Giovanni Pontano: De immanitate - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Giovanni Pontano: De immanitate

Essay / Memo > Essay
 
 
 
 
 


Giovanni Pontano


Auszüge aus
"De immanitate" / "Über die Bestialität"

übersetzt von Tobias Roth





Cap. X.
Bestialität entsteht aus Ungerechtigkeit und zuweilen aus unmäßiger Furcht vor der Zukunft


Dass die Bestialität vor allem aus der Ungerechtigkeit entspringt wie ein Bächlein aus der Quelle, das geht aus den Dingen, die bisher gesagt wurden, klar hervor. Was könnte eine größere Ungerechtigkeit sein, als sich undankbar gegenüber Gott zu zeigen, das eigene Vaterland zu unterjochen, gnadenlos und grausam und blutrünstig gegen Eltern, Kinder, Verwandte und Freunde zu sein, unbeständig und wortbrüchig gegen jene, die die Republik verwalten, und gegen jene, denen man durch einen Schwur verbunden ist? Da aber, wie ich gesagt habe, diese bestialischen Spitzenleistungen der Bestialität nur Teilbereiche umschließen, wollen wir zu anderen Feldern und Handlungen weitergehen. Nicht selten wird aus der Geschichte der Menschheit ersichtlich, dass gerade jene, die als weise und starke Männer erscheinen und beurteilt werden wollen, besonders zur Verrohung neigen. Es ist überliefert, dass die ägyptischen Pharaonen sich von Astrologen die Horoskope der Neugeborenen stellen ließen, und wenn sich aus den Horoskopen eine Gegnerschaft zum Pharao erahnen ließ, wurden die Neugeborenen umgebracht. Oh wie viel Irrtum und Aberglauben war in dieser Vorsorge, wie hässlich und abscheulich! In diese grauenerregende Kategorie gehört auch das Gemetzel, das Herodes, der König von Judäa, unter den Kleinkindern und Kindern anrichten ließ: ein Herrscher, dessen Leben im Schatten seines Verfolgungswahns und seines wankelmütigen Charakters stand, der vor allem Angst hatte, sich vor allem fürchtete, und einen Irrsinn sogar gegen Kinder und seine eigene geliebte Ehefrau gewalttätig ausließ. Hierher rührt die unmenschliche Grausamkeit der Tyrannen: indem sie für sich selbst vorsorgen wollen, indem sie ganz besonders weise sein und scheinen wollen, entfernen sie sich am allerweitesten von der Weisheit. Denn was zeigt weniger Weisheit und Klugheit, als einen Staat mit Stolz, Grausamkeit, ungerechten Gesetzen, schwerem Zwang, grausamsten Foltern und Strafen regieren zu wollen, den man mit Menschlichkeit, Wohlwollen, Sanftmut und Volksbeteiligung regieren muss? Auf diesem Weg nämlich gelangt man zur ausgeprägtesten Bestialität. Nero etwa, den man zurecht als grässlich bestialisch bezeichnet, ließ, um nur einen Bürger zu nennen, Domitius Corbulo betrügerisch umbringen, einen tadellosen Senator, einen einmalig fähigen und vom Schicksal begünstigten Feldherren, einen tatkräftigen Bürger Roms, der den Parthern und ihrer Anmaßung einen empfindlichen Schlag versetzt hatte – und zwar aus dem Grund, dass er Angst vor seiner Tugend hatte, die er gerechterweise hätte verherrlichen und zum Ruhme des Römischen Reiches erheben und weithin strahlen lassen müssen.



Cap. XI.
Über die Bestialität, in die man nach einem Sieg verfällt


Wenn erst die Fahnen erobert sind und das Feld behauptet ist, wenn die feindlichen Truppen vertrieben oder geschlagen sind, was könnte da unmenschlicher sein, als über das Schlachtfeld zu gehen, die Körper der Gefallenen umzudrehen und noch einmal die bewaffnete Hand gegen jene zu erheben, die man noch am Leben findet? Das ist, der Überlieferung zufolge, genau das, was Hannibal nach der Schlacht von Cannae getan hat. Wie viel würdiger ist es nicht für einen Menschen und für einen Feldherren, das menschliche Schicksal im Gedächtnis zu behalten, nach der zugefügten Niederlage einen Waffenstillstand zu gewähren, damit die Toten begraben werden können, und den Verwundeten, die noch eine Hoffnung auf das Leben haben, medizinischen Beistand zukommen zu lassen, mag es sich auch um Feinde handeln! Auch gegenüber denjenigen, die besiegt und geschlagen wurden und die dem Kriegsrecht folgend gefangen genommen werden, darf man die Menschlichkeit nicht aus den Augen verlieren; man erhebt keine Waffen gegen Gefangene, sondern gegen jene, die im Feld stehen und kämpfen; es mag sich für Räuber oder Meuchelmörder oder noch niedrigeres Gesindel ziemen, dass man diejenigen niedermetzelt, die man ausgeraubt hat, damit man sich aller Zeugen entledigt, aber ganz und gar nicht für tüchtige Soldaten. Während es innerhalb der Regeln und Gebräuche des Krieges ist, seinem Feind in der Schlacht und während des Handgemenges den Kopf abzuschlagen, weil den Soldaten Belohnungen für jeden niedergemachten Feind zugesprochen sind und es dafür kein besseres Zeugnis gibt als einen abgeschlagenen Kopf, aber einem blutigen Kadaver deswegen den Kopf abzuschneiden, der schon seit zwei oder drei Tagen auf dem Boden liegt, das würde kein Tier vollbringen, sondern nur ein Mensch, und zwar ein verbrecherischer Mensch, der selbst zu den Tieren aufschauen muss.



Cap. XII.
Über die Bestialität, die beim Plündern von Städten geschieht


Plünderungen von Städten und ihrer Bevölkerung geben Anlass zu verschiedenen Formen von Bestialität, indem Kirchen geschändet, Heiligtümer entweiht, Mädchen und selbst kleine Kinder vergewaltigt und alte Leute und Frauen niedergemetzelt werden, sodass deutlich wird, dass der bloße Umstand einer Plünderung jegliche Form von Bestialität auslöst.



Cap. XIII.
Um nicht in Bestialität zu verfallen, ist es notwendig, den Zorn und die Rachegelüste zu zügeln


Der Zorn und die Gier nach Rache dürfen niemals so groß werden, dass wir unsere Natur und den Zusammenhalt der menschlichen Gesellschaft aus den Augen verlieren. Nichts nämlich zieht und reißt uns so zur Bestialität hin, wie der heiße Wunsch, Rache zu nehmen. Tomyris, die berühmte Königin der Skythen, goss ihren gefangenen Feinden flüssiges Gold in Mund und Hals und schmähte sie dabei mit folgenden Worten: „Du warst goldgierig? Befriedige deinen Durst mit Gold!“ Dieselbe Behandlung ließ Mithridates, der König von Pontus, dem römischen Feldherren Aquilius angedeihen, als er ihn besiegt und gefangen genommen hatte. Solche Anfälle von Wut oder besser: Tollwut müssen in jedem Fall gemäßigt und gezügelt werden, denn daran zeigt sich erst ein großer und hoher Geist. Meine Großmutter Leonarda, eine wirklich außergewöhnliche Dame, erzählte mir, als ich ein kleiner Junge war, unter Tränen von der Zeit, als sich einige Familien mit erbittertem Hass gegeneinander austobten; wenn den einen ein Mitglied der anderen Familie in die Hände fiel, wurde es sofort umgebracht und in winzige Stückchen zerhackt; die Leber wurde aus dem Körper gerissen und von den Häuptern der Familie, die in diesem Fall siegreich war, auf Spieße gesteckt und über Kohlen gebraten und in Stückchen geschnitten und mit etwas Brot der siegreichen Verwandtschaft, die man zu diesem Zweck eingeladen hatte, als Leckerbissen angeboten. Übertrifft das nicht das Verhalten von tollwütigen Wölfen und Tigern, denen man den Nachwuchs stehlen will? Und nach einer so schreckenerregenden Vorspeise teilte man Gläser Wein aus, in den man einige Tropfen vom Blut des Opfers gemischt hatte, und man beglückwünschte sich, trank sich zu, lachte und scherzte, wie doch mit solchen Gewürzen das Mahl so lecker wäre; schließlich ergingen sogar Trinksprüche auf die Götter selbst, dass sie eine solche Rache hatten gelingen lassen. Es gibt nichts, was ich zu solch einer Tat ausrufen könnte, ich kann nur noch Weiteres anführen, das noch bestialischer und der Natur des Menschen noch fremder ist. Meine Vorfahren hatten, nachdem sie auf Grund solcher Kämpfe aus ihrem Heimatort vertrieben worden waren, im Umland eine kleine Festung gebaut und auf einem Stück Land, das ihnen gehörte, einen Turm aus Stein errichtet und befestigt, in dem sie ihr bisschen Reichtum, die Frauen und die kleinen Kinder schützen konnten. Von dort aus unternahmen sie es mit ihrer eigenen Kraft und mit Freunden und Verbündeten, die Gegner weiter zu reizen. Da kam es eines Tages, wie die Dinge so gehen, dass die Männer zur Unterstützung von Verbündeten ausziehen mussten, die ihrerseits Verstärkung gegen ihre Feinde benötigten, und bei den Frauen und Kindern nur eine kleine Besatzung zurückließen, um die Festung und den Turm zu verteidigen. Die Feinde, kaum hatten sie davon erfahren, griffen sofort mit einer Übermacht an, nahmen die Festung ein und gingen auf den Turm los, nachdem sie die Verteidiger niedergemacht hatten. Im Turm war auch meine Urgroßmutter mit zwei kleinen Kindern. Ihre beiden Brüder, die die Anführer der gegnerischen Partei waren, traten hervor und forderten die Aufgabe des Turms. Sie zeigte sich einverstanden, aufzugeben, unter der Bedingung aber, dass den beiden Kindern kein Haar gekrümmt werde. Diese Bedingung wurde von den beiden Brüdern abgelehnt. Mit Schwertern und Pfeilen kämpften sie sich so weit vor, um ein Feuer legen zu können. Die unglückliche Dame, die in ihrer Brust mehr Mut hatte als bei ihrem Geschlecht üblich, verharrte mit den beiden Kindern im zurückgezogensten Winkel, und starb schließlich in den Flammen und in dem Rauch, wobei ihr auf Grund der Schändlichkeit ihrer Brüder und der Bestialität der ganzen Partei nicht einmal ein Begräbnis zuteil wurde. Ihre Überreste, wenn das überhaupt noch so genannt werden kann, wurden von mir, der ich noch ein kleiner Junge war, meiner Mutter Cristiana und einigen Verbündeten zusammengesammelt und an einen geweihten Ort gebracht und dort begraben. Es könnte scheinen, dass es besser gewesen wäre, von diesen Familienangelegenheiten zu schweigen, aber ich habe mir erlaubt, davon zu berichten, weil einerseits zu dieser Zeit keine Frau mehr Mut und mehr Liebe zu ihren Kindern bewiesen hat als meine Urgroßmutter Orienzia, und andererseits keine Tat so abscheulich und völlig unmenschlich gewesen ist als die ihrer Brüder, so verhängnisvoll, wild und grausam gegen die eigene Familie. Man muss sich also im Moment des Sieges durch und durch selbst beherrschen und die Rache in die Schranken weisen, sodass wir, wenn wir schon nicht vergeben wollen, uns nicht zur Bestialität hinreißen lassen: denn diese gehört zu den Bestien wie die Menschlichkeit zu den Menschen, und zwar zu den großherzigen.


Cap. XXIV.
Bestialität wird immer und überall verabscheut


Selbst bei den entlegensten Völkern, bei Gesellschaften, die wie auch immer barbarisch sind, werden die Bestialität und die Verwilderung als etwas Grässliches und Widernatürliches angesehen: alle widert es an als etwas, das dem Menschengeschlecht schädlich ist, gefährlich für die Einzelnen und besonders die Tugendhaften, als etwas, das den Göttern und der Natur verhasst ist und das, wo immer es aufkommt, von diesen selbst verurteilt und bestraft werden muss. Das bezeugen nicht zuletzt die Verhängnisse und die Unglücksfälle, die jene ereilt haben, die der Bestialität verfallen waren, und die überaus gerechten Strafen, die über sie verhängt wurden; und schließlich ist auch der Zorn Gottes bezeugt, und zurecht hat sein größter Prophet weinend und zitternd die Wut Gottes und seine kommenden Strafen fürchten gelehrt.



Cap. XXV.
Man muss sich um die Menschlichkeit bemühen


Umso abscheulicher und für die Menschen gefährlicher diese Pest also ist, umso eifriger muss man sich um die Menschlichkeit und ein friedliches Zusammenleben bemühen, um die Freien Künste muss man sich bemühen, die die menschliche Gesellschaft schmücken und zusammenhalten; den eigenen Geist muss man pflegen, friedliche Sitten annehmen, sich um die Kenntnis und Wissenschaft der hervorragendsten Dinge kümmern; ganz besonders gilt es, die Augen zum Himmel zu kehren und zu bedenken, was dem höchsten und besten Schöpfer und Lenker aller Dinge gefallen könnte, und auf welche Weise und durch welche Kunst wir selbst den Himmlischen ähnlich werden können. Jenen aber werden wir dann am meisten ähneln, wenn wir den größtmöglichen Abstand zu den Bestien einhalten, die bestialischen Regungen in uns in der Gewalt behalten und uns zu unserer Vernunft gesellen, mit der im Verbund wir auch alle übrigen Lebewesen mit hervorragender Gerechtigkeit lenken können und uns jenen Himmlischen selbst annähern.



Cap. XXVI.
Lob der Literatur und des Humanismus


Du indes, Gerolamo Carbone, behalte im Gedächtnis (denn dieser Meinung würde nicht einmal Egidius, dieser gelehrte und heilige Eremit, widersprechen), dass das Studium guter Bücher in sich alles Wissen um alle Tugenden vereinigt, und darin kein Teil lobenswerter und für die Angelegenheiten der Menschen hilfreicher ist als jener, der sich ganz mit dem Menschen und der Menschlichkeit beschäftigt, der unsere Regungen besänftigt und unsere Geister zu einem friedlichen und gutherzigen Zusammenleben anleitet. Nichts trägt so viel dazu bei, die ungeschlachte und menschenunwürdige Erbarmungslosigkeit zu beherrschen und uns diese Wildheit auszutreiben, als die Literatur, und zwar besonders jene, die von der Menschlichkeit selbst ihren Namen herleitet.


Ende des Buches über die Bestialität. 1501.


 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü