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Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956

Rezensionen



Michael Braun


DER  HOCHMUT  DER  GEISTESARISTOKRATEN

Der Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze



Hochmut, so heißt es in den Sprüchen Salomos, kommt vor dem Fall.
In dem berühmtesten Briefwechsel der jüngeren Literaturgeschichte, der Korrespondenz zwischen dem Dichter Gottfried Benn und dem Bremer Großkaufmann Friedrich Wilhelm Oelze, war der Hochmut indes das zentrale Antriebsmoment für den intellektuellen Höhenflug zweier seelenverwandter Geister, die alle Krisenlagen erfolgreich überstanden.
Der Briefwechsel zwischen den beiden Einzelgängern begann im Dezember 1932 und endete erst mit dem Tod Benns im Juli 1956. Die Briefe Benns waren bereits von 1978 bis 1980 erschienen, eine testamentarische Verfügung Oelzes hatte die Publikation seiner eigenen Episteln lange verhindert. Nun ist der komplette Briefwechsel, ein Konvolut von insgesamt 1349 Briefen und Postkarten, in einer vierbändigen kommentierten Leseausgabe des Wallstein und Klett-Cotta Verlags erschienen. Und diese Sammlung von Bekenntnissen zu Kunst, Krieg, Erotik, Frauen, Poesie und nicht zuletzt zum Alltag im Nationalsozialismus erweist sich auch heute noch, sechzig Jahre nach dem Tod Benns, als eine faszinierende Dokumentation einer durchweg geistesaristokratischen Haltung. In ihrer Korrespondenz überbieten sich die beiden Freunde gegenseitig in stolzer Vergewisserung ihrer geistigen Exklusivität und in der Verachtung der spießigen Bürgerlichkeit, die sie sowohl im „Dritten Reich“ als auch später in der Bundesrepublik am Werk sehen.

Seinen überaus geduldigen Brieffreund Oelze empfand Benn zunächst als lästigen Verehrer, dessen Anfragen er wegwarf, bevor er ihn schließlich als ästhetischen Komplizen rekrutierte.
Benn wie Oelze waren 1933 große Fürsprecher des Nationalsozialismus gewesen, bevor sie sich nach der Ermordung von zweihundert Hitler-Gegnern im Zuge der sogenannten „Röhm-Affäre“ im Juli 1934 entsetzt von der Barbarei der neuen Machthaber abwandten.
Nachdem Benn im Mai 1936 von der SS-Wochenzeitung „Das schwarze Korps“ als literarischer „Selbsterreger“ mit dem Hang zu „Ferkeleien“ attackiert worden war, hielt ihm Oelze die Treue und blieb die allzeit zugängliche „Diskussions- und Krisenzentrale“ des Dichters. Bis in die ersten Kriegsjahre hinein schrieben sich Benn und Oelze, die beide in subalternen Positionen bei der Wehrmacht arbeiteten, Briefe von einer nicht ungefährlichen Offenheit, später, beim Heranrücken der Roten Armee, engagierte sich Oelze als Retter von Benn-Manuskripten.

Die Briefe an Oelze enthalten nicht nur Benns geschichtsphilosophische und ästhetische Maximen, sie liefern auch die Bühne für die antibürgerliche Selbstinszenierung des Dichters, der die Korrespondenz mit dem Bremer Patrizier zum Dialog zweier nonkonformistischer Dandys stilisierte.  
Wenn nun in einem Akt nachgeholter editorischer Gerechtigkeit endlich auch die Oelze-Briefe veröffentlicht werden, wird nicht nur der ästhetische Feinsinn von Benns Briefpartner sichtbar, sondern auch seine fast grenzwertige Unterwerfungsbereitschaft. Selbst in den intensivsten ästhetischen Reflexionen seiner Briefe schimmert stets die Huldigung an den „verehrten Meister“ durch. Als Benn 1936 dem erschrockenen Oelze ankündigt, die Korrespondenz zu unterbrechen, geht dieser in seiner Antwort an die Grenze der Selbsterniedrigung: „Denn: ich hatte es mir zu leicht gemacht, kindlich geglaubt, Ihre Freundschaft unverlierbar zu besitzen. Heute sehe ich, wie weit der Weg ist den ich noch bis zu Ihnen zurückzulegen habe ... Jetzt beginnt die neue Arbeit um sie, ein einsamer Kampf, aus dem ich als Erneuerter hervorgehn muss, um dann – vielleicht – Ihrer würdiger zu sein.“
Solche Bekundungen einer fast unerträglichen Devotion sind keine Ausnahmeerscheinung in den vier Bänden des Briefwechsels. Immer wieder verkündete Oelze, seine Beschäftigung mit dem Werk Benns sei seine einzige Lebensrechtfertigung. Trotz seiner elaborierten Briefe gelangte er nie auf Augenhöhe mit dem Dichter; stets wird er bei der Prüfung eigener literarischer Ambitionen von Selbstzweifeln überwältigt und zieht sich zurück  auf die Rolle des Benn-Sammlers. Hinzu kommt ein nahezu blindes Einverständnis mit allen Gedichten und Prosatexten, die ihm Benn während seines Publikationsverbotes im Nazireich anvertraut. Während seiner Isolation im NS-Staat steuerte Benn mit pathetisch überreizten Versen auf einen künstlerischen Tiefpunkt zu. Ein Gedicht wie „Leben – niederer Wahn“, das viel mehr mit feierlicher Selbstbeweihräucherung als mit Poesie zu tun hat, wird von Oelze enthusiastisch gefeiert.: „Leben – niederer Wahn, / Traum für Knaben und Knechte,/ doch Du von altem Geschlechte,/ Rasse am Ende der Bahn,…“ Die raunende Beschwörung der eigenen Superiorität des Geistesmenschen leiht sich ausgerechnet die „Rasse“-Vokabel, um dann kurz darauf das Bekenntnis „Form nur ist Glaube u Tat!“ zu verkünden. Der Umstand, dass Benn damals das Schreiben und Publizieren untersagt war, kann dieses hohl tönende Gedicht nicht retten. Oelze freilich ist begeistert. Und Benn dankt es ihm: „Also bleiben Sie der kluge, erfahrungsreiche Mann in Bremen, der meine Dinge versteht. Der listenreiche Odysseus!“


Nach dem Zusammenbruch des NS-Staats gefällt sich Oelze als Verstärker von Benns Ausfällen gegen die literarischen Emigranten, garniert mit einem antijüdischen Ressentiment. Starke Aggressionen entwickelt er dabei gegenüber Klaus Mann, der 1933 Benns Bekenntnis zum neuen Staat mit scharfen Worten kritisiert hatte. Oelze am 2.8.1949 wörtlich: „Übrigens, lasen Sie den Aufsatz >Heimsuchung des europäischen Geistes< von Klaus Mann? Was für ein widerlicher Bursche, erstens persönlich; und zweitens als Typus dieser ausgelaugten Vagabunden eines sich als Literatur gebenden Journalismus, die wie Wanzen aus jeder Celebrität Blut saugen und sich dann stinkend fallen lassen...“
An solchen Stellen ist nichts mehr vom noblen hanseatischen Patrizier zu spüren, den Benn in Oelze sehen wollte, „so englisch, so rittmeisterlich, so chic genre“ – denn hier spricht das pure Ressentiment. Am Ende war es trotz seiner bedingungslosen Dienerschaft Oelze selbst, der vom Wechselbad aus Huldigung und Liebesentzug zermürbt wurde. Denn Benn versuchte persönliche Begegnungen mit seinem Beichtvater nach Möglichkeit zu vermeiden. 1951 bat er ihn sogar, dem Festakt anlässlich des Büchnerpreises fernzubleiben. Als Benn schließlich im Dezember 1954 zu einer Lesung in Oelzes Heimatstadt Bremen eingeladen wurde, zog er es vor, den Abend mit seiner Geliebten Ursula Ziebarth zu verbringen. Eine Enttäuschung, die bei Oelze einen lebensbedrohlichen Lungeninfarkt auslöste, von dem er sich nur mühsam erholte. Seiner „unwandelbaren“ Treue zu Benn tat das keinen Abbruch. Noch über den Tod Benns hinaus blieb er der ergebene Diener des Dichterkönigs.



Gottfried Benn/Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. Hrsg. V. Harald Steinhagen, Stephan Kraft u. Holger Hof. Bände 1-4. Stuttgart / Göttingen (Klett-Cotta / Wallstein Verlag) 2016. 2334 Seiten. 199 Euro.

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