUM, als ob er nur drey Füsse hätte; da es doch sechse waren.


PES CITUS, VNDE ETIAM TRIMETRIS ACCRESCERE IUSSIT
NOMEN IAMBEIS, CUM SENOS REDDERET ICTUS.


Weil nun im Deutschen an Mitlautern eher ein Ueberfluß, als Mangel zu besorgen ist: so muß man auch die Erlaubniß, zuweilen einen Spondäus einzumengen, nur mäßig brauchen, und sich lieber auf reine Jamben befleißen, wenn man was liebliches schreiben will. Jemehr Spondäen ein Vers oder Gedichte von jambischer oder trochäischer Art hat, desto härter und ungehobelter klingt er.


IN SCENAM MISSOS MAGNO CUM PONDERE VERSUS,
AUT OPERAE CELERIS NIMIUM CURAQUE CARENTIS,
AUT IGNORATAE PREMIT ARTIS CRIMINE TURPI.


18. §. Ferner werden die Spondäen von Griechen und Lateinern auch unter die daktylischen Füsse gemenget, und daraus entsteht die sogenannte heroische, oder alexandrinische Versart. Die Liebhaber und Kenner der lateinischen Dichter kennen dieselbe ohne mich schon: allein um der deutschen Leser willen muß ich sie beschreiben. Ein sogenannter Hexameter besteht aus sechs Füssen, davon die ersten viere ohne Unterschied spondäisch, oder daktylisch seyn können; der fünfte nur muß immer ein Daktylus, und der sechste immer ein Spondäus, oder höchstens ein Trochäus seyn. Ein Exempel hat uns Luther in der Bibel gegeben:

– UU – – – – – – – U U – U
Und Isa | ac scher | zet mit | seinem |Weibe Re | becca.


Daß man nun solche Verse im Deutschen machen könne, das hat schon beynahe vor zwey hundert Jahren Conrad Gesner eingesehen.
Allein das Exempel, das er giebt, ist ihm nicht sonderlich gerathen, weil er die rechte Länge der Sylben nicht beobachtet hat. Er setzt das Vater unser so:


O Va | ter un | ser, der | du dein' |ewige Wohnung
Erhöhst | in Him |mein, dein | Namen |werde ge | heiligt.


Wer sieht aber nicht, daß er hier die beyden letzten Sylben von Vater und unser lang gebrauchet hat; da sie doch nach dem Urtheile aller Ohren kurz ausgesprochen werden. Eben so ist es ihm in Namen gegangen. Das Wort erhöhst, hat er auch als einen Spondäus gebraucht, da es doch ein Jambus ist: und bey solchen Unrichtigkeiten ist es kein Wunder, daß ihm diese Art nicht hat klingen wollen; zugeschweigen, daß die Sprache damals noch zu rauh war, und lange nicht einen solchen Ueberfluß geschmeidiger Redensarten hatte, als itzo. Den GRAECISMUS in Himmeln will ich nicht einmal erwähnen, der uns diese Probe noch häßlicher machet, weil er die Zeile ganz undeutsch machet. Wie aber, wenn man das Vater Unser so übersetzte?

Hör uns, Vater und Herr, der du den Himmel bewohnest,
Daß dein Name bey uns über alles geheiliget werde,
Daß dein herrliches Reich bey uns auf Erden erscheine,
Und dein Wille von uns, eben so, als im Himmel geschehe.
Gib auch das tägliche Brodt, und vergib uns die sündlichen Schulden,
Wie wir auch unseres Theils den Schuldenern gerne vergeben.
Wende Versuchungen ab, und rett uns aus Gnaden, vom Uebel,
Denn dein ist das Reich, ja göttliche Macht und Herrlichkeit, Amen.


19. Doch da dieses heroische Sylbenmaaß ohn alle Reime deutschen Ohren noch gar zu fremde geklungen, so sind einige von unsern Dichtern auf die Vermischung der Hexameter mit Pentametern, oder auf die Elegie der Lateiner verfallen; die sie auch durch die Beybehaltung der Reime angenehmer zu machen gesucht. Schon Sigmund von Birken, ein Pegnitzschäfer, hat in seiner Prosodie einen Versuch damit gemacht, der ihm aber nicht sonderlich gelungen ist. Nächst ihm hat Omeis in seiner Reim- und Dichtkunst folgendes Exempel gegeben, welches nicht übel klinget:

Was ein menschliches Herz, von innen und außen betrübet,
Werde durch Gottes Gewalt, künftig und itzo verjagt.
Was ihr redet und thut, das werde von beyden geliebet,
Bis der Tod zugleich beyden das Leben versagt.


Heraus ist nicht minder glücklich in dieser Art gewesen. Auf der 68. S. seiner Gedichte, steht ein Gedichte auf Carln den VI. welches so anhebt:

Mächtigster Herrscher der Welt, vom Himmel die Fürsten zu richten,
Einig erwähleter Fürst, unüberwindlicher Held:
Gönne der eifrigen Pflicht dieß nimmer gesehene Dichten,
Von nicht gesehenem Ruhm, welchen dein Adler erhält.
Zeuget der Friede den Krieg durch tapfre Beschützung der Rechte etc.


Hieraus sieht man fürs erste, daß Heräus, um diesen neuen Versuch beliebt zu machen, fast lauter daktylische Füsse gebraucht; hernach, daß er wie Omeis den Reim der Deutschen beybehalten hat. Allein, meines Erachtens, würde man mit der Einführung dieser Gattung des Sylbenmaaßes dergestalt nichts gewinnen. Daktylische Verse hat man längst gemacht; aber sie klingen zu weich: die Spondäen müssen sie männlicher machen. Die Reime haben uns in den andern Arten genug zu schaffen gemacht: in dieser neuen müßten wir das Herz fassen, endlich einmal ungereimte Verse zu machen. Wir wollen also noch eine Probe sehen, die zwar eine Elegie ist, aber nicht reimet. Es ist eine Uebersetzung des VI. Psalms:

Strafe mich nicht, o Herr, in deinem erschrecklichen Zorne,
Züchtige mich doch nicht, Vater, aus Eifer und Grimm!
Sey mir gnädig, o Herr, denn ich bin schwach und erschrocken:
Heile mich, himmlischer Arzt, meine Gebeine sind schwach.
Herzlich erschrocken ist mir die kümmerlich ächzende Seele;
Ach wie so lange, mein Gott, ach wie so lange bist du?
Wende dich, Herr, und rette mir bald die Seele, das Leben:
Hilf mir, so wahr du ein Gott voller Erbarmungen bist.
Denkt man im Tode wohl dein? wer dankt dir im Schlunde der Hölle?
O so erbarme dich doch, weil mich die Erde noch trägt!
Ich bin müde von Gram, und schwemme mein Bette bey Nachte,
Wenn mein thränender Guß Lager und Decke benetzt.
Meine Gestalt verfällt, vor Trauren und Kummer und Zagen;
Denn von täglicher Angst rückt auch das Alter heran.
Weichet von hier, ihr Frevler! entweicht. Gott höret mein Weinen,
Ja, der Herr hört mein Flehn, höret mein ängstlich Gebeth.
Schämt euch, ihr Feinde, dabey; erschreckt und kehrt euch zurücke!
Werdet zu schanden, und flieht; weichet nur plötzlich von mir.


20. §. Ich weis wohl, daß dieses manchen Ohren noch ziemlich fremde und unangenehm klingen wird. Allein denen, die einen lateinischen Vers Tibulls oder Ovids in dergleichen Sylbenmaaße, ohne alle Reime schön finden, ist es in Wahrheit eine Schande; wenn sie eben diesen majestätischen Wohlklang, den sie dort bewundern, nur im Deutschen, entweder nicht hören, oder doch verwerfen wollen. Meines Erachtens fehlt nichts mehr, als daß einmal ein glücklicher Kopf, dem es weder an Gelehrsamkeit, noch an Witz, noch an Stärke in seiner Sprache fehlt, auf die Gedanken geräth, eine solche Art von Gedichten zu schreiben, und sie mit allen Schönheiten auszuschmücken, deren sonst eine poetische Schrift, außer den Reimen, fähig ist. Denn wie ein Milton in Engeland ein ganz Heldengedicht ohne alle Reime hat schreiben können, welches itzt bey der ganzen Nation Beyfall findet; und wie in Italien der Cardinal Bentivoglio den ganzen Statius in solche reimlose Verse übersetzt hat: so wäre es ja auch im Deutschen nicht unmöglich, daß ein großer Geist was neues in Schwang brächte. Ich bin versichert, wenn uns nur Opitz etliche Exempel von dieser Art gelassen hätte, man würde ihm ohne alles Bedenken häufig darinn gefolget seyn. Diesen Mangel einigermaßen zu ersetzen, will ich noch folgende Probe von der heroischen Art hersetzen.

Rom und Athen war sonst ganz reich an Meistern und Künsten,
Doch was nützte die Zahl philosophischer Lehrer und Schüler,
Welche man irgend gesehn? O! was für ein thörichtes Wesen,
Was für ein albernes Zeug ward täglich in Tempeln getrieben?
Pallas erschrak, und Jupiter selbst, der Vater der Götter
Hatte nur Abscheu davor. Schwärmt, schwärmt nur, ihr rasenden Pfaffen!
Opfer und Räuchwerk ist nichts, wenn tausend Laster euch drücken.
Prüfet euch selbst, forscht Sitten und Herz, ja Sinn und Gedanken:
Dienet ihr Gott, oder euch? Seht, wie das Gewissen euch ängstet!
Reinigt den Geist, sucht Weisheit und Zucht, lernt alles erdulden,
Dämpft erst tapfer und frisch die eignen Begierden und Lüste,
Dann zeigt andern den Weg und lehret sie tugendhaft wandeln,
Nüchtern, gerecht, großmüthig und milde das Leben erfüllen:
Dann wird die Ehre der Weisheit bestehn, dann wird man bekennen,
Daß ihr durch Klugheit u. Witz vor Barbarn den Vorzug gewonnen.


21. §. Doch auch die heroischen Verse und Elegien sind noch nicht alles, was wir im Deutschen nachahmen können. Einige Meister unsrer Dichtkunst, haben fast alle oder doch die meisten und besten Arten, der griechischen und lateinischen Oden, im Deutschen zu machen, versucht: und ich darf mich nur auf meine Vorgänger berufen, wenn mein Ansehen zu klein ist, die Möglichkeit davon zu zeigen. Zwar was die anakreontischen anlanget, so sind dieselben ohne alle Schwierigkeit. Sie bestehen nur aus jambischen, oder trochäischen kurzen Versen, die wir täglich zu machen pflegen; nur daß sie sich nicht reimen dörfen, wie die unsrigen: und ich habe selbst in meinen Gedichten etliche Oden Anakreons, in eben der Versart, die er gebraucht hat, in eben soviel Zeilen und Sylben übersetzt; worauf ich mich hier beziehen kann. Außer diesen aber sind uns ja auch die Sapphischen Verse im Deutschen schon bekannt. In dieser Art besteht jede Zeile, aus einem Trochäus, einem Spondäus, einem Dactylus, und noch zween Trochäen. Nach dreyen Zeilen wird ein Adonischer Vers angehänget, der nur einen Dactylus und Spondäus erfordert. Das Sylbenmaaß sieht so aus.

– U | – – | – U U| – U | – U |
– U | – – | – U U| – U | – U |
– U | – – | – U U| – U | – U |
– U U | – –

Unter unsern Kirchengesängen, ist das Lied, Herzliebster Jesu, was hastu verbrochen, nach dieser Art gemachet; aber nicht überall getroffen. Clajus in seinem Leiden Jesu, hat folgendes Exempel mit Reimen gegeben:

Welche | Regen- | Wolke hat | dich ver | stecket?
Hast du | Dich mit | Trauerflor | über | decket?
Deiner | Schwester | silberbe | zäumte | Pferde,
Leuchten | der Erde.|


Nun hat zwar Omeis einen Fuß von jedem Verse weggelassen, und diese neugebackene Art dennoch sapphische Verse nennen, ja sie für lieblicher ausgeben wollen, Allein, ich bleibe lieber bey der wahren sapphischen Art, und glaube, wie eben dieser Omeis anmerket, daß sie sich sehr wohl würde hören lassen, wenn sie von einem geschickten Tonkünstler recht in die Musik gesetzt, und abgesungen würde. Ein schönes Exempel sehe man in den Belustigungen, des Verstandes und Witzes im I. Stücke, des I.B.
22. §. Hier sieht ein jeder, daß es auch angeht, im Deutschen adonische Verse zu machen, die alle so aussehen und klingen, wie die letzte Zeile in der sapphischen Versart. Sie bestehen nämlich aus einem Daktylus, und einem Spondäus, oder an der Stelle dieses letztern, einem Trochäus und klingen in scherzhaften Sachen sehr lieblich. Z.E.

Gereimte,

– U U – –
Artige Jugend,
Liebe die Tugend.
Lachen und Scherzen
Reize die Herzen
Nimmer, der Erden
Sclaven zu werden;
Nimmer zum Ziele
Lockender Spiele;
Nimmer zum Triebe
Schändlicher Liebe.
Wangen und Stirnen
Buhlender Dirnen,
Reizender Schönen
Gleichen Sirenen,
Welche mit Singen
Menschen verschlingen.


oder ungereimte.

Reizende Musen!
Edle Göttinnen
Reizet doch immer
Alles auf Erden
Euch zu verehren.
Reizet und locket
Junge Gemüther,
Liebliche Künste,
Singen und Spielen,
Dichten und Reimen,
Fleißig zu lernen,
Eifrig zu üben,
Andre zu lehren,
Allen zu preisen;
Und die Verderbniß
Roher Verächter
Stolz zu verachten.


23. §. Doch auch dabey bleibet es nicht. Unsre Dichtkunst erstreckt sich auch auf die phaläcische Versart, davon gleichfalls Omeis schon gehandelt hat. Diese hat fünf Füße, davon der erste ein Spondäus, der andere ein Daktylus, die übrigen drey aber Trochäen sind. Sie sieht so aus:

| – – | – U U| – U | – U | – U |

Auf Ger | manien! | soll dein | alter | Schimmer,
Itzt so jämmerlich Dampf und Schatten leiden?
Soll dein Kaiserthum, deutscher Häuser Zierde,
Aus Nachläßigkeit, dir entrissen werden?
Und der Nachbarinn, die dich tödlich hasset,
Ewigs Eigenthum, stetes Vorrecht heißen?
Aermstes Oesterreich! wie bist du gefallen!
Hättst du Gallien nicht so viel getrauet!
Die Verheißungen Ludwigs verschmähet,
Frankreichs Herrschbegier allezeit erwogen:
So würd itzo noch deine Wohlfahrt blühen.


Man nennt sonst diese Verse, von der Anzahl der Sylben, auch Hendecasyllaben; d.i. eilfsylbigte Verse; und sie hat ihre besondre Schönheiten, die man leicht inne werden würde, wenn man sie in Uebung bringen, und nach den besten Mustern der Alten einrichten wollte.
24. §. Auf eben diese Art würde man noch viele andre Versarten der Alten, z.E. choriambische und alcaische, nachmachen können: wenn es meine Absicht wäre, eine deutsche Prosodie zu schreiben. Ich habe hier nur mit einigen Exempeln die Möglichkeit zeigen wollen, in unsrer Sprache die besten Arten des griechischen und lateinischen Sylbenmaaßes und Wohlklanges zu erreichen; die zwar von unsern Vorfahren schon eingesehen worden, allein fast wieder ins Vergessen gerathen ist. Ist man aber in diesem Jahrhunderte in so vielen Stücken von den Vorurtheilen unsrer Vorfahren abgewichen, so zweifle ich nicht, daß es auch in diesem Stücke noch wohl möglich seyn werde, unsrer Dichtkunst eine mehrere Mannigfaltigkeit zu verschaffen. Und gesetzt, daß alle diese Vorschläge nur wenige Proben hervorbrächten, und gewissermaßen critische Speculationen blieben; so würden sie doch allemal dienen können, zu zeigen, daß der wahre NUMERUS, oder Wohlklang der alten rhythmischen Poesie, nicht so gar mit den alten Sprachen verlohren gegangen, als wohl Voßius und einige andre ausländische Kunstrichter, als Lami, Rollin, Rapin, u.s.w. vorgeben: daß er nicht, wenigstens in unsrer Muttersprache noch vorhanden wäre. Ich sage damit nicht, daß man im Welschen, Französischen und Spanischen, nicht eben das würde thun können. Nein, ich glaube fest, daß es in allen Sprachen von der Welt angehen muß, wenn nur das Ohr der Dichter zart genug ist, diesen Wohlklang wahrzunehmen. Z.E. die ersten Verse des Boileau aus der VII. Satire, würde ich so scandiren, wie es die Aussprache mit sich bringt

U – U – U – U U – U
DE TOUS LES ANIMAUX QUI S'ELEVENT
U –
DANS L'AIR,


Und also würde er aus drey Jamben und zween Anapästen bestehen. Doch was geht mich die französische Poesie an? Sie mag ja durchaus kein Sylbenmaaß haben, und will mit Fleiß in der Barbarey bleiben: und Horaz schreibt:


INUITUM QUI SERUAT, IDEM FACIT OCCIDENTI.


25. §. Vielleicht denkt jemand, dieses gienge doch insgesammt nur auf die Abschaffung der Reime los; allein das sey ja schon, was die jambischen ungereimten Verse anlanget, vielfältig versuchet worden; da uns von Bergen, Miltons verlohrnes Paradies in deutschen ungereimten Versen geliefert, Veit Ludewig von Seckendorf aber, Lucans pharsalischen Krieg auf diese Art ins Deutsche übersetzt: allein man habe auch wohl aus der Erfahrung gesehen, daß diese Neuerung weder Beyfall noch Nachfolger gefunden. Ich antworte hierauf: der große Seckendorf ist zwar sonst ein gelehrter Mann; aber in der Poesie von der Stärke nicht gewesen, daß er dergleichen ungewöhnliche Sachen hätte ins Werk richten können. Wer dieses thun sollte, der müßte ein Dichter von der ersten Größe und in allen andern Stücken unverbesserlich seyn. Allein dem ungeachtet glaube ich doch, daß er mehr würde ausgerichtet haben, wenn an seinen Versen nichts mehr, als der Reim gefehlet hätte. Man sehe aber nur folgende Probe davon an; so wird mans gewahr werden. Es mag gleich der Anfang des ganzen Gedichtes dazu dienen, davon wir im vorigen Capitel den Grundtext gelesen haben:

Den mehr als Bürgerkrieg, im Feld Emathiens
Geführt, beschreiben wir, wie Unrecht recht bekommen,
Des starken Volkes Hand voll Siegs in sein Geweide
Verkehrt und aufgestellt zwey Blutsverwandte Heere,
Den Bund ums Reich getrennt, mit aller Macht gekämpft,
Der aufgerührten Welt zu gleicher Ungebühr,
Da feindlich wider sich gestoßen Römerfahnen,
Auf Römerfahnen los, auch Adler widerstunden,
Den Adlern gleicher Art, auch Bürgerspieße drehten
Sich wider Bürgerspieß.


26. §. Hier sieht man wohl, daß außer der großen Genauigkeit, womit er sein Original ausgedrücket, auch sonst viel rauhes und hartes mit unterläuft, da durch der Vers unangenehm geworden wäre; gesetzt, daß er die besten Reime von der Welt gehabt hätte. Wenn also Lucans ungereimte Uebersetzung nicht Beyfall gefunden, so folgt es deswegen nicht, daß kein ander Vers ohne Reime beliebt werden könnte. Ich wollte wetten, wenn Günther sich an diese Arbeit einmal gewagt hätte: es würde ihm zehnmal besser gelungen seyn. Ich will eben dieses Stück nach meiner Art, doch gleichfalls ohne Reime übersetzen, und hoffe, daß es weit besser klingen soll.


Ich singe von der Wuth der bürgerlichen Kriege,
Die dort Emathiens berufnes Feld verheert:
Wo Bosheit Recht behielt, und wo ein mächtig Volk,
Mit sieggewohnter Faust, sein eignes Eingeweide
Ganz tobend aufgeritzt; wo zwey verwandte Heere
Des Reiches Bund verletzt, und mit gesammter Macht
Der aufgebrachten Welt gemeine Noth gehäuft;
Wo Rom mit Rom gekämpft, wo gleiche Legionen
Mit Adlern gleicher Art den Adlern widerstanden!
Ihr Bürger! welche Wuth? wie raset euer Schwerdt,
Da es Lateiner Blut verhaßten Völkern giebt?


Ich habe auch sonst einmal einen Versuch gethan, da ich eine Stelle aus einem griechischen Poeten zu übersetzen hatte, die ich gern aufs genaueste ausdrücken wollte; welches in gereimten Versen nicht so leicht angegangen wäre. Zur Probe will ich nur den Beschluß derselben aus dem I. Theile des Biedermanns auf der 167. S. anführen. Es ist aber das Gebeth eines heidnischen Poeten an den Jupiter.

Du gnadenreicher Zevs, du Herr der finstern Wolken,
Du starker Donnergott, begab uns mit Verstand!
Vertilg uns Sterblichen die Thorheit aus dem Herzen,
Und lenke Sinn und Geist, wohin du selber willst.
Vor allem lehr uns doch den weisen Rath ermessen,
Nach welchem dein Befehl die ganze Welt regiert:
Damit wir insgesammt die großen Werke preisen,
Die deine Macht gezeugt, so wie es uns geziemt.
Denn weder Sterblichen, noch den beglückten Göttern,
Wird je von deiner Hand was köstlichers geschenkt,
Als wenn sie voller Lust die Regeln loben mögen,
Darnach dieß Weltgebäu in schönster Ordnung geht.


27. § Doch ich will deswegen nicht behaupten, daß man die Reime ganz und gar aus unsrer Poesie abschaffen solle. Sie erwecken dem Gehöre ja so viel Belustigung als das Sylbenmaaß und die Harmonie selbst; zumal wenn sie ungezwungener Weise kommen, und gleichsam von sich selber fließen. Sie können auch mit vernünftigen Gedanken und witzigen Einfällen mit der ordentlichen Wortfügung und Richtigkeit des Sylbenmaaßes gar wohl beysammen stehen, wie unsre Poeten in unzählichen Exempeln sattsam erwiesen haben. Meine Absicht wäre zum höchsten, nur beyderley Arten der Verse bey uns im Schwange zu sehen, wie solches in Italien und Engelland geschieht, wo es einem jeden frey steht, gereimte oder ungereimte Verse zu machen, nachdem es ihm beliebt. Der Nutzen davon würde meines Erachtens vielfältig seyn. Fürs erste würde man sich gewöhnen, mehr auf das innere Wesen und auf die Sachen in Versen zu sehen, als itzo geschieht; da der Klang der Reime, sonderlich in kurzen Versen, das Gehör so einnimmt, daß das elendeste Zeug bey dem größten Theile der Leser Beyfall findet, welches doch ganz kahl und mager aussehen würde, wenn es sich nicht reimete. Dergestalt würden sich die ärgsten Stümper allezeit am eifrigsten nach dem Reime drängen, und sich nie unterstehen, ungereimte Verse zu machen; aus Furcht, daß man ohne diese Schellen ihre schlechten Gedanken gar zu leicht gewahr werden würde.
28. §. Hernach würde man bey uns leichter gute Uebersetzungen der Alten machen können, als bisher geschehen: Da das Joch der Reime die Schwierigkeiten bey dieser Arbeit fast unüberwindlich gemacht hat. Die Engelländer können daher alle griechische und römische Poeten in ihrer Sprache, und zwar wiederum in Versen lesen: da sich die Franzosen mit prosaischen Uebersetzungen behelfen müssen. Diese rauben nun den Originalien die Hälfte ihrer Schönheit, weil die ungebundene Rede niemals so viel Feuer, Geist und Nachdruck haben kann, als die harmonische Schreibart der Poeten. Es ist aber allerdings nützlich, wenn auch unstudirte Leute und Frauenzimmer sich eine Kenntniß der Alten in ihrer Muttersprache zuwege bringen können. Wie wäre es z.E. wenn man einmal die Ilias Homers, in alexandrinischen reimlosen Versen folgendergestalt ins Deutsche brächte?

Singe mir, Göttinn, ein Lied vom Zorne des Helden Achilles,
Welcher dem griechischen Heere verderblich u. schädlich geworden,
Und so viel Geister der Helden ins Reich des Pluto gestürzet;
Aber sie selbst den Hunden und Vögeln zur Speise gegeben.
So geschah Jupiters Rath: seit dem Agamemnon, der König,
Sich mit Achillen entzweyt. Ach! was für erzürnete Götter
Haben dieß Paar zum Zorne gereizt, zum Streite getrieben?
Jupiters und Latonens Sohn, der war auf den König
Heftig erzürnt, und hatte die Pest im Lager erwecket,
Welche die Völker betraf. etc.


29. §. Drittens würden wir auch in Schauspielen bald glücklicher werden, als wir noch zur Zeit sind. Tragödien und Comödien können und sollen von rechtswegen in einer leichten Art von Versen geschrieben seyn; damit sie von der gemeinen Sprache nicht merklich unterschieden, und doch einigermaaßen zierlicher, als der tägliche Umgang der Leute, seyn mögen. Wenn nun alle Personen mit gereimten Versen auf die Schaubühne treten, und dieselben herbethen, oder wohl gar hersingen, wie ungeschickte Comödianten thun: wie kann das natürlich herauskommen? Oder wie kann es dem Zuschauer wahrscheinlich seyn, daß er wirklich die Handlungen gewisser Leute mit ansieht, und ihre ernstliche Gespräche höret? Die Reime klingen immer gar zu studirt, und erinnern ihn ohn Unterlaß, daß er nur in der Comödie sey; welches er zuweilen gern vergessen wollte, um ein desto größeres Vergnügen zu genießen. In diesem Stücke haben die heutigen Engelländer auch vor den Franzosen den Vorzug: indem sie nach dem Exempel der Alten in ihren besten Tragödien fast lauter ungereimte Verse brauchen; da hingegen diese lauter reimende Helden auf die Bühne stellen.
30. §. Doch ich bin den Reimen überhaupt nicht zuwider; und gestehe es gar gerne, daß ein wohlgemachter, und noch dazu gereimter Vers destomehr Anmuth habe. Es sind aber bey uns Deutschen sowohl als bey den Franzosen zweyerley Reime im Schwange, nämlich die einsylbigten männlichen, und die zweysylbigten weiblichen. Diese vermischen wir mit einander auf vielerley Art, wie in den gemeinen poetischen Handbüchern nach der Länge gewiesen wird. Und eine solche Abwechselung erweckt wiederum eine Art der Belustigung für die Ohren. Hergegen die Italiener bedienen sich fast lauter weiblicher Reime, so wie die Engelländer lauter männliche haben; die sie gleichwohl mit ihren Nachbarn durcheinander mischen. Bey uns würde das nicht klingen: denn z.E. zwischen zween gereimten weiblichen Versen soll kein dritter stehen, der sich mit ihnen nicht reimet; und mit männlichen ist es eben so. Wenn wir mischen wollen, so muß es dergestalt geschehen, daß zwischen die zusammengehörenden Reime männlicher Art, einer oder zweene von weiblicher Gattung zu stehen kommen. Drey Zeilen darzwischen zu schieben, ist höchstens in Recitativen erlaubt: anderwärts wird es nicht klingen, weil man die Reime sonst gar verlieren würde. Wenn man sie aber nicht mehr hören kann, so ist es eben so viel, als ob sie gar nicht mehr da wären.
31. §. Unsre Alten haben fast lauter männliche Reime gemacht, wie in Hans Sachsen zu sehen ist. Aber in Ottfrieden finde ich doch auch überaus viel weibliche; also sind wohl beyde gleich lange im Besitze ihrer Rechte gewesen. Wir können zwar ganze Gedichte in einer Art von Reimen verfertigen: allein die Wahrheit zu sagen, so sind lauter männliche in unsrer Sprache zu hart; und lauter weibliche zu zart. Die Engländer haben eine geschwinde und scharfe Aussprache, daher beißen sie auch den Reimwörtern, die bey uns weiblich lauten würden, den Schwanz ab, und machen also aus zweysylbigten Reimen lauter einsylbigte. Die Italiener hingegen sind zur Weichlichkeit gleichsam gebohren, und können also die beständige Zärtlichkeit weiblicher Reime auch in ganzen Heldengedichten, als z.E. des Tasso seinem, gar wohl leiden. Die erste Strophe desselben soll zum Exempel dienen:

CANTO L'ARME PIETOSE D L'CAPITANO,
CHE'L GRAN SEPOLCRO LIBERO DI CHRISTO;
MOLTO EGLI OPRÒ COL SENNO E CON LA MANO,
MOLTO SOFFRI NEL GLORIOSO ACQUISTO:
E IN VAN L'INFERNO OPPOSE E IN VANO
S'ARMO D'ASIA, & DI LIBIA IL POPOL MISTO,
CHE FAVORILLO IL CIELO, E SOTTO A I SANTI
SEGNI, RIDUSSE I SUOI COMPAGNI ERRANTI.


Es scheint, daß sich die Pohlen nach ihnen hauptsächlich gerichtet haben müssen: weil die poetische Uebersetzung der Argenis bey ihnen gleichfalls keinen einzigen männlichen Reim hat.
32. §. Gemeiniglich reimen sich bey uns nur zwey und zwey Verse, außer daß in Recitativen und Arien zuweilen drey, in Sonnetten aber vier ähnliche Reime erlaubt sind. Die Italiener hergegen reimen sehr oft drey Zeilen auf einander, wie denn Tasso z.E. sein ganzes Heldengedichte durch, in jeder Strophe solches gethan, wie das Exempel im vorigen §. zeiget. Das macht aber, daß ihre Sprache an Reimen einen Ueberfluß hat, darüber wir uns so leicht nicht beschweren können. Bey uns hat zwar der Uebersetzer des Tasso seinem Originale in den dreyfachen Reimen nachfolgen wollen, aber keinen Anhang dadurch bekommen: vielleicht, weil sonst sein befreytes Jerusalem nicht Schönheiten genug gehabt, um sich Beyfall zu erwerben. Z.E. Die erste obige Strophe klingt auf deutsch so:


Von Wehr und Waffen ich und von dem Hauptmann sing,
Der Christi werthes Grab gar ritterlich erstritte,
Mit Hand und mit Verstand verrichtet er viel Ding,
In dem berühmten Sieg er mächtig viel erlitte.
Die Höll zu dämpfen ihn umsonst sich unterfing,
Die Heidenschaft auf ihn umsonst zusammen ritte,
Dann seine Helden er, durchs Himmels Gunst und Macht,
Bey alle Kreuzpanier zusammen wieder bracht.


Die Engeländer binden sich zwar an so was regelmäßiges nicht: aber sie verwehren sich die Freyheit nicht, mitten in einem Gedichte, in langen Versen, drey Zeilen auf einander zu reimen, so oft es sich thun läßt: ja sie bemerken auch dieselben an der Seite allezeit durch ein besonderes Verbindungszeichen. Z.E. Der Beschluß zu Addisons Cato hebt dergestalt an:

WHAT ODD FANTASTICK THINGS WE WOMEN DO!
WHO WOUD NOT LISTEN WHEN YOUNG LOVERS WOO?
WHAT! DIE A MAID, YET HAVE THE CHOICE OF TWO!
LADIES ARE OFTEN CRUEL TO THEIR COST,
TO GIVE YOU PAIN, THEMSELVES THEY PUNISH MOST.
VOWS OFT VIRGINITY SHOU'D WELL BE WEIGH'D,
TOO OFT THEY'RE CANCELL'D, THO IN CONVENTS MADE.
WOUD YOU REVENGE SUCH RASH RESOLVES – – YOU MAY
BE SPIGHTFULL – – AND BELIEVE THE THING WE SAY;
WE HATE YOU, WHEN YOU'RE EASILY SAID NAY.


33. §. Die Franzosen pflegen, außer in Sonnetten und Ringelgedichten, nicht leicht mehr als zwey Zeilen auf einander zu reimen. In jenen nämlich müssen die ersten acht Zeilen nur zweyerley Reime haben, so daß vier männliche und vier weibliche auf einander passen. Im Rondeau aber müssen anfänglich erst fünf, und hernach acht Zeilen, die aber durch einander gemischt werden, einerley Reim haben. Unsere Prosodisten haben in allen ihren Anleitungen gewiesen, daß es auch bey uns angehe, dergleichen zu machen: man sieht aber nicht, daß sie Liebhaber bey unsern Poeten finden. Es ist ein entsetzlicher Zwang dabey; denn man muß die Gedanken gar zu sehr nach diesem kindischen Schellenklange richten; und endlich kömmt doch nur ein Spielwerk heraus, daran sich nur kleine Geister belustigen. Diese können der Reime niemals satt werden, und ich glaube, daß man bloß ihnen zu gefallen die seltsame Art von Versen erdacht, die sich vorn und hinten, ja wohl gar auch in der Mitte reimen, davon man in Menantes gal. Poesie Exempel nachlesen kann. Ein verständiger Poet sieht mit dem berühmten Ritter Temple,
dem Herrn Alay, als Urheber der severambischen Historie, und dem Grafen Schaftesbury die Reime als einen Ueberrest der barbarischen Scythen, Gothen und Gelten an; die wir lieber zu vermindern als zu vermehren Ursache hätten. Er reimet daher in seinen Poesien so wenig, als es sich thun läßt; und gönnet den Pegnitzschäfern den Vorzug, alle ihre Sylben und Worte zu reimen, dergleichen Exempel oben auf der 295 vorgekommen.
34. §. Außer dem Sylbenmaaße und den Reimen, trägt zum Wohlklange eines Verses, der Abschnitt in langen fünfbis sechsfüßigen Zeilen sehr viel bey. Dieses ist gleichsam ein kleiner Ruheplatz, wo man in der Aussprache ein wenig stille halten, und, wenn es nöthig seyn sollte, neuen Athem schöpfen kann. Die Alten haben zu diesem ihrem Abschnitte in Versen keine gewisse Stelle bestimmet, indem sie z.E. in Hexametern bald in dem andern, bald in dem dritten, bald im vierten Fuße den Abschnitt machen. Zum Beweise sollen mir folgende Zeilen Lucans dienen, die zunächst auf die oben angezogene Stelle folgen:

NEC COÏERE PARES; | ALTER VERGENTIBUS ANNIS
IN SENIUM, | LONGOQUE TOGAE TRANQUILLIOR VSU,
DEDIDICIT IAM PACE DUCEM, | FAMAEQUE PETITOR
MULTA DARE IN VULGUS, | TOTUS POPULARIBUS AURIS
IMPELLI, | PLAUSUQUE SUI GAUDERE THEATRI.


Hier sieht man wohl, daß in der andern und fünften Zeile der Abschnitt in der Hälfte des andern Fusses, in der ersten und vierten, in der Hälfte des dritten, und in der dritten Zeile in der Hälfte des vierten gemacht worden sey. Im Virgil und Ovid findet man eben das, obwohl es nicht zu leugnen ist, daß die mittlere Art viel gemeiner ist, als die andern. Im Horaz aber, wenn er gleich in Hexametern schreibet, wird man dieses Stück des Wohlklanges sehr selten finden; so wenig hat er sich daran gekehrt, ob seine Briefe oder Satyren angenehm ins Ohr fielen. Er schrieb nur SERMONES; und glaubte, sie müßten der täglichen Unterredung gleich kommen.
35. §. Wie nun dieses für den Poeten überaus bequem ist, und selbst den Versen eine angenehme Mannigfaltigkeit zuwege bringt: so haben sich auch die Italiener und Engeländer an keine andre Regel binden wollen. Aus denen kurz vorhin angeführten Exempeln wird man solches zur Gnüge abnehmen können, ja zuweilen wird man gar keinen geschickten Abschnitt in einem Verse finden können. Die Franzosen hergegen, die Holländer und wir Deutschen sind darinn viel genauer gegangen. In den zehn- und eilfsylbigten Versen hat man nach der vierten Sylbe, und in alexandrinischen nach der sechsten, oder vielmehr gerade in der Hälfte den Abschnitt zu machen beliebet, und sich beständig daran gebunden. Denn was einige Stümper unter uns anlanget, die in einigen Gedichten sich einer italienischen Freyheit anmaaßen, und sonderlich in den fünffüßigen Versen, den Abschnitt bald nach der vierten, bald nach der sechsten Sylbe, bald auch wohl gar nicht gemacht haben: so überläßt man dieselbe ihrem Eigensinne und dem Gespötte der Schüler, die den Uebelklang solcher Zeilen sogleich wahrnehmen. Es klingt noch einmal so gut, wenn man selbst durch die Worte und den Sinn des Dichters, allezeit an einer gewissen Stelle, etwas inne zu halten, genöthiget wird; ohne daß der Verstand zerrissen werden, oder der Wortfügung zuviel geschehen darf.
36. §. Es ist daher ein Uebelstand, wenn in der ersten Hälfte des Verses ein Beywort an dem Abschnitte steht, da indessen das Nennwort, welches dazu gehört, allererst in der andern Hälfte folget. Z.E. wenn ich schriebe:


Die unvergleichlichen | Poeten unsrer Zeiten etc.


Hier trennet der Abschnitt ein paar Wörter und Begriffe, die zusammen gehören, welches sehr unangenehm fällt. Und gleichwohl ist Bessern ein solcher gedehnter Vers entfahren:

O unerbittliches Verhängniß meiner Jahre!


der gewiß nicht ein Haar besser ist, als der obige. Aus gleicher Ursache hat mir folgender Vers eben dieses Poeten niemals gefallen wollen:


Die Gott und ihrem Mann | getreueste Calliste etc.


Hier ist ebenfalls die erste Hälfte des so langgestreckten Beywortes zur Calliste durch den Abschnitt getrennet worden; so, daß man mit Widerwillen daselbst stille halten muß, wo man noch nichts rechtes denken kann. Ganz besondre Regeln kann man indessen von allen Fehlern, die hier begangen werden, nicht geben. Ein jeder muß nach seinem eigenen Gehöre sich aus den Schriften der reinesten Poeten einen guten Geschmack zuwege bringen, um selbst zu entscheiden, was wohl oder übel klinget.
37. §. Ich komme auf die Schlußpuncte ganzer Sätze, welche gewiß sehr viel zum Wohlklange eines Gedichtes beytragen, wenn sie auf bequeme Stellen fallen. Fürs erste ist es wohl gewiß, daß ein solcher Stillstand sich am besten an das Ende ganzer Zeilen schickt. Z.E.


Mein Morgen ist vorbey, die Kindheit meiner Tage:
Wie ich den hingebracht, das weis ich selber nicht.

Canitz.


Hier sieht man wohl, daß beyde Zeilen einen völligen Verstand in sich schließen, und also am Ende einen Ruhepunkt erfordern. Das klingt nun, sonderlich in dieser Art von Versen, wo männliche und weibliche Reime wechselweise stehen, und die wir Elegien nennen, überaus angenehm: woher es denn kömmt, daß auch die Alten, z.E. Ovidius, Tibullus, Propertius, diese Regel aufs genaueste beobachtet haben. Wenn aber mein Poet fortfährt:

Mein Mittag ist vorbey, der ohngefähr die Wage
Des matten Lebens hielt. Herr! geh nicht ins Gericht.


So hört wohl ein jeder, daß dieses schon so anmuthig nicht klingt, weil der Stillstand nicht am Ende der Zeile, sondern in der Hälfte der folgenden erst erfolget. Doch da hier mit der vierten Zeile gleichwohl der Verstand sich schließet, so geht dergleichen Kleinigkeit auch in Elegien noch hin. Das aber ist unerträglich, wenn man aus der vierten Zeile, in dieser Art verschränkter Verse, den Sinn noch bis in die fünfte zieht. Mir fällt kein Exempel davon bey, und ich mag nicht lange mit suchen zubringen: darum mag sich ein jeder selbst dergleichen anmerken, und sein Gehör zu Rathe ziehen. Ich bin versichert, daß nichts schöner klingt, als wenn in Elegien Zeile für Zeile, oder doch höchstens zwey und zwey Zeilen einen vollen Verstand in sich schließen, und entweder einen Punct oder ein Colon am Ende leiden.
38. §. Ganz anders verhält sichs im Deutschen mit unsern heroischen Versen, wo man die Reime nicht trennet. Zwar haben wir die Freyheit der Lateiner und Griechen nicht, welche den Punct überall hinbringen konnten. Exempel darf ich von einer so klaren Sache nicht anführen, denn man wird sie auf allen Blättern der Poeten, sonderlich aber im Horaz antreffen. Daher verwirft man heute zu Tage, was unsre Alten in diesem Stücke sich heraus genommen. Z.E. Lohenstein in der Cleopatra Vtem Aufzuge Istem Auftritte, läßt die Königinn sagen:

Wascht sieben Tag euch nicht. Umschränkt die Todtenkiste
Mit Eppich. Ziehet Säck anstatt Damasten an.


Und bald hernach in derselben Scene sagt Belisar:

Serapens Tempel glänzt
Voll Feuer. Das Altar der Isis ist bekränzt
Mit Myrten. Und das Volk etc.


Das klingt nun wohl freylich nicht schön, und man hat Ursache gehabt, in neuern Gedichten sich vor solchen Freyheiten in acht zu nehmen. Doch haben wir uns auch so genau nicht binden wollen, als die Franzosen, welche niemals anderswo, als am Ende der Zeilen, einen Schlußpunct leiden. Unsere besten und reinsten Poeten haben sichs niemals verbothen, den Verstand in heroischen Versen, bis an den Abschnitt einer folgenden Zeile, zu ziehen. Ich will nur Amthorn und Günthern zum Beweise anfuhren, die gewiß in der Reinigkeit ohne Tadel sind. Der erste will in der Uebersetzung aus Virgils Aeneis von den Musen wissen:


Warum Junonens Zorn durch ihres Eifers Macht
Auch selbst die Frömmigkeit in solche Noth gebracht,
In so gehäufte Noth? Ist das auch wohl zu loben,
Daß selbst die Götter so, vor Wuth und Rache toben?


Und Günther, in dem Lobgedichte auf den König August, schreibt von der Geschwindigkeit im Dichten:

Dieß kann Lucil, ich auch. Allein ich seh und weis,
Wie viel Verstand und Witz, Geduld und Zeit und Fleiß
Ein tüchtig Werk begehrt, das Kluge lüstern machen,
Der Lorbern würdig seyn, der Neider Grimm verlachen
Und ewig leben soll.


Wenn man sich nun dieser Freyheit mit Maaßen bedienet, dann kann man es uns für keinen Fehler anrechnen. Wir halten dadurch das Mittel zwischen dem Zwange der Franzosen, und der gar zu großen Freyheit der Italiener und Engeländer, die aber dadurch eine große Anmuth verlieren.

39. §. Was endlich im Deutschen die Oden anlangt, so gehört fürs erste dazu, daß sich mit jeder Strophe der volle Verstand schließe. Die alten Lateiner haben sich daran auch nicht gebunden. In den meisten Oden des Horaz hängen etliche Strophen so an einander, daß man an dem Ende der einen gar nicht stille stehen kann. Da möchte ich nun gerne wissen, wie das nach ihrer Musik im Singen geklungen? Bey uns klingt es nicht, wie wir aus etlichen altfränkischen Kirchenliedern sehen. Allein das ist noch nicht genug. Wenn die Strophen mehr, als vier Zeilen haben, so kömmt auch wohl mehr, als ein Punct in derselben vor; und da fragt sichs, ob er überall stehen könne? Am Ende jeder Zeile zwar, kann es niemand gewehrt werden, den Verstand zu schließen: allein außer dem giebt es in jeder Art der Abwechselung von Zeilen gewisse Stellen, wo die Puncte vornehmlich hingehören, und wer sie daselbst nicht macht, der sündiget wider den Wohlklang. Doch das gehört eigentlich ins Capitel von Oden.
40. §. Dieß ist nun das allgemeine, so ich vom Wohlklange der poetischen Schreibart überhaupt habe sagen können. Besondre Anmerkungen muß sich ein jeder selbst machen. Die gemeinen Regeln von der Prosodie und den Reimen habe ich hier nicht abhandeln wollen. Sie stehen in so viel hundert Handbüchern, und ich setze zum voraus, daß man sich dieselben bekannt gemacht hat, ehe man mein Buch lesen will. Ich habe nur den Grund von demjenigen anzeigen müssen, was andere weitläuftiger vorgeschrieben haben. Und also schließe ich mit diesem Capitel den ersten Theil meiner Dichtkunst, darinn ich nach einer historischen Einleitung im I. Capitel, den Poeten selbst im II. und III. Capitel beschrieben; im IV. das Wesen der Poesie, d.i. die Nachahmung, und sonderlich die Fabel erkläret, und im V. und VI. ihre vornehmsten Eigenschaften gewiesen. In allen folgenden Capiteln habe ich die Mittel, wodurch die poetische Nachahmung geschieht, nebst ihrem rechten Gebrauche und Misbrauche angezeiget: d.i. Ich habe die poetische Schreibart, nach ihren Fehlern und Schönheiten entdecket. Das waren nun allgemeine Lehren: im folgenden Theile wollen wir die besondern Gattungen der bey uns üblichen Gedichte vor die Hand nehmen.



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Fußnoten

¹ Quintilian schreibt: POEMA NEMO DUBITAUERIT IMPERITO QUODAM INITIO FUSUM, & AURIUM MENSURA & SIMILITER DECURRENTIUM SPATIORUM OBSERUATIONE ESSE GENERATUM; MOX IN EO REPERTOS PEDES: das ist: Ohne Zweifel ist die Poesie aus einem unstudirten Triebe von ohngefähr entstanden und durch die Aufmerksamkeit der Ohren auf die gleich fortlaufenden Zeilen und Worte erzeuget worden; bis bald darauf auch die Füsse erfunden sind.

² NUMERUS IN CONTINUATIONE NULLUS EST, DISTINCTIO & AEQUALIUM & SAEPE VARIORUM INTERUALLORUM PERCUSSIO, NUMERUM CONFICIT, QUEM IN CADENTIBUS GUTTIS, QUOD INTERUALLIS DISTINGUUNTUR, NOTARE POSSUMUS, IN AMNI PRAECIPITANTE NON POSSUMUS.

³ NEC VERO EXISTIMANDUM, EX QUO BARBARUS ISTE SONUS INUALUIT, VNO SALTEM HOC VITIO FOEDATAM FUISSE POETICAM: ALIUD QUIPPE ETIAM LONGE MAIORIS MOMENTI MALUM ARTEM HANC INUASIT: QUOD NEMPE SUBLATO RHYTHMO & CAR MINUM MENSURA, SIMUL QUOQUE SUBLATUS FUERIT CARMINUM CANTUS. SI LATINOS EXCEPERIS VERSUS, FACTOS AD IMITATIONEM VETERUM, NULLA IN HOC NOSTRO SAECULO IN TOTA EUROPA SCRIBANTUR POEMATA, QUAE NERUIS & CANTUI COMMODE PESSINT APTARI.

Denn nachdem et von dem Wohlklange überhaupt erst gesagt: ILLUD AUTEM NE QUIS ADMIRETUR, QUONAM MODO HAEC VULGUS IMPERITORUM IN AUDIENDO NOTET: CUM IN OMNI GENERE; TUM IN HOC IPSO, MAGNA QUAEDAM EST VIS INCREDIBILISQUE NATURAE. So setzt er nach einer allgemeinen Anmerkung von den Urtheilen, die nach dem Geschmacke allein gefället werden, hinzu: ITAQUE NON SOLUM VERBIS ARTE POSITIS MOUENTUR OMNES, VERUM ETIAM NUMERIS AC VOCIBUS. QUOTUS ENIM QUISQUE EST, QUI TENEAT ARTEM NUMERORUM AC MODORUM? AT IN HIS, SI PAULUM MODO OFFENSUM EST, VT AUT CONTRACTIONE BREUIUS FIERET, AUT PRODUCTIONE LONGIUS, THEATRA TOTA RECLAMANT.

Siehe die Vorrede zu Josua Malers DICTION. GERMAN. LATIN. wo er also schreibt: NOS AD LATINORUM GRAECORUMQUE IMITATIO NEM NUMEROSA MEDITARI CARMINA COEPIMUS, ID QUOD IN HEXAMETRIS HEROICIS PARUM FELICITER PROCEDIT. IN PHALEUCIS VERO MELIUS.

OEUVRES MELÉES DE LA POESIE.

CHARACTERISTIKS OF MEN, MANNERS AND TIMES.


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