Girgis Shoukry: Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß - Signaturen

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Girgis Shoukry: Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß

Rezensionen
 



Timo Brandt

In der Handschale der Dinge findet man sich wieder



„Vielleicht regnet es,
vielleicht kommt heißes Wasser
oder aber die Erde platzt vor Lachen.
Such es dir aus.“


In den Gedichten des ägyptischen Dichters Girgis Shoukry ist vieles schon ein Requiem; ein Versuch, an das zu erinnern, was verloren gegangen ist, verschüttet. Hier ergreift eine Sprache nicht Raum um Raum, hier bleibt sie in den Symbolen, in den Quellen; nicht am Versiegen ist sie, lebendig schon, aber sie scheint inmitten der größten Unwirtlichkeit hervorzusprudeln.

Einmal heißt es in einem Zyklusgedicht:


„Uns fehlt die Zeit, die Trauer großzuziehen.“


 
 

Man hat das Gefühl: hier wird Trauer großgezogen, hier wird sich für Trauer und für Wut entschieden. Doch während die Wut herumgeistert in den Zwischenräumen und auf einige Worte wie ein Hammer auf einen Amboss niedersaust, ist die Trauer allgegenwärtig, als wäre sie in jedem Atemzug, auf den das Sprechen der Sätze folgt.
    Es ist eine Trauer, die sich Bilder sucht; Bilder, die ans Märchenhafte grenzen, aber eigentlich bloß sind, schlicht und ebenso artikuliert. Der Autor selbst schrieb einmal (so im Impressum), dass seine Gedichte „aussehen sollen wie die Menschen auf der Straße“. Auf dem Klappentext zu einem anderen Buch von ihm ist von seiner „entschiedenen Demut“ die Rede.
    Diese Demut gibt den Dingen einen Glanz, welcher in den allegorischen Windungen der Gedichte hinter den Ecken auftaucht und verschwindet. Sein Leuchten deutet Dinge an, die es braucht, die aber auch missbraucht wurden, entwertet, in ferne Gegenden vertrieben; die verschwinden hinter widersinnigen Adepten und Abbildungen.

 
 

„Es gibt Dinge, die einen Sinn haben,
und Dinge, denen er gestohlen wurde,
um ihn wegzuwerfen.“


Was genau sind diese Dinge? Man kann nur mit einfachsten Begriffen ihr Wesen hervorheben und doch müssen ihre Geschichten erzählt werden, die so groß sind, dass selbst die Reichweite der wichtigsten Begriffe zu begrenzt ist. Dieses Wissen um die Unzulänglichkeit eines Gründe-Vortragens, einer Analyse, einer poetischen Illumination der existenziellen Dimension, führt zu einer reduzierten, diese Unzulänglichkeit transformierenden Struktur und Sprache.

„Es sind Worte,
die man schnorrt oder erwirbt.
Priester und Makler benutzen sie,
auch mir kleben sie am Mund.
Worte,
weder Messer noch Knüppel,
die nur die Armseligen kennen
und mir zum Mythos wurden.“


Denn auf diese Weise gelingt es – anstatt, dass man mit seiner Sprache gegen die unübersichtliche Flut eingefahrener Begriffsströmungen anschwimmt, in denen die eigene Begriffsverwendung nur untergehen kann –, eine eigene Ausdruckswelt zu schaffen und zu betreten, in der die Begriffe und Dinge einander auf neue Art Bezugspunkte sein können, davon unabhängig Ideen und Dimensionen wiedergeben und Zusammenhänge einfangen.

Sehr schön sieht man das z.B. an dem Gedicht „Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß“, wo es heißt:

„Eines Morgens erwachte die Zukunft,
traurig,
sammelte sich und machte sich auf den Weg
ins Haus der Vergangenheit,
das sehr weit entfernt war,
und schrie sie an:
Was hast du mir angetan?
[…]
Indes lag die Gegenwart
im Krankenbett,
sah alles mit an
und weinte, weil sie den Streit
nicht schlichten konnte.“


Auf großartige Weise ist in diesen Zeilen das ganze Dilemma eines historischen wie persönlichen Teufelskreises angedeutet.

Der Text hat noch einen zweiten Teil, in dem er fortfährt:

„An diesem Morgen
sah ich vom Fenster aus
einen Hund, der ein Mädchen ankläffte.
Der Himmel war glasklar.“


Es folgen noch Strophen zum Mittag und zum Abend. Mittags tanzen Messer in der Küche und ein Mädchen und/oder ein Apfel sind anwesend. Am Abend ist die Verschmelzung noch ärger: Mädchen und Zeit, Hunde und Messer heben sich gegenseitig auf, bis nur noch Apfel und Himmel übrig bleiben. Diesen Zug zum Verschwinden, zur Frage, die sich am Ende im kleinsten, unscheinbarsten und doch wichtigen Gegenstand, der Geste, der Erwähnung, stellt, kann man häufiger antreffen. Wie in einer Handschale werden sie dargeboten.

„Aus Gründen, die Geschichte sind,
floh das Küchenmesser von zu Hause
und schlachtete eine ihm unbekannte Person ab.“


Das Unerklärliche setzt immer den letzten Punkt. Mit dem Öffnen des Bildes, mit dem Verzicht auf eine pochende Verkürzung, schließen die meisten Gedichte.

Woher soll ein Apfel wissen, dass er nichts weiß? Wie soll es der Kern wissen, der in ihm ruht, von Bissen, die Erkenntnis bringen, verschont zu bleiben, bis er selbst vielleicht zum Baum wird, Äpfel hervorbringt, die wiederum gepflückt werden. Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weißt, ist das einfach nur ein Apfel, der ein Apfel bleibt, oder ist er schon kein Apfel mehr, auch wenn er als Apfel vor einem liegt?

„Diebe, als Präsidenten verkleidet,
meuchelten Gott und verboten die Narren.“


Einiges habe ich nicht ausführlich angesprochen – politische Dimensionen, das anklagende Innenleben der Texte, habe ich nur erwähnt, nicht thematisiert oder auf das Zeitgeschehen umgemünzt. Ich wollte bei der Sprache bleiben, denn ich mag sie sehr.

Und dieses Buch überrascht mich. Weil es glänzt, in allen seinen Worten (hier muss die Arbeit der Übersetzer/Herausgeber Günther Orth, José F. A. Oliver und Salma Abd El Kader gelobt werden). Ich wundere mich darüber, denn oft erlebe ich Sprache dann als ein System, eine Anwendung, auch im Gedicht. Hier aber wirkt sie nicht nur natürlich, sie wirkt als würde sie keinen Aufruf, keinen Klick, keine Einordnung brauchen.

Sie spricht und sie spricht poetisch, und sie spricht vom Zorn und dem Verschränkten, dem Beschränkten, dem Eingedenken, dem Moment, in dem aus Sprache eine andere Instanz als das Deutende, Klassifizierende spricht. Sprache wird das Gesicht der Dinge.


Girgis Shoukry: Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß? Arabisch - deutsch. Übersetzt von Günther Orth. Poetisch eingeschmuggelt von José F.A. Oliver und Salma Abd El Kader. Berlin (Verlag Hans Schiler) 2017. 80 Seiten. 16,00 Euro.

 
 
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