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Gottsched: Das V. Capitel

Diskurs / Poetik > Poeterey



Erster allgemeiner Theil



Das V. Capitel.


Von dem Wunderbaren in der Poesie.



1. §. Im ersten Hauptstücke ist schon beyläufig gedacht worden, daß sichs die ältesten Dichter hätten angelegen seyn lassen, sich bey dem einfältigen Haufen ein Ansehen zu erwerben, und von ihm bewundert zu werden. Nun bewundert man nichts Gemeines und Alltägliches, sondern lauter neue, seltsame und vortreffliche Sachen. Daher mußten auch die Poeten auf etwas Ungemeines denken, dadurch sie die Leute an sich ziehen, einnehmen und gleichsam bezaubern könnten. In den ältesten Zeiten nun, war dieses eben nicht zu schwer. Den unwissenden Leuten war alles, was man ihnen vorsingen oder sagen konnte, sehr neu und seltsam: denn sie hatten noch nichts bessers gesehen oder gehört. Allein in den folgenden Zeiten hat es den Dichtern mehr Mühe gemacht. Je aufgeklärter die Zeiten wurden, desto schwerer ward es auch, das Wunderbare zu erfinden, und die Aufmerksamkeit dadurch zu gewinnen. Der Grund dieser Bemühung aber steckt in der menschlichen Neugierigkeit; und die Wirkungen habens gewiesen, daß sie nicht vergebens gewesen. An sich selbst aber ist dergleichen Mittel, die Leute aufmerksam zu machen, ganz erlaubt: wenn man nur den Endzweck hat, sie bey der Belustigung zu bessern und zu lehren.
2. §. Nun kann man wohl freylich die Fabel selbst, davon wir im vorigen Hauptstücke gehandelt haben, von dem Wunderbaren nicht ausschließen. Die äsopischen Fabeln insonderheit sind von der Art, daß sie Kindern und Einfältigen sehr wunderbar vorkommen; bloß weil es neu und seltsam zu hören ist, daß Thiere, Bäume und andere leblose Dinge vernünftig geredet haben sollen. Die Fabeln von Göttern sind völlig von eben der Gattung. Es dünkete den alten Heiden sehr wundersam zu seyn, wenn sie höreten, daß die größten himmlischen und irdischen Götter zwar sonst eben so, als wir Menschen, gleichwohl aber viel mächtiger, stärker, künstlicher, witziger und weiser, ja gar unsterblich wären, wie sie Hesiodus und Homerus beschrieben. Dieses letzte nahm die damalige Einfalt wunder, da es doch vielmehr das erste hätte thun sollen: Und sie hatten einige Ursache dazu, weil die ersten Poeten sehr unrichtige Begriffe von der Gottheit gehabt, die der Vernunft nothwendig lauter Anstoß und Aergerniß geben mußten. Die menschlichen Fabeln, die in Heldengedichten, Schauspielen und Schäfergedichten hauptsächlich herrschen, scheinen anfangs nicht viel Wunderbares in sich zu begreifen: weil lauter Personen darinn vorkommen, die gewöhnlicher Weise in der Welt zu reden und zu handeln pflegen. Allein die Verwirrungen dieser Fabeln, die mannigfaltigen unvermutheten Zufälle, die ihren Hauptpersonen begegnen, die großmüthigen oder verzagten Entschließungen, die sie dabey fassen, und andre solche Stücke mehr, machen eine sonst ganz wahrscheinliche Fabel oft so wunderbar, als ob Bäume und Thiere mit einander geredet hätten; oder als ob ein halb Dutzend Götter sichtbar erschienen wären.
3. §. Wir können also, nach dieser Anleitung, das Wunderbare in drey Gattungen eintheilen, davon die erste alles, was von Göttern und Geistern herrühret; die andre alles, was von Glück und Unglück, von Menschen und ihren Handlungen entsteht; die dritte, was von Thieren und andern leblosen Dingen kömmt, in sich begreift. Alle drey Arten setzen den Leser oder Zuschauer eines Gedichtes in Erstaunen, wenn sie nur wohl ersonnen, und glücklich angebracht worden: alle drey müssen auch nach gewissen Regeln eingerichtet werden, wenn sie nicht kindisch und lächerlich herauskommen sollen.
4. §. Das erste Wunderbare, was die Götter verursachen, ist wohl zweifelsohne der Beystand, den sie dem Poeten selbst leisten sollen. Wir finden, daß die Alten, nicht nur die Musen, sondern auch wohl andre Gottheiten, als den Jupiter, Phöbus, Bacchus, Mars, imgleichen die Venus, Diana, Sonne etc. angeruffen haben: doch haben die erstern allezeit den Vorzug behalten, daß man sie für die eigentlichen Gehülfinnen der Dichter angenommen hat. Daher entstunden nun die häufigen Anruffungen derselben, die wir in allen Arten der Gedichte antreffen. Die Poeten achteten sichs für eine Ehre, von den Musen getrieben und begeistert zu seyn, oder es wenigstens zu heißen: ja sie begaben sich fast alles Antheils, den sie an ihren Sachen hatten, um nur für göttlich erleuchtete Männer gehalten zu werden, die gleich den Propheten, nicht von sich selbst, sondern aus höherer Eingebung geredet und geschrieben hätten. Bey der Einfalt der ältesten Völker, war auch dieses etwas leichtes. Die dummen Leute, die irgend eines mittelmäßigen Poeten Verse höreten, dachten so gleich: das gienge nicht natürlich zu, daß ein solcher Mensch, wie sie, dergleichen ungemeine Dinge aus seinem eigenen Kopfe vorbringen könnte. Der Schluß war also richtig: haben sie es nicht von sich selbst; so hat es ihnen ein höheres Wesen, eine Gottheit, oder eine Muse eingegeben. Wir finden selbst in der Vertheidigungsrede des Sokrates beym Plato, daß Sokrates von den Poeten sagt: sie pflegten viele herrliche und schöne Sprüche und Sachen zu sagen; doch wären sie daher den Propheten gleich, die auch treffliche Dinge sagten, aber selbst dasjenige nicht verstünden, was sie redeten. Dergestalt könnte wohl so gar dieser Weltweise die Poeten für begeisterte Leute gehalten haben. Und warum das nicht? Zum wenigsten hat es mit ihren göttlichen Trieben eben so viel Richtigkeit gehabt, als mit seinem Geiste, der ihn allezeit gewarnet haben soll. Wenn nun die Poeten, diesem gemeinen Wahne zu folgen, fleißig die Musen anriefen: so klang es in den Ohren des Pöbels so andächtig, als wenn heutiges Tages die Prediger Gott um seinen Beystand zu ihrer Arbeit anflehen; und folglich machte es dem Dichter ein gutes Ansehen. Und daher mag es vielleicht gekommen seyn, daß so gar Lucretius, der doch keine Vorsehung oder Wirkung der Götter in der Welt glaubte, eben das Buch, von der Natur der Dinge, darinn er diese Lehre vorzutragen willens war, mit einer Anruffung der Göttinn Venus angefangen hat.
5. §. Wie aber alle Dinge großen Misbräuchen unterworfen sind, so geht es auch mit dem Anruffen der Musen. Die heidnische Mythologie ist niemals systematisch vorgetragen worden: daher ist es denn geschehen, daß auch die alten Poeten vielfältig wider ihr eigen Fabelsystema verstoßen haben, indem sie die Musen zur Unzeit angeruffen. Man kann an allen Gedichten die Forme von der Materie, oder die äußere Gestalt von dem Innhalte unterscheiden, und dabey verschiedene Fehler anmerken, die von den Poeten begangen worden. Der Forme nach ist ein Gedichte entweder groß, oder klein; entweder episch, oder dramatisch; entweder in erhabener Schreibart abgefaßt, oder in einer niedrigen und gemeinen Art des Ausdruckes geschrieben. Da wird es nun leicht zu begreifen seyn, daß ein Poet wohl in großen, epischen und erhabenen: aber nicht in kleinen, dramatischen und niedrigen Gedichten die Musen anruffen müsse. Die Ursache ist bald zu finden. Die Kräfte eines Menschen, von gutem aufgewecktem Kopfe, langen zur Noth, auch nach der Einfältigsten Geständnisse, schon zu, ein Sonnet, ein Madrigal, eine Arie, kleine Ode, Satire, ja auch wohl Elegien, Briefe und Schäfergedichte zu verfertigen. Was ist es also nöthig, in solchen Kleinigkeiten den göttlichen Beystand der Musen zu suchen?
6. §. Sollte man es nun wohl denken, daß auch die allerbesten Dichter des Alterthums, eine so deutliche Wahrheit nicht erkannt haben sollten? Gleichwohl ist es leicht zu erweisen: und man muß sich also auf ihre Exempel nicht beruffen, um unsre Regel umzustoßen. Die Alten sind nämlich auch Menschen gewesen, und haben also irren können. Z.E. Virgil scheint dieses nicht allezeit bedacht zu haben, indem er in seinen Eklogen gar oft die Musen anrufft; da doch diese Art von Gedichten so was schweres, und erhabenes nicht an sich hat. Z.E.

ECL. IV.

SICELIDES MUSAE, PAULLO MAIORA CANAMUS.

ECL. VIII

VOS QUAE RESPONDERIT ALPHESIBOEUS,
DICITE PIERIDES. NON OMNIA POSSUMUS OMNES.


Horaz ist hierinn viel bescheidner gewesen, weil er wohl unzähliche kleine Oden, Briefe und Satiren gemacht, ohne die Musen ein einzigmal anzuruffen. Nur wenn er etwas größeres machen will, dergleichen die IV. Ode des III. Buches ist, so hebt er an:

DESCENDE COELO, & DIC AGE TIBIA,
REGINA LONGUM CALLIOPE MELOS.


Oder wenn er eine Jubelode abfasset, so wendet er sich an verschiedene Gottheiten. Siehe sein Carmen saeculare.

PHOEBE SILUARUMQUE POTENS DIANA,
LUCIDUM COELI DECUS, O COLENDI
SEMPER, & CULTI, DATE QUAE PRECAMUR

TEMPORE SACRO. & C.


Hieraus ist nun leicht zu schließen, daß die heutigen Poeten, die in allen elenden Hochzeit- und Leichenversen der Musen Hülfe haben wollen, die Hoheit dieser Göttinnen schlecht verstehen, wenn sie sich einbilden, daß sie sich um ihrer elenden Kleinigkeiten wegen viel bemühen würden. Es würde auch bey so vielem magern Zeuge nicht leicht zu besorgen seyn, daß man ihre Einfälle für etwas Uebermenschliches halten möchte.
7. §. Die epischen Gedichte heißen hier alle diejenigen, darinn der Poet selber redet, ob er gleich zuweilen auch andre redend einführet. Hierinn geht es nun freylich an, daß er die Musen nach Beschaffenheit der Sachen anruffen könne. Sie mögen nun von ernsthafter, oder lustiger, oder scherzhafter Art seyn. So hat Homer so wohl in der Ilias, als in der Batrachomyomachie, Virgil so wohl in der Aeneis, als in s. CULEX, so wohl Tasso im Gottfried, als Tassoni, in dem geraubten Siegel; so wohl Milton im Paradiese, als Buttler im Hudibras; so wohl Chapelain in der Jungfer von Orleans, als Scarron in der Gigantomachie eine gewisse Muse angeruffen. Allein in dramatischen Gedichten oder Schauspielen, wo der Poet gar nicht zum Vorscheine kömmt, sondern lauter andere Personen die Fabel spielen läßt, da ist es gar wider alle Wahrscheinlichkeit, daß eine von denselben, entweder für sich, oder im Namen der andern, den Beystand der Musen anrufen soll. Denn sie werden ja nicht als Poeten vorgestellet, die etwas dichten wollten; sondern als schlechte Menschen, die aus eignen Kräften nach Veranlassung der Umstände reden und handeln. Diese Regel ist auch von den Alten und Neuern so wohl beobachtet worden, daß man nichts weiter davon hinzusetzen darf.
8. §. Die erhabne Schreibart, ist von der gemeinen Art zu reden durch die edlen, geistreichen und feurigen Ausdrückungen sehr unterschieden, wie man im folgenden zeigen wird. Wenn also ein Poet recht was Hohes schreibt, welches ihm nicht ein jeder vermögend ist nachzuthun: so sieht man wohl, daß er sich des Beystandes der Musen mit guter Wahrscheinlichkeit rühmen, sie auch deswegen mit Recht darum anrufen könne. So hat z.E. Neukirch in dem schönen Trauergedichte auf die Königinn in Preußen, Charlotte, und Pietsch in dem Gesange auf den Prinz Eugen sich der Anrufung mit gutem Rechte bedienet; weil beyde in der erhabenen Schreibart abgefaßt sind. Auch Günther, in seiner langen Ode auf diesen Helden, würde nicht darum zu tadeln seyn, wenn er nur nicht oft in die allerniedrigste Schreibart gesunken wäre. Schreibt man aber ein kurzes Gedichte, oder sonst eine Kleinigkeit, in der gemeinen Sprache des Pöbels, die nichts Edles, nichts Feuriges, nichts Ungemeines hat: so wäre es abermal lächerlich zu sagen, daß er solches mit Hülfe der Musen verfertiget hätte; welche sich gewiß von ihren Hügeln so tief nicht herunter zu lassen pflegen. Es versteht sich aber, daß hier so wohl die scherzhaften Heldengedichte, als größere poetische Werke ausgenommen seyn müssen; zumal sie zuweilen wohl gar eine edle Schreibart haben.
9. §. Ihrem Inhalte nach, sind die Gedichte entweder unter die historischen oder dogmatischen, oder auch unter die prophetischen zu rechnen. Hier fragt sichs nun, ob alle drey Gattungen, oder nur eine davon für die Musen gehöret? Von den historischen ist wohl kein Zweifel: denn die Musen sind Töchter der Mnemosyne; dadurch die Fabel unfehlbar anzeiget, daß die Wissenschaft alter Geschichte ihnen eigen sey. Die Spuren davon findet man überall in den Poeten; zu geschweigen, daß Clio insbesondre der Historie vorgesetzet worden. Man muß dabey bemerken, daß die Musen sich nicht um gemeine und überall bekannte Dinge anrufen lassen, die man auch ohne ihre Hülfe wissen kann. Es würde ungereimt seyn, wenn ich sie ersuchte, mir die Thaten Alexanders oder Cäsars zu offenbahren, davon alle Bücher voll sind. Es müssen verborgene, und ganz ins Vergessen gerathene Dinge seyn, dabey man sich ihren Beystand ausbittet. So machts Homer am Ende des ersten Buchs seiner Ilias. Er bittet die Musen, ihm alle die Armeen und ihre Heerführer zu entdecken, die sich bey Troja versammlet, welche damals gewiß kein Mensch mehr zu nennen wußte. Freylich hat er sie selbst nach der Wahrscheinlichkeit erdichtet: aber seine Erzählung würde nicht so viel Glauben gefunden haben, wenn er sich nicht gestellet hätte, als ob ihm die Musen solches eingegeben. Denn man hätte gleich gefragt, woher er doch alle die Nachrichten hätte?
10. §. Eben so hats Virgil gemacht. Er will gleich im Anfange seiner Aeneis wissen, warum doch Juno so erzürnt gewesen, welches gewiß ein bloßer Mensch nicht wissen konnte: darum schreibt er, nach Amthors Uebersetzung:

Inzwischen gieb mir erst, o Muse, zu erkennen,
Warum der Himmel doch so heftig konnt entbrennen?
Warum Junonens Zorn, durch ihres Eifers Macht,
Auch selbst die Frömmigkeit in solche Noth gebracht,
In so gehäufte Noth? Ist das auch wohl zu loben,
Daß selbst die Götter so vor Wuth und Rache toben?


Darauf fängt er an, Dinge zu erzählen, die unter den Göttern im Himmel und auf Erden vorgegangen, und die vielleicht noch keinem in den Sinn gekommen waren; aber doch nach der heidnischen Theologie nichts Unmögliches oder Unglaubliches in sich hielten. Eben so macht ers an verschiedenen Orten mitten im Gedichte, wo er bald eine, bald die andre Muse, bald alle zugleich um die Offenbarung gewisser Umstände aus alten Geschichten anrufet. Z.E. im VII. B.

NUNC AGE, QUI REGES, ERATO, QUAE TEMPORA RERUM,
QUIS LATIO ANTIQUO FUERIT STATUS; ADUENA CLASSEM
CUM PRIMUM AUSONIIS EXERCITUS ADPULIT ORIS?
EXPEDIAM, ET PRIMAE REUOCABO EXORDIA PUGNAE.


Und bald darauf in eben dem Buche:

PANDITE NUNC HELICONA, DEAE, CANTUSQUE MOUETE,
QUI BELLO EXCITI REGES? QUAE QUEMQUE SECUTAE
COMPLERINT ACIES? QUIBUS ITALA IAM TUM
FLORUERIT TERRA ALMA VIRIS, QUIBUS ARSERIT ARMIS?
ET MEMINISTIS ENIM DIUAE, ET MEMORARE POTESTIS;
AD NOS VIX TENUIS FAMAE PERLABITUR AURA.


Im IXten Buche rafft er die Calliope insbesondre an; wie vorhin die Erato.

VOS O CALLIOPE PRECOR, ADSPIRATE CANENTI,
QUAS IBI TUNC FERRO STRAGES, QUAE FUNERA TURNUS
EDIDERIT; QUEM QUISQUE VIRUM DEMISERIT ORCO;
ET MECUM INGENTES ORAS EUOLUITE BELLI:
ET MEMINISTIS ENIM DIUAE, ET MEMORARE POTESTIS.


Und abermal bey solcher Gelegenheit in demselben Buche:

QUIS DEUS, O MUSAE, TAM SAEUA INCENDIA TEUCRIS
AUERTIT? TANTOS RATIBUS QUIS DEPULIT IGNES:
DICITE. PRISCA FIDES FACTO, SED FAMA PERENNIS.


11. §. Was die dogmatischen Sachen anlangt, so wird wohl freylich in ungebundner Schreibart niemand den Beystand der Musen anruffen: wo er nicht eben so ungereimt handeln will, als Valerius Maximus, der im Anfange seiner zusammengestoppelten Histörchen den Kaiser Tiberius, als eine Gottheit anrufft, ihm in seiner Arbeit beyzustehen, die doch so leicht war, daß sie keines Beystandes bedorfte; oder als Varro, der ein Buch vom Ackerbaue schreibet, und im Anfange desselben die Feldgötter anruffet, ihm zu helfen, da er doch solches von sich selbst schon ausführen konnte. Allein was in poetischer Schreibart von den dogmatischen Dingen ausgearbeitet worden, als des Aratus Gedichte von der Sternwissenschaft, Lucretii Bücher von der Naturlehre, Virgils Bücher vom Feldbaue, Opitzens Gedichte vom Berge Vesuv, von Ruhe des Gemüths u.d.gl. da fragt sichs, ob man die Musen oder sonst eine Gottheit anruffen solle: im Falle nämlich, daß das Werk so groß und so wohl geschrieben ist, daß man Ursache dazu hat. Ueberhaupt sind die Musen nicht Göttinnen der Weisheit oder der Wissenschaften; sondern der Poesie, der Musik und der Geschichte, mit einem Worte, der freyen Künste. Man muß also billig von ihnen nichts fodern, als was ihnen zugehört. Die Vernunftschlüsse gehören für die weise Pallas; der Feldbau für die Feldgötter, als Sonn und Mond, Bacchus und Ceres, für die Faunen und Nymphen, für den Pan und Neptun, für die Minerva u.s.w. Alle diese rufft Virgil in seinen GEORGICIS zu Hülfe: ja er setzt endlich noch gar den Cäsar dazu, als der vielleicht auch nach seinem Tode ein Feldgott werden könnte. Lucretius, wie ich bereits oben gedacht, hat auch die Göttinn Venus, als die Vorsteherinn der Erzeugung angeruffen; welches ihm als einem Dichter, nicht übel genommen werden kann: ohngeachtet es ihm, als einem epikurischen Weltweisen, der keine Vorsehung und Hülfe der Götter in menschlichen Dingen glaubte, sehr schlecht anstund, dergestalt wider sein eigen Lehrgebäude zu handeln. Opitz endlich, hat die Natur oder vielmehr den Urheber aller Dinge um seinen Beystand angeruffen, welches einem christlichen Poeten allerdings wohl ansteht.
12. §. Horaz hat in der XI. Ode des III. Buches den Mercur als einen Gott der Beredsamkeit um seinen Beystand angeruffen, als er ein recht bewegliches und herzrührendes Liebeslied machen wollte. Dieses scheint der Form nach unrecht zu seyn, weil Mercur weder Verse noch Liebeslieder machen kann. Allein, dem Inhalte nach, geht es doch an. Denn zu geschweigen, daß derselbe die Musik versteht und dazu singt; wie Horaz anführt: so ist er ja ein Gott der Beredsamkeit, der ihm alle die Vorstellungen und Bewegungsgründe eingeben konnte, die er nöthig hatte, das Gemüth seiner geliebten Lyde zu gewinnen. Denjenigen Fehler aber kann ich nicht entschuldigen, wenn Virgil im IV. Buche seines Gedichtes vom Feldbaue schreibt:

QUIS DEUS HANC, MUSAE, QUIS NOBIS EXTUDIT ARTEM;
VNDE NOUA INGRESSUS HOMINUM EXPERIENTIA COEPIT?


Was bekümmern sich die Musen um die Bienenzucht? Und wie konnte sich der Poet einbilden, die Göttinnen der freyen Künste, würden die Kunstgriffe des Feldlebens herzuzählen wissen? Pan und Ceres möchten ihm davon Nachricht gegeben haben: es wäre denn, daß man sagen wollte, die Musen wüßten dieses nur als eine bloß historische Sache zu erzählen. Noch vielweniger aber kann folgendes aus der III Ekloge gelten.

PIERIDES, VITULAM LECTORI PASCITE VESTRO.


Denn wie kann mans immermehr den Musen zumuthen, den Helikon zu verlassen, und Viehhirtinnen zu werden? Große Leute fehlen auch; aber ihr Versehen, muß uns behutsam machen.
13. §. Wir kommen auf die prophetischen Sachen, darinn manchmal ein Poet etwas Künftiges vorhersagt. Hier fragt sichs, ob man es von den Musen fordern könne, dem Poeten dergleichen bevorstehende weitentfernte Begebenheiten vorherzusagen? Die Mythologie lehret aber nirgends, daß sie Sybillen oder Wahrsagerinnen gewesen: folglich muß ein Dichter, der etwas prophezeihen will, den Apollo zu Hülfe ruffen, und diesen weissagenden Gott um die Offenbarung des Zukünftigen anruffen. Und aus diesem Grunde kann abermal Virgil eines Fehlers beschuldiget werden, weil er in der IV. Ekloge die sicilianischen Musen, das ist, die Schäfermusen des Theokritus, im Anfange des Gedichtes anruffet, etwas höhers hören zu lassen, als sie sonst gewohnt wären.


SICELIDES MUSAE, PAULO MAIORA CANAMUS,
NON OMNES ARBUSTA IUUANT HUMILESQUE MYRICAE.


Denn zu geschweigen, daß die Schäfermusen auf ihren Haberröhren und Schalmeyen unmöglich einen Trompetenklang erzwingen können; und er also die Calliope, als eine Heldenmuse, hätte anruffen müssen: so zeiget auch der Verfolg der Ekloge, daß dieses Hohe, welches er von ihr fordert, nichts anders als eine Prophezeihung von den bevorstehenden glücklichen Zeiten gewesen; die allen Auslegern so viel Schwierigkeiten gemacht hat. Wie haben die Musen ihm dieses immermehr einzugeben vermocht? Wie sind sie auf einmal der Pythia ins Amt gefallen, und zu Prophetinnen geworden? Wenn man dichten könnte, was sich nicht mit einander reimet, so könnte mans auch keinem Maler verübeln, wenn er auf einen Pferdehals einen Menschenkopf setzen, Flügel anfügen, und endlich einen Fischschwanz dazu malen wollte: welches doch alle Welt, mit Horazen, für auslachenswürdig erklären würde. Was noch sonst bey Anruffung der Gottheiten, in den Heldengedichten insbesondre, zu sagen ist, das soll an gehörigem Orte vorkommen.
14. §. Ich fahre nun zu den andern Arten des Wunderbaren fort, so von den Göttern herrühret: und das sind die Wunderwerke, die durch ihre unmittelbare Wirkung geschehen. Die Poeten haben sich derselben in Heldengedichten und Tragödien sehr häufig bedienet, sind aber nicht allezeit glücklich damit gewesen. Ovidius hat gar ein ganzes Buch mit solchen poetischen Wundern angefüllet, und die Sache aufs höchste getrieben: so, daß seine Verwandlungen auch bey den Heiden selbst alle Wahrscheinlichkeit überstiegen haben. Es ist wahr, daß man in allen Religionen den Göttern und Geistern mehr Macht zugestanden hat, als bloßen Menschen; und daß es daher nicht umgereimt ist, in Fällen, wo sichs der Mühe verlohnet, zu dichten, es wäre ein Wunderwerk von Gott geschehen. Wer aber hierinn sein Urtheil nicht zurathe zieht, der wird handgreiflich verstoßen. Die göttliche Macht erstreckt sich auf alles Mögliche; aber auf nichts Unmögliches: daher muß man sich nicht auf sie beruffen, seine ungereimte Einfälle zu rechtfertigen. Der Schild des Achilles, den Homerus beschreibt, gehört unter diese Classe. Denn weil es nicht möglich ist, so viel seltsame und widersinnische Dinge auf eine Fläche von solcher Enge und Beschaffenheit zu bringen; was sich auch die Frau Dacier und ihr Kupferstecher für Mühe darüber gegeben: so sollte auch von rechtswegen Vulcans Kunst nicht zu Bescheinigung eines solchen falschen Wunders gebraucht worden seyn; wie im folgenden Capitel ausführlicher soll gezeiget werden. Virgil ist auch voll solcher Wunder, die nicht zum besten angebracht, oder übel ausgesonnen sind. Die gestrandeten Schiffe verwandeln sich in Seenymphen. Ein Baum läßt Blut fließen, da er in die Rinde gehauen wird, und derjenige, der darunter begraben liegt und halb verfault ist, muß anfangen zu reden. Aus dem Baume, im Eingange der Höllen, ist ein güldner Ast gewachsen. Die Vögel prophezeihen mit menschlicher Stimme und Sprache u.a.m. Alle diese Wunder sind entweder ohne Noth, oder nicht mit genugsamer Wahrscheinlichkeit erdacht.¹
15. §. Was die heidnischen Poeten von ihren Göttern für Wunderdinge haben geschehen lassen; das haben die christlichen Dichter den Engeln und Teufeln zugeschrieben. Daher kommen die vielfältigen Zauberhistorien, die in so vielen Ritterbüchern und Romanen, ja selbst im Tasso und andern seinen Landesleuten vorfallen. Die Meynungen der Critikverständigen sind hiervon sehr uneins. Es ist gewiß, daß man diese Leute mit der herrschenden Meynung ihrer abergläubischen Zeiten eben sowohl entschuldigen kann; als die alten Poeten, wegen der Fabeln von ihren Göttern, in Betrachtung der heidnischen Theologie, entschuldiget werden. Aber es ist auch eben so unleugbar, daß es besser sey, sich solcher Arten des Wunderbaren zu bedienen, die allen Zeiten und Orten gemein sind und bleiben. Wer kann sich itzo des Lachens enthalten, wenn Tasso in seinem IV. Buche den Teufel mit solchen Hörnern, dagegen alle Berge und Felsen nur wie kleine Hügel zu rechnen sind; ja gar mit einem langen Schwanze abmalet, und ohne Maaß und Ziel allerley tolle Zaubereyen von seinem Anhange geschehen läßt. Wer merkt die Ausschweifung nicht, wenn des Raimunds Schutzengel im VII. Buche, aus der himmlischen Rüstkammer, einen diamantnen Schild von solcher Breite holet, daß er vom Caucasus, bis an den Atlas, alle Länder und Meere damit bedecken könnte. Miltons Erfindungen sind nicht viel besser ausgesonnen. Satan, der ganze Feldweges lang ist, erfindet in dem Streite mit dem Michael und seinen Engeln die ersten Carthaunen, und braucht sie mit solchem Erfolge, daß ganze Geschwader von himmlischen Geistern dadurch zu Boden geworfen und zurücke getrieben werden. Endlich, da diese betäubten Streiter wieder zu sich selbst kommen, reißen sie ganze Gebirge, (denn auch Berge giebt es in dem miltonischen Himmel vor Erschaffung der Welt,) aus ihren Wurzeln, und werfen sie den Teufeln mit solcher Wuth an die Köpfe, daß sie taumelnd zu Boden stürzen, und also der Sieg sich wieder auf die gute Partey zu lenken beginnet. Dieses Wunderbare ist viel zu abgeschmackt für unsre Zeiten, und würde kaum Kindern ohne Lachen erzählet werden können.
16. §. Eben dahin rechne ich die Zauberey, die Voltaire in seine Henriade gebracht, dadurch ein jüdischer Hexenmeister der Königinn, Heinrich den vierten, als den künftigen Reichsfolger ihres Sohnes, herbannen muß. Und dieses thue ich mit desto größerm Rechte, weil eben dieser Poet in seinem Discurse vom Heldengedichte den Tasso und Milton deswegen getadelt hat, daß sie solche Zaubereyen und Teufeleyen in ihre Gedichte gemenget: da er sich doch eben dieses Fehlers nothwendig bewußt seyn mußte; wie der englische Criticus, der sein Heldengedichte geprüfet, gar wohl erinnert hat Denn was war es nöthig, solche Zauberkünste und Alfanzereyen in einer neuen Schrift wieder aufzuwärmen; nachdem sie fast durchgehends lächerlich geworden, und auch von den Einfältigsten nicht mehr geglaubet werden. Die CONTES DE FÉES dienen ja nur zum Spotte und Zeitvertreibe müßiger Dirnen, und witzarmer Stutzer: führen aber auch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit bey sich. Ein heutiger Poet hat also große Ursache in dergleichen Wunderdingen sparsam zu seyn. Die Welt ist nunmehro viel aufgeklärter, als vor etlichen Jahrhunderten, und nichts ist ein größeres Zeichen der Einfalt, als wenn man, wie ein andrer Don Quixote, alles, was geschieht, zu Zaubereyen machet.² Ich gedenke dieses trefflichen Buches mit Fleiß allhier; weil dessen Verfasser Cervantes sehr viel dazu beygetragen hat, daß die abentheurlichen Fabeln aus Ritterbüchern und Romanen allmählich abgeschaffet, oder doch weit behutsamer, als vormals geschehen, eingerichtet worden.
17. §. In theatralischen Gedichten findet das Wunderbare, welches von Göttern herrühret, auch statt. Es erscheinet zuweilen eine Gottheit auf der Bühne, zuweilen verrichtet sie ein Wunderwerk, diesem oder jenem Helden aus der Noth zu helfen. Bald wird etwas prophezeihet, bald gezaubert; alles dieses gehört zum Wunderbaren der Schaubühne. Daß die Heiden in ihren Schauspielen sich zuweilen vermischter Fabeln bedienet haben, darinne so wohl Götter, als Menschen, vorkommen, das ist ihnen gar nicht zu verdenken. Homer war gleichsam ihre Bibel, und darinnen stunden sehr viel Erscheinungen der Götter beschrieben, die in alten Zeiten geschehen seyn sollten. Es war also ihrer Theologie eben so wohl gemäß, dieselben zu glauben; als der Unsrigen, daß im alten Testamente den Gläubigen vielmals Engel erschienen sind. Wer bey uns von Adam und Eva, von Loth, von Abraham und Jacob, von David, Nebucadnezar, Daniel und Tobias Schauspiele machte; der würde eher getadelt werden, wenn er die Engel wegließe, als wenn er sie beybrächte. Das erste Weltalter hat bey allen Völkern das Vorrecht, daß man ihm gern viel Wunderbares zuschreibt: ja was man itzo seinen eigenen Augen nicht glauben würde, das dünket den meisten sehr möglich und wahrscheinlich; wenn es nur vor drey oder vier tausend Jahren geschehen seyn soll. Man lese hier nach, was Herr Fontenelle in seinem Discurse vom Ursprunge der Fabeln, den ich in den eigenen Schriften und Uebersetzungen der deutschen Gesellschaft verdeutschet habe, für Ursachen davon gegeben hat. Es habens derowegen auch die Griechen und Römer schon beobachtet, daß sie zwar diejenigen Fabeln ihrer Schauspiele, die aus den ältesten Zeiten hergenommen sind, mit einigen göttlichen Erscheinungen und Wundern ausgeschmücket: aber in denen, die sie aus neuern Zeiten entlehnet, haben sie sich derselben aufs sorgfältigste enthalten. Daher hat auch Horaz die Regel gemacht:

NEC DEUS INTERSIT, NISI DIGNUS VINDICE NODUS
INCIDERIT.


18. §. In der That erfordert es nicht viel Verstand, alle Augenblick einen Gott vom Himmel kommen zu lassen, um dem Schauspiele auszuhelfen, wenn es widerwärtig ablaufen will; wo nicht ein höherer Beystand dazu kömmt. Das heißt mehrentheils den Knoten zerschneiden, aber nicht auflösen. Und darinn verstoßen gemeiniglich unsere Opernschreiber. Weil sie ihre Schauspiele gern so wunderbar machen wollen, als es möglich ist: so denken sie fleißig auf Maschinen, das ist, auf göttliche Erscheinungen, Verwandlungen, und andre poetische Seltenheiten, welche die Augen des Pöbels blenden. Und weil sich dieselben nicht in alle Fabeln schicken wollen, so werden sie mit den Haaren dazu gezogen: damit nur ja etwas vom Himmel herunter komme, wie man zu reden pflegt. Wenn nun ihre Stücke noch aus der ältesten heidnischen Fabel hergekommen sind, darinn solche Erscheinungen längst das Bürgerrecht erhalten haben; so kann man ihnen ihre Wundersachen noch gelten lassen: dafern sie nur der obigen Regel des Horaz nachkommen, und nicht ohne Noth die Götter bemühen; auch nicht in allen Opern die Maschinen für unentbehrlich halten wollen. Wenn ich aber dieses den Opern einräume, so will ich es den andern Schauspielen darum nicht gestatten. Des Plautus Amphitryo und des Moliere seiner stellen uns den Jupiter und Mercur, auf eine sehr unwahrscheinliche Art vor. In dem französischen Timon, den man in der deutschen Gesellschaft III. Th. auch übersetzt findet, ist gleichfalls die Erscheinung Mercurs, und die Verwandlung des Esels in einen Menschen ein solches Wunderbares, welches keine Entschuldigung findet, wenn man es den Augen vorstellt.
19. §. Eben das kann von den Zaubereyen und bösen Geistern gesagt werden. Auch ein seichter Witz ist geschickt, einen Hexenmeister auf die Schaubühne zu stellen, der einen Zaubersegen nach dem andern hermurmelt, einen astrologischen Ring mit Characteren verkauft, diesen unsichtbar, jenen unbeweglich, einen andern unkenntlich macht, ja wohl gar ein halb Dutzend junge Teufel herzubannet. Das Mährchen von D. Fausten hat lange genug den Pöbel belustiget: Und man hat ziemlicher maßen aufgehört, solche Alfanzereyen gerne anzusehen. Daher muß denn ein Poet große Behutsamkeit gebrauchen, daß er nicht unglaubliche Dinge auf die Schaubühne bringe, vielweniger sichtbar vorstelle. Die italiänische Schaubühne, und das THEATRE DE LA FOIRE zu Paris wimmeln von solchen Hexereyen: ja auch das bessere französische Theater fängt schon an auf solche Alfanzereyen zu verfallen, wie man aus einigen neuern Stücken z.E. LE ROI DE COCAGNE, und L'ORACLE, erhellet. Horaz hat dieses auch längst verbothen, wenn er will, daß man die Progne nicht in einen Vogel, den Cadmus nicht in eine Schlange verwandeln solle; imgleichen, daß niemand auf der Schaubühne einer Hexe das aufgefressene Kind lebendig wieder aus dem Leibe solle ziehen lassen. Das wäre eben so viel, als wenn ich Bileams Eselinn redend einführen, oder den Edelmann vor den Augen des Schauplatzes zum Schweine wollte werden laßen. Wer nicht weis, wie lächerlich dieses ist, der darf nur den Peter Squenz des Andreas Gryphius nachlesen, wo so gar die Wand und der Brunn, der Mond und der Leue, als redende Personen aufgeführet werden. Da kann es denn wohl mit Recht heißen:

QUODCUNQUE OSTENDIS MIHI SIC, INCREDULUS ODI.


Denn es ist gewiß, daß dergleichen Dinge, die man bey einer bloßen Erzählung eben nicht für ungereimt gehalten haben würde, ganz und gar ungläublich herauskommen, wenn wir sie mit eigenen Augen ansehen, und also das Unmögliche, so darinn vorkömmt, in voller Deutlichkeit wahrnehmen können.
20. §. In andern kleinern Gedichten gehören hauptsächlich die Fabeln unter das Wunderbare. So fängt Horaz die 19te Ode des andern Buches an. Er erzählt, wie er den Bacchus auf einem entlegenen Felsen sitzend gesehen, wo er die Nymphen und bockfüßigten Satiren Lieder gelehret habe.


BACCHUM IN REMOTIS CARMINA RUPIBUS
VIDI DOCENTEM, (CREDITE POSTERI!)
NYMPHASQUE DISCENTES & AURES
CAPRIPEDUM SATYRORUM ACUTAS.


Oder man erzählt eine Verwandlung, die sich irgend womit zugetragen haben solle, oder noch zutragen werde; wie ebenfalls Horaz thut, wenn er in der XX. Ode des II. Buchs sagt, daß er selbst zum Schwane werden, und sich hoch über alles erheben wolle. Dergleichen Dinge nun klingen zwar wunderbar; sind aber darum nicht ungereimt: zumal wenn ein allegorischer Verstand darunter verborgen liegt, den ein jeder leicht finden kann. Man merkt es also gleich, was der Poet damit im Sinne gehabt, und wenn nur sonst nichts Widersinnisches in der Fabel vorkömmt, so wird man sie nicht verwerfen. Fehlte aber dieser, so würde man auch aus solchen Fabeln nicht viel zu machen haben: wie z.E. aus Lucians wahrhaften Lügen, aus den CONTES DES FÉES, der Fabel von den honigsüssen Lippen, in den Belustigungen des Verstandes und Witzes; u.d.gl.
21. §. Es dörfen aber unsere neue Fabeln deswegen nicht alle auf heidnische Art herauskommen. Man kann allegorische Personen darinn aufführen, die nach ihrer Art characterisiret werden, ohne an die Götter der Griechen und Römer zu denken. Wir sind es längst gewohnt, von Tugenden und Lastern, von den vier Jahreszeiten, den verschiedenen Altern des Menschen, den Welttheilen, Ländern und Städten, ja Künsten und Wissenschaften, als von so vielen Personen zu reden: daher können ja nach solcher Anleitung unzählige Fabeln erdacht werden, die allegorischer Weise etwas bedeuten. Deßwegen aber dörfen doch die alten bereits bekannten Namen aus der Mythologie nicht ganz verworfen werden. Man weis es längst, daß Mars den Krieg, Pallas die Weisheit, Apollo die freyen Künste, Venus die Liebe, Hymen den Ehestand, Ceres den Sommer, Flora den Frühling, Pomona den Herbst, Bacchus den Wein, Neptunus die See, Aeolus den Wind, Juno den Stolz, Plutus den Reich thum, u.s.w. vorstellen. Die Zesianer waren also lächerlich, daß sie die ganze Mythologie verwarfen, und dadurch dem Poeten hundert artige Allegorien entzogen. Wer sich nur nicht in gar zu tiefe Fabeln des Alterthums steckt, wenn er auch von Ungelehrten verstanden werden will; der ist deswegen nicht zu tadeln. Auf die Namen kömmt es nicht an; und es ist ja besser, daß man bey dem, was schon eingeführt ist, bleibet, als daß sich ein jeder eine neue Sprache machet. Die Sternseher haben es mit den Benennungen der Gestirne, die sie von den Alten bekommen, auch so gemacht, und uns dadurch ein gutes Exempel gegeben.
22. §. Von dem Wunderbaren, das von den göttlichen und andern geistlichen Dingen herrühret, kommen wir auf das Wunderbare, was von den Menschen und ihren Handlungen entsteht. Diese sind entweder gut oder böse; entweder gemein oder ungemein; entweder wichtig oder von keiner Erheblichkeit. So wohl das Gute als das Böse kann wunderbar werden, wenn es nur nicht etwas gemeines und alltägliches, sondern etwas ungemeines und seltsames ist; imgleichen wenn es von großer Erheblichkeit zu seyn scheint, welches aus dem Einflusse zu beurtheilen ist, den es in die Welt hat. Ein König ist also weit mehr zu bewundern, als ein Bürger; und ein hoher Grad der Tugend und des Lasters mehr, als ein geringerer, der uns gar nichts neues ist. Da nun die Poesie das Wundersame liebet, so beschäfftiget sie sich auch nur mit lauter außerordentlichen Leuten, die es entweder im Guten oder Bösen aufs höchste gebracht haben. Jene stellt sie als lobwürdige Muster zur Nachfolge; diese aber, als schändliche Ungeheuer, zum Abscheue vor. Eine mittelmäßige Tugend, rühret die Gemüther nicht sehr. Ein jeder hält sich selbst für fähig dazu, und also machen dergleichen wahre oder erdichtete Exempel wenig Eindruck: wenn gleich sonst alle poetische Künste in Beschreibung oder Vorstellung derselben angewandt wären. Mit den Lastern gehts eben so.
23. §. Daher sucht sich ein kluger Poet lauter ungemeine Helden und Heldinnen, lauter unmenschliche Tyrannen und verdammliche Bösewichter aus, seine Kunst daran zu zeigen. Ein Achilles mit seinem unauslöschlichen Zorne; ein Ulysses und seine unüberwindliche Standhaftigkeit; ein Aeneas und seine ausnehmende Frömmigkeit; ein Oedipus in seinen abscheulichen und unerhörten Lastern; eine Medea in ihrer unmenschlichen Raserey; ein August mit seiner außerordentlichen Gnade gegen einen rebellischen Cinna; eine ehrliebende Chimene mit ihrem tapfern Roderich, u.d.m. Das sind Menschen und Thaten, die wunderbar sind, und ohne alle Beyhülfe andrer Seltsamkeiten die Leser oder Zuschauer eines Gedichtes entzücken können. Die Geschichte sind voll von solchen Helden und Handlungen: und ein verständiger Poet kann leicht Namen finden, treffliche Bilder großer Tugenden und Laster zu entwerfen; wenn er nur moralische Einsicht genug besitzet, dieselben recht zu bilden. Weil aber seichte Geister und ungelehrte Versmacher dazu nicht fähig sind: so geschieht es, daß man uns anstatt des wahrhaftig Wunderbaren mit dem Falschen aufhält; anstatt vernünftiger Tragödien, ungereimte Opern voller Maschinen und Zaubereyen schreibet, die der Natur, und wahren Hoheit der Poesie zuweilen nicht ähnlicher sind, als die geputzten Marionetten, lebendigen Menschen. Solche Puppenwerke werden auch von Kindern und Unverständigen als erstaunenswürdige Meisterstücke bewundert und im Werthe gehalten. Vernünftige Leute aber können sie ohne Ekel und Gelächter nicht erblicken, und würden lieber eine Dorfschenke voll besoffener Bauren in ihrer natürlichen Art handeln und reden, als eine unvernünftige Haupt- und Staatsaction solcher Opermarionetten spielen sehen.
24. §. Die oben erzählten Exempel des Wunderbaren habe ich aus den berühmtesten Heldengedichten und Trauerspielen gezogen. Man darf aber nicht denken, diese Gattungen der Gedichte wären allein der Sitz des Wunderbaren in der Poesie. Denn ob sie gleich hauptsächlich zu ihrer Absicht haben, die Leser und Zuschauer durch die Bewunderung und durch das Schrecken zu erbauen; so ist doch deswegen das Lustspiel mit den übrigen Arten der Gedichte davon nicht ausgeschlossen. Auch hier kann man das Seltene, das Ungemeine dem andern vorziehen, und seine Gedichte dadurch beliebt machen. Nur die Natur und Vernunft muß, wie allenthalben, also auch hier, nicht aus den Augen gesetzet werden. Z.E. Wenn ich in einer Comödie einen Geizhals vorstelle, so muß ich freylich keinen mittelmäßigen Geiz abbilden, den noch viele für eine Sparsamkeit ansehen könnten; sondern ich muß alles zusammen suchen, was ich an verschiedenen kargen Leuten bemerket habe, und aus diesen Stücken einen vollkommenen Geizhals zusammen setzen: wie jener Maler aus den vier schönsten Personen einer ganzen Stadt die Schönheit abmerkte, die er einer Minerva zu geben, willens war. Ich könnte also meinen Geizhals das Gold von den Pillen schaben, und alles übrige thun lassen, was Canitz in seiner Satire vom Harpax gesagt hat. Da wäre noch alles wahrscheinlich; so seltsam es auch wäre, und so wunderbar es aussehen würde. Aber wenn ich den Harpax so mistrauisch vorstellete, daß er seinen Bedienten, die von ihm giengen, allezeit die Hände und Taschen besuchte, ehe er sie herausließe; ja ihm wohl gar, nach Aufweisung beyder Hände, die Worte in den Mund legte: Ey die dritte Hand? Das, dünkt mich, hieße das Wunderbare in diesem Laster aufs höchste treiben; und ein jeder würde dieses zwar für einen leichtfertigen Einfall des Poeten, aber für kein wahres Nachbild der Natur ansehen.
25. §. So gehts auch in dem Affecte der Liebe, des Zornes, der Traurigkeit u.s.w. Das Wunderbare muß noch allezeit in den Schranken der Natur bleiben und nicht zu hoch steigen. Was ist gemeiner, als daß man in Romanen, in Schauspielen und andern verliebten Gedichten die Buhler, so rasend abbildet, daß sie sich alle Augenblick erhenken, erstechen und ersäufen wollen? Was ist aber auch ausschweifender als dieses? Daher ist es denn gekommen, daß diese Art des eingebildeten Wunderbaren schon längst lächerlich geworden, und nur der Poesie zum Schimpfe gediehen ist. Das Seltsame in allen Arten muß noch natürlich und glaublich bleiben, wenn es die Bewunderung, nicht aber ein Gelächter erwecken soll. Die Traurigkeit wird ebenfalls auf eine solche Art ausschweifend, wenn der Poet nicht stets die Natur vor Augen hat. Es ist so schwer, einen hohen Grad derselben poetisch vorzustellen, als abzumalen. Da nun Timantes die Klugheit gebraucht, bey dem Opfer der Iphigenia, den Vater dieser Prinzeßinn mit verhangenem Gesichte zu malen: so muß sich ein Dichter dieses zur Lehre dienen lassen. Aus Furcht, den Schmerz eines außerordentlich Betrübten unnatürlich zu machen, muß er ihn lieber durch eine geschickte Verhölung, oder durch ein gänzliches Stillschweigen und Verstummen ausdrücken. Des Herrn von Bessers Schmerz über seine Kühleweininn, ist mir allezeit gar zu geschwätzig vorgekommen: und es scheint mir nicht glaublich, daß ein außerordentliches Leid so viel auserlesene Rednerkünste leiden könne. Er erschöpfet seine ganze Einbildungskraft, seinen Jammer auszudrücken; und das Unglaublichste ist dabey, daß er diese seine Klage zu der Zeit gehalten habe, da er eben das Leichengefolge auf der Gasse gesehen, wie ausdrücklich darinnen steht. Gieng er denn irgend nicht mit zu Grabe? Oder hatte er auf der Gasse Zeit, sie so sinnreich zu beklagen? Der Affect hat bey dem Verluste einer ungemeinen Ehgattinn ungemein und wunderbar seyn sollen: er ist aber unglaublich geworden. Besser hat als ein künstlicher Poet; nicht als ein trostloser Witwer geweinet.
26. §. Ich will hiemit diesen ganzen Ausdruck der Traurigkeit nicht verwerfen: es ist so viel Schönes darinn, als in irgend einem Klaggedichte, welches wir haben. Wer aber eine recht seltsame Klagrede poetisch abgefaßt lesen will, der schlage Salomon Franken nach, wo er die Susanna von ihrem Manne und ihren Kindern Abschied nehmen läßt. Er bemüht sich, einen so gerechten Schmerz einer unschuldig Verurtheilten in seiner höchsten Vollkommenheit vorzustellen, und ihn recht wunderbar zu bilden; verfällt aber darüber ins Abgeschmackte: wie es gemeiniglich denen geht, die etwas unternehmen, dem sie nicht gewachsen sind. Ich will doch ein Stücke davon hersetzen: so hebt sie auf der 52. S. an:

Nun du, du wirst es, du! du! Gott, du wirst es rächen,
Dir, schreyt Susanna, dir, Herr, ist mein Herz bekannt.
Weh! weh! weh! über – – und als sie mehr will sprechen,
Sinkt sie in Ohnmacht – – – –


Hätte der Poet es dabey bewenden lassen, so hätte man es für eine glückliche Nachahmung der Natur angesehen, und die Größe ihres ungemeinen Schmerzens aus der sie überfallenden Ohnmacht geschlossen. Allein der Poet wollte das Heulen und Weinen eines wehmüthigen Weibes noch besser abschildern: darum läßt er sie wieder aufleben, und mit achtzig langen Versen einen ziemlich ausführlichen Abschied von den Ihrigen nehmen:


Ach gute Nacht, mein Mann! ach gute Nacht! o Schmerzen!
Ach Liebster, nimm doch! ach! die Kinder wohl in acht.
Und, süße Mutter, du, als die du unterm Herzen
Mich, ach! getragen hast, viel tausend gute Nacht!
Ach gute Nacht, o Welt! du Kerker voller Buben,
Du ungetreues Haus! vor deinen Augen zwar
Bin ich itzund verdammt: doch wird auch nach der Gruben
Mein' Unschuld wunderlich noch werden offenbar.
Ach gute Nacht! ach! ach! ach! gute Nacht, o Schmerzen!
Ach Liebster! nimm doch ach! die Kinder wohl in acht:
Und süße Mutter du, als die du unterm Herzen
Mich, ach! getragen hast; viel tausend gute Nacht!
Nun, gut'! ach! gute Nacht! ach gute Nacht! o Sorgen,
Ey! Ey! daß! ach! daß Gott! ach Gott! daß Gott erbarm!
Ihr zarten Kinder! ach! auch euch ist noch verborgen,
Was ihr itzund verliert. O Schmerz! o Gram! o Harm!
Ich muß in bester Blüt euch lassen. Ach! o Scheiden!
Ach! ach! wie schwer! ach! schwer! wie! ach! wie schwer bist du!
O Schmach! ach Weh! o Schmach! o Schmach! die ich muß leiden,
O Schmach! du kränkest mich am meisten noch darzu. etc. etc.


27. §. Das ist nun allererst der vierte Theil des Aechzens und Wehklagens; darüber einem Zeit und Weile lang wird, wenn man es hintereinander durchlesen will. Die ersten vier Zeilen giengen noch an, weil sie einen kurzen Abschied von Mann und Mutter in sich enthalten; der ziemlich natürlich ist. Die andern viere, die an die Welt gerichtet sind, kommen schon künstlicher heraus. Denn die Welt einen Kerker voller Buben zu nennen, das ist für ihre Traurigkeit gar zu studiert. Warum sagt sie nicht lieber zu den beyden Alten: ihr ehrvergeßnen Buben! das war meines Erachtens leichter von ihr zu vermuthen, da ihr der Abschied so schwer ward, und die Aeltesten allein Schuld daran hatten. In den folgenden vier Zeilen kommen die ersten viere von Wort zu Wort wieder vor, und das läuft wider die Natur und wird also unglaublich. Wie ist es möglich, eine und dieselbe Klage, die aus sechs und dreyßig Wörtern besteht, zweymal hinter einander zu wiederholen, ohne eine Sylbe darinn zu ändern. Ja! wenn Susanna Frankens Verse auswendig gelernt, und sie als eine Comödiantinn auf der Schaubühne hergesagt hätte! Es kömmt eben so heraus, als die Wiederholungen, die im Homer vorkommen, womit die Kunstrichter niemals zufrieden gewesen. Das folgende insgesammt ahmet zwar das unterbrochene Reden und Schluchzen eines weinenden Weibes einigermaßen nach: aber es überschreitet das Maaß, und erwecket anstatt der Verwunderung und des Mitleidens lauter Ekel. Es ist auch un möglich, daß eine Klage, die mit Thränen und häufigen Seufzern, ja bey gehemmtem Athemholen verrichtet wird, so lange dauren könne; welches ein jeder selbst wahrnehmen wird, wenn er die ganze Stelle nachliest. Ich will itzo nicht untersuchen, ob der Poet wohlgethan, daß er die Unschuld und Tugend so kleinmüthig und verzagt zum Tode geführt hat: denn warum hat er sie nicht lieber standhaft und großmüthig gebildet? Ich erinnere nur, wie leicht man aus Begierde zu dem Ungemeinen und Wunderbaren zu gelangen, ins Abgeschmackte und Ekelhafte verfallen könne. So wahr ists, was Horaz sagt:

QUI VARIARE CUPIT REM PRODIGIALITER VNAM,
DELPHINUM SILUIS APPINGIT, FLUCTIBUS APRUM.
IN VITIUM DUCIT CULPAE FUGA, SI CARET ARTE.


28. §. Ich könnte noch von dem Wunderbaren, das in Glücks- und Unglücksfällen vorkömmt, allhier handeln. Dieses betrifft ebenfalls die Menschen, und gehöret also in diese Classe. Die Begebenheiten, davon die Poeten ihre Gedichte verfertigen, müssen auch in der That eben sowohl seltsam und ungemein seyn, als die Personen und Handlungen derselben. Es muß ihren Helden viel Unvermuthetes begegnen, welches bald zu ihren Absichten behülflich ist, bald denselben zuwiderläuft. Theils entsteht dieses aus den Wegen der göttlichen Vorsehung, die Großen und Kleinen oft einen Strich durch ihre Rechnung macht, und ihnen ganz andere Wege zeiget, als sie zu gehen gedacht: theils aber kömmt es auch unmittelbar von andern Leuten her. Diese hindern oft einander in ihren Verrichtungen und Absichten; es sey nun unwissend, oder mit gutem Bedachte: und daher entstehen so viel plötzliche Veränderungen, daß man darüber erstaunet, ob es gleich alles ganz natürlich zugeht. Eben dahin rechne ich die Verkleidung und Entdeckung gewisser Personen, die bisweilen einer Sache schleunig einen andern Ausschlag giebt; die Ankunft abwesender Personen, der Tod der Kranken, oder das unvermuthete Leben derer, die man für Tod gehalten. Auch Processe, die man gewinnt oder verliert, Erbschaften, die man thut, Testamente, Heirathen, Briefe, u.d.m. verursachen oft recht wunderbare Zufälle. Doch weil in allen diesen Stücken hauptsächlich die Intrigue, der Knoten, oder die Verwirrung der Fabeln besteht, die in Schauspielen hauptsächlich vorkömmt: so muß ich es bis dahin versparen.
29. §. Die dritte und letzte Gattung des Wunderbaren ist diejenige Art desselben, die auf Thiere und leblose Dinge ankömmt. Diese braucht nun ein Poet am wenigsten, weil er sich mehrentheils mit den Menschen beschäfftiget, und das Uebrige nur in so weit braucht, als es hierzu dienlich seyn kann. Neue Gattungen von Thieren zu dichten, ist wohl kaum erlaubt, weil es doch nur Chimären werden könnten, die in einem bekannten Lande keinem glaublich vorkämen. Die Rabinnen und Mahometaner beschreiben solche große Vögel und Fische, daß man ihre lächerliche Phantasie mehr; als die Misgeburten derselben bewundert. Aus weit entlegenen Ländern läßt sich zuweilen etwas Wunderbares entlehnen: man muß aber wohl zusehen, daß man nichts Ungereimtes mit einstreue, was unglaublich ist. Siam und Perou, Ceylon und Japan, sind schon mit solchen lügenhaften Wundern angefüllet worden: daß die Einwohner dieser Länder große Ursache hätten, uns mit den Chinesern für einäugigte zu halten; weil wir solche Narrenpossen von ihren Ländern schreiben und glauben. Das beste und vernünftigste Wunderbare ist, wenn man auch bey Thieren und leblosen Dingen nur die Wunder der Natur recht nachahmet, und allezeit dasjenige wählt, was die Natur am vortrefflichsten gemacht hat. Es kömmt hier alles auf gute Beschreibungen recht außerordentlich schöner, großer, erschrecklicher und schlechter Sachen an; denn die mittelmäßigen werden nichts Wunderwürdiges abgeben. Beschreibet man eine Gegend, einen Garten, ein Gebäude, einen Wald, einen Berg, eine Höle, eine Heerde Vieh, eine Jagd u.d.m. So muß dieses alles nach der Absicht des Poeten in seiner Vollkommenheit geschildert werden. Nur die edelsten Dinge muß man der Phantasie des Lesers vormalen, um dieselbe zu gewinnen.
30. §. Zuweilen treibt man in Oden und Heldengedichten die hyperbolischen Ausdrückungen so hoch, indem man von leblosen oder unvernünftigen Dingen redet, daß es recht wunderbar klinget. Deswegen aber will ich nicht sagen, daß ein Poet immer mit Gold und Perlen, Rubinen und Diamanten um sich werfen; lauter Adler und Löwen, Panther und Tyger bey sich führen, lauter Jasmin, Nelken und Zibeth streuen, lauter Ambrosin und Nectar auftragen, oder sonst alle Kostbarkeiten Indiens verschwenden solle. Diesen Misbrauch hat der sel. Hofr. Neukirch in dem Gedichte schon lächerlich gemacht, welches im Vorberichte zu der übersetzten horazischen Dichtkunst großentheils eingerücket worden. Imgleichen lese man den deutschen Antilongin nach, den Herr M. Schwabe aus dem englischen übersetzt, und mit Exempeln aus unsern Poeten erläutert hat. Davon wird aber in dem Capitel von den verblümten Ausdrückungen mehr vorkommen. Die ovidianischen und äsopischen Fabeln könnten auch einigermaßen hieher gezogen werden, weil jene den Ursprung vieler Thiere und Blumen u.s.w. anzeigen; diese aber viel Wunderbares von solchen Geschöpfen erzählen. Allein weil hiervon schon oben gehandelt worden, so ist eine Wiederholung hier unnöthig. Ob man aber auf der Schaubühne Drachen, Löwen, Bären, und andre Thiere vorstellen dörfe, oder solle, davon lese man den Zuschauer im I. und II. Theile nach, der die Opern mit diesen lächerlichen Dingen, an verschiedenen Orten verspottet hat.
31. §. Die Gestirne sind endlich noch übrig, von denen die Poeten auch viel seltsames und ungemeines zu erzählen pflegen. Die Cometen, die sich sehen lassen, haben bey ihnen gemeiniglich eine böse Bedeutung, und einen wunderbaren Einfluß. Die Sonn- und Mondfinsternisse werden von den Alten sehr schrecklich beschrieben; ja die Ungewitter, Erdbeben, Schiffbrüche und Sturmwinde, machen auch einen großen Theil des Wunderbaren in ihren Schriften aus. Was die ersten Stücke anlangt, so muß man freylich die Alten entschuldigen; wenn sie sich aus den himmlischen Zeichen zu viel gemachet haben. Man verstund dazumal die Naturlehre sehr schlecht: allein itzo würde es eine Schande für den Poeten seyn, wenn er uns viel von dem Einflusse des Himmels reden, und seine Leser mit langen Beschreibungen eines Nordlichts, fallenden Sterns, oder einer Sonn- und Mondfinsterniß, aufhalten wollte. Auch klingt die gewöhnliche Opersprache sehr lächerlich, wenn es immer heißt, die Sterne, der Himmel, und seine Lichter hätten dieses oder jenes gethan: es wäre denn, daß man darunter das Verhängniß oder die Vorsehung verstehen könnte. Die Leute in Gestirne zu verwandeln, das geht heute zu Tage nicht mehr an, nachdem der ganze Himmel so genau überzählt ist, daß man keinen etwas großen Stern finden kann, der nicht schon vorhin bekannt gewesen wäre, es müßte denn zum Scherze seyn, wie Pope in seinem Lockenraube, Belindens Haar zum Sterne werden lassen. Erschiene aber irgend ein neuer Stern, so könnte freylich ein Poet dichten, daß dieses oder jenes dazu Gelegenheit gegeben hätte.
32. §. Die letztern Stücke aber, die oben erwähnet worden, kann ein Dichter mit gutem Fortgange brauchen. Ungewöhnliche Witterungen, Schiffbrüche, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, pestilenzialische Seuchen, Feuersbrünste, Verheerungen des Krieges, hohe Gebirge, schöne Thäler voller Dörfer und Heerden, u.d.gl. sind freylich sehr wunderbar, wenn sie nur natürlich beschrieben werden. Das ist aber die Kunst! In Opitzens Vesuv und Zlatna, imgleichen in seinem Trostgedichte von Widerwärtigkeit des Krieges, stehen ganz unvergleichliche Exempel davon. Auch Dach und Flemming sind große Meister darinn gewesen, die man sicher nachahmen kann. Von den alten, ist Homer sonderlich darinn zu loben, daß er auch den natürlichsten Dingen, durch seine Beschreibungen ein wunderbares Ansehn zu geben gewußt, worinn Virgil und Ovidius, ihm ziemlich gut nachgefolget sind. Diesen Meistern muß man die Kunst ablernen.

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Fußnoten

¹ NATURAM INTUEAMUR, HANC SEQUAMUR: ID FACILLIME ARRIPIUNT ANIMI, QUOD AGNOSCUNT. sagt Quintil. im III. Capitel des 8. Buches, d.i. Man schaue auf die Natur, und dieser folge man: denn das dringt am tiefsten in die Gemüther, was sie einsehen.

² Man kann auch hieher ziehen, was Quintilian in einer andern Absicht geschrieben: ABOLITA & ABROGATA RETINERE, INSOLENTIAE CUIUSDAM EST, & FRIUOLAE IN PARUIS IACTANTIAE. d.i. Abgeschaffte und vergessene Dinge beybehalten wollen, ist eine Art von Verwegenheit, und eine muthwillige Pralerey in Kleinigkeiten, zu nennen. Siehe das VI. Capitel des ersten Buchs.


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