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Gottsched: Das II. Capitel

Diskurs / Poetik > Poeterey



Erster allgemeiner Theil

Das II. Capitel.


Von dem Charactere eines Poeten.



1. §. Nachdem wir den Ursprung und das allmähliche Wachsthum der Poesie kürzlich erwogen haben: so ist es nicht undienlich, von einem wahren Poeten einen Abriß zu machen, und ihn nach allen seinen Eigenschaften zu beschreiben. Man ist mit diesem Namen zu allen Zeiten gar zu freygebig gewesen; weil man nicht sattsam eingesehen, was für eine große Fähigkeit der Gemüthskräfte, wieviel Gelehrsamkeit, Erfahrung, Uebung und Fleiß zu einem rechtschaffenen Dichter gehören. Und das ist kein Wunder gewesen. Gemeiniglich haben sichs diejenigen angemaßet, den Titel eines Poeten auszutheilen, die einen viel zu seichten Verstand, und eine viel zu blöde Einsicht in das Wesen der wahren Dichtkunst gehabt. Der Pöbel hat sich allezeit ein Recht zueignen wollen, von poetischen Scribenten zu urtheilen: und dieses ist desto lächerlicher, da ihm die Beurtheilung prosaischer Schriften niemals zugestanden worden. Kann er nun hierinnen keinen gültigen Ausspruch thun, und die Verfasser derselben, weder für gute Historienschreiber, noch für Redner, Philosophen, Arzneyverständige oder Rechtsgelehrte erklären: wie wird er vermögend seyn, von Gedichten zu urtheilen, deren Einrichtung und Ausarbeitung desto schwerer zu prüfen ist; je mehr sie unter so vielen äußerlichen Schönheiten und Zierrathen, dadurch auch critische Augen zuweilen verblendet werden, verhüllet ist, ja tief verborgen liegt. Plinius schreibt an einem Orte; von Künstlern kann nur ein Künstler urtheilen. Man wird also mit der Poesie wohl nicht unbilliger umgehen wollen, als mit der Musik, Malerey, Baukunst und dem Bildschnitzen. Wer beruft sich aber in allen diesen Künsten auf das Urtheil des großen Haufens? Das würden schlechte Meister darinnen werden, die ihren Ruhm in dem Beyfalle eines eigensinnigen Volkes suchen wollten, welches ohne Verstand und ohne Regeln von ihren Sachen urtheilet, und dessen Geschmack die unbeständigste Sache von der Welt ist.
2. §. Es trifft freylich zuweilen zu, daß ein ganzes Land oder eine große Stadt sich an lauter regelmäßige Sachen gewöhnet, und so zu reden, eine zeitlang Geschmack daran findet. Aber dieser gute Geschmack kann nicht lange Zeit erhalten werden; wenn es nicht Kunstverständige darunter giebt, die dasjenige, was der gemeine Mann nach der sinnlichen Empfindung liebet, nach richtigen Grundregeln für gut und schön erkennen. Ohne solche Meister geht der gute Geschmack bald wieder verlohren, wie wir an den Beyspielen der Griechen und Römer, ja der neuern Welschen und Franzosen gesehen haben. Die Leichtsinnigkeit der menschlichen Gemüther, sucht allezeit eine Veränderung: und wie leicht geschieht es da, daß Leute von keiner Einsicht, an statt der wahren Schönheiten, die aus wirklichen Vollkommenheiten entstehen, auf scheinbare verfallen; die oft die bloße Sinnlichkeit eben so sehr belustigen, als die ersten. Alsdann verfällt alles in Verachtung, was vorhin mit gutem Grunde war hochgeschätzet worden. Der allgemeine Beyfall einer Nation kann also nicht eher von der Geschicklichkeit eines Meisters in freyen Künsten, ein gültiges Urtheil fällen, als bis man vorher den guten Geschmack derselben erwiesen hat. Dieses aber geschieht nicht anders, als wenn man zeiget: daß derselbe mit den Regeln der Kunst übereinstimmet, die aus der Vernunft und Natur hergeleitet worden. Ich habe hiermit beyläufig meinen Begriff von dem guten Geschmacke entdecket; einer Sache, davon zu itziger Zeit überall so viel Redens und Schreibens ist. Weiter unten wird mehr davon vorkommen; denn zu einem guten Poeten gehört auch ein guter Geschmack. Aus dem vorhergehenden aber schließe ich, daß wir die, zu einem wahren Dichter gehörigen Eigenschaften von denen lernen müssen, die das innere Wesen der Poesie eingesehen; die Regeln der Vollkommenheit, daraus ihre Schönheiten entstehen, erforschet haben, und also von allem, was sie an einem Gedichte loben und schelten, den gehörigen Grund anzuzeigen wissen.
3. §. Wenn man nun ein gründliches Erkenntniß aller Dinge Philosophie nennet: so sieht ein jeder, daß niemand den rechten Character von einem Poeten wird geben können, als ein Philosoph; aber ein solcher Philosoph, der von der Poesie philosophiren kann, welches sich nicht bey allen findet, die jenen Namen sonst gar wohl verdienen. Nicht ein jeder hat Zeit und Gelegenheit gehabt, sich mit seinen philosophischen Untersuchungen zu den freyen Künsten zu wenden, und da nachzugrübeln: Woher es komme, daß dieses schön und jenes häßlich ist; dieses wohl, jenes aber übel gefällt? Wer dieses aber weis, der bekömmt einen besondern Namen, und heißt ein Criticus. Dadurch verstehe ich nämlich nichts anders, als einen Gelehrten, der von freyen Künsten philosophiren oder Grund anzeigen kann. Diesen Begriff hat niemand besser ins Licht gestellet, als der berühmte Graf Schaftsbury, in seinem gelehrten Werke: CHARACTERISTIC'S OF MEN, MANNERS AND TIMES, im II. Theile des I. Bandes, ADVICE TO AN AUTHOR; welches Werk neulich von einer geschickten Feder ins Deutsche übersetzt worden. Was uns nun dergleichen Critici, solche philosophische Poeten, oder poesieverständige Philosophen sagen werden, das wird wohl ohne Zweifel weit gründlicher seyn, und einen richtigern Begriff von einem wahren Dichter bey uns erwecken; als was der große Haufe, nach einer betrüglichen Empfindung seines unbeständigen Geschmackes, zu loben oder zu tadeln pflegt. Denn ich bin hier gar nicht der Meynung des sonst so scharfsinnigen Cicero zugethan, der in seinem andern Buche vom Redner schreibt: OMNES TACITO QUODAM SENSU, SINE VLLA 1ARTE AUT RATIONE, QUAE SINT IN ARTIBUS AC RATIONIBUS RECTA AC PRAUA, DIIUDICANT. Vielmehr halte ichs mit dem Seneca, der an einem Orte seiner Schriften das Gegentheil behauptet: NON TAM BENE CUM REBUS MORTALIUM AGITUR, VT MELIORA PLURIBUS PLACEANT: ARGUMENTUM PESSIMI TURBA EST.
4. §. Unter den Griechen ist ohne Zweifel Aristoteles der beste Criticus gewesen, was nämlich die Redekunst und Poesie anlanget. Es ist ein Glück, daß seine Schriften von beyden Künsten nicht ganz verlohren gegangen; denn von der Dichtkunst haben wir freylich nur einen Theil übrig behalten. Indessen zeugen doch beyde Bücher, eben so wohl von dem durchdringenden Verstande dieses großen Weltweisen, als seine übrige Schriften. Er hat das innere Wesen der Beredsamkeit und Poeterey aufs gründlichste eingesehen, und alle Regeln, die er vorschreibet, gründen sich auf die unveränderliche Natur der Menschen, und auf die gesunde Vernunft. Haben gleich einige andere Kunstrichter und poetische Freygeister sein Joch abzuschütteln gesucht, und uns entweder von allen Regeln befreyen, oder ganz neue und willkührliche einführen wollen: so haben sie doch bey keinem Vernünftigen Beyfall gefunden. Nichts würde also für mich erwünschter seyn, als wenn dieser tiefsinnige Mann auch den ausführlichen Character eines wahren Poeten gemacht hätte: denn so dörfte man sich nur daran halten, und könnte sich selbst so wohl, als andre, nach Anleitung desselben, gehörig prüfen. Allein wir finden in seiner Poetik im I. II. und III. Capitel nur etwas weniges, das uns auf die rechte Spur helfen kann. Er lehrt nämlich gleich im Anfange derselben, daß die ganze Poesie nichts anders sey, als eine Nachahmung menschlicher Handlungen; und daß also der Unterscheid verschiedener Gedichte bloß auf die mancherley Arten der Nachahmung ankomme. Man könne aber die Handlungen der Menschen in gute und böse eintheilen; und die Sitten der Welt wären also nur durch diese beyden Eigenschaften unterschieden. Wer also Menschen abbilden wolle, der könne sie sich entweder besser, oder schlechter vorstellen, als sie sind; oder dieselben ganz ähnlich schildern. Dieses erläutert er durch das Exempel der Maler, und zieht es her nach auf verschiedene Arten der Poesie. Dieses giebt, meines Erachtens, Anleitung genug, wie man einen Poeten zu characterisiren habe.
5. §. Ich sage also erstlich: ein Poet sey ein geschickter Nachahmer aller natürlichen Dinge: und dieses hat er mit den Malern, Bildhauern, Musikverständigen u.a.m. gemein. Er ist aber zum andern, auch von ihnen unterschieden; und zwar durch die Art seiner Nachahmung, und durch die Mittel, wodurch er sie vollzieht. Der Maler ahmet sie durch Pinsel und Farben nach; der Bildschnitzer durch Holz und Stein, oder auch durch den Guß in allerhand Metallen; der Tanzmeister durch den Schritt und die Bewegungen des ganzen Leibes; der Tonkünstler durch den Tact und die Harmonie: der Poet aber thut es durch eine tactmäßig abgemessene, und sonst wohl eingerichtete Rede; oder welches gleich viel ist, durch eine harmonische und wohlklingende Schrift, die wir ein Gedichte nennen. Eben das hat uns Horaz oben zu verstehen gegeben, da er schrieb:

RESPICERE EXEMPLAR VITAE MORUMQUE IUBEBO
DOCTUM IMITATOREM, ET VERAS HINC DUCERE VOCES.


Imgleichen:


FICTA VOLUPTATIS CAUSSA SINT PROXIMA VERIS.


Oder auch:


AUT FAMAM SEQUERE, AUT SIBI CONUENIENTIA FINGE.


6. §. So fremde vielen diese Beschreibung eines Dichters vorkömmt, so vollständig und fruchtbar ist sie in der That. Ein Poet wird dadurch nicht nur von den Meistern obgedachter freyen Künste; sondern auch von den Liebhabern aller andern Theile der Gelehrsamkeit unterschieden. Ein Geschichtschreiber soll nicht nachahmen, was wir Menschen zu thun pflegen, oder wahrscheinlicher Weise gethan haben könnten, thun sollten, oder thun würden, wenn wir in solchen Umständen befindlich wären: sondern man fordert von ihm, daß er getreulich dasjenige erzählen solle, was sich hier oder da, für Begebenheiten zugetragen haben. Ein Redner soll nicht nachahmen, was andre Leute thun; sondern die Leute überreden, etwas für wahr oder falsch zu halten, und sie bewegen, etwas zu thun oder zu lassen. Ein Weltweiser ist gleichfalls von der Nachahmung entfernet, indem er uns die Gründe von der Möglichkeit aller Dinge untersuchen lehret. Wie die Rechtsgelehrsamkeit, Arzneykunst und andre Wissenschaften mehr, von der Poesie unterschieden sind, das wird ein jeder leicht abnehmen können. Der Dichter ganz allein, hat dieses zu seiner Haupteigenschaft, daß er der Natur nachahmet, und sie in allen seinen Beschreibungen, Fabeln und Gedanken, sein einziges Muster seyn läßt.
7. §. Es ist wahr; man macht hier verschiedene Einwürfe. Der Geschichtschreiber, sagt man, schildert ja auch diejenigen Personen, Sachen und Oerter ab; von welchen er uns Erzählungen macht. Er führt seine Helden wohl gar redend ein, und läßt sie oft Dinge sagen, die sie zwar hätten sagen können, aber in der That niemals gesagt haben: wie wir in griechischen und lateinischen Scribenten häufige Exempel davon vor Augen haben. Dieser Zweifel ist es schon werth, daß er beantwortet werde. Ich sage also fürs erste: nicht alles, was ein Geschichtschreiber thut; das thut er als ein Geschichtschreiber. Z.E. Er schreibt ja auch nach den Regeln der Sprachkunst: wer glaubt aber deswegen, daß die richtige Schreibart zum Wesen der Historie gehöre, und nicht vielmehr der Grammatik eigen sey? Ein Geschichtschreiber kann freylich wohl auch moralisiren, und politische Anmerkungen in seine Erzählungen mischen, wie Tacitus und andre gethan haben: gehört das aber eigentlich zur Historie? Und ist dieses deswegen nicht für eines Sittenlehrers und Staatskündigen eigentliche Pflicht zu halten? Eben so gehts mit den vielen Bildern, Charactern und erdichteten Reden, die in Geschichtbüchern vorkommen. Sie sind poetische Kunststücke, die ein Geschichtschreiber nur entlehnet, um seine trockene Erzählungen dadurch ein wenig anmuthiger zu machen. Er ist gleichsam, wie ein Bildschnitzer beschaffen, der die Gesichter und Kleidungen seiner Kunststücke, auch noch mit Pinsel und Farben übermalet: nicht als wenn das Malen eigentlich sein Werk wäre; sondern weil er einer andern Kunst Hülfe braucht, seine Arbeit zur Vollkommenheit zu bringen.
8. §. Fürs andre habens auch die Kunstrichter an einigen Geschichtschreibern vorlängst gemisbilliget, daß sie die Regeln der historischen Schreibart gar zu sehr aus den Augen gesetzet. Man lese nur nach, was einige von dem Florus, und le Clerc vom Curtius, wegen seiner gekünstelten Beschreibungen geurtheilet haben. Man hat kein Bedenken getragen, diesen Scribenten eine poetische Schreibart zuzueignen: welches sattsam zeiget, daß die lebhaften Beschreibungen eigentlich in der Dichtkunst zu Hause gehören; sonderlich, wenn sie, wie des Curtius seine, nur aus dem bloßen Witze des Scribenten herkommen. Und was soll ich von den Reden eines Thucydides, Xenophons, Livius, Sallustius, u.a.m. sagen? Man hat es längst erkannt, daß sie Proben von der dichtenden Einbildungskraft dieser Scribenten wären; dazu sie als Geschichtschreiber nicht wären verbunden gewesen. Sie haben aber hierinn lieber dem Homer nachahmen, dessen Schriften einen allgemeinen Beyfall hatten, als ihre eigne Pflichten in Betrachtung ziehen wollen. Und man hat sie deswegen mit recht getadelt; weil es einem aufrichtigen Verfasser historischer Nachrichten nicht zusteht; das geringste in den wahren Begebenheiten zu ändern, auszulassen oder hinzuzusetzen. Wie haben aber gedachte Scribenten diese Pflicht in solchen Reden beobachten können, die sie berühmten Leuten viele Jahrhunderte nach ihrem Tode angedichtet? Zum wenigsten hat Curtius dem scythischen Gesandten eine Anrede an Alexandern in den Mund gelegt; die derselbe, allem Ansehen nach, unmöglich so schön und künstlich hätte halten können. Was ich hier von der Historie zur Antwort gegeben habe, das läßt sich mit leichter Mühe, auf alle übrige Einwürfe, die man von andern Wissenschaften hernimmt, deuten, und gehöriger maßen anwenden.
9. §. Aristoteles hat es schon ausgeführt, wie natürlich es dem Menschen sey, alles was er sieht und höret, nachzuahmen. In unsrer zärtesten Jugend geht dieses schon an. Man sagt, die Kinder sind wie Affen; weil sie alles nachmachen, was die Erwachsenen thun. Man möchte aber mit besserm Rechte sprechen, die Affen sind wie Kinder: denn diesen gebührt sonder Zweifel im Nachahmen der Vorzug. Alles, was wir lernen und fassen, das fassen und lernen wir durch die Nachahmung. Das Gehen und Stehen, Reden und Singen, das Essen und Trinken, ja Lesen und Schreiben, entsteht bey uns aus keiner andern Qvelle.

Die andern Thiere zwar, kennt jedes seine Kraft,
Und weis auch von Natur von seiner Eigenschaft;
Der Mensch allein, ihr Haupt, der Herr so vieler Sachen,
Muß alles, was er thut, von andern lernen machen.
Und daß er ißt und trinkt, redt, sitzt, steht, geht und liegt,
Kömmt nur durch Unterricht, schläft auch nicht ungewiegt.

Opitz im II. Buch der Trostged.


Daraus leitet nun der tiefsinnige Weltweise den Ursprung der Poesie her. So viel ist gewiß, daß diejenigen Knaben, welche die größte Geschicklichkeit im Nachahmen an sich blicken lassen, auch die größte Fähigkeit zur Poesie besitzen. Zeiget sich aber jene sonderlich in der Malerey und Musik, imgleichen im Tanzen u.s.f.: so sieht man wohl, daß Kinder, die zu dergleichen Uebungen viel Naturell und Lust haben, auch zur Dichtkunst selbst, ein treffliches Geschicke erlangen können; wenn nur auch die Auferziehung sonst darnach eingerichtet ist.
10. §. Weil nun diese natürliche Geschicklichkeit im Nachahmen bey verschiedenen Leuten auch sehr verschieden ist; so daß einige fast ohne alle Mühe eine große Fertigkeit darinnen erlangen, andre hergegen bey vieler Quaal und Arbeit dennoch hinten bleiben: so hat man angefangen zu sagen, daß die Poeten nicht gemacht; sondern gebohren würden, daß sie den heimlichen Einfluß des Himmels fühlen, und durch ein Gestirn in der Geburt zu Poeten gemacht seyn müßten: das heißt in ungebundener Schreibart nichts anders, als ein gutes und zum Nachahmen geschicktes Naturell bekommen haben. Opitz schreibt:


Es ist hier nicht genug, die arme Rede zwingen,
Die Sylben über Hals und Kopf in Reime bringen,
Der Wörter Henker seyn: Wer nicht den Himmel fühlt,
Nicht scharf und geistig ist, nicht auf die Alten zielt,
Nicht ihre Schriften kennt, der Griechen und Lateiner,
Als seine Finger selbst, und schaut, daß ihm kaum einer
Von allen außen bleibt; wer die gemeine Bahn
Nicht zu verlassen weis, ist zwar ein guter Mann,
Doch nicht gleich ein Poet.

Opitz im I.B. der Poet. W.


Unser Poet fordert also von einem Dichter, er solle den Himmel bey sich fühlen, ja scharf und geistig seyn. Das zielet ebenfalls auf das gute Naturell oder den fähigen Kopf eines Dichters. Rachel stimmt diesem bey:

Denn wer nicht von Natur hiezu ist wie gebohren,
Bey dem ist Kunst und Fleiß und Uebung auch verlohren.
Hör, was der Römer spricht: Die Stadt giebt jährlich zwar
Der Bürgemeister zwey: Jedoch nicht alle Jahr
Kömmt ein Poet hervor. So viel hat das zu sagen,
Wenn jemand will mit Recht das Lorberkränzlein tragen.

Rachel Sat. der Poet.


11. §. Das ist nun, meines Erachtens, die beste Erklärung, die man von dem Göttlichen in der Poesie geben kann; davon so viel Streitens unter den Gelehrten ist. Ein glücklicher munterer Kopf ist es, wie man insgemein redet; oder ein lebhafter Witz, wie ein Weltweiser sprechen möchte: das ist, was oben beym Horaz, INGENIUM ET MENS DIUINIOR hieß. Die ser Witz ist eine Gemüthskraft, welche die Aehnlichkeiten der Dinge leicht wahrnehmen, und also eine Vergleichung zwischen ihnen anstellen kann. Er setzet die Scharfsinnigkeit zum Grunde, welche ein Vermögen der Seelen anzeiget, viel an einem Dinge wahrzunehmen, welches ein andrer, der gleichsam einen stumpfen Sinn, oder blöden Verstand hat, nicht würde beobachtet haben. Je größer nun die Scharfsinnigkeit bey einem jungen Menschen ist, je aufgeweckter sein Kopf ist, wie man zu reden pflegt: desto größer kann auch sein Witz werden, desto sinnreicher werden seine Gedanken seyn. Denn wo man viele Eigenschaften der Dinge angemerket, und auf alle Kleinigkeiten bey einer Person, Handlung, Begebenheit u.s.w. Acht gegeben hat: da kann man desto leichter die Aehnlichkeit einer solchen Person, Handlung, Begebenheit oder Sache mit andern dergleichen Dingen wahrnehmen. Die Einbildungskraft nämlich bringet, bey den gegenwärtigen Empfindungen, sehr leicht wiederum die Begriffe hervor, die wir sonst schon gehabt; wenn sie nur die geringste Aehnlichkeit damit haben. Alle diese Gemüthskräfte nun, gehören nicht in gemeinem, sondern in sehr hohem Grade für denjenigen, der geschickt nachahmen soll: und ein Poet muß dergestalt, sowohl als ein Maler, Bildschnitzer u.s.w. eine starke Einbildungskraft, viel Scharfsinnigkeit und einen großen Witz schon von Natur besitzen, wenn er den Namen eines Dichters mit Recht führen will.
12. §. Doch alle diese natürliche Gaben sind an und für sich selbst noch roh und unvollkommen, wenn sie nicht aufgeweckt, und von der ihnen anklebenden Unrichtigkeit gesaubert werden. Viele witzige Köpfe verrosten gleichsam bey ihrer guten Fähigkeit, aus Mangel der Anführung. Kinder, denen es an Unterricht fehlet, bleiben bey aller ihrer natürlichen Geschicklichkeit dennoch stecken: und wenn sie sich gleich unter andern ihres gleichen, durch ein lebhafteres Wesen hervorthun; so ist doch alle ihr Witz gleichsam ein ungebautes Feld, das nur wilde Pflanzen hervortreibet; ein selbst wachsender Baum, der nur ungestalte Aeste und Reiser hervorsprosset. Gerathen solche Leute in anwachsenden Jahren aufs Reimen, so werden sie Possenreißer, Pritschmeister, und alberne Reimenschmiede; die allerhand abgeschmackte Einfälle zusammen häufen, sich alles für erlaubt halten, und nur den Beyfall des Pöbels suchen. Sie folgen schlechterdings ihrer Phantasie, und dichten Qvodlibete, Opern, Romane, Pickelheringspossen, und andre phantastische Erfindungen in theatralischen Sachen, die weder Art noch Geschicke haben. Man kann aber junge Knaben beyzeiten aufwecken, und ihren Witz, so zu reden in die Falten rücken, wenn man ihnen bald allerley gute sinnreiche Schriften zu lesen giebt; wenn man sie auf die trefflichsten Stellen derselben aufmerksam machet; ihnen die Schönheit derselben recht vor Augen stellet, und durch ein vernünftiges Lob ihrer Verfasser, sie anspornet, nach gleicher Ehre zu streben.
13. §. Dieses thut man, wenn die Jugend ihren Verstand schon einigermaßen brauchen kann: der Grund aber kann noch früher dazu geleget werden, wenn man sie beyzeiten im Zeichnen und Reißen unterweisen läßt. Es glaubt niemand, was diese Uebung jungen Leuten für Vortheil schaffet; als wer sie mit philosophischen Augen ansieht. Wer einen vor Augen liegenden Riß nachmalen will, der muß sehr genau auf alle gerade und krumme Linien, Verhältnisse, Größen, Stellungen, Entfernungen, Erhebungen, Schattirungen und Strichlein, ja auf die allerkleinsten Puncte Achtung geben. Durch dergleichen Uebung und Bemühung erlangt man also einen hohen Grad der Aufmerksamkeit, auf jede vorfallende Sache; welche endlich zu einer Fertigkeit gedeihet, in großer Geschwindigkeit, und fast im Augenblicke viel an einer Sache wahrzunehmen; welche Fertigkeit wir vorhin die Scharfsinnigkeit genannt haben. Indem aber ein solcher Knabe sich ferner bemühet, seinen Riß, dem vorgelegten Musterbilde ähnlich zu machen: so muß er die Aehnlichkeiten zwischen beyden wahrnehmen lernen, das ist, seinen Witz üben. Fängt er endlich gar an, wirkliche Personen abzuschildern, oder Gegenden und Landschaften zu malen, die er wirklich vor sich sieht: so wird er noch fertiger. Am höchsten bringt ers endlich, wenn er aus seiner eigenen Erfindung ganze Historien wohl zu entwerfen, und auf eine sehr lebhafte, natürliche und folglich anmuthige Art auszumalen geschickt wird. Dergleichen Uebungen nun bilden unvermerkt poetische Geister. Denn dafern durch das Studiren, dergleichen jungen Leuten zugleich die Fertigkeit in der Sprache, die Kenntniß vieler Sachen, nebst den Regeln der gebundenen Schreibart beygebracht wird: so werden sie hernach eben so geschickt mit der Feder, als mit Pinsel und Farben, die Nachahmung natürlicher Dinge zu vollziehen wissen.
14. §. Denn das muß man nothwendig wissen, daß es mit Einbildungskraft, Scharfsinnigkeit und Witz bey einem Poeten noch nicht ausgerichtet ist. Dieß ist zwar der Grund von seiner Geschicklichkeit, den die Natur legt: aber es gehört zu dem Naturelle auch die Kunst und Gelehrsamkeit. Muß doch ein Maler, der was rechtes thun will, in der Meßkunst, Perspectiv, Anatomie, Mythologie, Historie, Baukunst, ja Logik und Moral was gethan haben; wenn ers zu einiger Vollkommenheit bringen will. So wird denn ein Poet, der auch die unsichtbaren Gedanken und Neigungen menschlicher Gemüther nachzuahmen hat, sich nicht ohne eine weitläuftige Gelehrsamkeit behelfen können. Es ist keine Wissenschaft von seinem Bezirke ganz ausgeschlossen. Er muß zum wenigsten von allem etwas wissen, in allen Theilen der unter uns blühenden Gelahrtheit sich ziemlicher maßen umgesehen haben. Ein Poet hat ja Gelegenheit, von allerley Dingen zu schreiben. Begeht er nun Fehler, die von seiner Unwissenheit in Künsten und Wissenschaften zeugen, so verliert er sein Ansehen. Ein einzig Wort giebt oft seine Einsicht, oder auch seine Unerfahrenheit in einer Sache zu verstehen. Ein einzig Wort kann ihn also in Hochachtung oder in Verachtung setzen; nachdem es entweder seine Gelehrsamkeit oder Unwissenheit an den Tag legt. Daraus folgt nun unfehlbar, daß ein Poet keine Wissenschaft so gar verabsäumen müsse, als ob sie ihn nichts angienge. Er muß sich vielmehr bemühen, von allen, zum wenigsten einen kurzen Begriff zu fassen; damit er sich, wo nicht in allen geschickt erweisen, doch mindstens in keiner einzigen auf eine lächerliche Art verstoßen möge.
15. §. Vielleicht wendet man mir ein: Ich machte den Begriff von einem Poeten zu groß und zu vollkommen; dergleichen Leute von allgemeiner Gelehrsamkeit hätte es wohl noch nie gegeben; inskünftige aber, würde man sie noch weniger zu gewarten haben, da die Anzahl der Wissenschaften und Künste fast täglich größer würde. Hierauf will ich zur Antwort geben, daß man nicht übel thue, wenn man eine Sache nach ihrer größesten Vollkommenheit abschildert. So haben die Stoiker ihren Weisen, die Lehrer der Redekunst ihren vollkommenen Redner, und die heutigen Weltweisen einen vollkommenen Philosophen beschrieben. Es ist gut, wenn man ein Ziel vor Augen hat, darnach man streben kann, wenn es gleich noch niemand erreichet hätte. Je näher man ihm kömmt, desto vollkommner ist man: und der am wenigsten davon entfernet bleibt, der ist am lobwürdigsten. Gesteht aber Seneca von dem stoischen Weisen, Cicero von einem vollkommenen Redner, und Herr Wolf von einem vollkommenen Philosophen, daß dergleichen noch niemals in der Welt zu finden gewesen: so wollen wir auch bekennen, daß noch kein Poet den höchsten Gipfel in seiner Kunst erreichet habe. Die Erfahrung hat es gewiesen. An den berühmtesten alten und neuen Dichtern haben scharfe Kunstrichter mit gutem Grunde so viel auszusetzen gefunden; daß man auch hier die menschliche Unvollkommenheit nur gar zu deutlich hat wahrnehmen können. Wie aber deswegen, weder die Stoiker nach Weisheit, noch die Redner nach Beredsamkeit, noch die Philosophen nach der philosophischen Erkenntniß zu streben aufgehöret haben: Also darf auch kein Liebhaber der Dichtkunst den Muth sinken lassen.

Denn dieß gilt dahin nicht, daß diese Schwierigkeit
Dich läßig machen soll. Der Gaben Unterscheid
Der hebt nicht alles auf. Kannst du dem Ueberreichen,
An seinem großen Schatz und Vorrath, nicht wohl gleichen:
So ist dir wenig gnug. Spann alle Sinnen an,
Wer weis, was nicht dein Fleiß dir mehr erwerben kann?
Schreib wenig, wo nicht viel; doch das nach Arbeit schmecket:
Ein kleines Werklein hat oft großen Ruhm erwecket.
Zwey Zeilen oder drey, von Buchnern aufgesetzt,
Sind billig mehr als dieß mein ganzes Buch geschätzt.
Nur eine Fliege, wohl und nach der Kunst gemalet,
Ist ihres Lobes werth, und wird sowohl bezahlet,
Als nach des Lebens Maaß ein großer Elephant,
Den nur ein Sudler hat geschmieret von der Hand.
Kannst du kein Opitz seyn, kein theurer Flemming werden:
O! es ist Raum genug vom Himmel bis zur Erden etc.

Rachel Sat. der Poet.


16. §. Vor allen Dingen aber ist einem wahren Dichter eine gründliche Erkenntniß des Menschen nöthig, ja ganz unentbehrlich. Ein Poet ahmet hauptsächlich die Handlungen der Menschen nach, die von ihrem freyen Willen herrühren, und vielmals aus den verschiedenen Neigungen des Gemüths und heftigen Affecten ihren Ursprung haben. Daher muß derselbe ja die Natur und Beschaffenheit des Willens, der sinnlichen Begierde, und des sinnlichen Abscheues in allen ihren mannigfaltigen Gestalten gründlich einsehen lernen. Wie würde es ihm sonst möglich seyn, einen Geizigen, Stolzen, Verschwendrischen, Zänkischen, Verliebten, Traurigen, Verzagten u.s.w. recht zu characterisiren? Alle Bewegungen des Willens entstehen aus den Meynungen und Urtheilen des Verstandes, so wie diese in den verschiedenen Vorstellungen der Sinne ihren Grund haben. Der Poet muß also auch die Gemüthskräfte der vernünftigen Seele, und ihren verschiedenen, sowohl bösen als guten Gebrauch kennen; damit er thörichte Leute thöricht, und so ferner Abergläubische, Leichtgläubige, Ungläubige, Vernünftler, Grübler, Zweifler, Einfältige, Spitzfündige, Verschlagene, Dumme und Kluge nach ihrer gehörigen Art abzuschildern und nachzuahmen im Stande sey. Sind ferner die Handlungen der Menschen gut oder böse: So wird er nicht im Stande seyn dieselben recht zu beurtheilen, wenn er nicht das Recht der Natur, die Sittenlehre und Staatskunst gründlich versteht. Das ist nun diejenige Wissenschaft von den Charactern und Pflichten der Menschen, die Horaz in seiner obstehenden Dichtkunst so eifrig von einem Poeten fordert, und ihm zu wiederholten malen einschärfet.

QUI DIDICIT PATRIAE QUID DEBEAT ET QUID AMICIS,
QUO SIT AMORE PARENS, QUO FRATER AMANDUS, ET HOSPES,
QUID SIT CONSCRIPTI, QUOD IUDICIS OFFICIUM, QUAE
PARTES IN BELLUM MISSI DUCIS, ILLE PROFECTO
REDDERE PERSONAE SCIT CONUENIENTIA, CUIQUE.¹


17. §. So nothwendig nun einem Poeten die Philosophie ist: so stark muß auch seine Beurtheilungskraft seyn. Es würde nichts helfen, witzig und scharfsinnig zu seyn, wenn der Witz übel angebracht würde, oder gar nicht rechter Art wäre. Eine gar zu hitzige Einbildungskraft macht unsinnige Dichter: dafern das Feuer der Phantasie nicht durch eine gesunde Vernunft gemäßiget wird. Nicht alle Einfälle sind gleich schön, gleich wohlgegründet, gleich natürlich und wahrscheinlich. Das Urtheil des Verstandes muß Richter darüber seyn. Es wird nirgends leichter ausgeschweifet, als in der Poesie. Wer seinen regellosen Trieben den Zügel schießen läßt, dem geht es wie dem jungen Phaeton. Er hat wilde Pferde zu regieren; aber sehr wenig Verstand und Kräfte sie zu bändigen, und auf der rechten Bahn zu halten: sie reißen ihn fort, und er muß folgen wohin sie wollen, bis er sich in den Abgrund stürzet. So ist es mit einem gar zu feurigen poetischen Geiste auch bewandt. Er reißt sich leicht aus den Schranken der Vernunft; und es entstehen lauter Fehler aus seiner Hitze, wenn sie nicht durch ein reifes Urtheil gezähmet wird. Statius, Claudianus, Lucanus und der tragische Seneca können uns unter den Lateinern zur Warnung dienen. St. Evremont hält den Brebeuf, der die Pharsale des Lucanus übersetzet hat, seinem Originale nicht nur gleich; sondern sagt gar, daß er denselben noch, an wildem Feuer der Einbildung, übertroffen habe. Von den Italienern und Spaniern hat uns Bouhours in hundert Exempeln die Früchte gar zu hitziger Geister gewiesen, die keine Prüfung der Vernunft aushalten. Unter den Engländern aber, die überhaupt sehr stark zu den Ausschweifungen der Phantasie geneigt sind, hat Milton, alles was man dadurch schwärmendes machen kann, in seinem verlohrnen Paradiese gewiesen. Von unsern Landesleuten mag ich kein Exempel anführen. Es ist bekannt, daß Hofmannswaldau und Lohenstein nebst einigen Neuern, dem verderbten italienischen Geschmacke gefolget sind, und ihr Feuer nicht allemal zu mäßigen gewußt haben. Viele von ihren Anbethern sind noch weiter gegangen, als sie: aber ich weis nur einen einzigen Neukirch, der bey zeiten umgekehrt, und wieder der Vernunft und Natur nachzugehen angefangen: wie bereits auf der 8. 9. S. des Vorb. aus dem sechsten Theile der Hofm. W. Ged. 101. S. angeführet worden. Man lese auch des Herrn von Brück Gedanken, von der Dichtkunst, im I.B. der deutschen Gesellschaft eigenen Schriften und Uebersetzungen, hin und wieder.
18. §. Außer allen diesen Eigenschaften des Verstandes, die ein wahrer Poet besitzen und wohl anwenden muß, soll er auch von rechtswegen ein ehrliches und tugendliebendes Gemüthe haben. Der Beweis davon ist leicht. Ein Dichter ahmet die Handlungen der Menschen nach; die entweder gut oder böse sind. Er muß also in seinen Schildereyen, die guten als gut, das ist schön, rühmlich und reizend; die bösen aber als böse, das ist häßlich, schändlich und abscheulich abmalen. Thäte er dieses nicht, und unterstünde er sich die Tugend als verächtlich, schädlich und lächerlich, das Laster hergegen als angenehm, vortheilhaft und lobwürdig zu bilden: so würde er die Aehnlichkeit ganz aus den Augen setzen, und die Natur derselben sehr übel ausdrücken. Moliere verdient in diesem Stücke viel Tadel, weil er in seinem Spotten nicht allezeit dieser Regel gefolget ist: wie Riccoboni in seinen REFLEXIONS SUR MOLIERE bemerket hat. Ich schweige noch, daß ein so schädlicher Scribent in einer wohlbestellten Republik nicht zu dulden wäre: worauf denn Plato gesehen haben mag, wenn er in der seinigen, wie man insgemein vorgiebt,² gar keine Dichter hat leiden wollen. Es hat nämlich zu allen Zeiten auch solche verderbte Versmacher gegeben, die, weil sie selbst übel gesittet gewesen und gottlos gelebt, auch andere durch ihre Gedichte zu allerhand Schande und Lastern gereizet haben. Sonderlich ist die Geilheit unzüchtigen Gemüthern allezeit ein Stein des Anstoßens geworden. Ein Ovidius und Catullus sind wegen ihrer unzüchtigen Gedichte, bey allen ihren Schönheiten, schädlich zu lesen. Selbst Horaz ist nicht überall so keusch in seinen Ausdrückungen als er wohl hätte seyn können; wenn er sich den züchtigen Virgil hätte zum Muster nehmen wollen.³ Gleichwohl rühmt er in einem Schreiben an den Kaiser August, daß ein wahrer Poet, das Ohr eines Knaben, dessen Auferziehung er zu besorgen hat, von schändlichen Zoten abwende; und ihm vielmehr gute Sitten beyzubringen bemüht sey.

OS TENERUM PUERI BALBUMQUE POËTA FIGURAT,
TORQUET AB OBSCOENIS IAM NUNC SERMONIBUS AUREM.
MOX ETIAM PECTUS PRAECEPTIS FORMAT AMICIS.
ASPERITATIS ET INUIDIAE CORRECTOR ET IRAE,
RECTE FACTA REFERT.

LIB. II. EP. 1.


19. §. Da man sich nun lieber an Horazens Regel, als an sein Exempel hätte kehren sollen: so hat es doch allezeit solche unverschämte Zotenreißer gegeben, die ihren ganzen Witz in ärgerlichen Possen gesuchet, und nicht anders sinnreich oder angenehm zu dichten gewußt; als wenn sie die unzüchtigsten Reden in garstigen Allegorien, groben Zweydeutigkeiten und häßlichen Wortspielen zu Markte gebracht. Rachel hat sie in seiner oftgedachten Satire nachdrücklich abgemalet.

Wenn nun ein grobes Holz, ein Eulenspiegelsgleichen,
Läßt einen (Pfui dich an!) mit gutem Willen streichen,
Bringt kahle Zoten vor, verschluckt ein ganzes Ey,
Und rülzet ins Gelach und schmatzet in den Brey;
Wenn er sich lustig macht mit solchen Bubenpossen,
Die auch kein Hurenwirth sollt hören unverdrossen:
Da lacht die Unvernunft, daß ihr die Luft entgeht,
Und spricht wohl: Hey, das ist ein lustiger Poet!
O allzu theurer Nam, für solche grobe Hachen!
Kann denn ein fauler Stank so bald Poeten machen?
Ein unverschämtes Wort? O! weit vom Ziel gefehlt!
Das muß ein andrer seyn, der mit will seyn gezählt
In diese werthe Zunft. Die keuschen Pierinnen
Sind keinem Unflath hold und hassen grobe Sinnen.


Opitz, Dach, die Gryphier, Canitz und andre von unsern besten Poeten, haben wohl niemals, auch in verliebten Gedichten, ein zartes Ohr geärgert. Hofmannswaldau und Lohenstein aber sind auch in diesem Stücke in die Fußtapfen der geilen Italiener getreten, die ihrer Feder so wenig, als ihren Begierden, ein Maaß zu setzen wissen: und diese Vorgänger haben sehr viel angehende Dichter verderbet. Die französische Nation verdienet hingegen viel Lob, daß die Schriften ihrer meisten Poeten (den Theophile und Rousseau ausgenommen) so rein von allen Unflätereyen sind, daß man auch fast keine einzige anstößige Stelle bey ihnen antreffen wird.
20. §. Boileau hat diese Regel in seiner Dichtkunst so wenig vergessen, daß er sie vielmehr zu verschiedenen malen wiederhohlet hat. Am Ende des III. Gesanges, wo er noch von der Comödie handelt: schließt er also:


J'AIME SUR LE THEATRE UN AGREABLE AUTEUR,
QUI SANS SE DIFFAMER AUX YEUX DU SPECTATEUR,
PLAIT PAR LA RAISON SEULE, ET JAMAIS NE LA CHOQUE.
MAIS POUR UN FAUX PLAISANT, À GROSSIERE ÉQUIVOQUE,
QUI POUR ME DIVERTIR N'A QUE LA SALETÉ:
QU'IL S'EN AILLE, S'IL VEUT, SUR DEUX TRETEAUX MONTÉ,
AMUSANT LE PONT-NEUF DE SES SORNETTES FADES,
AUX LAQUAIS ASSEMBLEZ JOUER SES MASCARADES.


Wie er nun hier in Comödien an statt eines artigen Scherzes keine grobe Zweydeutigkeiten und Fratzen leiden will, indem er solche Poeten auf die neue Brücke zu Paris verweiset, wo sie ihr Fratzenzeug dem daselbst versammleten Lumpengesindel vorspielen könnten: also giebt er auch hernach im IV. Gesange die Regel, einen guten Character von sich selbst bey den Lesern zu machen, und sich nicht in eine üble Meynung bey ihnen zu setzen. Er könne nämlich diejenigen Scribenten nicht leiden, die in Versen die Ehrbarkeit an den Nagel hingen, und Verräther der Tugend würden; indem sie das Laster als liebenswürdig vorstelleten.

QUE VOTRE AME ET VOS MOEURS, PEINTS DANS TOUS VOS OUVRAGES,
N'OFFRENT JAMAIS DE VOUS QUE DE NOBLES IMAGES.
JE NE PUIS ESTIMER CES DANGEREUX AUTEURS,
QUI DE L'HONNEUR EN VERS INFAMES DESERTEURS,
TRAHISSANT LA VERTU SUR UN PAPIER COUPABLE,
AUX YEUX DE LEURS LECTEURS RENDENT LE VICE AIMABLE.


Und nachdem er sich in etlichen Versen entschuldiget, daß er es einem Poeten nicht eben verbiethen wolle, gar nichts verliebtes zu schreiben; wie denn wohl einige Scheinheilige auch Roderichs und Chimenens keusche Liebe nicht auf der Bühne leiden wollten; sondern daß er nur den unflätigen Ausdruck derselben widerrathe, als ohne welchen auch die unzüchtigste Liebe keinen schamroth zu machen pflegt: so setzt er noch hinzu, daß der Poet selbst innerlich tugendhaft seyn müsse, wenn er allezeit keusch und rein schreiben wolle; weil er sich sonst unversehens verrathen würde.
Denn wessen das Herz voll ist, dessen geht der Mund über:

UN AUTEUR VERTUEUX DANS SES VERS INNOCENS,
NE CORROMPT POINT LE COEUR, EN CHATOUILLANT LES SENS.
SON FEU N'ALLUME POINT DE CRIMINELLE FLAME.
AIMEZ DONC LA VERTU! NOURRISSEZ EN VOTRE AME.
EN VAIN L'ESPRIT EST PLEIN D'UNE NOBLE VIGUEUR,
LE VERS SE SENT TOUJOURS DES BASSESSES DU CŒUR.


21. §. Diese tugendhafte Gemüthsart eines Poeten, muß sich zu allerletzt auch darinnen zeigen, daß er weder ein Schmeichler noch ein Lästerer werde. Beydes ist für einen vernünftigen und rechtschaffenen Mann eine viel zu niederträchtige Beschäfftigung. Gegen alles, was gut ist, und eine wahre Ehre bringen kann, eine Hochachtung zu bezeigen; das ist einem wahren Dichter niemals verwehrt. Vielmehr erfordert es seine Pflicht, die ihm, als einem redlichen Bürger obliegt, die Tugendhaften auf eine vernünftige Art zu loben, ihr Gedächtniß zu verewigen, und durch die Beschreibung ihrer ruhmwürdigen Exempel, theils die zu ihrer Zeit Lebenden, theils auch die Nachkommen, zu löblichen Thaten aufzumuntern. Eine wahre Ehrliebe ist eine ganz unschuldige Neigung, und giebt einen Sporn zu vielem Guten ab, wie in der Sittenlehre gewiesen wird. Diese aber wird durch nichts besser erwecket, als durch ein billiges Lob, welches denen wiederfährt, die sich wohl verhalten, ihrem Vaterlande dienen, gerecht, freygebig, bescheiden, mäßig, sparsam, leutselig, standhaft, dienstfertig und geduldig sind. Hier malet ein rechtschaffener Poet das an sich selbst schöne Wesen der Tugend, in der Person eines tugendhaften Mannes so liebenswürdig ab, daß es alle, die es sehen, in sich verliebt macht. So hat, z.E. unser großer Opitz in den Büchern von Widerwärtigkeit des Krieges, die Fürtrefflichkeit eines im Unglücke gelassenen und standhaften Mannes, unter dem Bilde des unüberwindlichen Ulysses abgeschildert. Wie aber dieser große Mann, gleich darauf die falsche Standhaftigkeit des berühmten Römers Cato, der sich selbst ums Leben gebracht, entblößet, und den nichtigen Schein seiner so gepriesenen Unerschrockenheit entdecket hat: also hat er durch sein Exempel gewiesen, daß ein rechtschaffener Dichter sich durch das äußerliche Ansehen gleißender Laster nicht müsse blenden lassen. Das thun aber die Schmeichler, theils aus Unverstand, theils aus Bosheit, und stiften eben durch dieß unvernünftige Lob viel Schaden.

Vor Alters, wo mir recht, ward nie ein Held besungen,
Wenn er nicht durch Verdienst sich in die Höh geschwungen:
Und eine Redensart, die göttlich sollte seyn,
Die ward zu solcher Zeit den Sklaven nie gemein.
Wo lebt itzt der Poet, der dieß Geheimniß schonet?
So bald er einen merkt, der ihm die Arbeit lohnet,
Wird seinem Pegasus der Sattel aufgelegt,
Der ein erkauftes Lob bis an den Himmel trägt!
Den wir durch solche Post so oft zum Zorne reizen,
Und öfter noch vielleicht als sich die Sterne schneuzen.
Daß mehrentheils die Welt in träger Lust verdirbt,
Und sich um wahren Ruhm so selten mehr bewirbt,
Ist der Poeten Schuld. Der Weihrauch wird verschwendet,
Und manchem Leib und Seel, um die Gebühr, verpfändet,
Daß die Unsterblichkeit ihm gar nicht fehlen kann;
Der als ein Erdenschwamm sich kaum hervorgethan,
Und den sonst anders nichts vom Pöbel unterscheidet,
Als daß ein blöder Fürst ihn an der Seite leidet:
Da er für jedes Loth, das ihm an Tugend fehlt,
Ein Pfund des eiteln Glücks und schnöden Goldes zählt.

Canitz Sat. von der Poesie.


22. §. So groß nun die Niederträchtigkeit der Schmeichler ist; eben so groß ist die Bosheit der Lästerer. Jene wollen das Laster zur Tugend, wie diese die Tugend zum Laster machen. Sie folgen nicht der Billigkeit und Vernunft in Beurtheilung der menschlichen Eigenschaften; sondern ihrem Neide, ihrer Rachgier, oder wohl gar eigennützigen Absichten; wenn sie nämlich ihre Feder zum Dienste neidischer oder rachgieriger Leute misbrauchen. Sie werden dadurch Tagelöhner der Bosheit, und Feinde der Tugend; wiewohl sie selten im Stande sind, derselben wirklich zu schaden. Es ist ein ganz ander Werk mit der satirischen Poesie. Diese ist die Frucht einer gründlichen Sittenlehre, und hat ordentlich die Liebe der Tugend zur Mutter, und den Haß der Laster zum Vater. Die wahre Satire greift also nicht unschuldige, sondern schuldige Leute an: ja sie strafet das Böse an sich, ohne die Personen, die es an sich haben, zu nennen, oder auf eine anzügliche Art zu beschimpfen. Eben der Homer, der ein so herrliches Talent zum Loben gehabt, hat auch, nach dem Berichte Aristotels, auf einen gewissen Margites eine Satire gemacht, der weder ein Ackersmann, noch ein Winzer, noch ein Schäfer, das ist, gar kein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft war. Denn auf diese drey Lebensarten legte sich, bey der damaligen Einfalt der Welt, alles, was sein Brodt ehrlich erwerben wollte. Ein Mensch also, der keines von allen trieb, war ein Müßiggänger, und verdiente freylich wohl eine Satire. Daß ein alter König der Deutschen befohlen, auf die Lasterhaften gewisse satirische Lieder zu machen; ist in dem vorigen Capitel erinnert worden. Und also ist es gewiß, daß man die wahre Satire mit gottlosen Pasquillen oder Lästerschriften nicht zu vermischen habe. Jene ist die Seele aller Comödien, die doch in so vielen wohlbestellten Republiken, nicht ohne großen Nutzen geduldet, ja auf gemeine Kosten gespielet worden: diese aber sind Stifterinnen unzähliches Unheils, weswegen sie auch durch die Gesetze der Obrigkeit allezeit verbothen und scharf bestrafet worden. Rachel hat, im Schlusse seiner Satire vom Poeten, beyde sehr wohl unterschieden, welche Stelle ich hersetzen, und dadurch dieß Capitel beschließen will:

Zuweilen sitzet er, hält der Vernunft entgegen
Die Laster seiner Zeit, die irgend sich erregen;
Schont aller Menschen zwar, doch keiner Thorheit nicht:
Und ob sein Urtheil selbst ihm ins Gewissen spricht,
So schweigt er mit Geduld, beseufzt die bösen Thaten,
So kann die Wahrheit ihm zum höchsten Heil gerathen.
Ist dieser Eßig scharf, so ist er doch gesund,
Und beißt das faule Fleisch heraus bis auf den Grund.
Gleichwie Machaon brennt und heilt mit klugen Händen:
So mag auch ein Poet zwar strafen, doch nicht schänden.
Und wer denn solchen Mann zu den Verläumdern schreibt,
Der wisse, daß ihn selbst der Erzverläumder treibt.
Es ist Poetenwerk, mit fremden Namen spielen,
Und dergestalt mit Glimpf auf wahre Laster zielen.
Nimmt aber jemand selbst sich solcher Laster an:
Wer ist in aller Welt, der solches ändern kann?
Hat jemand Codrus Art, der mag den Namen erben:
Wer Hirsenpfriemer ist, mag Hirsenpfriemer sterben.
Wenn beym Horatius einmal geschrieben steht:
Gorgon stinkt wie ein Bock, Ruffin riecht nach Ziebeth;
Da kann es ja gleich viel dem guten Dichter gelten,
Wer will, mag sich Gorgon; wer will, Ruffinus schelten.
Ein frommer eifert nicht, sein Herz das spricht ihn los:
Wer schuldig ist, der schreyt, und giebt sich selber bloß.
Wen sein Gewissen beißt, mag seine Thorheit hassen.
Hab ich den Geck erzürnt? Ich kann es noch nicht lassen.
Ich biethe rechten Trutz, dem, der mir solches wehrt:
Wer Laster straft, der hat die Tugend recht gelehrt.


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Fußnoten

¹ Ramsey in seiner Reise des Cyrus auf der 133. S. der englischen Auflage schreibt: TO REACH THE SUBLIME, THE POET MUST BE A PHILOSOPHER. THE MOST BEAUTIFULL FLOWERS, GRACES AND PAINTINGS ONLY PLEASE BY IMAGINATION, WITHOUT SATISFYING THE MIND, OR IMPROVING THE UNDERSTANDING. SOLID PRINCIPLES, NOBLE SENTIMENTS AND VARIOUS CHARACTERS MUST BE DISPERS'D THROUGHOUT, IN ORDRE TO DISPLAY TO US TRUTH, VIRTUE AND NATURE. MAN MUST BE REPRESENTED AS HE IS, AND AS HE APPEARS IN HIS NATIVE COLOURS, AND UNDER HIS DISGUISES; THAT THE PICTURE MAY RESEMBLE THE ORIGINAL IN WHICH THERE IS ALWAYS A CONTRAST OF VIRTUES AND IMPERFECTIONS. NEVERTHELESS IT IS NECESSARY, TO CONDESCEND TO THE WEACKNESS OF MANKIND. TOO MUCH MORALIZING DISGUSTS; TOO MUCH REASONING TIRES. WE MUST TURN MAXIMS INTO ACTION, CONVEY NOBLE SENTIMENTS BY SHORT HINTS, AND INSTRUCT RATHER BY THE MANNERS OF THE HERO, THAN BY HIS DISCOURSE. Das ist: Das Erhabene seiner Kunst zu erreichen, muß ein Poet ein Philosoph seyn. Die allerschönsten Blumen, Putzwerke und Malereyen, gefallen nur der Einbildungskraft, ohne der Vernunft eine Gnüge zu thun, oder den Verstand zu bessern. Feste Grundwahrheiten, edle Gedanken, und mancherley Gemüthsarten, müssen überall eingemischet werden; damit sie uns Wahrheit, Tugend und Natur entdecken mögen. Der Mensch muß vorgestellet werden, wie er in seinen natürlichen Farben und unter feinen Verhüllungen erscheint: damit die Malerey dem Originale ähnlich werde, worinnen allemal eine Vermischung von Tugenden und Unvollkommenheiten ist. Gleichwohl ist es nöthig, auch der Schwachheit der Menschen etwas nachzugeben. Zuviel Sittenlehre erwecket Ekel: zuviel Vernunftschlüsse fallen beschwerlich. Wir müssen also die Lehrsätze in Handlungen verwandeln, edle Gedanken in kurze Sprüche einkleiden, und mehr durch die Sitten des Helden, als durch seine Reden unterrichten.

² S. des Herrn M. Schwaben Vorrede zu meinen Gedichten, der dieses Vorurtheil wiederleget hat.

³ Rapin sagt: TOM. II p. 124. § IX. IL EST VRAI QU'IL N'Y A QUE LES PETITS GENIES, QUI SOIENT SUJETS À DIRE DES IMPIETÉS OU DES ORDURES: HOMERE & VIRGILE N'EN ONT JAMAIS DIT: ILS ONT TOUJOURS ETÉS SEVERES & VERTUEUX, COMME DES PHILOSOPHES; & LES MUSES DES VERITABLES POËTES SONT AUSSI CHASTES & AUSSI HONNÊTES, QUE DES VESTALES. d.i. Es ist wahr, daß nur kleine Geister vermögend sind, Gottlosigkeiten oder Unflätereyen zu sagen. Homer und Virgil haben dieses niemals gethan; sie sind allezeit so strenge und tugendhaft gewesen, als Philosophen, und die Musen der wahren Dichter sind so keusch und so ehrbar, als vestalische Jungfern.

Die Entschuldigung die Catull hier machen will, wenn er sagt, der Poet müsse zwar keusch seyn, allein die Verse, die er macht, dürftens eben nicht seyn:
CASTUM DECET ESSE PIUM POËTAM, VERSICULOS NIHIL NECESSE EST.
ist so lächerlich, als ungereimt. Denn welcher schamhafte Mensch wird wohl unverschämt reden, oder gar schreiben?


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